Cruising (Film) – ‚homophobes Machwerk‘ & ‘Teil der queeren Geschichte’

Zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2019 um 12:07

Er führte zu heftigen Kontroversen und Debatten um Homophobie, und geriet schnell wieder in Vergessenheit: der Film ‚Cruising‘ von William Friedkin aus dem Jahr 1979/1980 mit Al Pacino in der Hauptrolle. Der Film „Cruising“ – ein ‚homophobes Machwerk‘ ? und zugleich ‘Teil der queeren Geschichte’.

‚Cruising‘

Ein heißer Sommer in New York. Eine Mordserie wühlt die schwulen Lederszene des ‚West Village‘ auf. Leichenteile schwimmen im Hudson River – die Polizei vermutet einen Serien-Killer, der seine Opfer in Schwulen-Bars kennen lernt. Undercover wird ein den Opfern ähnlich aussehender Polizist (Al Pacino als Steve Burns) in die Szene eingeschleust (ebenfalls ein ‚Lockvogel‘, wie im Plot des meisterhaften Romans The Lure von Felice Picano), dem sadistischen Täter auf der Spur. Der (nota bene heterosexuelle) Polizist entdeckt in den Bars des Village eine Szene (unterlegt von Punk und Musik u.a. von Willy de Ville und den Germs (mit ihrem nicht offen schwulen Sänger Draby Crash)) der Drogen und des hemmungslosen Sex – und sieht sich mit seinen eigenen homosexuellen Anteilen konfrontiert. Er verdächtigt bald einen Barkeeper als Täter, von dem die Polizei mit Gewalt ein Geständnis  zu bekommen versucht. Doch die Spur erweist sich als falsch. Ist der wahre Täter unter den Schwulen zu suchen? Oder an ganz anderer Stelle?

‚Cruising‘, US-Trailer 1980:

William Friedkin drehte den Film ‚Cruising‘, zu dem er auch das Drehbuch verfasste, auf Basis des gleichnamigen 1970 veröffentlichten Romans des ‚New York Times‘-Autors Gerald Walker.

Friedkin filmte großenteils vor Ort in New Yorks Schwulenszene, im Greenwich Village, in schwulen Bars wie ‚Badlands‚, ‚Eagles Nest‚, ‚Ramrod‚. Und er zeigte ursprünglich viel vom schwulen Leben in den Bars. Friedkin selbst wies später darauf hin, dass der Film zunächst länger gewesen sei. Um eine bessere Einstufung der Behörden zu bekommen als das ursprüngliche X-Rating (‚aufgrund sexueller oder gewalttätiger Inhalte nicht für Jugendliche geeignet‘), habe er etwa 40 Minuten mit Szenen aus New Yorker Schwulen-Bars entfernt, überwiegend Sex-Szenen.

Uraufführung von ‚Cruising‘ war am 8. Februar 1980 (Release 15.2.1980) in New York. Die Kritiker zeigten sich von dem Film wenig angetan, an den Kinokassen war er international mäßig erfolgreich. Auch in Deutschland war ‚Cruising‘ kein großer Kassenschlager – nur 550.000 Zuschauer wollten den Film sehen.

‚Cruising‘ wurde für einen Preis nominiert: 1981 gleich dreifach für die ‚Goldene Himbeere‘ ‚(1st Golden Raspberry Award‘), in den Kategorien schlechtester Film, schlechtestes Drehbuch und schlechteste Regie. Es blieb die einzigen Preis-Nominierung dieses Films.

Das „Lexikon des Internationalen Films“ beschreibt ‚Cruising‘ trocken folgendermaßen:

„In der übertrieben auf nervenzerrende Effekte getrimmten Story mit brutal inszenierten Morden geht die Thematik von der Brüchigkeit humaner und sozialer Normen schnell verloren. Den Film interessiert allein die atmosphärische Ausbeutung des Milieus, das er als Inferno darstellt.“

Cruising – Proteste schon vor der Premiere

Bereits bei den Dreharbeiten zu ‚Cruising‘ kam es zu Protesten von Schwulen, die Dreharbeiten wurden gestört (auch wenn gleichzeitig Teile der schwulen Leder- und S/M-Szene New Yorks begeistert an den Dreharbeiten als Statisten mitwirkten). Über eintausend Demonstranten forderten in einem Protestmarsch die Stadt New York auf, ihre Unterstützung bei den Dreharbeiten zu beenden.

