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Schwule Regungen, Schwule Bewegungen / Willi Frieling 1985

Schwule Regungen, Schwule Bewegungen (Herausgegeben von Willi Frieling) erschien 1985 im (leider inzwischen nicht mehr bestehenden) Verlag Rosa Winkel.

Das Gefühl der Stagnation schwuler Bewegungen ist so verbreitet, daß es mir an der Zeit schien, ein Buch zusammenzustellen“,
begann Willi Frieling sein 1985 erschienenes Buch, schon im ersten Satz des Vorworts Stagnation konstatierend, und fuhr kurz darauf fort mit Verweis auf die “weitverbreitete Rat- und Perspektivlosigkeit zahlreicher Schwulengruppen“, aufgrund derer er mit seinem Buch 1985 “eine Situationsbeschreibung der [westdeutschen, Anm.d.Verf.] ‘Schwulenbewegung’ der Siebziger Jahre” geben wollte.

Einige der Texte, manche der diskutierten Themen haben auch heute, 28 Jahre nach Erscheinen des Buches, eine bemerkenswerte Frische – oder nein, vielleicht nicht Frische, sondern eher Frische-Potential, vermitteln ein ‘Warten auf Entdeckung’. Andere muten ein wenig abgestanden an, wie Debatten um das (damals recht verkrampfte) Verhältnis von Schwulenbewegung(en) und (kommerzieller) schwuler ‘Subkultur’. Wieder andere sind heute eher von historischem Interesse (Aids) oder Partikular-Themen (Lehrer, Kirche, Gewerkschaft).

Schwule Bewegungen – war da was?

Die [sic] Schwulenbewegung, glücklich über jede Form der Diskriminierung, dankbar selbst für die belanglosesten Beschimpfungen des letzten Hetero-Idioten, sind im gummiartigen Reformklima der sozialliberalen Ära die Zähne ausgefallen“, stellt Matthias Frings fest (S.171).

Das war zuvor anders – dies wird in zahlreichen Texten des Buches aus verschiedensten Blickwinkeln deutlich. Schwulenbewegung – das waren “Glücksinseln im Vorgriff auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen“, meint Elmar Drost (S. 15).

Auch um CSDs schien es schon damals nicht recht gut bestellt: “Gay-pride weeks werden trotz flammender Reden der Politfreaks zur Rechtfertigung der Feten, auf denen die Glücklicheren nen Kerl aufreißen und die weniger Glücklichen im eigenen Saft schoren.” (Elmar Drost, S. 17)

Schwulenbewegung – das war aber lange Zeit mehr als “nur” politisch aktiv zu sein. Hinzu kam, was Michael Holy die “sogenannte ‘Innenarbeit'” nannte: Selbsterfahrungsgruppen. Corny Littmann erinnert sich zu diesen Selbsterfahrungsgruppen [an eine solche SE erinnere ich mich auch recht gut …, d. Verf.]

Das war zwar eine politisch notwendige Bedingung für die Leute da drin, aber in der Außenwirkung völlig irrelevant. Aber jeder ‘Neue’ kam erstmal in ‘ne Selbsterfahrungsgruppe. Die wollten das auch.” (S.30)

Lust und Frust? Theorieschwestern und Lustfraktion – warum macht Mensch Schwulenbewegung?

Sehr (auch heute) spannende Einblicke in das ‘Innenleben’ schwulenbewegten Engagements bietet ein Gespräch zwischen Egmont Fassbinder, Michael Holy, Corny Littmann, Rainer Marbach und Andreas Meyer-Hanno † (stattgefunden auf dem Ostertreffen 1983).

Gibt es eine ‘schwule Identität’? Gab es gar etwas wie ein ‘Pflichtbewusstsein’?  “Dieses Gefühl seine Pflicht zu tun“, auch z.B. um ein Schwulenzentrum aufrecht zu erhalten. Was bewegte Menschen, sich in der Schwulenbewegung zu engagieren, was sahen sie als ihren persönlichen Nutzen? Welche Intensität an Erfahrung bietet eine Zusammenarbeit als Gruppe, als ‘Bewegung’? Gibt es gar eine ‘Angst vor dem Loch, nach der Gruppe’? Welche Vorbedingungen brauchte es, damit Projekte wie das Waldschlößchen entstehen konnten? Und wie kann ein Generationswechsel gelingen – genügt es, sich “einfach zurück zu ziehen”?

Schwulenbewegung – in der Sackgasse?

Schwul sein heißt sich wehren“, hieß es einst – warum, das macht Elmar Drost erlebbar. Oder “Macht euer Schwulsein öffentlich!

Schwule Bewegungen : Homosexuelle Aktion Westberlin, Pfingst-Demo 9. Juni 1973 (Foto: Rüdiger Trautsch)
Schwule Bewegungen : Homosexuelle Aktion Westberlin, Pfingst-Demo 9. Juni 1973 (Foto: Rüdiger Trautsch, public domain)

Demonstration (Pfingstdemo) of Homosexuelle Aktion Westberlin – file upload: James Steakley Photograph: Rüdiger Trautsch on display in the Schwules Museum, Berlin; released to the public domain by the photographer, Rüdiger Trautsch

Und das Resultat? “Die Helden sind müde“, bemerkt Andreas Meyer-Hanno †. Rainer Marbach konstatiert Rat- und Perspektivlosigkeit, besonders aufgrund der “weitgehenden Beschränkung auf Antidiskriminierungspolitik“, und warnt vor “antiemanzipatorischen Zügen”  – bereits 1984/85:

Nun soll nicht in Abrede gestellt werden, daß der Kampf gegen Diskriminierung mit all seinen Aspekten zu den legitimen und notwendigen Inhalten schwuler Politik gehört. Als Perspektive einer autonomen schwulen Politik reicht es freilich nicht aus.” (S. 47)

und erläutert kurz darauf

Kernpunkt integrationistischer Politik ist die Forderung nach Gleichberechtigung, Gleichbehandlung, Gleichstellung der Homosexuellen vor dem Hintergrund vielfältiger Formen von Diskriminierung und Unterdrückung. Die Einlösung dieser Forderung nach Gleichstellung besitzt freilich bei den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen einen Doppelcharakter: sie bringt zwar auf der einen Seite zunehmende Erleichterungen der Lebenssituation der Homosexuellen, dient aber auf der anderen Seite durch deren Integration auch der Stabilisierung der spätkapitalistischen Gesellschaft, um zu verhindern, daß Unterdrückte aus ihrer Unzufriedenheit heraus radikale Fragen und Forderungen ableiten.” (S. 49)

Rainer Marbach betont, die Begrenztheit integrationistischer Antidiskriminierungspolitik führe auch zur “Verdrängung der ‘andersartigen’ Möglichkeiten von Homosexualität“.

