Schwule Regungen, Schwule Bewegungen / Willi Frieling 1985

Zuletzt aktualisiert am 5. Mai 2019 um 0:38

Schwule Regungen, Schwule Bewegungen (Herausgegeben von Willi Frieling) erschien 1985 im (leider inzwischen nicht mehr bestehenden) Verlag Rosa Winkel.

Das Gefühl der Stagnation schwuler Bewegungen ist so verbreitet, daß es mir an der Zeit schien, ein Buch zusammenzustellen„,
begann Willi Frieling sein 1985 erschienenes Buch, schon im ersten Satz des Vorworts Stagnation konstatierend, und fuhr kurz darauf fort mit Verweis auf die „weitverbreitete Rat- und Perspektivlosigkeit zahlreicher Schwulengruppen„, aufgrund derer er mit seinem Buch 1985 „eine Situationsbeschreibung der [westdeutschen, Anm.d.Verf.] ‚Schwulenbewegung‘ der Siebziger Jahre“ geben wollte.

Einige der Texte, manche der diskutierten Themen haben auch heute, 28 Jahre nach Erscheinen des Buches, eine bemerkenswerte Frische – oder nein, vielleicht nicht Frische, sondern eher Frische-Potential, vermitteln ein ‚Warten auf Entdeckung‘. Andere muten ein wenig abgestanden an, wie Debatten um das (damals recht verkrampfte) Verhältnis von Schwulenbewegung(en) und (kommerzieller) schwuler ‚Subkultur‘. Wieder andere sind heute eher von historischem Interesse (Aids) oder Partikular-Themen (Lehrer, Kirche, Gewerkschaft).

Schwule Bewegungen – war da was?

Die [sic] Schwulenbewegung, glücklich über jede Form der Diskriminierung, dankbar selbst für die belanglosesten Beschimpfungen des letzten Hetero-Idioten, sind im gummiartigen Reformklima der sozialliberalen Ära die Zähne ausgefallen„, stellt Matthias Frings fest (S.171).

Das war zuvor anders – dies wird in zahlreichen Texten des Buches aus verschiedensten Blickwinkeln deutlich. Schwulenbewegung – das waren „Glücksinseln im Vorgriff auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen„, meint Elmar Drost (S. 15).

Auch um CSDs schien es schon damals nicht recht gut bestellt: „Gay-pride weeks werden trotz flammender Reden der Politfreaks zur Rechtfertigung der Feten, auf denen die Glücklicheren nen Kerl aufreißen und die weniger Glücklichen im eigenen Saft schoren.“ (Elmar Drost, S. 17)

Schwulenbewegung – das war aber lange Zeit mehr als „nur“ politisch aktiv zu sein. Hinzu kam, was Michael Holy die „sogenannte ‚Innenarbeit'“ nannte: Selbsterfahrungsgruppen. Corny Littmann erinnert sich zu diesen Selbsterfahrungsgruppen [an eine solche SE erinnere ich mich auch recht gut …, d. Verf.]

Das war zwar eine politisch notwendige Bedingung für die Leute da drin, aber in der Außenwirkung völlig irrelevant. Aber jeder ‚Neue‘ kam erstmal in ’ne Selbsterfahrungsgruppe. Die wollten das auch.“ (S.30)

Lust und Frust? Theorieschwestern und Lustfraktion – warum macht Mensch Schwulenbewegung?

Sehr (auch heute) spannende Einblicke in das ‚Innenleben‘ schwulenbewegten Engagements bietet ein Gespräch zwischen Egmont Fassbinder, Michael Holy, Corny Littmann, Rainer Marbach und Andreas Meyer-Hanno † (stattgefunden auf dem Ostertreffen 1983).

Gibt es eine ’schwule Identität‘? Gab es gar etwas wie ein ‚Pflichtbewusstsein‘?  „Dieses Gefühl seine Pflicht zu tun„, auch z.B. um ein Schwulenzentrum aufrecht zu erhalten. Was bewegte Menschen, sich in der Schwulenbewegung zu engagieren, was sahen sie als ihren persönlichen Nutzen? Welche Intensität an Erfahrung bietet eine Zusammenarbeit als Gruppe, als ‚Bewegung‘? Gibt es gar eine ‚Angst vor dem Loch, nach der Gruppe‘? Welche Vorbedingungen brauchte es, damit Projekte wie das Waldschlößchen entstehen konnten? Und wie kann ein Generationswechsel gelingen – genügt es, sich „einfach zurück zu ziehen“?

Schwulenbewegung – in der Sackgasse?

Schwul sein heißt sich wehren„, hieß es einst – warum, das macht Elmar Drost erlebbar. Oder „Macht euer Schwulsein öffentlich!

