Drei Milliarden Perverse , Diekmann / Pescatore 1980 – wiedergelesen nach 33 Jahren

Zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2019 um 10:37

“ Drei Milliarden Perverse “ – unter diesem Titel veröffentlichten Bernhard Diekmann und Francois Pescatore 1980 eine Sammlung von Texten, die in Frankreich erstmals 1973 veröffentlicht wurden [1]. Die Texte waren in Frankreich kollektiv, ohne Angaben von Autoren der einzelnen Beiträge [3] entstanden – dürften jedoch überwiegend aus dem engeren Umfeld des Front Homosexuel d’Action Révolutionaire (FHAR) [2] entstammen.

Vierzig Jahre alte „Schwule Texte“ – was haben uns “ Drei Milliarden Perverse “ heute noch zu sagen?

Drei Milliarden Perverse (Diekmann / Pescatore, Verlag rosa Winkel 1980)
Drei Milliarden Perverse (Diekmann / Pescatore, Verlag rosa Winkel 1980)

Der Homosexuelle und der Araber, oder unser eigener Rassismus

Zunächst befremdlich, von unserer Lebensrealität in Deutschland weit weg und höchstens amüsant zu lesen wirken die Texte zum Themenbereich „Araber“ vermutlich auf viele deutsche Leser – und sind doch sehr wohl das intensive Lesen und Mitdenken wert -führen sie doch (und sei es mit zunächst banalen Sätzen wie „Wir konsumieren gerne ihre Männlichkeit. … Sie ficken uns, aber sie bleiben die Unterdrückten.„) mitten hinein in Gedanken um eigene Rassismen.

Die Herausgeber selbst bemerken in ihrem Vorwort

„Das Verhältnis zu den Arabern mag dem deutschen Leser fremd erscheinen. Doch hielten wir seine exotische und phantasmatische Nähe für sehr geeignet, den Blick fürs Bekannte zu klären.“

Insbesondere der Text „Sex-Pol verwirklicht“ hinterfragt die Gegenwart auch des eigenen Rassismus und „die beiden faschistischen und revolutionären Pole menschlicher Beziehungen“ und entwickelt daraus schwulenpolitische Grundannahmen und später Positionen, wie [nach Hocquenghem]

„jede Sexualität, ob hetero- oder homosexuell, [ist] untrennbar von einer sozialen und politischen Investition, deren Unbewußtes sie bildet. In den Randbedingungen der Homosexualität erscheint diese allgemeine sexuelle Position jedoch zuerst.“

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Die Pädo-Debatte

Umfassend thematisieren Beiträge in ‚ Drei Milliarden Perverse ‚ die Frage der Pädophilie. Sie wirken heute wie ein Spiegel von Debatten, wie sie zur gleichen Zeit (und bis Anfang der 1980er Jahre) auch in Deutschland stattgefunden haben.

Die Beiträge zum Thema Pädophilie bemühen sich phasenweise, die Grenzen zwischen Erwachsenen- und kindlicher Sexualität auszuloten – und landen doch oft dabei, „ungleiche Beziehungen als ‚gleich‘ zu propagieren“ (wie es Alice Schwarzer 1980 formulierte).

Gleichzeitig rufen die Texte zu Pädophilie in Erinnerung, wie anders damals mit dem Thema Pädophilie umgegangen wurde – und dass dieses Thema auch damals alles andere als unumstritten war.

Allerdings lassen die Texte auch aufmerken – wie breit und vielfältig Pädophilie damals diskutiert wurde, lässt einige heutige Meinungsäußerungen und Reaktionen in ganz eigenem Licht erscheinen, wirft die Frage auf, wie sehr Debatten über Pädophilie heute verengt erscheinen, von vorauseilendem Bemühen um die ja ‚richtige‘ Meinung getragen.

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Scham und Sex – Theorie und Praxis im Dunkeln

Schämst du dich, Genosse?“ – mit dieser nicht gestellten Frage eines Jungen weist das Kapitel „Ärsche und Energien“ auf den wohl (für mich) heute noch spannendsten Text von ‚Drei Milliarden Perverse‘. Ein Text, der den Umgang mit der eigenen Sexualität hinterfragt, auch den emanzipierter Schwuler.

Auch wenn es in diesem Text (bildlich und real) ums Dunkle geht – sind Gedanken über Sex „unter der strengen Bedingung, daß die Dinge im Dunkeln geschehen, daß man fickt ohne zu erkennen, daß nichts auf dem Spiel steht außer den maschinellen Organen“ so weit weg von mancher Sex-Bar, manchem Darkroom, mancher Sexparty heutiger Tage?

