citizen gay – David Girard (1959 – 1990)

Er prägte das schwule Nachtleben von Paris Ende der 1980er Jahre wie kaum ein anderer: der Geschäftsmann David Girard. Als einer der ersten baute er ein ’schwules Imperium‘ auf. Als ‚König des schwulen Nachtlebens‘ erwarb er sich den Spitznamen ‚citizen gay‘ oder ‚citoyen gai‘.

David (Jacques) Girard wird 1959 in der Kleinstadt Saint-Ouen nordwestlich von Paris (Départment Seine-Saint-Denis) geboren. Sein Vater ist ein aus Tunesien stammender Jude, seine Mutter arbeitet als Prostituierte. 1974, David ist 15 Jahre alt, stirbt seine Mutter. Er verläßt die Schule, schlägt sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch, bevor er nach Paris umzieht und als Jungkoch arbeitet.

David Girard

Mit 21 beginnt er als Stricher auf der rue Saint-Anne und im Bois de Boulogne zu arbeiten – ein Anfang einer Karriere als Geschäftsmann, den er auch später (ebenso wie die Arbeit seiner Mutter) nie leugnet.

Je ne sais pas si c’est vraiment le plus vieux métier du monde, en tout cas, c’est celui que faisait ma mère.“ (Beginn des Textes auf der Rückseite des Außenumschlags seiner Autobiographie)
(Ich weiß nicht, ob es wirklich das ‚älteste Gewerbe der Welt‘ ist, auf jeden Fall war es das, was eine Mutter machte. Übers. UW)

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Le Continental Opéra – legendäre schwule Sauna in Paris

Die Continental Opéra nahe der Oper Garnier in Paris war einst die größte schwule Sauna Europas. 1992 musste sie schließen.

Im 2. Arrondissement nahe der (alten) Oper von Paris (Palais Garnier) wurde 1975 (teils in den Räumen eines ehemaligen Kinos) eine schwule Sauna eröffnet: Le Continental Opéra.

Nach dem ebenfalls 1975 eröffneten zweiten Raum des ‚Bronx‚ (Paris‘ erster damals noch nicht so genannter Darkroom, ein Raum mit Pornofilmen und Liegen) war die Continental Opéra damals der zweite institutionalisierte und kommerzielle schwule Ort in Paris mit Möglichkeit zum Cruising und sofortigen Sex. Gefolgt 1976 von der ersten ‚Sex-Disco‘ Frankreichs, dem ‚Le Manhattan‚.

Hinter einem kleinen, bescheiden wirkenden Eingang verbarg sich eine ‚Mega-Sauna‘ auf drei Etagen, mit Restaurant. Zu ihrer Zeit galt sie als die größte schwule Sauna Europas und warb selbst mit dem Hinweis ‚unique en europe‚.

Continental Opéra - Türschild der längst nicht mehr existierenden legendären Pariser schwulen Sauna
Continental Opéra – Türschild der längst nicht mehr existierenden legendären Pariser schwulen Sauna (ehem. 32, rue Louis Legrand)

Der französische Schriftsteller Renaud Camus (später einer der Vordenker des rechtsextremen Front national) veröffentlichte 1979 den Roman Tricks (mit einem Vorwort von Roland Barthes). Hierin berichtet er recht freizügig von seinen sexuellen Abenteuern, u.a. in der Sauna Continental Opéra.
Und der Philosoph Michel Foucault sprach 1978 in seinem legendären Interview mit Jean Le Bitoux (Le Gai Savoir) u.a. (siehe weiter unten) über eine schwule Sauna, in der die Continental Opéra erkennbar sein könnte.

Der aus Argentinien stammende, in Paris lebende Zeichner und Autor Copi (i.e. Raúl Damionte Botana, 1939 – 1987) setzte der ‚Conti‘ literarisch ein Denkmal in seinem Roman Le Bal des Folles (1977; dt. 1983 Die Schlange von New York):

„C’est mardi, mais c’est mardi gras. Aujourd’hui, les folles du Continental sont permises de se travestir, elles vont et viennent sans arrêt des galeries Lafayette qui se trouvent tout près, ce soir il y a un grand bal autour de la piscine.“
(Es ist Dienstag, aber es ist Karneval. Heute dürfen die Tunten der Continental sich verkleiden, sie kommen und gehen ohne Unterlaß ins nahe gelegene Kaufhaus Lafayette, heute Abend ist ein großer Ball am Swimming Pool. [Übers. UW])

1981 – Polizei-Kontrollen, Diskriminierung älterer Gäste ?

