Oi! Warning (1999)

Der Film Oi! Warning der Brüder Reding wird 2019 bereits zwanzig Jahre alt. Ein auch queerer Independent Film über Aussteigen, über Skins und Punks, über Männlichkeitsphantasien, Autonomie und Träume erzählt eine auch heute sehr sehenswerte coming of age Geschichte.

Janosch, siebzehn Jahre alt, haut ab. Verlässt seine Freundin, seine Mutter, das Zuhause am Bodensee. Mit dem Roller auf nach Dortmund zu seinem langjährigen Freund Koma, den er schon von der katholischen Landjugend kennt. Koma und Janosch, Hauptfigur des Films, steigen aus ihren bisherigen Lebenswelten aus. Raus aus kleinbürgerlichem Mief – alles, nur das nicht.

Koma trainiert hart Thaiboxen. Das für ihn mehr ist als Sport. „Gleich allemachen. Nicht so halbe Sachen!“ Und Koma ist inzwischen überzeugter Skin geworden. „Parole Spaß – Mal zum Kühlschrank, mal zum Klo, sonst nur Rummachen. Wochenlang.“

Janosch ist begeistert von Koma und dessen Verwandlung. Blicke die auch Begehren erahnen lassen. Janosch folgt Koma,wird auch zum Skin. Ist Janoschs Begeisterung für Koma mehr als freundschaftlich? Seine Blicke scheinen es anzudeuten. Er wohnt zunächst bei Koma und dessen Freundin, übernimmt dessen Gewohnheiten, Klamotten, Stil. Doch beim Tätowierer trifft er zufällig auf Zottel, einen Punk, dessen Tattoo er bewundert. Zottel, eher das Gegenteil von Koma, beginnt ihn zu faszinieren, als er sieht wie dieser bei Blancas Geburtstag die Gäste mit Feuerspucken unterhält. Das will er auch lernen. Janosch besucht Zottel in seinem Bauwagen.

„Was hat keine Haare und kann nur ein Wort?“ (Zottel)
„Oi! – Ein Skin!“ (Janosch)
„Was hat Stachel und kann schon vier Wörter? – Haste ma ne Mark?“
„Ein Punk!“

Oi! Warning : Zottel – Darsteller Jens Veith bei einer Tonaufnahme – GraurheindorfCC BY-SA 3.0

Janosch und Zottel, der Möchtegern-Skin und der Punk – finden sie zusammen?

„Hey, das is nicht so dein Ding, Dreck Matsch Pampe – aber ich mag das.“ (Zottel zu Janosch)

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Männerphantasien, latent gewaltbereites Verhalten, Saufen Gegröle und verzerrte Gesichter, aggressive Kumpelhaftigkeit, Frauen die als Zuschauerinnen und Sexobjekte degradiert sind. Der Film zeigt Skinheads, die eher nicht politisch motiviert sind. Und doch eine Skin-Szene die wie eine eingeklemmte letzte Bastion abgestandener gewaltaufgeladener Männlichkeitsphantasien wirkt.

Der Punk Zottel wirkt hier geradezu als Gegenentwurf. Aussteiger auch er, doch auf eine fast verträumte Weise, friedlich, gelegentlich zärtlich, voller Phantasien und Träume. Wo der Skin Koma von Gegröle der Kameraden begleitet bei einem Boxkampf auf einen Unbekannten einprügelt, wird im Gegenschnitt Janosch gezeigt, Zottel beim Jonglieren beobachtend, begleitet von Vogelgezwitscher im Freien auf einer Obstwiese.

Die unterschiedlichen Freiheits-Entwürfe von Skin und Punk, hier fast Proll-Skin und Romantik-Punk, sie sind neben dem Verhältnis von Aussteigen und Gewalt eines der Themen des Films. Dass Koma zum Schluss der Box-Szene KO auf die Bretter geht und seinen Boxkampf verliert, wirkt hier wie ein didaktischer Regie-Kommentar, der dieser Deutlichkeit nicht einmal bedurft hätte. Koma hat mehr als nur einen Boxkampf verloren …

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Dominik und Benjamin Reding bereiteten den Film Oi! Warning fünf Jahre vor. Sie drehten mit Laien aus lokalen Skin- und Punk-Szenen und wenig erfahrenen Schauspielern. Die Dreharbeiten fanden in Hamburg, Bochum, Hagen, Iserlohn, Haltern, Dortmund, Lindau und am Bodensee statt.

Die Musik in Oi! Warning ist u.a. von Terrorgruppe (1993 – 2005, 2014; Deutschpunk / Aggropop, Berlin) und Smegma (1992 – 2000; unpolitischer Oi!-Punk, die Band äußerte sich immer wieder deutlich gegen rechts), im Film Auftritt unter dem Namen „rOi!mkommando„.

Oi! Warning wurde bei seinem Kinostart 2000 sehr kontrovers aufgenommen. Grobkörnige Gewaltästhetik, Selbstfindung in schwarz – weiß, Handlungsstränge und Figuren holzschnittartig gestrickt. ‚Prädikat wertvoll‘, urteilte die FBW.
Nach seinem Kinostart in Deutschland im Jahr 2000 wurde der Film – obwohl die Skins bei Oi! Warning unpolitische sind – als Teil der Debatten über den Tmgang mit neonazistischen tendenzen wahrgenommen. Mehrere Diskussionsveranstaltungen mit den Regisseuren in ostdeutschen Bundesländern mussten nach massiven Drohungen aus rechtsextremen Kreisen abgesagt werden, andere wurden niedergeschrieen.

