Erosion in Lacanau Ocean – ein Ort zieht sich vom Meer zurück

Erosion in Lacanau Ocean – Lacanau ist einer der beliebtesten Badeorte an der Atlantikküste Aquitaniens, und bedeutende Surfer-Hochburg. Doch Erosion und Stürme setzen der Küste in den letzten Jahren schwer zu. Nun soll ein radikaler Plan die Wende bringen: Lacanau Océan zieht sich vom Meer zurück.

Zwischen 20 und 30 Meter Strand verlor Lacanau Océan innerhalb von drei Monaten während der Stürme des Herbstes und Winters 2013 / 2014. Das Meer rückte bedrohlich nahe direkt an die letzten Dünen und erste vorgelagerte Bebauungen. Normal war in früheren Jahren der Verlust von ein oder zwei Metern Strand, die oft im darauf folgenden Sommer wieder angespült wurden. Gelegentlich wurden dabei ins Meer abgerutschte Bunker-Reste sichtbar, Überbleibsel der NS-Besatzung von Lacanau Océan.

Lacanau Nord - Küsten- Erosion in Lacanau Ocean, Situation Erosion September 2014
Lacanau Nord – Küsten-Erosion, Situation Erosion September 2014

Noch schlimmer hatte es andere Orte an der Cote d’Argent erwischt. So steht ein Appartment-Block in Soulac sur mer, der einst beim Bau 1967 noch 200 Meter vom Strand entfernt war, seit den Winterstürmen 2014 nur noch 16 Meter von der Wasserlinie entfernt. Die Bewohner mussten das Gebäude wegen akuter Gefährdung verlassen.

Auch die Stürme des Winters 2015/2016 schädigten die Küste wieder schwer. Bei Cap-Ferret wurde der Zugang zum Strand wegen Erosion bis Ende April 2016 gesperrt. An der plage de la Lagune nördlich von Biscarosse wurde die dem Strand am nächsten  gelegene Straße zerstört. Auf einer Länge von 1.300 Metern wurde der Strand für über 2 Mio. € mit einer den Dünen vorgelagerten Strandbefestigung aus 30.000 t Felsgestein und eingebauten Spezialfolien gesichert.

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Endstation Fukushima – Robin Wood Hauptbahnhof Bremen 11. März 2014

“ Endstation Fukushima – sofort alle aussteigen “ – unter diesem Motto protestierte die Organisation Robin Wood am 11. März 2014 mit einem großen Transparent an der Fassade des Hauptausgangs des Hauptbahnhofs in Bremen:

Endstation Fukushima - Robin Wood Protest  Bremen 11. März 2013
Endstation Fukushima – Robin Wood Protest Bremen 11. März 2013

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Fracking: die Frage der Unabhängigkeit

Wer entscheidet über Anträge zu Fracking ? Diese Frage stellt sich – auch aus aktuellem Anlass:

Am 12. April 2012 findet in Hamburg – Bergedorf eine öffentliche Sitzung des Regionalausschusses der Vier- und Marschlande statt. Erstmals Thema: die von ‘ExxonMobil Production Deutschland GmbH (EMPG)’ beantragten Bohrungen im ‘Aufsuchungsbebiet Vierlanden’.

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Spill Bermen (AIRE Industrial) in texas beim Fracking (Foto: Tim Lewis)
Spill Bermen (AIRE Industrial) in Texas beim Fracking (Foto: Tim Lewis)

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Fracking in Hamburg Bergedorf / Schwarzenbek und Vierlanden ?

Fracking in Norddeutschland: Unter anderem in Hamburg Bergedorf sowie den Vierlanden planen PRD Energy bzw. BEB, Tochterunternehmen des US-Energiekonzerns Exxon Mobile, nach Erdgas und Erdöl zu suchen – mittels des umstrittenen Fracking (hydraulic fracturing).

Im „Erlaubnisfeld Schwarzenbek“ (südlich der Autobahn A24 zwischen Gudow und Glinde, ’nahezu das gesamte Kreisgebiet‘), plant PRD über einen Zeitraum von 5 Jahren Explorationsbohrungen sowie „seismische 3D-Messungen“. Ziel: die Chancen einer späteren Förderung von in Gesteinsschichten gebundenem Erdöl zu erkunden. Die entsprechenden Anträge sind seit Oktober 2012 bei der Obersten Baubehörde Schleswig-Holstein in Bearbeitung. Der Kreisausschuss für Energie, Umwelt und Regionales sprach sich auf Antrag der SPD gegen Fracking sowie generell gegen „die Suche nach im Gestein gebundenen Öl- und Gasvorkommen“ aus.