Schwule Bewegungen : Homosexuelle Aktion Westberlin, Pfingst-Demo 9. Juni 1973 (Foto: Rüdiger Trautsch)
Schwule Bewegungen : Homosexuelle Aktion Westberlin, Pfingst-Demo 9. Juni 1973 (Foto: Rüdiger Trautsch, public domain)

Demonstration (Pfingstdemo) of Homosexuelle Aktion Westberlin – file upload: James Steakley Photograph: Rüdiger Trautsch on display in the Schwules Museum, Berlin; released to the public domain by the photographer, Rüdiger Trautsch

Und das Resultat? „Die Helden sind müde„, bemerkt Andreas Meyer-Hanno †. Rainer Marbach konstatiert Rat- und Perspektivlosigkeit, besonders aufgrund der „weitgehenden Beschränkung auf Antidiskriminierungspolitik„, und warnt vor „antiemanzipatorischen Zügen“  – bereits 1984/85:

Nun soll nicht in Abrede gestellt werden, daß der Kampf gegen Diskriminierung mit all seinen Aspekten zu den legitimen und notwendigen Inhalten schwuler Politik gehört. Als Perspektive einer autonomen schwulen Politik reicht es freilich nicht aus.“ (S. 47)

und erläutert kurz darauf

Kernpunkt integrationistischer Politik ist die Forderung nach Gleichberechtigung, Gleichbehandlung, Gleichstellung der Homosexuellen vor dem Hintergrund vielfältiger Formen von Diskriminierung und Unterdrückung. Die Einlösung dieser Forderung nach Gleichstellung besitzt freilich bei den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen einen Doppelcharakter: sie bringt zwar auf der einen Seite zunehmende Erleichterungen der Lebenssituation der Homosexuellen, dient aber auf der anderen Seite durch deren Integration auch der Stabilisierung der spätkapitalistischen Gesellschaft, um zu verhindern, daß Unterdrückte aus ihrer Unzufriedenheit heraus radikale Fragen und Forderungen ableiten.“ (S. 49)

Rainer Marbach betont, die Begrenztheit integrationistischer Antidiskriminierungspolitik führe auch zur „Verdrängung der ‚andersartigen‘ Möglichkeiten von Homosexualität„.

Schwulenbewegung – Perspektive?

Es kann doch nicht Bewegung sein, daß Schwulsein anders kommerzialisierbar ist als vor zehn Jahren„,

empört sich Corny Littmann schon 1983, nicht ohne Beigeschmack von Frustration.

Schwule Bewegungen – haben sie heute Perspektive? Oder hat Littmann recht, der ein ‚Drehen im Kreis‘ befürchtet?

„Es kommen immer wieder neue Leute; es kommt immer wieder an die selben Themen“

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Schwule Regungen schwule Bewegungen “ – dieses Buch ist heute, 28 Jahre nach seinem Erscheinen, nicht nur ein in weiten Teilen spannender Blick (weit) zurück. Es ist auch Dokument erkannter Probleme – und inzwischen auch gescheiterter Hoffnungen?

Oder ist es auch Chance, frühere Positionen, Ansätze und Perspektiven wieder zu entdecken, neu für Ansätze zu nutzen?

Die, wie Rainer Marbach es in seinem (auch heute immer noch sehr lesenswerten) Beitrag formuliert, „andersartigen Möglichkeiten von Homosexualität„, das Potential zu „Gegenentwürfen“ zum Beispiel scheinen mir heute weitgehend in Vergessenheit geraten ob der Gleichstellungspolitik auf allen möglichen Feldern – und ein Gedanke, der neu und wieder zu entdecken wert wäre.

Marbachs Resüme von 1985 scheint heute einerseits seltsam ‚aus der Zeit gefallen‘ – und zugleich Perspektiven für die Zukunft bietend:

Schwule Bewegung muß ein Gegengewicht  gegen den Zwangscharakter gesellschaftlich anerkannter Formen von Homosexualität bieten, das attraktiv genug ist, sich der ‚Lust zur Unterwerfung‘ zu entziehen.

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Willi Frieling (Herausgeber)
Schwule Regungen – schwule Bewegungen
Berlin 1985
antiquarisch erhältlich

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in der Reihe „Wiedergelesen“ siehe auch:
2mecs 26.05.2013: Das homosexuelle Verlangen / Guy Hocquenghem 1974 – wiedergelesen nach 33 Jahren
2mecs 21.08.2013: Drei Milliarden Perverse / Diekmann, Pescatore 1980 – wiedergelesen nach 33 Jahren

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14 Antworten auf „Schwule Regungen, Schwule Bewegungen / Willi Frieling 1985“

  1. Spontan kommt mir da einiges in den Sinn. Während der letzten Tage fiel ja immer wieder der Begriff „Stonewall“. Gemeint waren natürlich die Ereignisse im Juni 1969 in New York wie auch der erste CSD ein Jahr später 1970 in New York. Dies war in diesem Maß der Beginn der öffentlichen Schwulenbewegung – öffentlichen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft in den USA!!!. Es war in der Zeit vor AIDS.