„Was wir erreichen wollten ist, dass sich der Otto-Normal-Verbraucher fragt, wie eigentlich Homophobie entsteht und an welcher Stelle ein unpolitischer zu einem homophoben Mörder wird und das Opfer ein toller, queerer Mensch ist.“
(Dominik Reding, zitiert nach Homopunk History)

das Schlammbad – Ratten aller Länder vereinigt euch!

Das Schlammbad im Film Oi! Warning hat ein reales Vorbild und politischen Hintergrund …

28. Juni 1997. CSD in Berlin. Ganz am Ende der Parade, gemeinsam mit dem Wagen des SO36, eine riesige Ratte, und eine Badewanne gefüllt mit Schlamm – der ‚Rattenwagen‚ aus dem Umfeld des früheren Tuntenhauses (genauer: des zweiten Tuntenhauses Mainzer Strasse, das erste war Anfang der 1980er in der Bülowstrasse; vgl. u.a. Andreas Salmen). Motto: Ratten aller Länder, vereingt euch.

Ratten, das griff zurück auf eine Aussage des damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Landowski. Der am 27. Februar 1997 von der Verslummung Berlins sprach, von „Ratten … und Gesindel … Das muss in der Stadt beseitigt werden!„.

Mit Landowski und dem Rattenwagen wurde Schlamm kurzzeitig vom Fetisch zum Politikum. Und schwule Punks traten erstmals in Deutschland breiter an die Öffentlichkeit. Mit dabei in der Schlammbadewanne damals [wie Homopunk History Autor Philipp Meinert berichtet] Benjamin Reding (der zu der Zeit noch in Hamburg lebte), später mit seinem Bruder Dominik Regisseur und Produzent von Oi! Warning.
Der Rattenwagen war das erste große öffentliche Auftreten schwuler Punks in Deutschland – und ein Akt des Sichtbarmachens eines rebellischen, nicht angepassten Selbstverständnisses von Schwulsein.

Die Veranstalter des CSD fanden den Rattenwagen übrigens gar nicht witzig. Sie meldeten, Ausdruck ihres ‚Verständnisses‘ von queerer Solidarität, den Rattenwagen bereits während der ‚Parade‘ ab. Hinter dem Brandenburger Tor schritt die Polizei ein.
Bereits am Abend kam es zu einer kleinen spontanen Protest- Demonstration durch Kreuzberg – die indirekt der Auftakt war zu dem, was später der transgeniale CSD (vgl. transgenialer CSD 2008, transgenialer CSD 2012) wurde.

Und schwule Szenen entdeckten den Schlamm als Fetisch …

Ullis Karre wartet vor dem Ostgut / Lab, 2003

Oi! Warning als Schritt in die Welt des filmischen Umgangs mit Aids in Zeiten der Normalisierung

Das Schlammbad, das Zottel kurz vor Schluss des Films nimmt, und die hier noch offene Frage, ob das tatsächlich ’nicht so Janoschs Ding‘ ist, sie sind einer der zentralen Momente in der Darstellung der Beziehung zwischen Janosch und Zottel. Ein sexuell aufgeladener Moment – mit Hintergrund.

Gerade dem Schlammbad des Films kommt auch im Kontext schwule Sexualität und Aids eine besondere Bedeutung zu. Philipp Meinert berichtet in Homopunk History im Kontext des Rattenwagens 1997

Der lustvolle Umgang mit Dreck war laut Benjamin [Reding; d.Verf.] auch eine Antwort auf die endlosen Safer-Sex- und Reinheits-Diskussionen in denen z.B. ernsthaft darüber gestritten wurde, ob es beim ’safer‘ Küssen zum Speichel-Austausch kommen dürfe.“

Schlamm und Lust am Dreck als Kontrast, ja Kontrapunkt zu Sterilität und Reinheit.

Ende der 1990er Jahre. Wirksame Aids-Medikamente stehen (in Industriestaaten) breiter zur Verfügung. Aids beginnt nicht länger tödliche Drohung zu sein. Ein coming of age Film in dem Aids nicht stattfindet. Ein selbstbewusster junger Schwuler badet im Schlamm. Er genießt lustvoll Dreck Siff Matsch Unreinheit. Das ganze Gegenteil der sterilen reinen sauberen risikobefreienden Welt der Prävention. Lust und Dreck statt Reinheit und Angst.

Auf diese Weise gelesen kann Oi! Warning wenn auch nicht als früher post-Aids- Film, so doch als wichtiger filmischer Schritt der Befreiung, eines anderen (vor allem auch: weniger dominanten) Umgangs mit dem Thema Aids gelesen werden.