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Atomstrom Frankreich? Autarkie und Protest

Atomstrom Frankreich ?! Nein, Frankreich ist nicht nur „Das Atomstromland Frankreich“. Kein monolithischer Block nuklearer Überzeugungstäter oder gar verantwortungsloser Hasardeure.

Es gab und gibt auch in Frankreich Kritik an und Widerstand gegen die Nutzung der Atomkraft. Allerdings oft anders und in anderen Strukturen, anderem Umfang als im Nachbarland Deutschland.
Und die französische starke Festlegung der französischen Energieversorgung auf Atomkraft hat Ursachen und Gründe.

Zweimal, im ersten wie auch im zweiten Weltkrieg, war Frankreich nicht ausreichend gewappnet gegen Aggression von außen, gegen deutsche Truppen. Zu Beginn des ersten Weltkriegs waren die Streitkräfte in Frankreich weit weniger modernisiert als die deutschen Gegner, die zudem sehr auf technologischen Fortschritt gesetzt hatten. Im zweiten Weltkrieg glaubte sich Frankreich (insbesondere durch die ‚Maginot-Linie‘) auf einen deutschen Angriff gut vorbereitet – konnte sich letztlich jedoch einer deutschen Invasion und schmachvollen Besetzung zunächst nicht erwehren.

Ausreichend vorbereitet, genügend gewappnet sein, die eigene Unabhängigkeit sicherstellen und verteidigen können – dies war deshalb spätestens nach 1945 zentraler Gedanken der französischen Politik. Die eigene nukleare Bewaffnung, die ‚Force de frappe‘, war und ist Konsens in nahezu der gesamten französischen Gesellschaft, von de Gaulle bis zu den Kommunisten.
Und während und nach der ersten ‚Öl-Krise‘, einem Höhepunkt der Proteste gegen Atomkraftwerke in Deutschland, setzte Frankreich auf Autarkie auch in der Energie-Politik. Statt Abhängigkeit von importierter Kohle, Öl oder Gas entstanden 58 Atomkraftwerke und ein Engagement im Uran-Bergbau. Die massive Nutzung der Atomkraft zur Energiegewinnung, sie ist Konsens in weiten Teilen der französischen Gesellschaft.

Entsprechend war auch der Widerstand gegen die Nutzung der Atomkraft in Frankreich meist anders, weniger groß, geräuschloser als in Deutschland. „Non au nucléaire“, dieser Aufkleber, die lachende Sonne, Ikone des Protests gegen Atomkraft, sie ist in Frankreich wesentlich seltener zu sehen als in Deutschland, sowohl in den 1970er und 1980er Jahren als auch heute.Der Widerstand gegen die Erhöhung des Renten-Eintritts-Alters brachte in den vergangenen Jahren Millionen Franzosen auf die Straße – nicht aber etwa Widerstand gegen die Nutzung der Atomkraft. Trotz Problemen in der atomaren Wiederaufbereitungsanlange in La Hague, trotz eines Risses im Atomkraftwerk Tricastin.

Selbst nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl – französische Freunde verstanden kaum, warum wir in Deutschland diesen oder jenen Tee mieden, Pilze nicht en vogue waren oder Wildschwein nur selten auf der Speisekarte stand. Warum die Aufregung? Typisch deutsch, dachten sie (auch wenn sie es nur selten äußerten). Strahlung, nukleare Partikel, radioaktive Wolken? Die muss eine magische Kraft, ein hierzulande unbekanntes Gesetz der Physik irgendwo am Rhein aufgehalten haben. Frankreich (oder das Bewusstsein unserer französischen Freunde) jedenfalls erreichten Partikel wie auch Angst nicht.

Gelegentlich allerdings flammt(e) auch in Frankreich der Protest gegen Atomkraft laut vernehmbar auf. Einmal sogar sehr laut, sehr vernehmbar – und zudem mit Erfolg: in Plogoff (Bretonisch: Plougoñ) im Finistère in der Bretagne (einer Gemeinde nahe der Pointe du Raz mit knapp 1.400 Einwohnern) konnten jahrelange Proteste schließlich erreichen, dass die Pläne zum Bau eines Atomkraftwerks (4 Druckwasserreaktoren à je 1.300 MW Leistung, Planungsbeginn 1978) 1981 völlig ad acta gelegt wurden.