Schwulenbewegung – Perspektive?

Es kann doch nicht Bewegung sein, daß Schwulsein anders kommerzialisierbar ist als vor zehn Jahren“,

empört sich Corny Littmann schon 1983, nicht ohne Beigeschmack von Frustration.

Schwule Bewegungen – haben sie heute Perspektive? Oder hat Littmann recht, der ein ‘Drehen im Kreis’ befürchtet?

“Es kommen immer wieder neue Leute; es kommt immer wieder an die selben Themen”

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Schwule Regungen schwule Bewegungen ” – dieses Buch ist heute, 28 Jahre nach seinem Erscheinen, nicht nur ein in weiten Teilen spannender Blick (weit) zurück. Es ist auch Dokument erkannter Probleme – und inzwischen auch gescheiterter Hoffnungen?

Oder ist es auch Chance, frühere Positionen, Ansätze und Perspektiven wieder zu entdecken, neu für Ansätze zu nutzen?

Die, wie Rainer Marbach es in seinem (auch heute immer noch sehr lesenswerten) Beitrag formuliert, “andersartigen Möglichkeiten von Homosexualität“, das Potential zu “Gegenentwürfen” zum Beispiel scheinen mir heute weitgehend in Vergessenheit geraten ob der Gleichstellungspolitik auf allen möglichen Feldern – und ein Gedanke, der neu und wieder zu entdecken wert wäre.

Marbachs Resüme von 1985 scheint heute einerseits seltsam ‘aus der Zeit gefallen’ – und zugleich Perspektiven für die Zukunft bietend:

Schwule Bewegung muß ein Gegengewicht  gegen den Zwangscharakter gesellschaftlich anerkannter Formen von Homosexualität bieten, das attraktiv genug ist, sich der ‘Lust zur Unterwerfung’ zu entziehen.

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Willi Frieling (Herausgeber)
Schwule Regungen – schwule Bewegungen
Berlin 1985
antiquarisch erhältlich

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in der Reihe “Wiedergelesen” siehe auch:
2mecs 26.05.2013: Das homosexuelle Verlangen / Guy Hocquenghem 1974 – wiedergelesen nach 33 Jahren
2mecs 21.08.2013: Drei Milliarden Perverse / Diekmann, Pescatore 1980 – wiedergelesen nach 33 Jahren

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Guy Hocquenghem Das homosexuelle Verlangen (1974) – wiedergelesen nach 33 Jahren

Der französischer Soziologe und bedeutendes Mitglied der französischen Schwulenbewegung Guy Hocquenghem veröffentlichte im März 1972  “Le Désir Homosexuel” (auf deutsch erschienen 1974 “Das homosexuelle Verlangen”). Einige sehr subjektive Gedanken nach einem erneuten Lesen 2013.

Guy Hocquenghem Das homosexuelle Verlangen (1974) – wiedergelesen nach 33 Jahren

Wohl 1980 oder 1981 kam dieses Bändchen in meine Büchersammlung, erstanden wie so vieles im ‘Männerschwarm‘ am Pferdemarkt. Damals war ich neu und ein ‘völlig unbeschriebenes Blatt’ in schwulenbewegten Zusammenhängen, gerade auf dem Weg an meinem Studienort mit einigen Gefährten die ‘Schwule Aktion Bremerhaven‘ zu gründen – hatte aber in Hamburg einen sehr engagierten schwulen Buchhändler, der mein Interesse und meinen Wissensdurst schnell erkannte und mich (u.a.) mit wichtigen Schriften der Schwulenbewegung der 1970er Jahre versorgte. So auch mit Guy Hocquenghem Das homosexuelle Verlangen .

Guy Hocquenghem analysiert darin, woher die Begriffe Homo- und Heterosexualität stammen, welche Ideologien seiner Ansicht nach dahinter stehen, und fragt nach gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sowohl der Repression als auch einer moderaten liberalen Haltung der ‘Duldung’ von Homosexualität. Er nimmt dabei wesentlich Bezug auf Deleuze/Guattaris Anti-Ödipus [1] sowie immer wieder auf Freud.

“Das homosexuelle Verlangen” ist Teil einer Trilogie mit den weiteren Teilen  “L’Après-Mai des faunes” (1974) und “Le dérive homosexuelle” (1977). ” Das homosexuelle Verlangen ” wurde damals als ‘Manifest der homosexuellen Revolution‘ betrachtet. Es gilt inzwischen als eines der ersten Bücher der Queer-Theory.

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Ich frage mich beim erneuten Lesen zunächst längere Zeit erstaunt, was bedeutete mir dieses Buch damals, und warum? Und was bewirkte es?
Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Texten der damaligen Zeit finde ich hier kaum eigene Anmerkungen, Notizen, Markierungen im Buch, die mir Aufschluss geben können. So bleibt Verwunderung.  Das viele Psychologisieren sagt mir heute nur noch wenig. Der Text mutet mir in weiten Teilen ‘gestrig’ an, führt Debatten die mir selbst heute nicht (wirklich: nicht mehr?) relevant erscheinen (wie Ödipus-Komplex, Psychiatrie-Debatte,  antihomosexuelle Paranoia).

Spannend und des weiteren Nachdenkens immer wieder wert hingegen scheinen mir auch heute seine politischen (anstelle: psychologischen) Analysen (z.B. Beginn von Teil III. ‘Familie, Kapitalismus, Anus’), ebenso wie seine Gedanken zu Phallus, Männern und Herrschaft, oder (Deleuze / Guattari folgende) Gedanken zum Wesen der Lust (Phallus – Anus, S. 74 ff.). Gedanken wie diese:

  • Der Kapitalismus macht seine Homosexuellen zu mißratenen Normalen, ganz wie er seine Arbeiter zu falschen Bourgeois macht. Mehr als alle anderen manifestieren die falschen Bourgeois die Werte der Bourgeoisie (vgl. die proletarischen Familien), und die mißratenen Normalen betonen die Normalität und übernehmen ihre Werte für sich (Treue, Liebesverhalten etc.).”  (S. 72)
  • die Furcht vor Geschlechtskrankheiten als Schutzgitter der sexuellen Normalität dient.” (S. 37)

Stellenweise erweckt der Text den Eindruck des Durchscheinens späterer queertheoretischer Gedanken, etwa wenn Hocquenghem vom “Ende der sexuellen Norm überhaupt” spricht (S. 139)  – oder ist dies eine ‘Vereinnahmung im Nachhinein’?