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„War einmal ein kleines Schwein
das grunzte frech und dreckig

und wenn es nicht gestorben ist
dann grunzt es noch heute
und wühlt mit Lust im Matsch herum
und versaut die braven Leute“

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Oi! Warning (aka: Oi! Warning – Leben auf eigene Gefahr; Arbeitstitel Fettes Gras)
Deutschland 1999, schwarz/weiß
Regie, Drehbuch & Produktion Benjamin & Dominik Reding

Erstaufführung 11. Juli 1999 (Los Angeles Outfest, Gay and Lesbian Film Festival)
Erstaufführung Deutschland 16. Februar 2000 Berlin, Berlinale (noch ohne Off-Kommentar von ‚Janosch‘)
Kinostart Deutschland 19.Oktober 2000

auch 2019 weiterhin als DVD erhältlich

ausgezeichnet mit
Outstanding Emerging Talent (Dominik & Benjamin Reding) – Los Angeles Outfest 1999
Max Ophüls Preis (Dominik & Benjamin Reding) – Max Ophüls Festival 1999
Lobende Erwähnung Kamera Spielfim (Axel Henschel) – Deutscher Kamera-Preis 1999
Filmpreis des DGB – Internationales Filmfest Emden 2000
Le Prix Spécial du Jury – 17. Festival International du premier Film d´Annonay 2000
Main Jury Award / Best Feature Film – Mezipatra, Czech Gay and Lesbian Film Festival 2003

der Wind wird uns tragen – le vent nous portera

Le vent nous portera – Ein kleiner Song einer französischen Rockband wird nach und nach zu einem viel gecoverten Indie-Hit.

2001 bringen Noir Desir auf ihrem Album Des Visages Des Figures einen Song, der zu einem kleinen Hit wird. Klang Le vent nous portera 2001 bei Noir Desir noch fast ein wenig zwischen Blues-Rock und Reggae, interpretierte Sophie Hunger ihn 2010 eher chansonhaft. Zahlreiche weitere Cover-Versionen folgen.

Mag das Leben noch so kompliziert sein, noch so viele Irrwege parat haben, Verletzungen, Hingabe und Wunden, mühsam sein und manchmal aussichtslos scheinen, der Wind wird uns tragen.

Ein Lied über Unabhängigkeit, Zärtlichkeit und Spuren. Keine Angst vor dem Weg haben. Jegliche Wendung des Weges mitgehen, bis es gut ist. Denn der Wind wird uns tragen.

Le vent nous portera / Noir desir (2001)

Bereits in den 1980er Jahren entstand in Bordeaux die Rockband Noir Desir, getragen insbesondere von Frontman Bertrand Cantat (geb. 5.3.1964 in Pau) und Serge Teyssot-Gay (geb. 16.5.1963 in Saint-Étienne). Eine Gruppe mit einer sich durch die Alben ziehenden Geschichte sehr kritischer Texte, engagiert antifaschistisch, antirassistisch, Kapitalismus-kritisch, Globalisierungs-kritisch.

Noir desir gilt, so laut.de, „neben Mano Negra als wichtigster Vorreiter für den modernen französischen Rock“. Bald wurden sie eine der populärsten französischen Rock-Gruppen (mit zeitweise Anklängen von Punk).

2001 veröffentlicht Noir Desir das Album Des Visages Des Figures. Darauf als dritter Track Le vent nous portera. Eine leichte, fast gefällig in einem dem Reggae nahen Stil daher kommende Musik (aufgenommen mit Manu Chao (geb. 21.6.1961 Paris) als Gitarristen).

Le vent nous portera erscheint bald als erste Single-Auskopplung aus dem Album, wird ein Independant-Hit und erreicht Chart-Plätze (Italien z.B. 4 Wochen Nr. 1). Das zugehörige unter der Regie des französischen Musikvideo-Regisseurs Alexandre Courtes entstandene Video wird 2001 als Music Video of the Year ausgezeichnet.

Le vent nous portera / Sophie Hunger (2010)

Im Jahr 2010 covert die Schweizer Sängerin Sophie Hunger den Song Le vent nous portera auf ihrem selbst produzierten zweiten Studio-Album 1983 als siebten Track.

Die schweizer Sängerin und Songwriterin Sophie Hunger beim Rocken am Brocken 2016 in Elend/Deutschland


Die schweizer Sängerin und Songwriterin Sophie Hunger beim Rocken am Brocken 2016 in Elend/Deutschland © Vincent Eisfeld / vincent-eisfeld.de / CC-BY-SA-4.0

Hungers Chanson-Version von le vent nous portera wird im Jahr 2018 Titelsong der Arte- Miniserie Fiertés – Mut zur Liebe über drei Jahrzehnte gesellschaftlichen Kampf für die Rechte Homosexueller und gegen Aids.

Le Vent nous Portera / weitere Cover-Versionen

Le vent nous portera wird im Laufe der Jahre ein Indie-Hit. Bertrand Cantat selbst singt dieses ‚kleine Chanson‘ weiterhin bei seinen Auftritten [Video 2018 in Lyon].

Im Laufe der Zeit wird der Song von zahlreichen Interpret_innen gecovert. Element of Crime singen ihn 2009 auf ihrem Album Fremde Federn (Track 17), eigentlich aufgenommen 2009 als Bonustrack des Albums „Immer da wo du bist bin ich nie“.

Der Indie-Rock-Chor Scala & Kolacny Brothers sind das Lied 2011 im Stil fast einer Happy Music mit Frauen-Chor und frühen Mickey-Comics [Video].