    Die Frage die sich mir bei deinem Artikel stellt – inwieweit paßt HIV/AIDS in das Bild der Bewegung? Ich lasse bewußt das Wort „Schwulen“ weg weil mit HIV/AIDS eine neue Gemeinsamkeit – Qualität ins Bild gekommen ist. Kann man die Schwulenbewegung und Menschen mit HIV die nicht der Schwulenbewegung – Männer, Frauen – was ist mit Transgender? angehören in die Bewegung miteinbeziehen? Ich denke Nein. So gesehen gibt es auch nicht das was man als Community versteht. Andererseits gibt es Vieles was Menschen mit HIV/AIDS und die Schwulenbewegung – verbindet. Kann man das unter einen Hut bringen – sprich „Community“ bringen“? Ist dies (heute) erwünscht oder zeitgemäß?

    1. HIV/Aids als neue Gemeinsamkeit? Auch eine mögliche Sichtweise 😉
      Auch wenn ich es immer empfudnen habe, dass HIV nur einen Teil der schwulen Szenen auch tatsächlich interessiert geschweige denn bewegt hat …

      Den Begriff Community (erst recht im Singular) habe ich bewusst vermeiden, und auch Schwulenbewegung ist mir im Plural Schwulenbewegungen lieber

      Ob es das heute braucht? Gute Frage – aber eine die zu diskutieren wäre. Und welche?

      Zumindest solange es Menschen und Gruppen gibt, die (vorgeben) für „die Homosexuellen“ (zu) sprechen – sollte es imo eine ‚kritische Masse‘ geben die das reflektiert etc

  2. „Zumindest solange es Menschen und Gruppen gibt, die (vorgeben) für “die Homosexuellen” (zu) sprechen – sollte es imo eine ‘kritische Masse’ geben“

    Hier spricht der Andreas Salmen Fan in Dir . . . . Sein Buch „Feuer unterm Arsch“ (da bin ich der DAH ewig dankbar das sie mir das letzte Buch aus ihrem Bestand vor Jahren geschickt hat) hat mir einige Lichter gesteckt. 😉

    Was die Gemeinsamkeiten betrifft, ich denke da ganz besonders an den ersten Artikel in seinem Buch „Geschichte der Selbsthilfe – Bewegung von menschen mit AIDS“

    Schwule,Lesben und PWA zu dieser Zeit 1981 -> . . . gibts Heute noch
    Ausgrenzung, Ablehnung, Stigmatisierung, Diskriminierung von Schwulen, Lesben etc und Menschen mit HIV/AIDS . . . . – > gibts Heute noch

    Das ist eines der Dinge die uns verbindet.

    Durch Deine Artikel wird mir immer klarer das es Schwulenrelevantes gibt das mir auch bei aller Emphatie und Einfühlungsvermögen immer verschlosssen bleiben wird eben weil ich ne Hete bin. Das wird imo immer Euer Ureigenes Ding sein dem ihr Euch stellen werdet bzw mit dem Ihr Euch auseindersetzen werdet. Natürlich nur derjenige will.

    Die Frage ist ob auch das was Uns also Menschen mit HIV/AIDS und Euch verbinden es gewollt ist – von Euch wie auch von uns – das wir uns zusammenschließen. Das war genau das was damals in New York passiert ist, was dann auf der Denver Convention unter dem Begriff

    DENVER – PRINZIPIEN

    Erklärungen des “Advisory Committee of People with AIDS”

    kommuniziert wurde.

    http://alivenkickn.wordpress.com/2009/10/09/die-denver-prinzipien/

    Was das also betrifft . . . „Zusammen oder getrennt . . . das ist heute die Frage“ Danke Willi S. aus Engeland . . . 🙂

    1. ja, salmens actup-band fand ich stark damals

      aber in dieser kleinen „wiedergelesen“ – mini-reihe schaue ich ja bewusst zurück in zeiten vor aids

      den begriff community gab es (zumindest für mich) damals noch nicht. und schwulenbewegung hieß für mich damals nie „alle“

      insofern fidne ich heutige hiv-community-spracklichkeiten nur schwer auf schwulenbewegung (bes. ‚damals‘) anwendbar

      1. ok . . .dann mal anders ausgedrückt: wie würdest du die heutige „gemenglage – situation“ bezeichnen?

        oder sollte man sich von der begrifflichkeit „community“ lösen? die möglichkeit das ich auf dieser begrifflichkeit hänge, als eine form einer gemeinschaft im sinne von menschen die vieles miteinander verbindet und ich mich solch einer gemeinschaft zugehörig fühle, u.a. aus gründen der geborgenheit, des wohlfühlens ähnlich einer partnerschaft – familie?

