Homosexuelle und Aids in Frankreich in den 1980er Jahren – Reaktionen in französischen Schwulenszenen in den ersten Jahren der Aids-Krise

Homosexuelle und Aids in Frankreich in den 1980er Jahren – wie gestaltete sich in den ersten Jahre der Aids-Krise in Frankreich der Umgang schwuler Szenen mit der neuen Bedrohung? Manche Reaktionen erscheinen aus heutiger Sicht erstaunlich, andere vielleicht erschreckend, bis eine wirksame Community-Reaktion ausgebildet war. Drei Phasen lassen sich ausmachen.

Homosexuelle, von der Aids-Krise besonders betroffen, reagierten in Frankreich wie auch in Deutschland frühzeitig auf die Mitte der 1980er Jahre noch neue Bedrohung durch Aids. (Tipp: der Téchiné-Film ‚Les Temoins‘ (Wir waren Zeugen) erzählt sehr lebensnah und beispielhaft von dieser Zeit der ersten Aids-Jahre)

Bei einem Blick auf die frühen Jahre der Aids-Krise fällt allerdings auf: Die Reaktionen von Schwulen-Szenen und -Medien in Frankreich unterscheiden sich gerade in den ersten Jahren teils deutlich von jenen in anderen Staaten, z.B. (West-) Deutschland.

Eine Chronologie der ersten Jahre der Aids-Krise in Frankeich (stellenweise sind zum Vergleich auch Entwicklungen in West-Deutschland genannt):

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Arcadie (1954 – 1982) – beständigste Homosexuellen-Gruppe Frankreichs

Die französische Homosexuellengruppe Arcadie und ihre gleichnamige Zeitschrift wurden 1954 von André Baudry (1922 – 2018) gegründet. Baudry löste die Gruppe 1982 auf. Mit 28 Jahren Bestehen war sie die bisher wohl beständigste Gruppe und Zeitschrift Homosexueller in Frankreich.

Arcadie war eine Vereinigung von Männern, die sich lange Zeit eher mit dem Begriff Homophile (erstmals geprägt 1949 von Arendt van Sundhorst) wohlgefühlt haben mögen. Eine Gruppe der ‚zweiten Homosexuellenbewegung‚. Ihr Gründer und Doyen war André Baudry (1922 – 2018).

Arcadie Message de Jean Cocteau
Arcadie Message de Jean Cocteau (Arcadie Ausgabe Nr. 1, Januar 1954)

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André Baudry (1922 – 2018)

Der Philosopie-Professor André Baudry (1922 bis 2018) gründete in den 1950er Jahren die Homosexuellen-Gruppe Arcadie sowie deren geichnamige Zeitschrift. Die Gruppe war die wohl am längsten bestehende Homosexuellen-Vereinigung Frankreichs.

André Baudry – 1922 bis 2018

André Emile Baudry wurde am 31. August 1922 in Rethondes (Département Oise) geboren. Er wuchs zunächst in Senlis in einer bürgerlichen Familie auf. Nach dem Tod seiner Mutter 1930 schickte ihn sein Vater in ein Jesuiten-Kolleg in Laval. Dort lebt er bis zum 17. Geburtstag. Er erkrankte an Tuberkulose, verbringt lange Zeit in einem Krankenhaus und anschließend in einem Sanatorium in Ost-Frankreich.

Nach dem Krieg wird er Professor der Philosophie an einer Jesuiten-Privatschule in Paris. In Paris lernt er 1948 im Salon des Schriftstellers André du Dognon de Pomerait (geboren 1901, gestorben 1986 an den Folgen von Aids) Roger Peyrefitte und Jacques de Ricaumont kennen. Mit ihnen gründet der Priesteramtskandidat (der jedoch nie zum Priester geweiht wurde) 1954 die Homosexuellengruppe Arcadie und deren Zeitschrift Arcadie.