Plogoff, Baie des Trépassés (Foto: wikimedia commons / fafner)
Plogoff, Surfer-Paradies ‚Baie des Trépassés‘ (Foto: wikimedia commons / fafner)

Trotz weitgehender Ruhe in Sachen ‚Kritik an der Nutzung der Atomkraft‘, nicht erst seit Fukushima ist auch in Frankreich einiges in Bewegung geraten in Sachen Atomkraft. Zwar sind Protestaktionen und Demonstrationen selbst gegen Uralt-Meiler wie Fessenheim immer noch (im Vergleich zu Aktionen in Deutschland) eher kleine Veranstaltungen, zudem – gerade in Fessenheim – mit hoher Beteiligung deutscher Atomkraft-Gegner.

Aber in die Politik kommt hörbar Bewegung.Zwar betont Staatspräsident Nikolas Sarkozy, ein Atom-Ausstieg, ja nur ein Moratorium komme für Frankreich überhaupt nicht in Frage. Die französischen Sozialisten allerdings, traditionell ebenfalls eher sehr atomfreundlich, überlegen den Ausstieg, zumindest ein klein wenig. In ihrem über 100 Seiten umfassenden Manifest „Der Wandel“, dem programmatischen Kern-Papier der Sozialistischen Partei (PS) für die 2012 anstehenden Präsidentschafts-Wahlen, sprechen sie sich immerhin für eine Verringerung des bisher sehr hohen (nahezu 80%) Anteils der Atomenergie an der Energieversorgung Frankreichs aus, zugunsten einer stärkeren Förderung ‚alternativer Energien‘.

Gegen einen in Meinungsumfragen derzeit sehr schwachen Nikolas Sarkozy haben die Sozialisten zumindest im Augenblick gute Aussichten, die oder den nächste/n französische/n Präsidentin/en zu stellen. Gut möglich also, dass das „Atomstromland Frankreich“ bald auch ein „Land der erneuerbaren Energien“ wird. Das „Manifest für den Wandel“ zumindest, das den Rückgang des Atomstroms und die Förderung der Erneuerbaren Energien beinhaltet, soll, so die Parteibasis in einer Abstimmung am 19. Mai 2011 grünes Licht gibt, offizielles Parteiprogramm werden.

„Ich glaube, man muss aus der Nutzung der Atomenergie aussteigen“, äußerte Martin Aubry, Tochter von Jacques Delors und derzeit Vorsitzende der französischen Sozialisten (PS), Ende März 2011. Allerdings mit dem Nachsatz „ … in den kommenden 25 bis 30 Jahren.“

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La Gazette Nucléaire Nr. 35/36: Plogoff
Parti Socialiste: „Projet Socialiste 2012 – Le Changement“ (pdf)

Alain Juppé, Schwergewicht und Stehaufmännchen der französischen Konservativen

Er ist das politische Stehaufmännchen und ein Schwergewicht der französischen Politik: der Politiker der Konservativen Alain Juppe. Seit 2006 ist Juppe (wieder) Bürgermeister von Bordeaux. 2016 unterlag er beim Versuch, Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2017 zu werden, seinem konservativen Parteifreund Fillon.

Alain Juppé gilt als Ziehsohn des Gaullisten Jacques Chirac. Bei ihm begann er als Redenschreiber seine politische Karriere, wurde 1969 dessen enger Mitarbeiter. Alain Juppe stammt aus Mont-de-Marsan in den Landes / Aquitanien (geb. 15. August 1945). Juppés Verhältnis zum früheren Parteichef der Konservativen (früher UMP, 2015 umbenannt in Les Républicains) Nicolas Sarkozy gilt eher als angespannt. Beide galten vor dem Ausscheiden von Sarkozy im ersten Wahlgang der Vorwahl als Wettbewerber um die Position des Präsidentschaftskandidaten der Konservativen 2017. Beide scheiterten.

