Buchladen Männerschwarm – ein persönlicher Nachruf

Eine Legende geht – der schwule Buchladen Männerschwarm schließt nach 34 Jahren am 24. Januar 2015 für immer seine Pforten. Ein persönlicher Rückblick.

Es war wohl im Sommer 1981, als ich zum ersten Mal einige wenige steineren Stufen am Pferdemarkt in Hamburg erklomm, die Tür öffnete – und ein Paradies für mich entdeckte: den schwulen Buchladen Männerschwarm (der am 12. Juni 1981 frisch eröffnet hatte).

Buchladen Männerschwarm 2015, kurz vor der Schliessung
Buchladen Männerschwarm 2015, kurz vor der Schliessung

Ich war gerade Anfang 20. Hatte begonnen mein eigenes Schwulsein zu entdecken und zu leben. War dabei, eine Schwulengruppe zu gründen. Hatte meine Unzufriedenheit entdeckt mit dem, was ich (insbesondere im beschaulichen Bremerhaven, wo ich damals zwecks Studium lebte) zur Verfügung hatte.

Ich wollte nicht ‚gleich‘ sein damals, ich wollte ‚anders‘ sein – und ich wollte ausprobieren, meine eigenen Wege finden.

Schwulsein, das war für mich damals (und ist es noch heute) die große Chance, eigene Wege zu gehen. Nicht den ausgetretenen Hetero-Pfaden folgen zu müssen (wohl aber aus eigenem Entschluss zu können), deren Elend und Schwierigkeiten ich in Familie und Umfeld zur Genüge erleben durfte. Sondern die Freiheit haben und nutzen auszuprobieren, Neues zu entdecken, selbst heraus zu finden was gut für mich ist, was mein Weg sein könnte.

Ich war neugierig, ich wollte entdecken. Wollte wissen, was ‚mehr‘ oder ‚anders‘ möglich sein könnte. Und was andere vielleicht schon vor mir erdacht, ausprobiert hatten.

Und der ‚Männerschwarm‘ erwies sich hierbei für mich bald eine wahre Fundgrube.

Hier gab es eine riesige, für mich anfangs unvorstellbare Auswahl zu allem möglichen an Büchern und sonstigem Gedrucktem, was irgendwie mit Schwulsein, mit Homosexualitäten, mit Homophilem, mit Männerliebendem zu tun hat.

Und hier gab es ‚meinen‘ Buchhändler. Dieter, der bald mein freundlicher Berater und ‚guter Geist‘ wurde. „Dies hier, das müsste dich auch interessieren …„, so ging es oft, nachdem Dieter erst erkannt hatte, was mich interessiert,  oder „da hat sich auch … mal mit beschäftigt, wir hatten das mal, ich geh mal hinten suchen …„. Selbst obskureste Broschüren, Traktate irgend welcher Schwulengruppen oder Heftchen zu Themen, die weit jenseits des heute oft abfällig verwendeten (und doch Spannendes verbergenden) Begriffes ‚Randthemen‘ lagen, gab es hier zu entdecken.

Entdeckungen – nicht nur der Vergangenheit, dessen was schwule Männer, Schwulengruppen, schwule Bewegungen ‚vor meiner Zeit‘ ge- und erdacht hatten. Sondern Entdeckungen auch aus dem großen für mich so undurchschaubaren Stapel der Neuerscheinungen.  „Da ist was neu reingekommen, ich denke das ist was für dich!„, so begann bald ein üblicher Besuch im ‚Männerschwarm‘. Von Hans Henny Jahn bis Gudmund Vindland, von Picanos ‚The Lure‘ bis zu Guy Hocquenghems ‚Das homosexuelle Verlangen‚ – hier entdeckte ich so manchen Autoren, so manches Werk. So mancher Meter unserer Bücherregale füllte sich von hier aus …

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Meine Treue zum Männerschwarm endete erst durch unseren Umzug nach Köln, ich wurde Kunde des ‚Lavendelschwert‘ (schwuler Buchladen in Köln 1982 bis 1995) und blieb gelegentlicher Männerschwarm-Besucher bei unseren Hamburg-Aufenthalten.

Einen schwulen Buchladen aber brauchte ich all die Jahre immer, erst Männerschwarm, dann Lavendelschwert, später und bis heute Eisenherz. Die besondere Auswahl, das etwas andere Sortiment, der Blick über den Mainstream und diverse Grenzen (Länder-, Identitäten- usw.) hinaus, eine kundige Beratung die zum Entdecken und Experimentieren einlädt – es gibt so viele Gründe, warum ich seit meinem ersten Schritt in den Männerschwarm immer wusste: ich schätze und brauche ‚meinen schwulen Buchladen‘.

Und 2015? Schwule, Lesben, Queers, Trans* in Hamburg scheinen einen schwulen Buchladen nicht mehr zu benötigen. Oder sich gar eher zu schämen? Überrascht war ich jedenfalls, als ich vor einigen Monaten auf meine Frage, warum ich denn meine frisch erworbenen Bücher in einer neutrale Tüte erhielt, nicht mehr die schicken Plastiktüten der „schwulen Buchläden“, als Antwort nicht nur bekam, die seien „gerade aus„, sondern auch „unsere Lunden mochten die eh nicht, die meisten bestanden auf einer neutralen Tasche„. Wie die Zeiten sich ändern …

Wie dem auch sei – ‚Männerschwarm‘ jedenfalls schließt nach 34 Jahren am 24. Januar 2015 (ausgerechnet an dem Tag, an dem Hamburg für Vielfalt demonstriert …) für immer. Schade.

Ich werde ihn vermissen, meinen ‚Männerschwarm‘ (und bin gespannt, was in Hamburg aus den Überlegungen für ein Nachfolgekonzept eines ‚queeren Medienkaufhauses‘ wird). Aber ich bin wohl nicht mehr typisch für schwules Leben in Hamburg …

… und freue mich, dass es weiterhin den tollen ‚Eisenherz‚ gibt 🙂

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Nach dem ‚Aus‘ für den Buchladen Männerschwarm – wie soll es weitergehen? Braucht es ein queeres Medienkaufhaus in Hamburg?
Darüber wurde diskutiert auf der Veranstaltung „Stirb und Werde! – Zukunftswerkstatt: Schwule Kultur für Hamburg“ am 18. Februar 2015.

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9 Antworten auf „Buchladen Männerschwarm – ein persönlicher Nachruf“

  1. Danke @ 2MECS für den tollen Bericht- Nachruf *Männerschwarm* lese eure Berichte und Storys immer sehr gerne lieben Gruß der Tilly 🙂

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