Nach dem Einstellen sowohl der Gruppe Arcadie als auch der Zeitschrift im Jahr 1982 lebte Baudry mit seinem Partner zurückgezogen nahe Neapel. Anfragen um Interviews und Hintergrundgespräche lehnte er, zunehmend verbittert, weitgehend ab, zumal wenn sie von Aktiven der 1970er Schwulenbewegung kamen (Ausnahmen z.B. Julian T. Jackson, Frédéric Martel).

André Baudry, Gründer von Arcadie, starb am 1. Februar 2018 im Alter von 95 Jahren in Neapel.

André Baudry und seine Haltung zu Homosexualität und Aktivismus

Bereits 1953 beteiligt er sich an (öffentlichen) Gesprächen im Debattier-Club ‚club du Faubourg‘, verteidigt offen Homosexualität. Ricaumont weist ihn u.a. auf Der Kreis hin, dessen französischer Korrespondent Baudry wird.  Dort veröffentlichte er bis 1954 unter dem Pseudonym André Romane zahlreiche Artikel über philosophische und religiöse Fragen. Zudem organisiert er ab Herbst 1952 Treffen von in Frankreich lebenden Kreis-Lesern.
Über Ricaumont kommt er in Kontakt mit dem 1951 in Amsterdam gegründeten ICSE International Committee on Sexual Equality. Deren vierter Kongress findet 1955 in Paris statt, organisiert von Arcadie, bis sich die Gruppe sehr kurz vor Konferenzbeginn zurückzieht. Hauptproblem war ein Streit darüber, ob Arcadie alleinvertretungsberechtigt für französische Homosexuelle sei.

Zu Zeiten von Arcadie wird Baudry oft vorgeworfen, ein bestimmtes Bild vom Leben Homosexueller zu haben und jegliche andere Wege zu verurteilen. Sein Ideal war eines des sexuell monogamen Paares. Cruising in Parks, Klappen, schwule Saunen, all dies lehnt er ab. Ebenso Tunten, Travestie.

„L’homosexuel effeminé qui cherche les mâles et l’homosexuel mâle qui cherche les effeminés ne sont pas de vrais homosexuels. La premeère charactéristique de l’homosexuel sera donc d’être lui-même mâle et de rechercher des autres mâles.“
(Der effeminierte Homosexuelle der Männer sucht, wie auch der männliche Homosexuelle der Effeminierte sucht, beide sind keine wahren Homosexuellen. Die erste Charakteristik des Homosexuellen ist selbst männlich zu sein und andere Männer zu suchen.‘ Übers. UW)

„Vous ne pensez qu’au sexe, vous allez dans les jardins et puis vous venez me rejoindre…“
(Ihr denkt an nichts als Sex, ihr geht in Parks, und danach kommt ihr hierher …‘ Übers. UW)

Michel Foucault bemerkte aus Anlass der Einstellung von Gruppe und Zeitschrift Arcadie über Baudry (in Liberation 12. Juli 1982, gezeichnet mit D.E.; Eribon berichtet 1994 in Michel Foucualt et ses contemporains es sei tatsächlich ein text von Foucault selbst)

„C’était là la folie prophétique de Baudry: faire admettre l’homosexualité dans les valeurs qui la condamment, un peu comme le prophèt rève de faire admettre le peuple du péché dans le giron du Dieu vengeur.“
[Darin lag Baudrys prophetischer Wahnsinn: Homosexualität zu einem Teil genau jener Werte zu machen die sie verdammen, ähnlich wie der prohet der davon träumt das Volk der Sünde in den Schoß des rachsüchtigen Gottes aufzunehmen.]

die 1970er Jahre – André Baudry und seine Gruppe Arcadie verlieren an Bedeutung

Die Ziele und Beweggründe der Schwulenbewegung der 1970er Jahre erschlossen sich Baudry nicht. „Sie haben keine Seele mehr, nur noch Körper„, bemerkte er einmal. Und bedauerte „meine spirituelle Hilfe ist nicht mehr gefragt„.