Alain Juppe 2008 (Foto: wikipedia / Hien Le)
Alain Juppé 2008 (Foto: wikipedia / Hien Le)

Alain Juppé – Wiederaufstieg ab 2006 nach tiefem Sturz

Bordeaux, im Dezember 2004. Alain Juppé, konservativer Politiker und Bürgermeister von Bordeaux, wird wegen seiner Verwicklung in eine Parteispenden-Affäre im Berufungsverfahren (das das Urteil erster Instanz stark abmildert) zu immer noch 14 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Für ein Jahr wird ihm das passive Wahlrecht entzogen. Der Richter bescheinigt ihm im Urteil, er habe „das Vertrauen des Souveräns, des Volkes“ verraten. Aufgedeckt wurden die Vorgänge ursprünglich im Juni 1995 durch die satirische Pariser Wochenzeitung ‚Le Canard enchaîné‘. Sie veröffentlichte ein internes, von Juppé unterzeichnetes Dokument der Stadt Paris (Juppé war seit 1976 enger Mitarbeiter des damaligen Pariser Bürgermeisters Jacques Chirac).
Der Weg ist frei für Nicolas Sarkozy, der am 6. Mai 2007 zum Staatspräsidenten der französischen Republik gewählt wird. Juppé verbringt die darauf folgenden Monate im ‚Exil‘ als Hochschullehrer im kanadischen Québec. Ein Statthalter (Hugues Martin) regiert Bordeaux.

Bordeaux, im Oktober 2006. Die Bürger (genauer 45% von ihnen) wählen mit 56% genau den gleichen Juppé wieder zum Bürgermeister von Bordeaux (er war dies bereits seit 1995 bis zur Verurteilung 2004).
Zu den Neuwahlen war es mithilfe von Tricksereien gekommen (Mandatsniederlegung durch 47 Stadträte), gegen die die Oppositionsparteien vergeblich klagten. Juppé freute sich („das Volk hat mir sein Vertrauen geschenkt“), und Juppé-Ziehvater Chirac freute sich auch.

Alain Juppé 2008 (Foto: wikimedia / Medef)
Alain Juppé 2008 (Foto: wikimedia / Medef)

Karriereschub wenige Jahre später. Der Gaullist und frühere Premierminister Alain Juppé tritt ab 14. November 2010 in die Regierung ein. Zunächst wird er Verteidigungsminister, ab 27. Februar 2011 (bis zum 17. Mai 2012) Außenminister (ein Amt, das er 1993 bis 1995 unter Balladur schon einmal inne hatte).

Alain Juppé hatte bereits viele Comebacks in der französischen Politik. Seine Rückkehr ins Kabinett 2010 und seine Berufung als Außenminister 2011  wurden von der Presse als „Comeback zu seinen eigenen [und nicht Fillons oder Sarkozys, d.Verf.] Bedingungen“ bezeichnet.

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Alain Juppé als Bürgermeister – Bordeaux verändert sich

Bordeaux hat sich in den letzten 20 Jahren sehr zu seinem Vorteil verändert. Ja, ich erinnere mich. Schließlich bin ich ja seit Jahren oft in Bordeaux (wir verbringen gerne Urlaube entweder in der Bretagne oder in der Nähe von Bordeaux am Atlantik, besuchen oft Freunde in Bordeaux). Registriere von Jahr zu Jahr die Veränderungen. Veränderungen, von denen der Großteil in die Bürgermeisterzeit von Alain Juppe fällt.

Bordeaux 2006
Bordeaux 2006

Seit 2007 ist das annähernd 2.300 Jahre alte Bordeaux UNESCO-Weltkulturerbe. Auf beeindruckende Weise hat Bordeaux sind in den vergangenen Jahren zum Wasser geöffnet, die Garonne in das Stadtleben zurück geholt. Das Flußufer, einst mit seinen Kais und Hangars nur von Hafenbetrieben und Schwulen (zum Cruising…) genutzt, wurde zu einer beliebten Spazier- und Amüsiermeile. Der PKW-Verkehr wurde im Innenstadtbereich weitgehend zurück gedrängt, wichtigstes Verkehrsmittel in der Innenstadt ist seit 2003 eine moderne neue Straßenbahn, die im UNESCO-geschützen Weltkulturerbe-Bereich der Innenstadt völlig ohne Oberleitung fährt. Zunehmend modernisiert wird auch das ‚andere‘ Garonne-Ufer, zu erreichen über die beeindruckende pont de Pierre, die älteste Garonne-Überquerung von Bordeaux, oder die neue pont Chaban-Delmas. Das alles zum Preis einer zunehmenden Veränderung des sozialen Gefüges der Stadt (sprich: Verdrängung weniger gut situierter Bevölkerungsgruppen an den Stadtrand).