Einige weitere Beispiele: Das Jazz-Ensemble Mea Culpa aus Montreal interpretiert es neu [Video]. Ganz akustisch 2017 Cybèle Castoriadis und Orestis Kalampalikis [Video]. Ebenfalls akustisch 2010 Les Charbonniers de l’enfer [Video]. Oder ganz klein 2018 als jours hereux [Video].

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CSD Oldenburg 2018

Rekord-Beteiligung beim CSD Oldenburg 2018 – geschätzt 16.000 Menschen beteiligten sich am CSD in Oldenburg am 16. Juni 2018, in der Parade und als Zuschauer am Wegrand.

„Was wollt ihr denn noch? Akzeptanz!“, unter diesem Motto demonstrierten Tausende am 16. Juni 2018 durch die Oldenburger Innenstadt. 34 Gruppen beteilgten sich. Die Polizei schätzte die Zahl der Teilnehmer an der Parade auf 11.000. Etwa 5.000 Teilnehmer an der Wegstrecke kommen hinzu laut Sprecher des CSD Oldenburg 2018.

„CSD Oldenburg 2018“ weiterlesen

Cruising (Film) – ‚homophobes Machwerk‘ & ‘Teil der queeren Geschichte’

Er führte zu heftigen Kontroversen und Debatten um Homophobie, und geriet schnell wieder in Vergessenheit: der Film ‚Cruising‘ von William Friedkin aus dem Jahr 1979/1980 mit Al Pacino in der Hauptrolle. Der Film „Cruising“ – ein ‚homophobes Machwerk‘ ? und zugleich ‘Teil der queeren Geschichte’.

‚Cruising‘

Ein heißer Sommer in New York. Eine Mordserie wühlt die schwulen Lederszene des ‚West Village‘ auf. Leichenteile schwimmen im Hudson River – die Polizei vermutet einen Serien-Killer, der seine Opfer in Schwulen-Bars kennen lernt. Undercover wird ein den Opfern ähnlich aussehender Polizist (Al Pacino als Steve Burns) in die Szene eingeschleust (ebenfalls ein ‚Lockvogel‘, wie im Plot des meisterhaften Romans The Lure von Felice Picano), dem sadistischen Täter auf der Spur. Der (nota bene heterosexuelle) Polizist entdeckt in den Bars des Village eine Szene (unterlegt von Punk und Musik u.a. von Willy de Ville) der Drogen und des hemmungslosen Sex – und sieht sich mit seinen eigenen homosexuellen Anteilen konfrontiert. Er verdächtigt bald einen Barkeeper als Täter, von dem die Polizei mit Gewalt ein Geständnis  zu bekommen versucht. Doch die Spur erweist sich als falsch. Ist der wahre Täter unter den Schwulen zu suchen? Oder an ganz anderer Stelle?

‚Cruising‘, US-Trailer 1980:

William Friedkin drehte den Film ‚Cruising‘, zu dem er auch das Drehbuch verfasste, auf Basis des gleichnamigen 1970 veröffentlichten Romans des ‚New York Times‘-Autors Gerald Walker.

Friedkin filmte großenteils vor Ort in New Yorks Schwulenszene, im Greenwich Village, in schwulen Bars wie ‚Badlands‚, ‚Eagles Nest‚, ‚Ramrod‚. Und er zeigte ursprünglich viel vom schwulen Leben in den Bars. Friedkin selbst wies später darauf hin, dass der Film zunächst länger gewesen sei. Um eine bessere Einstufung der Behörden zu bekommen als das ursprüngliche X-Rating (‚aufgrund sexueller oder gewalttätiger Inhalte nicht für Jugendliche geeignet‘), habe er etwa 40 Minuten mit Szenen aus New Yorker Schwulen-Bars entfernt, überwiegend Sex-Szenen.

Uraufführung von ‚Cruising‘ war am 8. Februar 1980 (Release 15.2.1980) in New York. Die Kritiker zeigten sich von dem Film wenig angetan, an den Kinokassen war er international mäßig erfolgreich. Auch in Deutschland war ‚Cruising‘ kein großer Kassenschlager – nur 550.000 Zuschauer wollten den Film sehen.

‚Cruising‘ wurde für einen Preis nominiert: 1981 gleich dreifach für die ‚Goldene Himbeere‘ ‚(1st Golden Raspberry Award‘), in den Kategorien schlechtester Film, schlechtestes Drehbuch und schlechteste Regie. Es blieb die einzigen Preis-Nominierung dieses Films.

Das „Lexikon des Internationalen Films“ beschreibt ‚Cruising‘ trocken folgendermaßen:

„In der übertrieben auf nervenzerrende Effekte getrimmten Story mit brutal inszenierten Morden geht die Thematik von der Brüchigkeit humaner und sozialer Normen schnell verloren. Den Film interessiert allein die atmosphärische Ausbeutung des Milieus, das er als Inferno darstellt.“

Cruising – Proteste schon vor der Premiere

Bereits bei den Dreharbeiten zu ‚Cruising‘ kam es zu Protesten von Schwulen, die Dreharbeiten wurden gestört (auch wenn gleichzeitig Teile der schwulen Leder- und S/M-Szene New Yorks begeistert an den Dreharbeiten als Statisten mitwirkten). Über eintausend Demonstranten forderten in einem Protestmarsch die Stadt New York auf, ihre Unterstützung bei den Dreharbeiten zu beenden.