  • der Undifferenziertheit des Verlangens begegnen” (S. 80)
  • Eher schon wäre das homosexuelle Verlangen zu beschreiben als ein Verlangen nach Lust unabhängig vom System, nicht bloß innerhalb oder außerhalb des Systems.” (S. 102, Hervorhebung im Original)
  • Doch anstatt diese Streuung der Liebesenergie als Unfähigkeit zur Orientierung auf ein Zentrum zu interpretieren, kann man in ihr das System des nicht-exklusiven Schweifens und Sichverbindens des polymorphen Verlangens erblicken.” (S. 127)

Gegen Schluss des Buches, lesenswert auch heute Hocquenghems – auch aus der Zeit der 1970er Jahre- Schwulenbewegung heraus zu betrachtenden – Gedanken zu “Der homosexuelle Kampf” (Kap. V), den er auch den “gesellschaftlichen Kampf des Verlangens” nennt, insbes. Überlegungen zum Begriff der Revolution wie

  • Hier ist es den homosexuellen Bewegungen gemeinsam mit andere gelungen, einen Bruch aufzureißen, durch den schlagartig deutlich geworden ist, wie reaktionär die Erwartung eines Umsturzes ist, der von einem virilen, breitschultrigen Proletariat herbeigeführt werden soll” (S. 133)
    [dies eine der wenigen bereits damals markierten Stellen – ich erinnere mich an erregte Debatten mit Vertretern gewisser ‘linker’ Gruppierungen über Haupt- und Nebenwiderspruch, und warum mein Engagement in der Schwulenbewegung der falsche Ansatz sei].
  • Das traditionell-revolutionäre Denken und Handeln hält an der Trennung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten wie an etwas selbstverständlichem fest. Kennzeichen der homosexuellen Intervention ist dagegen, daß sie das Private, die schamhafte kleine Heimlichkeit der Sexualität, in die Öffentlichkeit, in die gesellschaftliche Organisation eingreifen lässt.” (S. 134)

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Letztlich bleibt mir nach dem erneuten Lesen mit über 30 Jahren Abstand zunächst der Eindruck eines in weiten Teilen ein wenig ‘abgestandenen’ Buches – mit einigen auch heute noch recht frisch anmutenden Passagen, wie z.B.

  • Es kommt also nicht einmal so sehr darauf an, ob man mit Knaben Geschlechtsverkehr hat oder nicht, sondern ob man ein guter Homosexueller ist. Wenn ihr nicht sublimiert, so seid euch eurer Verworfenheit bewußt!”  (S. 61; Hervorhebung im Original)
  • Der produzierte Homosexuelle braucht nun nur noch den Platz einzunehmen, den man ihm reserviert hat, er braucht nur noch die Rolle zu spielen, die man für ihn programmiert hat, – und er tut es mit Begeisterung und will immer noch mehr davon.”  (S. 56; Hervorhebung im Original)

Allein, diese Sätze könnten heute Ausgangspunkt sein für womöglich spannende Gedanken, Fragen an die heutige Situation, jedoch als Sätze, die ich losgelöst vom Kontext ihres Entstehens verwenden würde.

Ein Buch als ‘Satz-Steinbruch’ – welch seltsamer Gedanken. Doch – durchhalten!, die Lektüre lohnt, gerade gen Schlusskapitel V und Schlußfolgerung.

Die homosexuelle Bewegung zeigt auf, daß die Zivilisation jene Falle ist, in der sich das Verlangen verfängt.” (S. 136)

Hocquenghems ‘ Das homosexuelle Verlangen ‘ ist eine letztlich lohnenswerte Lektüre, auch über 40 Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen. Mit Gedanken, die auch heute noch die Debatte bereichern könnten.

Am 10. Mai 2010 erschien das Buch in Frankreich in einer Neu-Auflage.

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Flugblatt der FHAR 1971
Flugblatt der FHAR 1971 [2]

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Guy Hocquenghem – Video

Guy Hocquenghem 1979 im französischen TV über den französischen Dokumentarfilm ‘Race d’Ep‘, an dem er beteiligt war:
[ Vieo leider nicht mehr online ]

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Guy Hocquenghem
Das homosexuelle Verlangen – “Nicht das homosexuelle Verlangen ist problematisch, sondern die Angst vor der Homosexualität”
München 1974
(nur noch antiquarisch erhältlich)
in Frankreich 2000 neu erschienen mit einem (neuen) Vorwort des französischen Philosophen René Schérer

siehe auch:
Bill Marshall: Guy Hocquenghem. Theorising the Gay Nation, London 1996
(US-Ausgabe Durham 1997 mit dem Untertitel ‘Beyond Gay Identity‘)

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[1] Gilles Deleuze (frz. Philisoph, 1925 – 1995) und Félix Guattari (frz. Psychoanalytiker, 1930 – 1992): Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I (mit einem Vorwort von Michel Foucault; Frankfurt 1974; original 1972: L’anti-Oedipe), Kritik der Psychoanalyse nach Freud, die als Instrument der Aufrechterhaltung von Repression betrachtet wird.
[2] Der Text des Flugblattes der FHAR 1971 lautet etwa: “Wir sind über 343 Schlampen. Wir haben uns von Arabern in den Arxxx fxxxen lassen. Wir sind stolz darauf und wir werden es wieder machen. Unterzeichne, und lass auch andere dies mit unterzeichnen!” [Übers. UW] Der Text nimmt Bezug auf das (in Frankreich damals breit bekannte) Manifest der 343, eine Anzeige im Nouvel Obervateur (5. April 1971), in der 343 Frauen bekannten abgetrieben zu haben.

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in der Reihe “Wiedergelesen” siehe auch:
2mecs 05.06.2013: Schwule Regungen, Schwule Bewegungen / Willi Frieling 1985 – wiedergelesen nach 28 Jahren
2mecs 21.08.2013: Drei Milliarden Perverse / Diekmann, Pescatore 1980 – wiedergelesen nach 33 Jahren

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Picano The Lure – Zeugnis schwulen Selbstbewusstseins in den 1970ern

Wie stellt man Schwule in Literatur, in Film dar? Gibt es Mittel und Wege, Schwule unprätentiös, unaufgeregt, ‘echt’ – und mit Perspektive darzustellen? Finde ich mich da irgendwo wieder? Diese Fragen beschäftigten mich (frisch mein Schwulsein entdeckt, auf der Suche nach meinem Weg), damals Anfang der 1980er Jahre. In deutschsprachiger Literatur und im deutschsprachigen Film kannte ich damals nicht vieles über Schwule. Noch weniger etwas, das ich für mich als beispielgebend empfand.