1981, im Jahr der Präsidentschaftswahl, bei der Francois Mitterrand schließlich neuer Präsident wurde und bald das Sonderstrafrecht gegen Homosexuelle abschaffte, verschärfte die Polizei Maßnahmen gegen Orte schwulen Lebens in Paris. Einige Bars wie das Trap und das BH wurden gezwungen, bereits nachts um 2:00 Uhr zu schließen. Auf der Rue Saint Anne oder im (Cruising-) Park der Tuilerien kam es häufiger zu Polizeikontrollen, und auch die Continental Opéra berichtete über häufigere Feststellung der Identität von Gästen durch die Polizei.

Doch auch die Saunen selbst machten manchen Gästen das Leben schwer. Immer mehr von ihnen gingen dazu über, älteren Gästen den Zutritt zu verwehren.
Der Inhaber der Continental Opéra berichtet schließlich gegenüber dem Gai Pied den Grund der von betroffenen Gästen als diskriminierend empfundenen Maßnahme: seine Betriebs-Haftpflicht-Versicherung weigerte sich, die Risiken durch Unfälle und Zwischenfälle, insbesondere Herz-Kreislauf-Probleme für Personen über 50 Jahre zu übernehmen.

1985 – Anschlag auf die Continental Opéra

In der Nacht vom 10. Juni 1985 wurde die Sauna bei einem Anschlag stark zerstört.

Kurz nach Schließung  drangen zwei Personen in das Gebäude ein. Sie knebelten den Wächter und entzündeten zuvor verschüttetes Benzin. Das Feuer zerstörte zwei Drittel der Sauna. Drohbriefe oder sonstige Drohungen waren nicht erfolgt; niemand bekannte sich zu dem Anschlag.

1992 – das Aus für die Continental Opéra

Nach sechzehn Jahren musste die Continental Opéra Ende März 1992 endgültig schließen. Aus einem banalen Grund, der Pachtvertrag wurde nicht verlängert.

Continental Opéra – Erinnerungen

Ich war seit Mitte der 1980er Jahre oft in dieser Sauna. Hatte hier viele schöne Momente, einige spannende Begegungen. Und ich lernte im Frühsommer 1989 Jean-Philippe hier kennen.

Aus dieser Zeit erinnere mich an die Sauna und meine Besuche dort:

„Eine Sauna, so groß dass Frank und ich uns beim Cruisen lange Zeit nicht be­gegnen. Ein Standard an Ausstattung, der die meisten deutschen Schwulen-Saunen damals alt aussehen lässt. Zudem ist die Sauna gut besucht, selbst tagsüber an einem Werktag viele junge, gut aussehende Gäste. Gäste, die wissen, aus welchem Grund sie in diese Sauna gegan­gen sind.
Ich streife durch ein Laby­rinth ver­winkelter Gänge. Kabinen wie Karnickelställe über einander ge­stapelt lie­gen im Halbdunkel. Jungs und Männer streu­nen herum, schein­bar ziellos und doch offensichtlich ein klares Ziel vor Augen.
Viele Kabinen sind besetzt, die meisten mit offen stehender Tür. Ich beobachte die In­sassen, oftmals anmutig posierend an die Wand gelehnt, oder lasziv auf der mit einer Art Gummituch bezogenen Matratze ausgestreckt. Durch Bewe­gungen ihrer Augen signalisieren sie, ob an einem der vorbei schlen­dernden Männer Interesse besteht.“

sie war etwas Besonderes – die Continental Opéra

Jean Le Bitoux beschreibt die Continental Opéra in seinen Memoiren:

„Cet établissement relativement cher avait mes faveurs. On y déambulait nu sous une simple serviette de bain nouée aux hanches. C’était un espace que je fréquentais depuis des années, étrange et merveilleux, avec des mosaïques d’inspiration gréco-romaine, une salle de musculation, plusieurs bains de vapeur, un restaurant, un bar américain, une grande piscine et de nombreuses cabines de repos et de baise.“
(Ich mochte diese vergleichsweise teure Einrichtung sehr gerne. Hier spazierte man nackt herum, ein einfaches Badetuch um die Hüften geknotet. Seit Jahren kam ich hierher, an diesen seltsamen und wunderbaren Ort, mit Mosaiken im griechisch-römischen Stil, einem Fitness-Raum, mehreren Dampfbädern, einem Restaurant, einer amerikanischen Bar, einem großen Swimming Pool und unzähligen Kabinen zum Relaxen und Ficken. [Übers. UW])

Michel Foucault über die Bedeutung schwuler Saunen

Michel Foucault, der ‚die Conti‘ ebenfalls besuchte, bemerkte über schwule Saunen und ihre Bedeutung (Gespräch mit Jean Le Bitoux) 1978:

„Je dis que c’est important qu’il y ait des endroits comme les saunas où, sans qu’on soit emprisonné, épinglé dans sa propre identité, dans son propre état civil, son passé, son nom, son visage, etc, on puisse rencontrer des gens qui sont là et qui ne sont pour nous, comme l’on est pour eux, rien d’autre que des corps avec lesquels les combinaisons, les fabrications de plaisir les plus imprévue sont possible. Cela fait absolument partie d’expériences erratiques qui sont importantes, et qu’il est je dirais politiquement important que la sexualité puisse fonctionner comme cela.“ (Bitoux S. 307)
(Ich sage es ist wichtig solche Orte wie Saunen zu haben, an denen wir, ohne dass wir in unserer eigenen Identität gefangen sind, in unserem zivilen Zustand, unserer Vergangenheit, unserem Namen, unserem Gesicht etc., andere Menschen treffen können, die für uns – wie wir für sie – einzig Körper sind, mit denen Verbindungen, dasHervorbringen unvorhersehbarer Vergnügungen möglich sind. Dies ist absolut ein wichtiger Bestandteil unserer erratischen Erfahrungen, und ich halte es für politisch bedeutsam, dass Sexualität so funktionieren kann. [Übers. UW])

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DAH Porno 90 – lebensnahe HIV Prävention 1990

Ein Porno sorgte 1989 / 90 für Aufregung, der DAH Porno 90 – knapp 24 Minuten Sex im Dienste der lebensnahen HIV-Prävention. Ein schwuler Porno, dazu staatlich fiannziert, das war manchen zu viel, Kontroversen folgtern. Der Porno 90 – ein noch heute wegweisendes Projekt.

Der DAH Porno 90 war für seine Zeit sehr innovativ – und er wurde kontrovers diskutiert.

DAH Porno 90
DAH Porno 90

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Sorglosigkeit und die Rettung der Lüste

Sorglosigkeit – ist das schlimm? Warum warnen Menschen vor ’neuer Sorglosigkeit‘? Angst-Szenarien oder ‚Rettung der Lüste‘?

Die Sorglosigkeit nimmt zu, die Gefahr einer ’neuen Sorglosigkeit‘, nachlassende Angst und ‚mehr Sorglosigkeit‘, Formulierungen wie diese werden uns in den kommenden Wochen – rund um Welt-Aids-Tag und neue HIV-Zahlen – wieder gehäuft begegnen.

Warum kommen diese Formulierungen, und wie begegnen wir ihnen? Was ist eigentlich so gefährlich an ‚Sorglosigkeit‘ ?

Die ’neue Sorglosigkeit‘ als Bedrohung – eine kurze Erinnerung

Die als Vorwurf oder Bedrohung formulierte bzw. konstatierte ’neue Sorglosigkeit‘ verfolgt insbesondere (aber nicht nur) Schwule schon viele Jahre durch die Aids-Krise.

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Penis Komplex durch Porno-Konsum?

Penis Komplex? Durch Porno? Bekommen Männer, die Porno-Filme schauen, Komplexe sie hätten einen zu kleinen Penis? Penis-Komplex durch Porno, dies behauptet eine ‚Studie‘ aus Frankreich.

Über ein Drittel der jungen Männer unter 25 Jahren in Frankreich, die Pornofilme sehen, haben einen Penis-Komplex. Den Komplex, zu befürchten ihr Penis sei zu klein.