Alain Juppe war bereits von 1995 bis 2004 Bürgermeister von Bordeaux als Nachfolger von Jacques Chaban-Delmas (dem Namenspatron der neuen Garonne-Brücke pont Chaban-Delmas). Er verlor dieses Amt damals durch Aberkennung der Wählbarkeit nach seiner Verurteilung zu einer 14monatigen Gefängnisstrafe wegen Verwicklung in eine Affäre um illegale Parteienfinanzierung (s.o.). Im Oktober 2006 wurde Alain Juppé erneut zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt und ist es seitdem ununterbrochen bis heute.

Alain Juppé – nicht Kandidat der Konservativen für die Präsidentschaftswahl 2017

Im Herbst 2016 trat Alain Juppé bei den Vorwahlen der Konservativen ‚Les Républicains‘ als Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2017 an. Er erreichte im ersten Wahlgang am 20. November als Zweitplatzierter die Stichwahl gegen François Fillon. In der anschließenden Stichwahl allerdings unterlag er deutlich. Juppé kündigte anschließend an, sich zukünftig ganz seinem Amt als Bürgermeister von Bordeaux zu widmen.

Im Verlauf der Schwierigkeiten, in die Fillon während seiner Präsidentschaftskandidatur geriet, verhielt Juppé sich zunächst auffallend zurückhaltend. Lange betonte er, nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Als die Umfragewerte der Konservativen deutlich einbrachen und Fillon formell beschuldigt wurde, bemühten sich Parteifruende ihn zu erneuter Kandidatur zu bewegen. Am 7. März 2017 allerdings machte Juppe erneut deutlich, er stehe nicht zur Verfügung. „Es ist zu spät.“

„je confirme, une bonne fois pour toutes, que je ne suis pas candidat à la présidence de la République. Il est trop tard. „

Nach der Wahl von Emmanuel Macron zum Präsidenten befand Juppé sich in einer politisch paradoxen Lage: wie sollte er weiterhin Politik für den konservativen Les Républicains machen, zumal dort viele auf Konfrontation zu Macron gehen wollten? Einer seiner engsten Vertrauten, der konservative Bürgermeister von Le Havre Edouard Philippe, wurde zum Premierminister ernannt. Zudem vertritt Macron – insbersondere in seinem Ansinnen, lionks und rechts zu überwinden, zu vereinen um Frankreich zusammen zu bringen – Positionen, die Juppé nahe sind (aber fern von Parteigrößen der Konservativen wie Fillon):

Il faudra peut-etre songer un jour à couper les deux bouts de l’onglette pour que les gens raisonables gouvernent ensemble et laissent de coté les deux extrèmes.
(Alain juppé im Januar 2015 in einem Interview im Point)

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Text zuletzt aktualisiert 22. Mai 2017

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Zeppelin NT über Paris – Frankreich misst Strahlung (akt.)

Die französische Regierung reagiert auf ihre Art auf die Atom-Katastrophe in Japan: ein Blimp Zeppelin NT misst die Strahlung über Paris. Die französische Regierung möchte hierdurch Referenzwerte erheben. Sie sollen als Grundlage dienen, um später feststellen zu können, ob die Strahlung aus Japan auch Europa erreicht.

Strahlungs-Messung / Blimp über Paris (nahe dem Arc de Triomphe)
Strahlungs-Messung / Blimp Zeppelin NT über Paris (nahe dem Arc de Triomphe)

(Danke an Manfred für das Photo!)

Die Messung der Strahlung erfolge im Atomstrom-Land Frankreich regelmäßig; erstmals allerdings werde ein Blimp Zeppelin NT eingesetzt. Die aktuelle Messung habe keinen Zusammenhang mit den Ereignissen in Japan, hieß es zunächst in französischen Medien. Zwischen dem 12. und 20. März 2011 soll der Ballon insgesamt 20 Stunden über Paris kreisen und Messwerte sammeln.

Nach den Messungen über Paris sollen anschließend Messwerte über Strasbourg gesammelt werden. Anschließend soll der Blimp Zeppelin NT nach Friedrichshafen zurück kehren.