Fast schon ein Highlight im Vergleich zu den mir damals bekannten, abfälligen Darstellungen Schwuler war zur damaligen Zeit “Die Konsequenz” (Buch Alexander Ziegler 1975, Film Wolfgang Petersen 1977). Ich kann allerdings kaum sagen, welches von beiden ich (meinen Tagebüchern zufolge schon damals) als weinerlicher empfunden habe, als weiter weg von meiner eigenen Realität.

Dann kamen, kurz aufeinander, der Film ‘Cruising’ (1979 gedreht, Uraufführung 1980) und der Roman ‘The Lure’ (1979, deutsch: ‘Gefangen in Babel’ 1981), auf den mich mein damaliger Lieblings-Buchhändler Dieter vom (inzwischen leider nicht mehr existierenden) schwulen Buchladen ‘Männerschwarm’ aufmerksam machte. Beide waren auf ihre Weise für mich bedeutend.

Cruising‘ und ‘The Lure’, beide befassen sich mit der Schwulenszene der USA Ende der 1970er Jahre. Beide behandeln u.a. das ‘Cruising‘, jenes Herumstromern auf der Suche nach schwulem Sex. Eine Insider-Formulierung, die damals noch weit davon entfernt war, ein wie heute umgangssprachlich gebräuchlicher und auch Heteros geläufiger Begriff zu sein. Und beide thematisieren  eine Reihe von Morden an Homosexuellen – allerdings mit grundsätzlich unterschiedlichen, oft konträren Haltungen und Darstellungsweisen.

Felice Picano ‘ The Lure ‘

Noel Cummings ist wie so oft früh morgens mit seinem Fahrrad unterwegs. Ein Geräusch, ungewohnt so früh am  Morgen, weckt seine Aufmerksamkeit. Wird er gerade Zeuge eines Mordes? Von einem etwas zwielichtigen, undurchschaubaren Agenten der New Yorker Polizei lässt er sich überreden, als verdeckter Ermittler in die Schwulenszene der Stadt einzutauchen. Er wird zum ‘Köder’ (engl. lure) für den Mörder. Noel wird bald zum Objekt der Begierde – und mehr als das. Er wird Subjekt, beginnt seine eigene Homosexualität zu entdecken und, zunächst vorsichtig tastend, zu leben. Taucht dabei tief ein in die New Yorker Schwulenszene, Bars und Bar-Betreiber, wohlhabende Schwule und Männer, die sich engagieren – engagieren wofür? Immer bleibt er dabei auf der Suche – nach dem Mörder, im Auftrag der Polizei. Oder?

The Lure” war der erste Roman des am 22. Februar 1944 in New York geborenen Felice Picano. Ein Thriller, 1979 veröffentlicht (Lawrence / Delacorte, New York) – und einer der ersten Bestseller mit schwulem Thema überhaupt.
Auf deutsch erschien ‘The Lure‘ erstmals 1981 (m.W. kurz vor der Frankfurter Buchmesse im Oktober 1981) unter dem Titel ‘Gefangen in Babel‘ (Schweizer Verlagshaus Zürich / Droemer Knaur, 1981; Übersetzung Kurt Wagenseil und Heinrich Zweifel). Eine zweite deutsche Ausgabe erschien Jahre später unter dem Titel ‘Der Köder‘ (Albino Verlag Berlin 1993, 2. Aufl. 1996). Zudem gab es kurzzeitig (zum Zeitpunkt des Erscheinens der ersten, damals sehr hochpreisigen deutschsprachigen Ausgabe) einen deutschsprachigen Raubdruckdruck, der in USA gedruckt worden war.

The lure – ein schwuler Thriller ?

Picano selbst beschreibt ‘The Lure‘ 1996 in einem Interview als „the first and only gay mystery thriller“ – ein Thriller, der zudem erzählte, wie die Schwulenszene der 1970er Jahre entstand (und indirekt an in Vergessenheit geratende Errungenschaften und Heldinnen und Helden erinnert):

„Those who formed gay culture in the 70s did so despite overwhelming opposition and indifference. They didn’t know what they were doing, only that they had to do it. Many, many of them, men and women, are dead of AIDS and cancer. They were heroes. If we stand tall today it’s because we’re standing on the shoulders of giants, princes, queens, and butches. I think we should honor and salute them.“

Felice Picano, Autor von The Lure , 2008 (Foto: wikimedia)
Felice Picano 2008 (Foto: Felice Picanoi, Lizenz cc by 3.0)

Portrait photograph of author Felice Picano.Felice PicanoCC BY 3.0

‘The Lure’ wirkte bei seinem Erschienen beinahe wie ein Gegen-Entwurf zum kurz zuvor 1980 herausgekommenen (von vielen Schwulen als homophob empfundenen) Film ‘Cruising’ von William Friedkin. Der (zunächst heterosexuelle) Protagonist entwickelt sich hier nicht wie in ‘Cruising’ degeneriert  zum mordenden schwulen Zombie, sondern ‘in Richtung eines vollwertigen Schwulseins’ („in favor of a fully fledged gayness“, Davidson 2005).

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“The Lure” hat mich damals gefesselt, sehr beeindruckt, ähnlich wie kurz darauf 1982 der Film “Querelle” von Rainer Werrner Fassbinder.

“The Lure” war lange Zeit einer meiner schwulen ‘Lieblings-Romans’ – und ich lese ihn heute noch gerne. Und immer noch empfinde ich ‘The Lure’ als eine Art Schlüsselroman. Nicht nur als Schlüssel zu einer untergegangenen Zeit (schwulen Lebens vor der Aids-Krise), sondern auch zu einem ‘unschuldige(re)n’ und zugleich engagierten schwulen Leben.

Und immer noch frage mich, wann wird dieser wegweisende Roman, dieser spannende Thriller endlich verfilmt …

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Lesezeichen
Brian Ray Fruth 2007: “Media Reception, sexual identity, and public space”
Owen Keehnen 1996: “The Best is yet to come: A Talk with Felice Picano”
Guy R. Davidson 2005: Contagious Relations: Simulation, Paranoia, and the Postmodern Condition in William Friedkin’s ‘Cruising’ and Felice Picano’s ‘The Lure’

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Cruising (Film) – ‘homophobes Machwerk’ & ‘Teil der queeren Geschichte’

Er führte zu heftigen Kontroversen und Debatten um Homophobie, und geriet schnell wieder in Vergessenheit: der Film ‘Cruising’ von William Friedkin aus dem Jahr 1979/1980 mit Al Pacino in der Hauptrolle. Der Film “Cruising” – ein ‘homophobes Machwerk’ ? und zugleich ‘Teil der queeren Geschichte’.