Vermutete Ursache des Penis-Komplex: Pornofilme würden zunehmend als Norm-setzend empfunden, besonders von der jungen Generation, so die ‚Studie‘ von IFOP. Sie spricht von der Gefahr ‚angsterzeugender überdimensionierter männlicher Geschlechtsorgane‘.

Das französische Meinungsforschungs-Institut IFOP führte die als repräsentativ bezeichnete Untersuchung im Januar 2014 im Auftrag einer Erotik-Internetseite durch. Befragt wurden 1.004 Personen über 18 Jahre. Die Daten wurden am 23. April 2014 veröffentlicht.

Penis Komplex ? menschlicher Penis, beschnitten, asiatisch (Foto: Justmoi)
Penis-Komplex ? menschlicher Penis, beschnitten, asiatisch (Foto: Justmoi, Lizenz by-sa 3.0)

Human penisJustmoiCC BY-SA 3.0

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Umarmungsszene in Fayence …

Trouvaille im Altonaer Museum:

Umarmungsszene
Umarmungsszene

„Model für eine Negativform: Umarmungsszene“
Altonaer Museum, Fayence-Sammlung

… hübsche Umschreibung … man könnte auch schlicht sagen ‚Sex‘ … oder …

HIV, Aids und Oralverkehr

Kann ich mich beim Oralverkehr, beim Blasen mit HIV infizieren? Wie groß ist das ‚ Aids – Risiko ‚ beim Oralsex?

Die Frage nach Oral-Verkehr und HIV-Infektionsrisiko wird viel gestellt, auch früher auf ondamaris und gelegentlich hier auf 2mecs (meist per Suche).

Wie steht es mit dem Risiko beim Blasen, beim Blowjob? Besteht Infektionsgefahr bei Oral-Verkehr? Was ist mit HIV und Fellatio ? Wie hoch ist mein Risiko beim Sperma schlucken ? Und wie sieht es mit dem Lusttropfen aus?

Hat das ‚EKAF-Statement‚ / die Viruslast-Methode etwas geändert?

Oralverkehr und das HIV – Risiko

wie hoch ist das HIV - Risiko beim Oralverkehr ? (Grafik: seedfeeder, Lizenz cc-by-sa 3.0)
wie hoch ist das HIV – Risiko beim Oralverkehr ? (Grafik: seedfeeder, Lizenz cc-by-sa 3.0)

A woman performing fellatio.SeedfeederCC BY-SA 3.0

Die Deutsche Aids-Hilfe sagt ganz klar

„Die Person, die geleckt wird, hat kein HIV-Risiko. Auch die Person, die leckt, muss sich wegen HIV keine Sorgen machen.“

weitere Informationen der DAH hier.

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Text zuletzt aktualisiert 24. Januar 2018

der Eiffelturm Dildo – ein wahrhaft monumentales Vergnügen

2011 beginnt eine eigenwillige Geschichte, die Entwicklung eines neuen Sextoys: der Eiffeltum Dildo .

Der Eiffelturm, Wahrzeichen von Paris und weltweit bekanntes Symbol Frankreichs, hat seit seiner Errichtung vor bald 125 Jahren bereits viel erlebt. Von Protesten und Spot bei Planung und Bau über jährlich wachsende Heerschaaren internationaler Touristen bis zu mehr oder minder amüsanten Filmen über seinen vermeintlichen stückweisen Verkauf zwecks Verschrottung.

Jetzt aber kann man den Eiffelturm endlich voll und ganz verinnerlichen: Der „Eiffel-Dildo“ alias „La tour est folle“ (Der Turm ist verrückt) sei eine „Hommage an unsere Dame aus Eisen, die ja auch bereits eine recht penetrierende Dimension besitzt„, wie Schöpfer Sébastien Lecca gegenüber der französischen Tageszeitung „Liberation“ erklärt.

der " Eiffelturm Dildo " in der Auslage eines Sexshops in Bordeaux
der “ Eiffelturm Dildo “ in der Auslage eines Sexshops in Bordeaux

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Erfindung des safer sex : Mai 1983 “How to Have Sex in an Epidemic“

Im Mai 1983 erschien die erste Broschüre, in der das HIV-Risiko vermindernde Sex-Verhaltensweisen für Schwule bejahend propagiert wurden – die Erfindung des safer sex :

30 Jahre safer sex “How to Have Sex in an Epidemic – die erste safer sex -Broschüre“

Im Mai 2013 jährt sich nicht nur die erstmalige Beschreibung von HIV als Erreger von HIV, sondern auch „die Erfindung von safer Sex“, die erstmalige Darstellung von ’safer sex‘ in einer Broschüre.