„Die Bourgeoisie hat schon Liebe und Freundschaft getrennt. Die Homosexuellen, die uns beschäftigen, trennen nun noch Lust und Kommunikation.“

Kritisiert wird der ‚Krebsgang‘ von Homosexuellen („Kopf unten, Schwanz oben„) als „umgekehrtes Klischee der Normalität“ – und hinterfragt, wie in Kreisen linker, revolutionärer Bewegungen, selbst innerhalb linker schwuler Gruppen mit Sexualität umgegangen wird:

Fast der ganze Körper derer, die von der freien Verfügung über den Körper sprechen, bleibt verboten.

„Die Anmach-Maschine hat eine unüberschreitbare Grenze errichtet zwischem dem, was geil ist, und dem, was einen zum Denken bringt. Diese Grenze ist gewiß ein Schutz gegen den Einbruch der Kräfteverhältnisse.“

und thematisiert

entfremdete Homosexualität

, befasst sich mit der Schwanz-Zentriertheit, der ‚phallischen Suche‘ („die durch die Problematik ihrer Beziehung zur Männlichkeit entfremdete Homosexualität“) und der ‚Kunst der Wollust‘.

„Es wäre zum Verzweifeln, wenn die Homosexualität nur aus dieser phallischen Suche bestände. … Das Verdrängte des tiefen homosexuellen Verlangens ist … der sodomitische Akt, der die Persönlichkeit des Ichs bricht, die Ströme im leeren Subjekt zirkulieren lässt und einem die selbstversagte große Wollust bringt. Das wirkliche Verlangen jedoch macht dem Subjekt Angst.“

Was zur Position führt

„lernen  wir also uns ficken zu lassen!“

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„Der Schwule ist ein Verräter, der sich zuerst schämt, die Normalität zu verraten. Und wenn er diese Scham überwunden hat, stellt er fest, daß er sich im Verrat an der Normalität noch immer vor ihr verneigt hat.“

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Drei Milliarden Perverse … in Deutschland, und in Frankreich …

Die Textsammlung “ Drei Milliarden Perverse “ erschien erstmals 1973 in Frankreich unter dem Titel „3 Milliards de pervers“, in Deutschland dann 1980.

Ein Vergleich der französischen mit der deutschen Ausgabe zeigt Bemerkenswertes: Während die 185seitige deutsche Ausgabe sehr textlastig ist, bis auf wenige Abbildungen kaum gestalterische Elemente aufweist, glänzt die 221 Seiten umfassende französische Ausgabe mit einer Vielzahl an bunten Grafiken, kleinen handschriftlichen Cartoons, Zeichnungen teils recht deutlich-eindeutiger Natur sowie schwarz-weiß-Fotos – Gestaltung, die geradezu spürbar macht, mit welcher Lust, welchem Spaß die Autoren vermutlich beim Verfassen des Buches vorgegangen sind.

Ob hier damals rein die Druckkosten für die ’spartanischere‘ Gestaltung der deutschen Ausgabe im Vergleich zur verspielteren französischen Original-Version verantwortlich waren? Oder kommt hier auch eine lustvollere, ungezwungenere Debattenkultur in Frankreich geradezu bildhaft zum Ausdruck?

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Drei Milliarden Perverse – eine Wiederentdeckung lohnt

Ja, einige der Texte in ‚Drei Milliarden Perverse‘ sind (für mich, heute) anstrengend zu lesen, teils auch aufgrund ihrer Sprache mit deren ‚antikapitalistischem Gestus‘. Einige Texte (wie über das Verhältnis französischer Schwuler zu Arabern) mögen dem deutschen Leser zudem zunächst seltsam fremd erscheinen.

Aber – es gibt viele spannende Gedanken (wieder) zu entdecken, Gedanken die auch mancher Debatte heute noch frischen Wind einhauchen, manche Diskussion gar neu (oder: wieder) entfachen könnten.

Und auch die vermeintlich ‚fremden‘ Texte (wie über das Verhältnis französischer Schwuler zu Arabern) weisen auf Fragen, die heute nichts an Aktualität eingebüsst haben, führen tief in Debatten um Rassismus und Sexualität.

Der für mich (aus heutiger Sicht) zentrale Text „Ärsche und Energien“ schließlich bietet viele Ansätze und Anregungen, über Sexualität, Umgang mit Sexualität nachzudenken. Gedanken die auch vierzig Jahre nach ihrem Niederschreiben nichts an Frische und Aktualität verloren haben, vielmehr manche (nicht geführte) Debatte heute befruchten könnten.