‘Cruising’

Ein heißer Sommer in New York. Eine Mordserie wühlt die schwulen Lederszene des ‘West Village’ auf. Leichenteile schwimmen im Hudson River – die Polizei vermutet einen Serien-Killer, der seine Opfer in Schwulen-Bars kennen lernt. Undercover wird ein den Opfern ähnlich aussehender Polizist (Al Pacino als Steve Burns) in die Szene eingeschleust (ebenfalls ein ‘Lockvogel’, wie im Plot des meisterhaften Romans The Lure von Felice Picano), dem sadistischen Täter auf der Spur. Der (nota bene heterosexuelle) Polizist entdeckt in den Bars des Village eine Szene (unterlegt von Punk und Musik u.a. von Willy de Ville und den Germs (mit ihrem nicht offen schwulen Sänger Draby Crash)) der Drogen und des hemmungslosen Sex – und sieht sich mit seinen eigenen homosexuellen Anteilen konfrontiert. Er verdächtigt bald einen Barkeeper als Täter, von dem die Polizei mit Gewalt ein Geständnis  zu bekommen versucht. Doch die Spur erweist sich als falsch. Ist der wahre Täter unter den Schwulen zu suchen? Oder an ganz anderer Stelle?

‘Cruising’, US-Trailer 1980:

William Friedkin drehte den Film ‘Cruising’, zu dem er auch das Drehbuch verfasste, auf Basis des gleichnamigen 1970 veröffentlichten Romans des ‘New York Times’-Autors Gerald Walker.

Friedkin filmte großenteils vor Ort in New Yorks Schwulenszene, im Greenwich Village, in schwulen Bars wie ‘Badlands‘, ‘Eagles Nest‘, ‘Ramrod‘. Und er zeigte ursprünglich viel vom schwulen Leben in den Bars. Friedkin selbst wies später darauf hin, dass der Film zunächst länger gewesen sei. Um eine bessere Einstufung der Behörden zu bekommen als das ursprüngliche X-Rating (‘aufgrund sexueller oder gewalttätiger Inhalte nicht für Jugendliche geeignet’), habe er etwa 40 Minuten mit Szenen aus New Yorker Schwulen-Bars entfernt, überwiegend Sex-Szenen.

Uraufführung von ‘Cruising’ war am 8. Februar 1980 (Release 15.2.1980) in New York. Die Kritiker zeigten sich von dem Film wenig angetan, an den Kinokassen war er international mäßig erfolgreich. Auch in Deutschland (deutsche Ersttaufführung 22. Februar 1980 Berlinale, außerhalb des Wettbewerbs) war ‘Cruising’ kein großer Kassenschlager – nur 550.000 Zuschauer wollten den Film sehen.

‘Cruising’ wurde für einen Preis nominiert: 1981 gleich dreifach für die ‘Goldene Himbeere’ ‘(1st Golden Raspberry Award’), in den Kategorien schlechtester Film, schlechtestes Drehbuch und schlechteste Regie. Es blieb die einzigen Preis-Nominierung dieses Films.

Das “Lexikon des Internationalen Films” beschreibt ‘Cruising’ trocken folgendermaßen:

“In der übertrieben auf nervenzerrende Effekte getrimmten Story mit brutal inszenierten Morden geht die Thematik von der Brüchigkeit humaner und sozialer Normen schnell verloren. Den Film interessiert allein die atmosphärische Ausbeutung des Milieus, das er als Inferno darstellt.”

Cruising – Proteste schon vor der Premiere

Bereits bei den Dreharbeiten zu ‘Cruising’ kam es zu Protesten von Schwulen, die Dreharbeiten wurden gestört (auch wenn gleichzeitig Teile der schwulen Leder- und S/M-Szene New Yorks begeistert an den Dreharbeiten als Statisten mitwirkten). Über eintausend Demonstranten forderten in einem Protestmarsch die Stadt New York auf, ihre Unterstützung bei den Dreharbeiten zu beenden.

Demonstranten befürchteten, der Film könne zu einem Anstieg der Hass-Verbrechen (hate crimes) gegen Schwule führen. Insbesondere drei Dinge standen im Mittelpunkt dieser Proteste: die Gleichsetzung von schwuler Subkultur und Gewalt, die heterosexualisierte Sicht auf Schwule sowie besonders, dass die Hauptperson des Films mit dem Entdecken der eigenen Homosexualität psychotisch wird und zu morden beginnt (ein Vorwurf, dem Friedkin mit einem anderen Schnitt des Film-Endes, der diese Deutung offen lässt, meinte begegnen zu können).

Hauptdarsteller in Cruising - Al Pacino 1996 bei den Filmfestspielen in Cannes (Foto: G. Biard)
Hauptdarsteller in Cruising – Al Pacino 1996 bei den Filmfestspielen in Cannes (Foto: G. Biard, Lizenz cc by-sa 3.0)

Al Pacino at the Cannes film festival – Georges Biard – CC BY-SA 3.0

Friedkin betonte angesichts der bald einsetzender Proteste, ‘Cruising’ handele nicht von Homosexualität, er fälle keine Werturteile (eine Sichtweise, die er auch 2007 in einem Interview wiederholte).

“I’m trying to present a portrait of a group of people who get their sexual kicks in ways that society doesn’t approve, but I’m making no personal judgement of these people.”

Genau diese Beurteilungen würden – selbst falls Friedkin recht haben sollte – dennoch vom (fehlinformierten, vorurteilsbehafteten) Zuschauer getroffen, entgegneten ihm Kritiker. Umso mehr, als der Film sich um Authentizität bemühte.

Bald ergänzte Friedkin (geb. 29. August 1935) auf Anraten des um Rat gebetenen schwulen Autors John Rechy den Film um den Hinweis (der später in der 2007/2008-DVD-Version des restaurierten Films wieder fehlt):

“This film is not intended as an indictment of the homosexual world. It is set in one small segment of that world, which is not meant to be representative of the whole.”

Später allerdings merkte Friedkin an, dieser Hinweis sei ihm vom Verleiher United Artists “zur Beschwichtigung der Schwulengruppen” aufgenötigt worden, damit der Film überhaupt zur Aufführung gelangen könne. Vito Russo, schwuler Film-Historiker, hingegen kommentierte in ‘The Celluloid Closet’ trocken, welcher Regisseur würde solch eine Anmerkung ergänzen, wenn er wirklich überzeugt sei, dieser Film würde nicht als Darstellung der Schwulenszene in ihrer Gesamtheit gesehen werden. Diese Anmerkung sie “ein Schuldeingeständnis”:

“This disclaimer is an admission of guilt.”