Demonstranten befürchteten, der Film könne zu einem Anstieg der Hass-Verbrechen (hate crimes) gegen Schwule führen. Insbesondere drei Dinge standen im Mittelpunkt dieser Proteste: die Gleichsetzung von schwuler Subkultur und Gewalt, die heterosexualisierte Sicht auf Schwule sowie besonders, dass die Hauptperson des Films mit dem Entdecken der eigenen Homosexualität psychotisch wird und zu morden beginnt (ein Vorwurf, dem Friedkin mit einem anderen Schnitt des Film-Endes, der diese Deutung offen lässt, meinte begegnen zu können).

Hauptdarsteller in Cruising - Al Pacino 1996 bei den Filmfestspielen in Cannes (Foto: G. Biard)
Hauptdarsteller in Cruising – Al Pacino 1996 bei den Filmfestspielen in Cannes (Foto: G. Biard, Lizenz cc by-sa 3.0)

Al Pacino at the Cannes film festival – Georges Biard – CC BY-SA 3.0

Friedkin betonte angesichts der bald einsetzender Proteste, ‚Cruising‘ handele nicht von Homosexualität, er fälle keine Werturteile (eine Sichtweise, die er auch 2007 in einem Interview wiederholte).

„I’m trying to present a portrait of a group of people who get their sexual kicks in ways that society doesn’t approve, but I’m making no personal judgement of these people.“

Genau diese Beurteilungen würden – selbst falls Friedkin recht haben sollte – dennoch vom (fehlinformierten, vorurteilsbehafteten) Zuschauer getroffen, entgegneten ihm Kritiker. Umso mehr, als der Film sich um Authentizität bemühte.

Bald ergänzte Friedkin auf Anraten des um Rat gebetenen schwulen Autors John Rechy den Film um den Hinweis (der später in der 2007/2008-DVD-Version des restaurierten Films wieder fehlt):

„This film is not intended as an indictment of the homosexual world. It is set in one small segment of that world, which is not meant to be representative of the whole.“

Später allerdings merkte Friedkin an, dieser Hinweis sei ihm vom Verleiher United Artists „zur Beschwichtigung der Schwulengruppen“ aufgenötigt worden, damit der Film überhaupt zur Aufführung gelangen könne. Vito Russo, schwuler Film-Historiker, hingegen kommentierte in ‚The Celluloid Closet‘ trocken, welcher Regisseur würde solch eine Anmerkung ergänzen, wenn er wirklich überzeugt sei, dieser Film würde nicht als Darstellung der Schwulenszene in ihrer Gesamtheit gesehen werden. Diese Anmerkung sie „ein Schuldeingeständnis“:

„This disclaimer is an admission of guilt.“

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Al Pacino äußerte sich im Dezember 1979 (vor Uraufführung des Films 1980) im Interview mit Lawrence Grobel zu ‚Cruising‘. Der Film sei sein kontroversestes Projekt. Beim Lesen des Drehbuches sei ihm nie der Gedanke gekommen, der Inhalt könne homophob (‚antigay‘) sein. Er habe sich nicht vorstellen können, dass der Film solche Reaktionen hervorrufe. Vielleicht sei er mit seiner heterosexuell geprägten Herangehensweise nicht sensibel genug mit dem Thema umgegangen. Falls die Schwulen-Community sich in schlechtem Licht dargestellt fühle, auch wenn er das nicht hoffe, sei es gut wenn sie protestiere.

Auch 2008, ebenfalls im Gespräch mit Grobel (in: Lawrence Grobel: Al Pacino), bestätigte Pacino, ‚Cruising‘ sei sein kontroversestes Projekt gewesen, einfach kein sehr guter Film, aber nicht sein schlechtester Film.

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The phobia that that film refelcted seemed to anticipate the widespread renewal of fear and suspicion and supersticion that began as the first recorded deaths from AIDS began to be reported in the autumn of 1981.
(David Robinson über Friedkins ‚Cruising‘, European gay review Nr. 2, 1987)

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William Friedkin ‚ Cruising ‚ – ein Wiedersehen nach 30 Jahren (das ich nicht wiederholen muss) (10. Juli 2012)

Arte zeigt am Montag 9.7.2012 um 22:10 Uhr (Wiederholung 26.07.2012 um 00:50 Uhr) den Film ‚Cruising‘ mit Al Pacino in der Hauptrolle – ein ’sehenswertes homophobes Machwerk‘, das zudem nicht ganz unbedeutend ist in der Geschichte der Darstellung Schwuler im Film.