Drei Milliarden Perverse – eine Buch, dessen Wiederentdeckung wahrlich lohnt!

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[1] Felix Guattari (1930 – 1992; französischer Psychoanalytiker und Philosoph, Weggefährte von Gilles Deleuze ) wurde wegen „Sittlichkeitsvergehens“ für die Publikation dieser Texte von der 17. Pariser Strafkammer zur Vernichtung aller Exemplare sowie zu einer Geldstrafe verurteilt.
[2] Der Front Homosexuel d’Action Révolutionnaire (FHAR) war ein 1971 gegründeter (eher lockerer) Zusammenschluss von Schwulen und Lesben. Er entstand in Paris in der Folge der französischen Studentenbewegung (Mai 1968), insbes. aus dem Zusammentreffen schwuler Aktivisten mit lesbischen Frauen aus der feministischen Bewegung. Der FHAR war insbesondere in der ersten Hälfte der 1970er Jahren das ‚radikale Gesicht‘ der französischen Schwulenbewegung, und trug wesentlich mit dazu bei ein neues Bild von Homosexuellen in Frankreich zu entwickeln.
Eines der wichtigsten Mitglieder des FHAR seit Gründung war der französische Soziologe Guy Hocquenghem (1946 – 1988; „Das homosexuelle Verlangen„). Aus dem Umfeld der FHAR entstand u.a. die Zeitschrift ‚L’Antinorm‚ (pdf der ersten Ausgabe Dezember 1972 / Januar 1973 hier). Zur Bedeutung der FHAR siehe auch Yves Roussel (1995): ‚Le mouvement homosexuel français face aux stratégies identitaires‚ (pdf)
[3] Genannt sind zu Beginn des Buches die Autoren des Gesamt-Werks, unter ihnen Gilles Deleuze, Michel Foucault, Félix Guattari und Guy Hocquenghem.

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Bernhard Diekmann und Francois Pescatore (Hg.)
Drei Milliarden Perverse
Schwule Texte 5
Berlin 1980
(nur noch antiquarisch erhältlich)

Originalausgabe:
Trois Milliards de Pervers
Paris 1973 und 1978
edition Recherches
(im Internet als pdf erhältlich)

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Danke an S.B. für den Hinweis auf die französische Ausgabe!

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in der Reihe „Wiedergelesen“ siehe auch
2mecs 05.06.2013: Schwule Regungen, Schwule Bewegungen / Willi Frieling 1985 – wiedergelesen nach 28 Jahren
2mecs 26.05.2013: Das homosexuelle Verlangen / Guy Hocquenghem 1974 – wiedergelesen nach 33 Jahren

10 Antworten auf „Drei Milliarden Perverse , Diekmann / Pescatore 1980 – wiedergelesen nach 33 Jahren“

  1. Ja, ein unbedingt (wieder-)lesenswerter Band!
    Am „antikapitalistischen Gestus“ störe ich mich gar nicht, den könnte man sogar hochaktuell finden. Der Jargon von damals ist etwas mühsam, zugegeben, aber man versuchte eben, auf der Höhe der Zeit zu formulieren, während heute oft wirklich nur noch Phrasen und Versatzstücke die Sprache bestimmen, ohne dass eine theoretische Einbettung wirklich gegeben wäre.
    Die Texte zu „Franzosen und Araber“ wirken vielleicht etwas weniger fremd, wenn man sie mit heutigen Arbeiten zur „intersektionellen Diskriminierung“ (z.B. schwul und „migrantisch“) in Beziehung setzt. Dann wird man freilich auch feststellen, dass der existenzielle Ton, den das Reden übers Ficken mit „beurs“ hatte, sich leider in den derzeitigen soziologischen Analysen so gar nicht mehr findet …
    Insgesamt kann man an dem Band das noch erfreulich Unfertige der Diskurse ablesen; heute, wo etwas daraus geworden ist (etwa ein angeblich festes Wissen, was von „Pädophilie“ zu halten ist) kann eine solche Relektüre helfen, sich an der Unbändigkeit der Anfänge zu erfreuen und zu erfrischen und allzu Gewisses in Frage zu stellen.
    Dank für diese Anregung zur Wiederentdeckung!

    1. Lieber Stefan,

      danke für Kommentar und Ergänzungen.
      Auf mich selbst wirkte der „Franzosen und Araber“-Text wenig fremd, ich kann mich gut an einige Jahre zu beginn der 1990er in Paris erinnern, Auf hiesige (nicht Frankreich besuchende) bekannte allerdings wirkte ein lese-Test ‚befremdlich‘ – sie fanden kaum Bezug zu ihrer Realität.