Dennoch blieb er aktiv und engagiert. 1970 (März, Radiosendung Campus auf Europpe 1) und 1973 (29. November 1973, France 1, als Gäste Baudry und Yves Navarre) war er der (m.W.) erste Homosexuelle, der in Frankreich offen in den Medien auftrat. 1975 trat Baudry in der ersten größeren Sendung des französischen Fernsehens ‚Les Dossiers de l’écran‚ über Homosexualität auf.

1981, in Frankreich zeichnete sich mit der anstehenden Wahl von Francois Mitterrand zum Präsidenten ein bedeutender gesellschaftlicher Wechsel ab, riefen Baudry persönlich wie auch Gruppe oder Zeitschrift (als eine von sehr wenigen Homosexuellen-Gruppen und -Medien) nicht zur Wahl von Mitterrand auf.

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Inversions – die erste schwule Zeitschrift Frankreichs

Inversions gilt als ‚erste schwule Zeitschrift Frankreichs‘. Sie erschien nur in vier Ausgaben in den Jahren 1924 und 1925.

Zwei Postbedienstete gründeten 1924 Frankreichs erste Homosexuellen-Zeitschrift. Inversions dans l’art, la littérature, l’histoire, la philosophie et la science erschien nur in wenigen Ausgaben. Beide wurden angeklagt und zu Haftstrafen verurteilt.

Inversions No. 1 November 1924 (Scan Spiessens, Lizenz cc-by-sa 3.0)
Inversions No. 1 November 1924 (Scan Spiessens, Lizenz cc-by-sa 3.0)

Inversions… dans l’art, la littérature, l’histoire, la philosophie et la science, revue française (1924) (Scan Spiessens, Lizenz cc-by-sa 3.0)

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eine schwule Lebensweise entwickeln

schwule Lebensweise – gibt es das? „Schwul zu sein bedeutet, glaube ich, nicht sich zu identifizieren mit den psychologischen Merkmalen und den sichtbaren Masken des Homosexuellen. Sondern es bedeutet zu versuchen eine Lebensweise zu definieren und zu entwickeln.“

Michel Foucault portrait by Paul Loboda be.net/Loboda_Paul (Lizenz cc-by-sa 4.0)
Michel Foucault portrait by Paul Loboda be.net/Loboda_Paul (Lizenz cc-by-sa 4.0)

Michel Foucault portrait by Paul Loboda be.net/Loboda_PaulLoboda.linuxOwn work CC BY-SA 4.0

„Etre gay, c‘est, je crois, non pas s‘identifier aux traits psychologiques et aux masques visibles de l‘homosexuel, mais chercher à definir et à développer un mode de vie.“
[Übers. oben: UW]

(Michel Foucault, ‚De l‘amitié comme mode de vie‘, in: Gai Pied April 1981, sowie Dits et Ecrits Nr. 293; deutsch zuerst in ‚Von der Freundschaft – Michel Foucault im Gespräch‚, Merve 1984)

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Michel Foucault wurde am 15. Oktober 1926 in Poitiers geboren. Er starb am 25. Juni 1984 in Paris. Das Grab von Michel Foucault befindet sich in Vendeuvre nahe Poitiers.

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die FHAR (Front homosexuel d’action révolutionnaire)

Der FHAR (Front homosexuel d’action révolutionnaire) war Anfang bis Mitte der 1970er Jahre die bedeutendste Gruppierung der französischen Schwulenbewegung. Aktivisten des FHAR waren später an zahlreichen Projekten von Gaie Pied bis Frequence Gaie maßgeblich beteiligt.

Der Front Homosexuel d’Action Révolutionnaire (FHAR; offiziell ‚Fédération Humaniste Anti-Raciste‘) war ein im Februar / März 1971 entstandener (eher lockerer) Zusammenschluss von Schwulen und Lesben. Er entstand in Paris in der Folge der französischen Studentenbewegung (Mai 1968), insbes. aus dem Zusammentreffen schwuler Aktivisten mit lesbischen Frauen aus der feministischen Bewegung, und im Widerspruch und Bruch mit weniger militanten Homosexuellen-Gruppierungen zuvor.