Am 20. Mai 1983 veröffentlicht Luc Montagniers Arbeitsgruppe ein Bild des neuen Erregers in der Zeitschrift “Science”. Und nahezu zeitgleich (und kurz nach Larry Kramers Wut-Rede „1,112 and counting“ vom 14. März 1983) erschien in den USA die Broschüre „How to have sex in an epidemic“ (Wie kann man Sex haben in Zeiten einer Epidemie?).

In den USA veröffentlichen der New Yorker Arzt Joseph Sonnabend und zwei seiner Patienten, der 1993 verstorbene Schriftsteller und Musiker Michael Callen und Richard Berkowitz (portraitiert in dem Dokumentarfilm ‘Sex positive’), eine der ersten umfassenderen Aufklärungsschriften: “How to Have Sex in an Epidemic“.

30 Jahre safer sex : How to Have Sex in an Epidemic (Berkowitz Callen Sonnabend 1983, Cover)
30 Jahre safer sex : How to Have Sex in an Epidemic (Berkowitz Callen Sonnabend 1983, Cover)

How to have sex in an epidemic: one approach” war die erste Sex bejahende Anleitung für risikomindernde Praktiken für schwule Männer. Sonnabend, Berkowitz und Callen propagieren darin u.a. als eine der ersten ‘Safer Sex’:

Sex doesn’t make you sick – diseases do… Once you understand how diseases are transmitted, you can begin to explore medically safe sex.

Der Ratgeber stand damit damals im Gegensatz zu den Vorschriften, die Ärzte Schwulen zu machen versuchten.

Die 40 Seiten umfassende Broschüre erschien erstmals im Mai 1983 in einer Start-Auflage von 5.000 Exemplaren.

Bereits zuvor, im November 1982, hatten Callen und Berkowitz (gemeinsam mit Richard Dworkin) unter dem Titel “We know who we are: Two Gay Men Declare War on Promiscuity” [2] einen Text im New York Native veröffentlicht, ein Vorläufer ihrer safer sex Broschüre und geradezu eine Manifest gegen Promiskuität (die sie nicht als unmoralisch, sondern als „ganz simpel gefährlich“ bezeichneten:

Diejenigen unter uns, die ein Leben exzessiver Promiskuität gelebt haben im schwulen Grossstadt-Zirkus zwischen Saunen, Darkrooms, Sexclubs und Cruisingbars wissen wer wir sind … Die Promisken unter uns saßen bisher während dieser Epidemie eher schweigend am Rand, und durch unser Schweuigen haben wir stillschweigend Spekulationen um einen neuen, mutierten Andromeda-Virus befördert. Wir schwiegen, weil wir nicht willens waren die Verantwortung zu übernehmen für die Rolle, die unser ausschweifendes leben in der gegenwärtigen Gesundheitskrise spielt. Aber tief in unserem inneren wissen wir, wer wir sind, und warum wir krank sind.“ [[2], Übersetzung UW]

Sie zeigten sich damit damals als Vertreter der ‘multifaktoriellen Hypothese’ zum Entstehen von Aids. Die ‘single factor theory’ setzte sich letztlich mit dem Entfdecken von HIV und der Erkenntnis, dass HIV die Ursache von Aids ist durch – doch Berkowitz ist sich noch heute sicher, dass es nur den Anhängern der Multi-Faktoren-Theorie möglich war. das Konzept des safer sex zu entwickeln:

“Safe sex was never – and could never – have been proposed in the terrifying early years by those who believed that if you had one broken condom you were dead. It was therefore left to the multifactorialists to invent safe sex.”