Demonstranten befürchteten, der Film könne zu einem Anstieg der Hass-Verbrechen (hate crimes) gegen Schwule führen. Insbesondere drei Dinge standen im Mittelpunkt dieser Proteste: die Gleichsetzung von schwuler Subkultur und Gewalt, die heterosexualisierte Sicht auf Schwule sowie besonders, dass die Hauptperson des Films mit dem Entdecken der eigenen Homosexualität psychotisch wird und zu morden beginnt (ein Vorwurf, dem Friedkin mit einem anderen Schnitt des Film-Endes, der diese Deutung offen lässt, meinte begegnen zu können).

Hauptdarsteller in Cruising - Al Pacino 1996 bei den Filmfestspielen in Cannes (Foto: G. Biard)
Hauptdarsteller in Cruising – Al Pacino 1996 bei den Filmfestspielen in Cannes (Foto: G. Biard, Lizenz cc by-sa 3.0)

Al Pacino at the Cannes film festival – Georges Biard – CC BY-SA 3.0

Friedkin betonte angesichts der bald einsetzender Proteste, ‚Cruising‘ handele nicht von Homosexualität, er fälle keine Werturteile (eine Sichtweise, die er auch 2007 in einem Interview wiederholte).

„I’m trying to present a portrait of a group of people who get their sexual kicks in ways that society doesn’t approve, but I’m making no personal judgement of these people.“

Genau diese Beurteilungen würden – selbst falls Friedkin recht haben sollte – dennoch vom (fehlinformierten, vorurteilsbehafteten) Zuschauer getroffen, entgegneten ihm Kritiker. Umso mehr, als der Film sich um Authentizität bemühte.

Bald ergänzte Friedkin auf Anraten des um Rat gebetenen schwulen Autors John Rechy den Film um den Hinweis (der später in der 2007/2008-DVD-Version des restaurierten Films wieder fehlt):

„This film is not intended as an indictment of the homosexual world. It is set in one small segment of that world, which is not meant to be representative of the whole.“

Später allerdings merkte Friedkin an, dieser Hinweis sei ihm vom Verleiher United Artists „zur Beschwichtigung der Schwulengruppen“ aufgenötigt worden, damit der Film überhaupt zur Aufführung gelangen könne. Vito Russo, schwuler Film-Historiker, hingegen kommentierte in ‚The Celluloid Closet‘ trocken, welcher Regisseur würde solch eine Anmerkung ergänzen, wenn er wirklich überzeugt sei, dieser Film würde nicht als Darstellung der Schwulenszene in ihrer Gesamtheit gesehen werden. Diese Anmerkung sie „ein Schuldeingeständnis“:

„This disclaimer is an admission of guilt.“

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Al Pacino äußerte sich im Dezember 1979 (vor Uraufführung des Films 1980) im Interview mit Lawrence Grobel zu ‚Cruising‘. Der Film sei sein kontroversestes Projekt. Beim Lesen des Drehbuches sei ihm nie der Gedanke gekommen, der Inhalt könne homophob (‚antigay‘) sein. Er habe sich nicht vorstellen können, dass der Film solche Reaktionen hervorrufe. Vielleicht sei er mit seiner heterosexuell geprägten Herangehensweise nicht sensibel genug mit dem Thema umgegangen. Falls die Schwulen-Community sich in schlechtem Licht dargestellt fühle, auch wenn er das nicht hoffe, sei es gut wenn sie protestiere.

Auch 2008, ebenfalls im Gespräch mit Grobel (in: Lawrence Grobel: Al Pacino), bestätigte Pacino, ‚Cruising‘ sei sein kontroversestes Projekt gewesen, einfach kein sehr guter Film, aber nicht sein schlechtester Film.

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The phobia that that film refelcted seemed to anticipate the widespread renewal of fear and suspicion and supersticion that began as the first recorded deaths from AIDS began to be reported in the autumn of 1981.
(David Robinson über Friedkins ‚Cruising‘, European gay review Nr. 2, 1987)

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William Friedkin ‚ Cruising ‚ – ein Wiedersehen nach 30 Jahren (das ich nicht wiederholen muss) (10. Juli 2012)

Arte zeigt am Montag 9.7.2012 um 22:10 Uhr (Wiederholung 26.07.2012 um 00:50 Uhr) den Film ‚Cruising‘ mit Al Pacino in der Hauptrolle – ein ’sehenswertes homophobes Machwerk‘, das zudem nicht ganz unbedeutend ist in der Geschichte der Darstellung Schwuler im Film.

Homophobie – kann die sehenswert sein?

Ja – denn ‚Cruising‘ scheint mir für einige Mechanismen, Argumente und Denkweisen homophober Darstellung von Homosexuellen geradezu exemplarisch zu sein.

Nach über 30 Jahren sehe ich wieder den Film ‚Cruising‘ mit Al Pacino. Damals, Anfang der 1980er Jahre, empfand ich ‚Cruising‘ als ‚homophobes Machwerk‘. Konnte die massiven Proteste, die der Film in den USA, besonders in New York auslöste, nur zu gut verstehen.