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Al Pacino (geb. 25. April 1940 in New York) äußerte sich im Dezember 1979 (vor Uraufführung des Films 1980) im Interview mit Lawrence Grobel zu ‘Cruising’. Der Film sei sein kontroversestes Projekt. Beim Lesen des Drehbuches sei ihm nie der Gedanke gekommen, der Inhalt könne homophob (‘antigay’) sein. Er habe sich nicht vorstellen können, dass der Film solche Reaktionen hervorrufe. Vielleicht sei er mit seiner heterosexuell geprägten Herangehensweise nicht sensibel genug mit dem Thema umgegangen. Falls die Schwulen-Community sich in schlechtem Licht dargestellt fühle, auch wenn er das nicht hoffe, sei es gut wenn sie protestiere.

Auch 2008, ebenfalls im Gespräch mit Grobel (in: Lawrence Grobel: Al Pacino), bestätigte Pacino, ‘Cruising’ sei sein kontroversestes Projekt gewesen, einfach kein sehr guter Film, aber nicht sein schlechtester Film.

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The phobia that that film reflected seemed to anticipate the widespread renewal of fear and suspicion and supersticion that began as the first recorded deaths from AIDS began to be reported in the autumn of 1981.
(David Robinson über Friedkins ‘Cruising’, European gay review Nr. 2, 1987)

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William Friedkin ‘ Cruising ‘ – ein Wiedersehen nach 30 Jahren (das ich nicht wiederholen muss) (10. Juli 2012)

Arte zeigt am Montag 9.7.2012 um 22:10 Uhr (Wiederholung 26.07.2012 um 00:50 Uhr) den Film ‘Cruising’ mit Al Pacino in der Hauptrolle – ein ‘sehenswertes homophobes Machwerk’, das zudem nicht ganz unbedeutend ist in der Geschichte der Darstellung Schwuler im Film.

Homophobie – kann die sehenswert sein?

Ja – denn ‘Cruising’ scheint mir für einige Mechanismen, Argumente und Denkweisen homophober Darstellung von Homosexuellen geradezu exemplarisch zu sein.

Nach über 30 Jahren sehe ich wieder den Film ‘Cruising’ mit Al Pacino. Damals, Anfang der 1980er Jahre, empfand ich ‘Cruising’ als ‘homophobes Machwerk’. Konnte die massiven Proteste, die der Film in den USA, besonders in New York auslöste, nur zu gut verstehen.

Inzwischen sind über 30 Jahre vergangen. Die Rezeption des Films ist teils eine andere als damals, lese ich beim Recherchieren im Internet. Selbst das französische Schwulen-Magazin ‘Tetu’ sieht in dem Film heute einen “gut gemachten Thriller” (“Avec le recul, on découvre aujourd’hui un thriller très bien mené …”).

Wie empfinde ich den Film ‘Cruising’ heute – 30 Jahre später?

Nein, dies wird kein Versuch einer dilettierenden ‘Film-Kritik’.

Stattdessen:
Spontane Gedanken, gesammelte Impressionen, Ideen, mit der Frage im Hintergrund, wie homophob der Film auf mich heute wirkt – oder vielleicht auch nicht. Impressionen, live mitgeschrieben, während ich auf Arte den Film schaue, und hinterher nur leicht redigiert:

  • In Teilen der der im Film dargestellten schwulen Szene fühle ich mich seltsam ‘zuhause’. Ein Flashback in eine Zeit vor Aids, eine Zeit, die ich glücklicherweise erleben durfte.
  • Ist mir damals gar nicht aufgefallen, wie gut die Musik zum Film ist? War das Willy de Ville mittenmang?
  • die Leder- / SM-Kerle in den Bars wirken auf mich oft wie dahin gestellt, seltsam dressiert, Staffage, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Nicht wie eine lebendige Leder-Kneipen-Szene. Andererseits, vorgeführt werden sie nicht.
  • die Phasen, in der der Cop seine eigenen schwulen Anteile entdeckt, befremden. Darsteller wirken auf mich stellenweise wie aufgezogene Tanzbären, unter Drogen verändert er sich,  der Zuschauer wendet sich innerlich ab, der Cop wird schwul angesichts der (ihn umgebenden, schwulen) Verhältnisse, und zuhause wartet sehnsüchtig sein braves Mädchen, die Wohnung geputzt, das Essen steht bereit – wie homophob ist das?
  • SM-Praktiken werden als Schocker, als Grusel-Panoptikum präsentiert. Die beteiligten Schwulen als bizarre abschreckende Gestalten dargestellt – die dann unter Druck (Skip, der fälschlicherweise verdächtigte Schwule) sofort zu weinerlichen Memmen werden. Womöglich noch mit Vater-Komplex. Befremdlich wirkt das auf mich. Homophob?
  • Irgendwann gegen Ende des Films frage ich mich: gibt es in dem Film eigentlich auch sympathisch dargestellte Homos, irgendwann? Und finde keine Antwort.
  • ‘heterosexualisierte Präsentation von Schwulen’? Ja, diesen Vorwurf kann ich nachempfinden. Warum? Es ist zunächst nur ein mitschwingender, doch immer wieder anklingender Eindruck. In dem Film scheint einer von zwei Schwulen immer der harte Kerl, der andere der Softi, oder gar die Memme sein zu müssen. Angst (der handelnden Personen) wird zu oft mit Schwäche assoziiert. Zwei Männer begegnen sich (im Film) fast immer nur im Kräftemessen, im ‘wer ist der stärkere, wer hat den längeren’.

Der Film ist zuende. Wie war’s?
– denn Plot finde ich eigentlich vergleichsweise langwelig. Das Gefühl bleibt zurück ‘hätte man mehr draus machen können’.
– der Schluss ist, insbesondere wenn man die friedkinschen Veränderungen am Schluss nicht kennt, unbefriedigend bis langweilig.
– Esprit, Witz, gar Ironie funkeln in ‘Cruising’ nur äußerst versteckt und sehr selten auf.
– Mir fällt auf, der ‘Rechy-Satz’ fehlt (wie auf der 2007er DVD).
– Seltsam, während des ganzen Films hab ich nicht an Aids gedacht. Aber jetzt hinterher. Wie viele der Darsteller, der Komparsen, leben wohl heute noch? Friedkin selbst wies in einem Interview darauf hin, dass viele der am Film Beteiligten an den Folgen von Aids gestorben sind. Al Pacino äußert sich in Interviews selten zu diesem Film. Scheint ihn beinahe zu meiden. Nun würde mich noch mehr interessieren warum.