Homophobie – kann die sehenswert sein?

Ja – denn ‚Cruising‘ scheint mir für einige Mechanismen, Argumente und Denkweisen homophober Darstellung von Homosexuellen geradezu exemplarisch zu sein.

Nach über 30 Jahren sehe ich wieder den Film ‚Cruising‘ mit Al Pacino. Damals, Anfang der 1980er Jahre, empfand ich ‚Cruising‘ als ‚homophobes Machwerk‘. Konnte die massiven Proteste, die der Film in den USA, besonders in New York auslöste, nur zu gut verstehen.

Inzwischen sind über 30 Jahre vergangen. Die Rezeption des Films ist teils eine andere als damals, lese ich beim Recherchieren im Internet. Selbst das französische Schwulen-Magazin ‚Tetu‘ sieht in dem Film heute einen „gut gemachten Thriller“ („Avec le recul, on découvre aujourd’hui un thriller très bien mené …“).

Wie empfinde ich den Film ‚Cruising‘ heute – 30 Jahre später?

Nein, dies wird kein Versuch einer dilettierenden ‚Film-Kritik‘.

Stattdessen:
Spontane Gedanken, gesammelte Impressionen, Ideen, mit der Frage im Hintergrund, wie homophob der Film auf mich heute wirkt – oder vielleicht auch nicht. Impressionen, live mitgeschrieben, während ich auf Arte den Film schaue, und hinterher nur leicht redigiert:

  • In Teilen der der im Film dargestellten schwulen Szene fühle ich mich seltsam ‚zuhause‘. Ein Flashback in eine Zeit vor Aids, eine Zeit, die ich glücklicherweise erleben durfte.
  • Ist mir damals gar nicht aufgefallen, wie gut die Musik zum Film ist? War das Willy de Ville mittenmang?
  • die Leder- / SM-Kerle in den Bars wirken auf mich oft wie dahin gestellt, seltsam dressiert, Staffage, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Nicht wie eine lebendige Leder-Kneipen-Szene. Andererseits, vorgeführt werden sie nicht.
  • die Phasen, in der der Cop seine eigenen schwulen Anteile entdeckt, befremden. Darsteller wirken auf mich stellenweise wie aufgezogene Tanzbären, unter Drogen verändert er sich,  der Zuschauer wendet sich innerlich ab, der Cop wird schwul angesichts der (ihn umgebenden, schwulen) Verhältnisse, und zuhause wartet sehnsüchtig sein braves Mädchen, die Wohnung geputzt, das Essen steht bereit – wie homophob ist das?
  • SM-Praktiken werden als Schocker, als Grusel-Panoptikum präsentiert. Die beteiligten Schwulen als bizarre abschreckende Gestalten dargestellt – die dann unter Druck (Skip, der fälschlicherweise verdächtigte Schwule) sofort zu weinerlichen Memmen werden. Womöglich noch mit Vater-Komplex. Befremdlich wirkt das auf mich. Homophob?
  • Irgendwann gegen Ende des Films frage ich mich: gibt es in dem Film eigentlich auch sympathisch dargestellte Homos, irgendwann? Und finde keine Antwort.
  • ‚heterosexualisierte Präsentation von Schwulen‘? Ja, diesen Vorwurf kann ich nachempfinden. Warum? Es ist zunächst nur ein mitschwingender, doch immer wieder anklingender Eindruck. In dem Film scheint einer von zwei Schwulen immer der harte Kerl, der andere der Softi, oder gar die Memme sein zu müssen. Angst (der handelnden Personen) wird zu oft mit Schwäche assoziiert. Zwei Männer begegnen sich (im Film) fast immer nur im Kräftemessen, im ‚wer ist der stärkere, wer hat den längeren‘.