      Mich beeindruckte auch das wie du schreibst „Unfertige“ der Diskurse – und eine (wie mir scheint) größere Offenheit als heute …

      Ich wünsch mir ja, dass „Drei Milliarden Perverse“ vielleicht noch mehr (wieder-) Leser findet

      Liebe Grüsse,
      Ulli

  2. Als Lektor dieses Buches freue ich mich über die Wiederentdeckung. Einige kurze Anmerkungen: Das Thema der Schwulen und der Araber war in den Jahren nach der französischen Erstausgabe Thema der psychoanalytischen Studie des späteren Goncourt Preisträgers Tahar Ben Jelloun. La plus grande des solitudes – darin beschrieb er das sexuelle Elent der maghrebinischen Arbeitsmigranten in Frankreich. Das Elend auf der einen und die Lust auf der anderen Seite – das wäre ein Bild, das den tatsächlichen Ambivalenzen kaum gerecht würde. Jeder Maghreb-Tourist kennt diese Ambivalenzen, die nach meiner Beobachtung am besten der italienische Autor Aldo Busi in seinem Buch Sodomies in Elevenpoint beschrieben hat.

    Zur Illustration der deutschen Ausgabe: Das Titelbild zeigt ein geschminktes intimes Detail eines sehr populären Hamburger Unterhaltungskünstlers. Als ich mit der Vorbereitung des Buchs beschäftigt war, stieß ich in einer Anthologie bei Gay Sunshine Press auf eine Serie von Bildern des brasilianischen Künstlers Arlindo Daibert. Über eine Postfachadresse in Sao Paulo (damals gabs noch die homophobe Militärdiktatur) schickte ich meine Bitte in der Hoffnung auf Antwort los. Zu meiner größten Freude schickte mir Daibert wenige Wochen später die fünf Originale. Zwei konnten wir für ihn verkaufen, die anderen schickten wir wieder zurück. Dem Band beigegeben war ein von Wolfgang Müller gestaltetes Würfelspiel, das auf einem großen ausfaltbaren Blatt gewissermaßen zusammenbrachte, was in der französischen Originalausgabe verspielt en miniature des Weges kam.

    Es gab anfang der 90er Jahre den Versuch, das Buch mit gerichtlichen Mitteln in Deutschland aus dem Verkehr zu ziehen. Als Gutachter hat Helmut Kentler diesen Versuch bravourös zurückgewiesen. Alle Texte der Anthologie wuden anonym publiziert. Alle großen Namen der damaligen Politik- Philosophie und Literaturszene hatten eigene Beiträge geschrieben. Bis heute berührt mich am meisten der kleine Prosatext am Ende unserer Ausgabe: Anna.

    1. Ganz großes Dankeschön für diese spannenden Erläuterungen!

      Meinem eigenen (deutschsprachigen) Exemplar fehlt leider inzwischen das beigelegte Spiel – das hat die vergangenen Jahre scheinbar nicht überstanden, ich erinnere mich aber daran.

      Zu den Autoren: das Verzeichnis der Mitstreiter liest sich tatsächlich beeindruckend (ich hab im Text ja nur wenige davon namentlich genannt). Beim Lesen entsteht (zumindest bei mir) ja die Versuchung der Zuordnung … das liest sich doch wie … (z.B. Foucault) …

      Von dem Versuch, das Buch aus dem Verkehr zu ziehen, wusste ich bisher nicht – und wünschte mir eher, es gäbe heute Wege, es erneut zugänglich zu machen, ich habe den Eindruck, so mancher Text hat uns heute noch viel zu sagen.

  3. Apropos: ein wichtiger und damals ebenfalls von der französischen Zensur bedrohter Autor, Pierre Guyotat, kommt nun endlich auch in deutscher Übersetzung seines Buchs Éden Éden Éden auf den Markt. Die edition diaphanes hat es für 2014 angekündigt. Francois Pescatore, den ich dafür damals gewinnen wollte, hielt es für fast unübersetzbar. es knüpft an die 3 Milliarden Perverse insofern an, als der Roman in einer maghrebinischen Oase spielt. Guyotat beherrscht eine kathedralenhafte Syntax (wie ein anderer französischer Asthmatiker), in der in unendlicher Variation unermüdlich von der ersten bis zur letzten Seite kopuliert wird.

    Gegen die Zensur schützte Guoytat ein Dreifaltigkeitsvorwort von Roland Barthes, Michel Leiris und Philippe Sollers.

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