Inzwischen sind über 30 Jahre vergangen. Die Rezeption des Films ist teils eine andere als damals, lese ich beim Recherchieren im Internet. Selbst das französische Schwulen-Magazin ‚Tetu‘ sieht in dem Film heute einen „gut gemachten Thriller“ („Avec le recul, on découvre aujourd’hui un thriller très bien mené …“).

Wie empfinde ich den Film ‚Cruising‘ heute – 30 Jahre später?

Nein, dies wird kein Versuch einer dilettierenden ‚Film-Kritik‘.

Stattdessen:
Spontane Gedanken, gesammelte Impressionen, Ideen, mit der Frage im Hintergrund, wie homophob der Film auf mich heute wirkt – oder vielleicht auch nicht. Impressionen, live mitgeschrieben, während ich auf Arte den Film schaue, und hinterher nur leicht redigiert:

  • In Teilen der der im Film dargestellten schwulen Szene fühle ich mich seltsam ‚zuhause‘. Ein Flashback in eine Zeit vor Aids, eine Zeit, die ich glücklicherweise erleben durfte.
  • Ist mir damals gar nicht aufgefallen, wie gut die Musik zum Film ist? War das Willy de Ville mittenmang?
  • die Leder- / SM-Kerle in den Bars wirken auf mich oft wie dahin gestellt, seltsam dressiert, Staffage, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Nicht wie eine lebendige Leder-Kneipen-Szene. Andererseits, vorgeführt werden sie nicht.
  • die Phasen, in der der Cop seine eigenen schwulen Anteile entdeckt, befremden. Darsteller wirken auf mich stellenweise wie aufgezogene Tanzbären, unter Drogen verändert er sich,  der Zuschauer wendet sich innerlich ab, der Cop wird schwul angesichts der (ihn umgebenden, schwulen) Verhältnisse, und zuhause wartet sehnsüchtig sein braves Mädchen, die Wohnung geputzt, das Essen steht bereit – wie homophob ist das?
  • SM-Praktiken werden als Schocker, als Grusel-Panoptikum präsentiert. Die beteiligten Schwulen als bizarre abschreckende Gestalten dargestellt – die dann unter Druck (Skip, der fälschlicherweise verdächtigte Schwule) sofort zu weinerlichen Memmen werden. Womöglich noch mit Vater-Komplex. Befremdlich wirkt das auf mich. Homophob?
  • Irgendwann gegen Ende des Films frage ich mich: gibt es in dem Film eigentlich auch sympathisch dargestellte Homos, irgendwann? Und finde keine Antwort.
  • ‚heterosexualisierte Präsentation von Schwulen‘? Ja, diesen Vorwurf kann ich nachempfinden. Warum? Es ist zunächst nur ein mitschwingender, doch immer wieder anklingender Eindruck. In dem Film scheint einer von zwei Schwulen immer der harte Kerl, der andere der Softi, oder gar die Memme sein zu müssen. Angst (der handelnden Personen) wird zu oft mit Schwäche assoziiert. Zwei Männer begegnen sich (im Film) fast immer nur im Kräftemessen, im ‚wer ist der stärkere, wer hat den längeren‘.

Der Film ist zuende. Wie war’s?
– denn Plot finde ich eigentlich vergleichsweise langwelig. Das Gefühl bleibt zurück ‚hätte man mehr draus machen können‘.
– der Schluss ist, insbesondere wenn man die friedkinschen Veränderungen am Schluss nicht kennt, unbefriedigend bis langweilig.
– Esprit, Witz, gar Ironie funkeln in ‚Cruising‘ nur äußerst versteckt und sehr selten auf.
– Mir fällt auf, der ‚Rechy-Satz‘ fehlt (wie auf der 2007er DVD).
– Seltsam, während des ganzen Films hab ich nicht an Aids gedacht. Aber jetzt hinterher. Wie viele der Darsteller, der Komparsen, leben wohl heute noch? Friedkin selbst wies in einem Interview darauf hin, dass viele der am Film Beteiligten an den Folgen von Aids gestorben sind. Al Pacino äußert sich in Interviews selten zu diesem Film. Scheint ihn beinahe zu meiden. Nun würde mich noch mehr interessieren warum.

Warum der Film von einigen Kritikern heute geradezu gefeiert wird, kann ich nicht nachvollziehen. Als Thriller finde ich ihn (heute) mäßig (Tetu irrt hier m.E.), als Krimi nur bedingt unterhaltsam. Interessant höchstens als ‚Blick zurück‘, auf eine schwule Welt, die nicht mehr ist.

Zusammengefasst:

  • heterosexualisierte (heteronormative?) Präsentation von Schwulen? Ja – diesen damaligen Vorwurf kann ich auch heute verstehen (s.o.).
  • Homophobie? Ja, es gibt Szenen, Grundhaltungen in dem Film, bei denen ich Homophobie als latent im Hintergrund mitschwingend empfinde.
  • einige damalige Reaktionen empfinde ich heute als überspitzt. Einige damalige Aufregungen kann ich heute nicht mehr ganz verstehen.
  • ich frage mich aber, ob der Film damals zugespitzt, über-kritisch wahrgenommen wurde, oder ob nur mein Urteil heute, älter, mit Abstand, milder ausfällt?

insgesamt: möge die Zeit über den Film hinweg gehen …

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Die Rezeption von ‚Cruising‘ hat sich im Laufe der Zeit verändert. Äußerungen mancher Kritiker sind milder geworden. Bill Krohn bezeichnet ihn 2004 als eine „offensive Anomalie“ und „seiner Zeit voraus„. Adrian Martin feiert ‚Cruising‘ gar 2008 als ‚Meisterwerk des Kinos der 80er Jahre‘, interpretiert ihn als Film über ein ganzes soziales System aus sexueller Repression und mörderischen Impulsen („entire social system running on sexual repression and twisted, murderous impulses„).