Der Film ist zuende. Wie war’s?
– denn Plot finde ich eigentlich vergleichsweise langwelig. Das Gefühl bleibt zurück ‚hätte man mehr draus machen können‘.
– der Schluss ist, insbesondere wenn man die friedkinschen Veränderungen am Schluss nicht kennt, unbefriedigend bis langweilig.
– Esprit, Witz, gar Ironie funkeln in ‚Cruising‘ nur äußerst versteckt und sehr selten auf.
– Mir fällt auf, der ‚Rechy-Satz‘ fehlt (wie auf der 2007er DVD).
– Seltsam, während des ganzen Films hab ich nicht an Aids gedacht. Aber jetzt hinterher. Wie viele der Darsteller, der Komparsen, leben wohl heute noch? Friedkin selbst wies in einem Interview darauf hin, dass viele der am Film Beteiligten an den Folgen von Aids gestorben sind. Al Pacino äußert sich in Interviews selten zu diesem Film. Scheint ihn beinahe zu meiden. Nun würde mich noch mehr interessieren warum.

Warum der Film von einigen Kritikern heute geradezu gefeiert wird, kann ich nicht nachvollziehen. Als Thriller finde ich ihn (heute) mäßig (Tetu irrt hier m.E.), als Krimi nur bedingt unterhaltsam. Interessant höchstens als ‚Blick zurück‘, auf eine schwule Welt, die nicht mehr ist.

Zusammengefasst:

  • heterosexualisierte (heteronormative?) Präsentation von Schwulen? Ja – diesen damaligen Vorwurf kann ich auch heute verstehen (s.o.).
  • Homophobie? Ja, es gibt Szenen, Grundhaltungen in dem Film, bei denen ich Homophobie als latent im Hintergrund mitschwingend empfinde.
  • einige damalige Reaktionen empfinde ich heute als überspitzt. Einige damalige Aufregungen kann ich heute nicht mehr ganz verstehen.
  • ich frage mich aber, ob der Film damals zugespitzt, über-kritisch wahrgenommen wurde, oder ob nur mein Urteil heute, älter, mit Abstand, milder ausfällt?

insgesamt: möge die Zeit über den Film hinweg gehen …

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Die Rezeption von ‚Cruising‘ hat sich im Laufe der Zeit verändert. Äußerungen mancher Kritiker sind milder geworden. Bill Krohn bezeichnet ihn 2004 als eine „offensive Anomalie“ und „seiner Zeit voraus„. Adrian Martin feiert ‚Cruising‘ gar 2008 als ‚Meisterwerk des Kinos der 80er Jahre‘, interpretiert ihn als Film über ein ganzes soziales System aus sexueller Repression und mörderischen Impulsen („entire social system running on sexual repression and twisted, murderous impulses„).

ARTE selbst kommentiert die Ausstrahlung 2012 mit den Worten

„Tatsächlich ist der Film mehrdeutig, was seine Darstellung der Schwulenszene angeht, und viel hängt von der Wahrnehmung der schonungslos inszenierten Bilder ab.“

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Über ‚Cruising‘ ist die Zeit hinweg gegangen, der Film ist heute nur noch wenig bekannt.

‚Cruising‘ allerdings hatte, gerade aufgrund seiner latenten Homophobie, doch eine Wirkung: der Film wurde zum Auslöser massiver Proteste in den USA. Und führte so dazu, dass Hollywood sich erstmals massiv  mit Kritik daran konfrontiert sah, wie es bisher Schwule und Lesben darstellte. „Schluß mit dem ‚queer bashing‘!“, war dieser Tenor der Proteste.

Damit wurde ‚Cruising‘ auch, wie Raymond Murray, Herausgeber einer US-Enzyklopädie schwuler und lesbischer Filme, 1995 vermerkte, Synonym dafür, „wie ein verängstigtes Hollywood eine entrechtete Minderheit behandelte“ – und ist auf diese Weise doch „Teil der queeren Geschichte“.

7 Antworten auf „Cruising (Film) – ‚homophobes Machwerk‘ & ‘Teil der queeren Geschichte’“

  1. fand den Film als Teeny, habe den Film erst 83/84 auf Video geguckt, ganz schön geil… Zudem zog mich die Szenerie eher an als das sie mich hätte abgeschreckt, aber zu dieser Zeit gab es ja auch schon Frankie goes to Hollywood. Nein, bin kein Lederschwuler, aber den Style fand ich als Pendant zu Lipgloss-Jungs wie die von Kajagoogoo sehr ansprechend damals.

    1. ich hab den Film damals gesehen als er heraus kam, und fand ihn unsäglich.
      allerdings bin ich gesapnnt, wie ich ihn heute (sprich: übermorgen) mit vielen Jahren Abstand wahrnehme

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