Eine weitere, ebenfalls zu dieser Zeit erschienene Broschüre, gilt ebenfalls als weiterer ‘Urvater’ des Safer Sex Konzepts: das Flugblatt ‘Play Fair!’ der Sisters of Perpetual Indulgence San Francisco (unter Leitung der ausgebildeten Krankenpfleger Sr. Florence Nightmare und Sr. Roz Erection).

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[1] Richard Berkowitz, Michael Callen: How to Have Sex in an Epidemic: One Approach
[2] Richard Berkowitz, Michael Callen, Richard Dworkin: “We know who we are: Two Gay Men Declare War on Promiscuity” New York Native, November 8—21, 1982
Michael H. Merson, Jeffrey O’Malley, David Serwadda, Chantawipa Apisuk: „The history and challenge of HIV prevention“ The Lancet. online, 6. August 2007 (pdf)
Huffington Post 06.02.2013: Saving Safe Sex: An Interview With Richard Berkowitz
International gay & Lesbian Review 2003: Stayin’ Alive: The Invention of Safe Sex
Sisters of Perpetual Indulgence: Play Fair! (1982)
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Therapien für „ungewollte Heterosexualität“ – LSVD Sachsen gründet Deutsches Institut zur Heilung von Heterosexualität

01.04.2013: Anlässlich der Gründung des Deutschen Instituts zur Heilung von Heterosexualität (DIHH) durch den LSVD Sachsen erklärt Dr. h. c. Christel Rebecca von Holdt, Leiterin des DIHH:

Dr. h. c. Christel Rebecca von Holdt, DIHH: Heilung von Heterosexualität ist möglich !
Dr. h. c. Christel Rebecca von Holdt, DIHH: Heilung von Heterosexualität ist möglich !

Tagtäglich haben sich Menschen, die unter ihren unerwünschten heterosexuellen Gefühlen leiden an den Lesben- und Schwulenverband Sachsen gewandt. Sie wünschten sich eine Entwicklung ihres homosexuellen Potentials, doch mussten sie lange Zeit enttäuscht weggeschickt werden. Mit dem Deutschen Institut zur Heilung von Heterosexualität (DIHH) können wir nun endlich fachkompetente Heteroheilungskurse anbieten.

Denn Heterosexualität ist nicht angeboren. Oftmals ist sie Folge sexuellen Missbrauchs, Verführung oder anderen traumatischen Erfahrungen. Laut langjährigen, intensiven Forschungen können heterosexuelle Empfindungen auch als Versuch angesehen werden, chronische Bindungsverletzungen aus der Kindheit auszugleichen. In der Heterosexualität werden aus der Kindheit stammende, ungestillte emotionale Bedürfnisse nach Zuwendung und Wertschätzung durch den gegengeschlechtlichen Elternteil sexualisiert. Allerdings bleibt Heterosexualität immer ein vergeblicher Versuch, denn sexuelles Verhalten kann niemals emotionale Verletzungen heilen.

Das DIHH bietet den betroffenen Heterosexuellen an, über mehrere Jahre bei uns zu leben. Mit vorurteilsfreien Gesprächen über ihre Sexualität, aber auch mit Hilfe von Rollenspielen und psychotherapeutischer Begleitung können sie ihre heterosexuellen Gefühle bei uns überwinden. Sie werden selbstbewusste, stabile und glückliche Lesben und Schwule. Diese Therapien werden häufig auch von den Krankenkassen übernommen.

Wir verstehen uns als Pendant zum bereits bestehenden „Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG)“ und möchten nun ebenfalls als Mitglied des Diakonie-Dachverbandes die Wahlmöglichkeiten in Sexualitätsheilungsfragen erweitern. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit dem DIJG, der Evangelischen Allianz oder der Organisation Wüstenstrom.

Der LSVD-Bundesverband begrüßt die Gründung des Instituts und wünscht zahlreiche Therapieerfolge. Bündnis 90/Die Grünen, die Linke, FDP und SPD haben ebenfalls ihre Unterstützung zugesagt. Einzig Bundeskanzlerin Merkel sowie einzelne Unionspolitikerinnen und -politiker zeigen sich skeptisch. Sie befürchten die Diskriminierung heterosexueller Minderheiten.

Mehr Informationen unter: www.mission-aufklaerung.de ; www.sachsen.lsvd.de

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Pressemitteilung des LSVD Sachsen