ARTE selbst kommentiert die Ausstrahlung 2012 mit den Worten

„Tatsächlich ist der Film mehrdeutig, was seine Darstellung der Schwulenszene angeht, und viel hängt von der Wahrnehmung der schonungslos inszenierten Bilder ab.“

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Über ‚Cruising‘ ist die Zeit hinweg gegangen, der Film ist heute nur noch wenig bekannt.

‚Cruising‘ allerdings hatte, gerade aufgrund seiner latenten Homophobie, doch eine Wirkung: der Film wurde zum Auslöser massiver Proteste in den USA. Und führte so dazu, dass Hollywood sich erstmals massiv  mit Kritik daran konfrontiert sah, wie es bisher Schwule und Lesben darstellte. „Schluß mit dem ‚queer bashing‘!“, war dieser Tenor der Proteste.

Damit wurde ‚Cruising‘ auch, wie Raymond Murray, Herausgeber einer US-Enzyklopädie schwuler und lesbischer Filme, 1995 vermerkte, Synonym dafür, „wie ein verängstigtes Hollywood eine entrechtete Minderheit behandelte“ – und ist auf diese Weise doch „Teil der queeren Geschichte“.

Liquid Sky (1982) – New Wave Kult Film

Liquid Sky – der New Wave Film von Slava Tsukerman aus dem Jahr 1982 wird in New York längst als legendärer Kultfilm betrachtet – in Deutschland ist er inzwischen nahezu unbekannt. 2018 wurde eine restaurierte Fassung in 4K Abtastung auf BluRay veröffentlicht.

Liquid Sky Regisseur Slava Tsukerman und Schauspielerin Anne Carlisle 2017 (Foto: Pburka, Lizenz cc by-sa 4.0)
Liquid Sky Regisseur Slava Tsukerman und Schauspielerin Anne Carlisle 2017 (Foto: Pburka, Lizenz cc by-sa 4.0)

Director Slava Tsukerman and actor Anne Carlisle at a screening of Liquid Sky at the Quad Cinema, New York City, May 28, 2017Pburka – CC BY-SA 4.0

Liquid Sky

In einem Apartment mit Dachterrasse in Manhatten lebt ein lesbisches Paar. Margaret, aus Conneticut stammend, ist enttäuscht von New York. Ihre mit Heroin (im US-Slang: Liquid Sky) dealende Freundin Adrian ist Musikerin und Performance Künstlerin, spielt auf einer Rhythm Box, die sie sich umgehängt hat.

Auf Margarets Balkon landet ein tellergroßes Ufo. Nicht weiter besorgniserregend, doch  … die Außerirdischen, denen Johann, ein deutscher Wissenschaftler schon auf der Spur ist, haben ein seltsames Bedürfnis. Sie ernähren sich von Endorphinen, genauer sie verschlingen Margarets männliche Sex-Partner im Moment von deren Orgasmus. Margaret selbst überlebt – sie kommt nie zum Organmus mit Sexpartner_innen, an denen sie nicht wirklich interessiert zu sein scheint. Und das bisexuelle Modell ist bereit den Aliens reichlich Nahrung zuzuführen … während unterdessen der asexuell erscheinende deutsche UFO-Forscher versucht, die Aliens einzufangen und zu untersuchen.

Tsukerman selbst sagt über Liquid Sky

„My basic idea behind Liquid Sky was creating a parable which would include most of the hot mythical topics of the period: sex, drugs, rock ’n’ roll, violence, aliens from the outer space. The story of Cinderella was the basic … This story was very often used in traditional Hollywood, as the embodiment of the American dream: the American Cinderella always finds her Prince Charming. I thought that the post-punk Cinderella of the ‘80s wouldn’t be able to find her prince among the men surrounding her. Her Prince Charming, ironically, would come in a small flying saucer from outer space.“

Liquid Sky – ein queerer Science Fiction ?

Ein Avantgarde – Science Fiction in fast Warhol-artigem Stil. Post Punk gemischt mit New Yorks New Wave – Szene der frühen 1980er Jahre. Gedreht überwiegend tatsächlich in Neon-Beleuchtung. Eine Filmmusik, die die Club-Szene und den baldigen ElectroClash beeinflusste. Ein Aufeinandertreffen von Sexualitäten jenseits starrer Geschlechterrollen, Drogenkonsum und Cybertech. Ein ’science fiction queer movie‘ ?