Warum der Film von einigen Kritikern heute geradezu gefeiert wird, kann ich nicht nachvollziehen. Als Thriller finde ich ihn (heute) mäßig (Tetu irrt hier m.E.), als Krimi nur bedingt unterhaltsam. Interessant höchstens als ‘Blick zurück’, auf eine schwule Welt, die nicht mehr ist.

Zusammengefasst:

  • heterosexualisierte (heteronormative?) Präsentation von Schwulen? Ja – diesen damaligen Vorwurf kann ich auch heute verstehen (s.o.).
  • Homophobie? Ja, es gibt Szenen, Grundhaltungen in dem Film, bei denen ich Homophobie als latent im Hintergrund mitschwingend empfinde.
  • einige damalige Reaktionen empfinde ich heute als überspitzt. Einige damalige Aufregungen kann ich heute nicht mehr ganz verstehen.
  • ich frage mich aber, ob der Film damals zugespitzt, über-kritisch wahrgenommen wurde, oder ob nur mein Urteil heute, älter, mit Abstand, milder ausfällt?

insgesamt: möge die Zeit über den Film hinweg gehen …

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Die Rezeption von ‘Cruising’ hat sich im Laufe der Zeit verändert. Äußerungen mancher Kritiker sind milder geworden. Bill Krohn bezeichnet ihn 2004 als eine “offensive Anomalie” und “seiner Zeit voraus“. Adrian Martin feiert ‘Cruising’ gar 2008 als ‘Meisterwerk des Kinos der 80er Jahre’, interpretiert ihn als Film über ein ganzes soziales System aus sexueller Repression und mörderischen Impulsen (“entire social system running on sexual repression and twisted, murderous impulses“).

ARTE selbst kommentiert die Ausstrahlung 2012 mit den Worten

“Tatsächlich ist der Film mehrdeutig, was seine Darstellung der Schwulenszene angeht, und viel hängt von der Wahrnehmung der schonungslos inszenierten Bilder ab.”

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Über ‘Cruising’ ist die Zeit hinweg gegangen, der Film ist heute nur noch wenig bekannt.

‘Cruising’ allerdings hatte, gerade aufgrund seiner latenten Homophobie, doch eine Wirkung: der Film wurde zum Auslöser massiver Proteste in den USA. Und führte so dazu, dass Hollywood sich erstmals massiv  mit Kritik daran konfrontiert sah, wie es bisher Schwule und Lesben darstellte. “Schluß mit dem ‘queer bashing’!”, war dieser Tenor der Proteste.

Damit wurde ‘Cruising’ auch, wie Raymond Murray, Herausgeber einer US-Enzyklopädie schwuler und lesbischer Filme, 1995 vermerkte, Synonym dafür, “wie ein verängstigtes Hollywood eine entrechtete Minderheit behandelte” – und ist auf diese Weise doch “Teil der queeren Geschichte”.

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Kulturelles

Hubert Fichte Grab in Hamburg-Nienstedten

Auf dem Friedhof Hamburg Nienstedten befindet sich (unweit des Hans Henny Jahnn Grab ) auch das Grab von Hubert Fichte sowie das Grab der Photographin Leonore Mau.

Der Schriftsteller H. Fichte ( u.a.: ‘Versuch über die Pubertät’, 1974; ‘Die Geschichte der Empfindlichkeit’, postum veröffentlicht ab 1987) wurde am 21. März 1935 in Perleberg geboren. Fichte starb am 8. März 1986 in Hamburg an den Folgen von Aids. Er ist auf dem Friedhof Hamburg Nienstedten beigesetzt.

Grabstätte von Fichte

Hubert Fichte Grab in Hamburg Nienstedten
Fichtes Grabstätte in Hamburg Nienstedten
Hubert Fichte Grab in Hamburg Nienstedten
Grabstätte H. Fichte in Hamburg Nienstedten

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Stefan Broniowski: Muss man Hubert Fichte gelesen haben?

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die Gräber von Hubert Fichte und Leonore Mau

Die Grabstätte von Hubert Fichte ist seit ihrem Tod auch Grab der Photographin Leonore Mau (1.8.1916 Leipzig – 22.9.2013 Hamburg), die ab 1962 mit Hubert Fichte zusammen lebte und nach seinem Tod in Hamburg-Othmarschen (unweit von Nienstedten) lebte.
(Dank an D.L. für den Hinweis!)

Grab Hubert Fichte Leonore Mau
Gräber von Hubert Fichte und Leonore Mau
Grab Hubert Fichte Leonore Mau
Hubert Fichte und Leonore Mau

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Kulturelles

Grab Hans Henny Jahnn in Hamburg-Nienstedten

Das Grab Hans Henny Jahnn befindet sich auf dem Friedhof Hamburg-Nienstedten. Nach dem Tod seines Freundes Gottlieb Harms ließ Hans Henny Jahnn hier eine Grabstätte errichten.

Jahnn wurde am 17. Dezember 1894 in Stellingen geboren. Stellingen war damals noch selbständig, kam 1927 zu Altona und dadurch 1937/38 zu Hamburg.

Hans Henny Jahn starb am 29. November 1959 an den Folgen eines Herz- und Nierenleidens im Krankenaus Tabea in Hamburg – Blankenese.

Grab Hans Henny Jahnn (Fotos)

Grab Hans Henny Jahnn, Hamburg-Nienstedten
Jahnns Grabstätte in Hamburg-Nienstedten
Hans Henny Jahnn Grab Hamburg-Nienstedten
Hans Henny Jahnn, Grabstätte Hamburg-Nienstedten

Das Grab von Hans Henny Jahn ist vergleichsweise leicht auf dem Nienstedtener Friedhof zu finden:

Grab Hans Henny Jahnn Lageplan (Daten von OpenStreetMap - Veröffentlicht unter CC-BY-SA 2.0)
Hans Henny Jahnn, Lageplan der Grabstätte (Daten von OpenStreetMap – Veröffentlicht unter CC-BY-SA 2.0)

Nicht weit entfernt befindet sich auch das Hubert Fichte Grab .

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Kulturelles

Hans Henny Jahnn – “Ich will eine bessere Anständigkeit.”

Einer der Schriftsteller, deren Bücher mich lange Zeit faszinierten, ist Hans Henny Jahnn.

Jahnn wurde am 17. Dezember 1894 in Stellingen (damals noch selbständig, 1927 zu Altona, 1937/38 Hamburg) geboren. Seine große Liebe Gottfried Harms lernt Jahnn bereits in jungen Jahren kennen, auf der Realschule, die er in St. Pauli besucht. 1915, nach Beendigung der Realschule, gehen beide gemeinsam nach Norwegen.

1926 heiratete Jahnn Ellinor Philips.

Sein Freund Harms stirbt 1931.