Blimps sind (im Gegensatz zu Zeppelinen) Luftschiffe ohne inneres Gerüst (wie Ballone). Zeppeline NT (NT = Neue Technologie) sind halbstarre Luftschiffe mit einer inneren dreieckigen Tragstruktur.

Atomstrom Frankreich: “Strom kommt ja aus der Steckdose …” (akt.3)

Frankreich ist Weltmeister in der Nutzung der Atomenergie. Selbst wenn der Anteil des Atomstroms reduziert werden soll, Atomenergie bleibt auch langfristig das Rückgrat der Energieversorgung des Landes.

In Japan ist es 2011 in zwei Atom-Reaktoren zu einer Kernschmelze gekommen. Nach ‚Three Mile Island‘ (1976) und Tschernobyl (1986) mindestens die dritte Groß-Katastrophe der ‚zivilen‘ Nutzung der Atomenergie. Japan setzt bei seiner Energieversorgung bisher sehr stark auf Atomenergie. Doch ‚Weltmeister‘ in der Nutzung von Atomenergie ist ein Nachbar Deutschlands – Frankreich, das Land in dem der (Atom-) Strom noch „sorglos aus der Steckdose kommt“.

Frankreich deckt seinen Strom-Bedarf zu fast 80 (achtzig!) Prozent aus Atomstrom – weltweit die höchste Quote. 58 59 Atomkraftwerke sind derzeit in Frankreich in Betrieb, dazu die  ‚Wiederaufbereitungs- Anlage‘ (Usine de Retraitement de La Hague) in La Hague. Ein Teil des erzeugten Atomstroms wird exportiert, u.a. auch nach Deutschland.

Die Entscheidung, die Energieversorgung des Landes möglichst stark auf Atomkraft zu stützen, wurde nach der Ölkrise 1973 getroffen. Frankreich sicherte sich Uranvorkommen weltweit (besonders im Niger) – und baute zahlreiche Reaktoren. Zudem wurde Frankreich wesentlicher Exporteur von Atom-Technologie.

Atomstrom Frankreich – Grafik: Anlagen / Atomkraftwerke

Atomstrom Frankreich : Anlagen Stand August 2006, Grafik Eric Gaba / Sting
Atomstrom Frankreich : Anlagen Stand August 2006, Grafik Eric Gaba / Sting

Anders als in Deutschland hat in Frankreich ein Großteil der Bevölkerung bisher recht wenig Befürchtungen in Sachen Atomkraft. Präsident Sarkozy kündigt 2008 an, ein neuer Atomreaktor (Typ EPR) werde gebaut, gehe 2017 in Betrieb – und (nahezu) niemand regt sich auf, demonstriert, protestiert. Selbst die Katastrophe von Tschernobyl konnte die Atom-Begeisterung in Frankreich nicht in Frage stellen.

Entsprechend sorglos wird in Frankreich bis heute auch vielfach gern mit Energie umgegangen. So finden sich in vielen (auch neu errichteten) Wohnungen (wie hier in Lacanau) sich für kalte Tage (wenn überhaupt) nur Elektro-Heizungen.

Ob sich an der Atomkraft-Begeisterung in Frankreich etwas ändern wird – 2011, angesichts der Ereignisse in Japan?

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Nachsatz:
Dass Frankreich so stark auf Atomstrom – und damit auch auf Energie-Autarkie – setzt, und der Widerstand gegen Atomkraft in Frankreich geringer als in Deutschland ist, hat Gründe. Einige Gedanken dazu hier: Atomstrom Frankreich: Autarkie und Protest

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Aktualisierung
14. März 2011, 12:20
: Nach den Zwischenfällen in Japan wird auch in Frankreich über die Zukunft der Atomenergie diskutiert. Elektronische wie auch Print-Medien sind voll mit Meldungen, Berichten, Interviews – mit dem Tenor, wie toll und sicher doch französische Reaktoren seien. Bei online-Umfragen äußert die Mehrzahl der Leser/innen, sie habe Vertrauen in die Sicherheit französischer Atomreaktoren.
Die französischen Atomreaktoren seien vorbereitet auf Naturkatastrophen, äußert die französische Umweltministerin Kosciusko-Morizet. Und außerdem, man könne eh nicht „ein ganzes Land nur mit erneuerbaren Energien versorgen“.