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Race d’Ep (Soukaz Hocquenghem 1979)

Race d’Ep – ein aus der Schwulenbewegung Frankreichs 1979 entstandener vierteiliger Dokumentarfilm über das Entstehen eines homosexuellen Selbstbewusstseins, von Lionel Soukaz und Guy Hocquenghem.

Die Schwulenbewegung entstand nicht in den 1960er Jahren, sondern bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts – dies ist der strukturierende Grundgedanke des französischen Dokumentarfilms ‚Race d’Ep‘. Bei dem Entstehen eines homosexuellen Selbstbewusstseins komme der gerade aufkommenden Photographie eine besondere Bedeutung zu, sie „schuf eine neue Defintion von Männlichkeit„, so die Autoren (die sich dabei implizit auf Foucault beziehen). Sie ziehen in 4 Teilen eine Linie von Gloeden über Hirschfeld  bis zu Guy Hocquenghem (der im vierten Teil selbst auftritt) – oder, wie der Film selbst sagt „de Gloeden jusqu’à la pornographie actuelle„.

Wie es zu dem Titel des Dokumentarfilms kam, berichtet Hocquenghem im Vorspann:

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Buchladen Männerschwarm – ein persönlicher Nachruf

Eine Legende geht – der schwule Buchladen Männerschwarm schließt nach 34 Jahren am 24. Januar 2015 für immer seine Pforten. Ein persönlicher Rückblick.

Es war wohl im Sommer 1981, als ich zum ersten Mal einige wenige steineren Stufen am Pferdemarkt in Hamburg erklomm, die Tür öffnete – und ein Paradies für mich entdeckte: den schwulen Buchladen Männerschwarm (der am 12. Juni 1981 frisch eröffnet hatte).

Buchladen Männerschwarm 2015, kurz vor der Schliessung
Buchladen Männerschwarm 2015, kurz vor der Schliessung

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Jean-Le-Bitoux-Platz – Montreuil ehrt Schwulenaktivist

ean-Le-Bitoux-Platz – einer der bedeutendsten Aktivisten der französischen Schwulenbewegung der 1970er und 1980er Jahre wird in Montreuil nahe Paris (Département Seine-Saint-Denis in der Region Île-de-France) geehrt. 2014 Ein Platz wurde nach dem 2010 verstorbenen Aktivisten für die Rechte von Schwulen und Lesben Jean Le Bitoux benannt.

Am Samstag 15. März 2014 wurde um 11:00 der Jean-Le-Bitoux-Platz (square Jean Le Bitoux) in Montreuil eingeweiht (Ecke rue Paul Bert). Bürgermeisterin Dominique Voynet hielt eine Rede. Anwesend waren u.a. auch Christophe Girard, der Bürgermeister der vierten Arrondissement von Paris, Pierre Serne, Leiter EELV Liste Vincennes (EELV = französische ‚Grüne‘), Jean-Luc Romero, Regionalrat für Ile-de-France, der Journalist und Schriftsteller Pierre Guénin, der Regisseur Alain Burosse, die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz sowie SOS Homophobie.

Yves Navarre und Jean Le Bitoux in Paris bei der Demonstration für Lesben- und Schwulen-Rechte, 4. April 1981 (Foto: © ClaudeTruong-Ngoc)
Yves Navarre und Jean Le Bitoux in Paris bei der Demonstration für Lesben- und Schwulen-Rechte, 4. April 1981 (Foto: © ClaudeTruong-Ngoc)

Yves Navarre et Jean Le Bitoux à la manifestation pour les droits gays et lesbiens, Paris 4 avril 1981.Claude TRUONG-NGOC (User:Ctruongngoc) – CC BY-SA 3.0

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