„Whether or not I like someone doesn’t depend on what kind of genitals they have.”
(Margaret zu Paul, der sie fragt ob sie auch mit Frauen Sex habe)

who we are is a cretive act
(Anne Carlisle in einem Interview 2017)

Anne Carlisle spielt in beeindruckender Weise in Doppelrolle sowohl das bisexuelle biologisch weibliche Modell Margaret als auch den drogengebrauchenden biologisch männlichen androgynen Jimmy.

Liquid Sky – ein ‚Film vor Aids‘ ?

Orgiastische Sexualität, Drogen und Tod. Ein Film über ‚orgamsms killing people‚  – auch eine Metapher auf die sehr frühen Jahre der Aids-Krise?

Sätze wie „doesn’t that mean orgasms are dangerous“ oder „I’m killing all the people that I fuck“ können – von später, vonn den Aids-Jahren aus betrachtet – auch anders als ’nur‘ queeerer Science Fiction gelesen werden. Der Schluß des Films, wenn nach und nach immer mehr Neon-Lichter verlöschen, wird so auch zu einem Abgesang auf eine Zeit vor Aids.

Im Jahr 1982 erfolgten bereits 539 Aids-Diagnosen in New York,2 12 New Yorker_innen waren bereits an den Folgen von Aids verstorben. Und nur wenige Monate später im März 1983 verfasst Larry Kramer seine Wut-Rede „1,112 and counting“.

Slava Tsukerman

Slava Tsukerman wurde 1940 in Moskau geboren. Die einzige Filmschule des Landes nahm jährlich nur 15 neue Schüler auf – er war nicht dabei. Stattdessen studierte er Technik, näherte sich dem Film von dieser Seite. Begann mit Wissenschafts-Dokumentationen. 1961 erster Film I Believe in Spring.

1973 emigieren Tsukerman und seine Ehefrau Nina Kerova, ausgebildete Schauspielerin, nach Israel. Mit einem der dort realisierten Dokumentarfilme nimmt er an einem Filmfestival in den USA teil – und entdeckt New York als ‚Zentrum der kulturellen Freiheit‚.

1976 ziehen beide nach New York. Zunächst dreht er zahlreiche Dokumentarfilme, oft über die Zeit des Endes der Sowjetunion.

Anne Carlisle

Anne Carlisle studierte in New York Fine Arts. Bei einem Casting lernte sie Slava Tsukerman kennen.

2017 kommentierte sie Liquid Sky, in dem Film seien viele Personen darmaturgisch verdichtet, so auch ein Bekannter, der sie immer ‚chicken woman‚ nannte. Zu möglichen Bezügen zur baldigen Aids-Krise bemerkte sie „they were dying of Aids, but nobody knew whta it was yet.“

Nach Liquid Sky und einigen kleineren rollen machte Carlisle ihren master inn Art Therapy. Sie arbeitete mit Aids-Patienten, später Obdachlosen.

Liquid Sky – Adrian and Margaret

Liquid Sky – Produktionsnotizen

Der Film hatte ein sehr begrenztes Budget von etwa einer halben Million US-Dollar bei 28 Drehtagen. Teile des Films wurden in Tsukermans damaligem Apartment in Manhatten gedreht. Nahezu die Hälfte des Materials wurde unter Neon-Licht gedreht (was sich bei der Restaurierung als Herausforderung erweis).

Anekdote am Rand: während des Putsches im August 1991 soll dem unter Arrest gestellten Gorbatschow und seiner Frau Raisa ein wenig Unterhaltung gestattet worden sein – der Film Liquid Sky.

In New York und anderen Städten der USA lief der Film vier Jahre in einzelnen Kinos. Auch international war der Film ein großer Erfolg, besonders in Japan und West-Deutschland.

Liquid Sky war lange Zeit nahezu nicht zu sehen. Eine VHS, später Laser Disc Version und DVD waren m.W. nur in den USA erschienen und längst vergriffen. Im Streaming ist er nicht verfügbar. Im Kino waren keine Kopien mehr, einzig Tsukermans private Kopie wurde sehr selten in New York gezeigt.

Bis jetzt. Der Film erschien im März 2018 in restaurierter Fassung in Kinos (in den USA) sowie im April 2018 als BluRay (USA, Region 0). Dafür wurde der Film nicht nur restauriert, sondern neu abgetastet in 4K – Auflösung vom 35mm-Negativ und farbkorrigiert.

Tsukerman und Carlisle arbeiten zudem an einem Konzept für ein Sequel.

 

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Liquid Sky
USA 1982, 112 Minuten
Regie Slava Tsuzkerman
Kamera & sepcial effects Yuri Neyman
Buch Slava Tsukerman, Anne Carlisle, Nina V. Kerova
Produktion Nina V. Kerova
Darsteller_innen Anne Carlisle, Paula E. Sheppard, Susan Doukas, Otto von Wernherr, Bob Brad
Musik Slava Tsukerman, Brenda I. Hutchinson, Clive A. Smith

Uraufführung August 1982 Montreal World Film Festival
Kinostart USA 15. April 1983
Kinostart West-Deutschland 14. Oktober 1983

1982 Special Jury Price, Montreal World Film Festival
Special Jury Prize for Visual Impact, Cartagena Film Festival
Audience Award, Sydney International Film Festival
Special Prize of the Jury, Brussels International Film Festival
Special Jury Prize, Manila International Film Festival

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Text zuletzt aktualisiert 30. April 2018