        „die suche eines singels nach dazugehörigkeit und geborgenheit“ . . . . neuer filmtitel . . . . . 😉

        deinen aspekt der „schwulenbewegungen“ kann ich nachvollziehen, da es nicht „die schwulenbewegung“ gibt alldieweil veränderung ein permanenter prozeß ist.

        1. ich find ehrlich gesagt die begrifflichkeit derzeit nicht so wichtig … communities? schwulen bewegungen? (bewegung scheint mir für den derzeitigen zustand eher etwas hochtrabend)

          mir gehts darum, erstmal zu beginnen nachzuschauen, welche ideen damals in debatte waren, und ob darunter ideen und konzepte sind die heute noch debatten bereichern können

  3. P.S:

    Was Deine Frage „Ob es das heute braucht? Gute Frage – aber eine die zu diskutieren wäre. Und welche?“ betrifft:

    Da sage ich nru „Leben im Alter – in Würde alt werden“.

    Schwule Lebenswelten, Konzepte im Kontext zu Pflegepersonal in Heimen . . . .
    Menschen mit HIV/AIDS die in Altenpflegeheimen ihren Lebensabend verbringen werden . . . Wenn da so n Schock von Pfleger mit Mundschutz, 3 Handschuhen und ner Gummischürze mich waschen will, der is schneller drausen als er bis 1 denken kann . . .

    Dies ist ein großes Problem das mittlerweile in der häuslichen Pflege immer wieder aktuell ist – mangelndes Wissen . . .

    Die Tasache das wir älter werden und obwohl was die Schwulenbewegungen betrifft sich vieles gebessert hat liegt auch hier noch vieles im Argen. Auch hier gibt es Vieles was uns trotz alles Unterschiede verbindet. Einigkeit macht stark . . .

  4. Danker, lieber Ulli, auch für diese „Gedächtnisauffrischung“! (Es ist zu wünschen, dass Du dazu anregst, dass mancher ins Regal greift und wiederliest oder sich a ein Antiquariat oder eine Bibliothek wendet und erstmals liest.) Bücher wie dieses haben mich, der ich sie einige Jahre nach ihrem Erscheinen rezipierte, wohl sehr geprägt, wobei mein Zugang immer eher theoretisch als aktivistisch war. – Erstaunlich an dem drei Jahrzehnte alten Band: Dass eine bestimmte Kritik damals schon formuliert wurde und heute (zum Teil rückblickend) immer noch gilt. Es ist, als ob „die Bewegung“ (eher komplexe Realität oder Phantasma?) damals eine Abzweigung genommen hätte: abgebogen wurde vom Pfad der Gesellschaftskritik und Weltverbesserung hin zum langen Marsch in Integration, Antidiskriminierung und Homo-Ehe. Man wusste damals schon, wohin die Reise geht, wenn man bloß „Homosexuellenrechte“ fordert statt einer Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse sozusagen mit homosexuellen Mitteln. Erstaunlich aber auch, dass die Kritik an Entpolitisierung (im Sinne von emanzipatorischer, „linker“ Politik) schon damals nötig war, was ja heißt, dass nicht erst, wie es eine bestimmte Erzählweise darstellt, die AIDS-Krise und der Umgang mit dieser eine Verschiebung der Perspektive von der Gesellschatskritik hin zu Gruppenpolitik bewirkt hat. Vielleicht könnte ein Historiker die Gründe für die „Abzweigung“, die anscheinend um das Jahr 1980 herum zu datieren wäre, mal näher untersuchen. So oder so, im Kern, finde ich (und ich finde: Dein Text verdeutlicht es), stimmt die politische Kritik mehr denn je. Möge das „Frische-Potenzial“ des Bandes also von vielen wiederentdeckt werden! „Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.“ (George Santayana)

    1. ja, das überrascht mich auch immer wieder, dass viele gedanken noch erstaunlich frisch sind, und kritik die heute aktuell erscheint schon damals formuliert wurde

      auch wenn die erstarkung des integrationistischen flügels ja bereits anfang der 80er offensichtlich war – für mich ist dahinter auch die frage, wie weit aids hier nochmal zu einer akzentverschiebung oder stärkeren betonung eh vorhandener tendenzen geführt hat – die wir vielleicht heute neu infrage stellen können

      ja, der santayana … immer wieder gutes zitat 🙂

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