14. März, 17:30: SpON hat die Situation in Frankreich als Thema entdeckt: „Nuklearenergie in Frankreich – Frankreich fürchtet AKW-Debatte„. Eine neue Debatte in Frankreich? Nicht doch … Japan, das ist doch „keine nukleare Katastrophe“, meinte der Energieminister.

14. März 2011, 19:00: Selten kam mir der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich größer vor. In Frankreich scheint, Medien sowie Berichten von Freunden zufolge, auch ’nach  Japan‘ kaum eine wirklich breite ernsthafte atomkritische Debatte statt zu finden. In Deutschland hingegen läuft die Bundesregierung „aus Angst vor der Angst der Wähler“ (in den anstehenden Landtagswahlen) vor ihrer eigenen Laufzeitverlängerung davon, distanziert sich von ihrer eigenen Politik – und setzt die eigene Laufzeitverlängerung aus.

15. März, 09:30: Während in Deutschland uralt-Meiler wie Neckarwestheim oder Biblis-A ihrem Ende entgegen sehen, alle AKW die vor 1980 gebaut wurden vorübergehend außer Betrieb gehen, wird ein Atomkraftwerk wenig beachtet: Fessenheim. Das AKW Fessenheim mit seinen zwei Reaktoren befindet sich auf der französischen Seite des Rheins, nur 20 km von Freiburg entfernt. Fessenheim ist das zweitälteste noch in Betrieb befindliche AKW Frankreichs (1977/78 in Betrieb, Anfang der 1970er geplant).
Derzeit wird Fessenheim im Rahmen der alle zehn Jahre stattfindenden Inspektion gründlich geprüft – um danach über eine etwaige Laufzeit-Verlängerung für weitere zehn Jahre zu befinden.
Fessenheim befindet sich im seismisch aktiven Oberrhein-Graben.
„Das Atomkraftwerk Fessenheim gilt als als, unsicher und nicht ausreichend gegen Erdbeben geschützt. Doch Frankreich zeigt sich unbeeindruckt …“, beschreibt die Badische Zeitung die Situation.

15. März, 19:00: Wechsel des Tons in der Regierung? Die französische Regierung sichert ein „Audit“ (Überprüfung der Sicherheit) der Atom-Anlagen im Land zu. Frankreich werde die „notwendigen Konsequenzen“ aus der Katastrophe in Japan ziehen (was auch immer das bedeuten mag). Eine Abkehr vom Atom-Kurs sei aber „absurd“. Die Grünen in Frankreich fordern unterdessen eine sofortige Abschaltung des AKW Fessenheim.

12. April 2011: Der Stadtrat von Straßburg fordert die Abschaltung des AKW Fessenheim – auch die Mitglieder der (den Präsidenten stellenden) UMP.

17. April 2010: Die Mehrheit der Franzosen (57%) ist in einer Umfrage für ‚L’Express‘ für einen Ausstieg aus der Atomenergie. Die Entscheidung über die Verlängerung der Laufzeit des AKW Fessenheim um weitere 10 Jahre wurde auf Juni 2011 verschoben.

2. November 2013: Am 20. Juli 2013 erklärte der französische Umweltminister Philippe Martin in einem Interview, er werde Fessenheim bis Ende 2016 schließen: „Je fermerai Fessenheim d’ici au 31 décembre 2016.“ Für andere französische Atomkraftwerke wird eine Verlängerung der Betriebserlaubnis um zehn Jahre diskutiert. Atomstrom Frankreich … die Geschichte geht weiter …, wenn auch absehbar ohne Fessenheim.

24. Mai 2017: Das Energieübergangsgesetz (loi de transition énergétique LTCEV; 17. August 2015) sieht eine Reduzierung des Anteils des Atomstroms von 75% auf 50% vor. Zwei wichtige Etapüpen stehen noch während der ersten Präsidentschaft von Emmanuel Macron (2017 bis 2022)an: die Verlängerung der Laufzeiten bestehender Reaktoren (auf fünfzig oder sechszig Jahre), und die Entscheidung, ob ein Neubau-Programm für Atomkraftwerke ab 2025 aufgelegt werden soll, um bestehende Reaktoren zu ersetzen.

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Text zuletzt aktualisiert 24. Mai 2017