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Hans Henny Jahnn starb am 29. November 1959 an den Folgen eines Herz- und Nierenleidens im Krankenaus Tabea in Hamburg – Blankenese. Jahnn wurde beigesetzt auf dem Friedhof Nienstedten (Hamburg), in der gemeinsamen Grabstätte, die er nach dem Tod von Gottfried Harms errichten ließ (hier liegt zudem seine 1970 verstorbene Ehefrau Ellinor Jahnn geb. Philips).

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“Ich will eine bessere Anständigkeit. Ich will und kann nur der sein, der ich bin, der auch lieben kann, aber doch nur mit jener Spur nüchterner Klarheit, die das Fleisch beargwöhnt, und die von der Zuversicht kommt, dass ohne Güte, ohne Gerechtigkeit, ohne Freiheit des Geistes, ohne Träume, die im Unwirklichen stehen, das Leben nicht wert ist, zu bestehen.”
Hans Henny Jahnn in einem Brief 1938 an Judith Karasz

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Wolfgang Popp (bis 2007 Herausgeber des ‘Forum Homosexualität und Literatur’ sowie des ‘Lexikon homosexuelle Belletristik’) fragte bereits 1985 (in: Dokumentation der Vortragsreihe ‘Homosexualität und Wissenschaft’, Verlag rosa Winkel, Berlin) “Sind die Romanfiguren Hans Henny Jahnns schwul?”, damals versehen mit dem Untertitel “Überlegungen zu einem tabu der literaturwissenschaft“. Popp spricht darin von Jahnn als “einem verklemmten schwulen” – und betont

“das problem der schwulen liebe durchzieht sein ganzes erzählerisches werk, in radikalen und verhaltenen, in brutalen und zarten, in hautnah-realistischen und mystischen variationen.”

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Hans Henny Jahnn – Witthüs Hamburg Hirschpark

Findling zum Gedenken an Hans Henny Jahnn - Hamburg, Witthüs, Hirschpark
Findling zum Gedenken an Hans Henny Jahnn – Hamburg, Witthüs, Hirschpark

Hans Henny Jahnn Relieftafel Witthüs Hamburg Hirschpark
Hans Henny Jahnn Relieftafel Witthüs Hamburg Hirschpark

Das heutige ‘Witthuis’ war von 1950 bis zu seinem Tod 1959 zeitweiliger Wohnsitz von Hans Henny Jahnn.

(Fotos Dezember 2013)

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Hans Henny Jahnn – Gedenkveranstaltung 2009:

Zum 50. Todestag von Hans Henny Jahnn fand am 29. November 2009 eine Gedenkveranstaltung in der Friedhofskapelle auf dem Friedhof Hamburg Nienstedten statt (Video, fünf Teile:

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Kulturelles

Harry Mulisch ist tot

Harry Mulisch ist am 30. Oktober 2010 im Alter von 83 Jahren verstorben.

Harry Mulisch, der Schöpfer großartiger Romane wie “Die Entdeckung des Himmels” oder “Das Attentat”.

Den Literatur-Nobelpreis, für den er immer wieder ‘gehandelt’ wurde, hat er nun zu Lebzeiten nicht mehr bekommen. Schade.

SZ 31.10.2010: Schriftsteller Harry Mulisch gestorben

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Homosexualitäten ondamaris Texte zu HIV & Aids

“ Lebensweg eines Rosa Winkel ” – Memoiren von Rudolf Brazda

Rudolf Brazda, einer der letzten überlebenden homosexuellen KZ-Häftlinge, hat 2010 seine Biographie veröffentlicht: “Itinéraire d’un triangle rose” ( Lebensweg eines Rosa Winkel ).

Beinahe 97 Jahre ist er nun alt, Rudolf Brazda – “einer der letzten Überlebenden mit dem Rosa Winkel. Nun hat er seine Biographie veröffentlicht.

Rudolf Brazda am 27. Juni 2008 in Berlin
Rudolf Brazda am 27. Juni 2008 in Berlin

Rudolf Brazda wurde am 26. Juni 1913 in Thüringen geboren. 1935 wurde er erstmals wegen Vergehen nach §175 angeklagt. Von 1941 bis 1945 war Brazda im KZ Buchenwald. Nach dem Krieg zog er nach Süddeutschland, wo er 35 Jahre mit seinem Freund (der vor sechs Jahren verstarb) zusammen lebte. Über seine Zeit in der NS-Zeit und im Konzentrationslager Buchenwald sagt Brazda “ein schreckliches Leben war das“ (Video).

Lange Zeit war das Schicksal Rudolf Brazdas nicht bekannt. Erst die Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen führte dazu, dass Brazda sich an die Öffentlichkeit wandte. Brazda las von eben diesem Denkmal in der französischen Presse – und meldete sich (über seine Tochter) beim LSVD.

Am 4. Mai 2010 erschienen nun in Frankreich die Memoiren von Rudolf Brazda, verfasst gemeinsam mit Jean-Luc Schwab: “Itinéraire d’un triangle rose” ( Lebensweg eines Rosa Winkel ).

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In der Gedenkstätte Buchenwald erinnert seit 2006 ein Gedenkstein an die homosexuellen NS-Opfer.

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weitere Informationen:
Editions Florent Massot: Rudolf Brazda, Jean-Luc Schwab: Itinéraire d’un triangle rose

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Text 18.02.2016 von ondamaris auf 2mecs

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Politisches

Stonewall 1969 – “The big news here is Gay Power”

“we’re part of a vast rebellion of all the repressed” – mit diesen Worten beschreibt der US-amerikanische Schriftsteller Edmund White in einem Brief, was sich Ende Juni 1969 am New Yorker Stonewall Inn abspielte – den Beginn dessen, was heute als CSD gefeiert wird.

Die CSD-Saison hat bereits begonnen, viele größere und kleine Städte feiern wieder den “Christopher Street Day”. Feiern – und über das Feiern ist der Ursprung dessen, was heute Selbstverständlichkeit scheint, weitgehend in Vergessenheit geraten: das Aufbegehren von Schwulen gegen Polizei-Willkür am Stonewall Inn. Erst seit kurzem ist ein Brief breit verfügbar, in dem US-Schriftsteller Edmund White 1969 über die Vorgänge berichtet.

New York Ende der 1960er Jahre. Immer wieder führt die Polizei Razzien durch in Bars, die als Homosexuellen-Treffpunkte gelten. Drangsalierungen, Erniedrigungen, Diskriminierungen. So auch in der Nacht des 27. auf den 28. Juni 1969. Wieder einmal Polizei-Razzia im ‘Stonewall Inn’ in der Christopher Street im New Yorker Greenwich Village.