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Kulturelles

Hans Henny Jahnn – „Ich will eine bessere Anständigkeit.“

Einer der Schriftsteller, deren Bücher mich lange Zeit faszinierten, ist Hans Henny Jahnn.

Jahnn wurde am 17. Dezember 1894 in Stellingen (damals noch selbständig, 1927 zu Altona, 1937/38 Hamburg) geboren. Seine große Liebe Gottfried Harms lernt Jahnn bereits in jungen Jahren kennen, auf der Realschule, die er in St. Pauli besucht. 1915, nach Beendigung der Realschule, gehen beide gemeinsam nach Norwegen.

1926 heiratete Jahnn Ellinor Philips.

Sein Freund Harms stirbt 1931.

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Hans Henny Jahnn starb am 29. November 1959 an den Folgen eines Herz- und Nierenleidens im Krankenaus Tabea in Hamburg – Blankenese. Jahnn wurde beigesetzt auf dem Friedhof Nienstedten (Hamburg), in der gemeinsamen Grabstätte, die er nach dem Tod von Gottfried Harms errichten ließ (hier liegt zudem seine 1970 verstorbene Ehefrau Ellinor Jahnn geb. Philips).

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„Ich will eine bessere Anständigkeit. Ich will und kann nur der sein, der ich bin, der auch lieben kann, aber doch nur mit jener Spur nüchterner Klarheit, die das Fleisch beargwöhnt, und die von der Zuversicht kommt, dass ohne Güte, ohne Gerechtigkeit, ohne Freiheit des Geistes, ohne Träume, die im Unwirklichen stehen, das Leben nicht wert ist, zu bestehen.“
Hans Henny Jahnn in einem Brief 1938 an Judith Karasz

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Wolfgang Popp (bis 2007 Herausgeber des ‚Forum Homosexualität und Literatur‘ sowie des ‚Lexikon homosexuelle Belletristik‘) fragte bereits 1985 (in: Dokumentation der Vortragsreihe ‚Homosexualität und Wissenschaft‘, Verlag rosa Winkel, Berlin) „Sind die Romanfiguren Hans Henny Jahnns schwul?“, damals versehen mit dem Untertitel „Überlegungen zu einem tabu der literaturwissenschaft„. Popp spricht darin von Jahnn als „einem verklemmten schwulen“ – und betont

„das problem der schwulen liebe durchzieht sein ganzes erzählerisches werk, in radikalen und verhaltenen, in brutalen und zarten, in hautnah-realistischen und mystischen variationen.“

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Hans Henny Jahnn – Witthüs Hamburg Hirschpark

Findling zum Gedenken an Hans Henny Jahnn - Hamburg, Witthüs, Hirschpark
Findling zum Gedenken an Hans Henny Jahnn – Hamburg, Witthüs, Hirschpark
Hans Henny Jahnn Relieftafel Witthüs Hamburg Hirschpark
Hans Henny Jahnn Relieftafel Witthüs Hamburg Hirschpark

Das heutige ‚Witthuis‘ war von 1950 bis zu seinem Tod 1959 zeitweiliger Wohnsitz von Hans Henny Jahnn. (Fotos Dezember 2013)

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Hans-Henny-Jahnn-Orgel

Die Hans-Henny-Jahnn-Orgel in der Aula der Heinrich-Hertz-Schule Hamburg (Bauzeit 1926 bis 1931) wurde 1931 eingeweiht.

Hans-Henny-Jahnn-Orgel an der Heinrich-Hertz-Schule Hamburg (Foto: privat)

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Hans Henny Jahnn – Gedenkveranstaltung 2009:

Zum 50. Todestag von Hans Henny Jahnn fand am 29. November 2009 eine Gedenkveranstaltung in der Friedhofskapelle auf dem Friedhof Hamburg Nienstedten statt (Video, fünf Teile, leider nicht mehr online).

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Kulturelles

Harry Mulisch ist tot

Harry Mulisch ist am 30. Oktober 2010 im Alter von 83 Jahren verstorben.

Harry Mulisch, der Schöpfer großartiger Romane wie „Die Entdeckung des Himmels“ oder „Das Attentat“.

Den Literatur-Nobelpreis, für den er immer wieder ‚gehandelt‘ wurde, hat er nun zu Lebzeiten nicht mehr bekommen. Schade.

SZ 31.10.2010: Schriftsteller Harry Mulisch gestorben

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Homosexualitäten ondamaris Texte zu HIV & Aids

“ Lebensweg eines Rosa Winkel ” – Memoiren von Rudolf Brazda

Rudolf Brazda, einer der letzten überlebenden homosexuellen KZ-Häftlinge, hat 2010 seine Biographie veröffentlicht: “Itinéraire d’un triangle rose” ( Lebensweg eines Rosa Winkel ).

Beinahe 97 Jahre ist er nun alt, Rudolf Brazda – “einer der letzten Überlebenden mit dem Rosa Winkel. Nun hat er seine Biographie veröffentlicht.

Rudolf Brazda am 27. Juni 2008 in Berlin
Rudolf Brazda am 27. Juni 2008 in Berlin

Rudolf Brazda wurde am 26. Juni 1913 in Thüringen geboren. 1935 wurde er erstmals wegen Vergehen nach §175 angeklagt. Von 1941 bis 1945 war Brazda im KZ Buchenwald. Nach dem Krieg zog er nach Süddeutschland, wo er 35 Jahre mit seinem Freund (der vor sechs Jahren verstarb) zusammen lebte. Über seine Zeit in der NS-Zeit und im Konzentrationslager Buchenwald sagt Brazda “ein schreckliches Leben war das“ (Video).

Lange Zeit war das Schicksal Rudolf Brazdas nicht bekannt. Erst die Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen führte dazu, dass Brazda sich an die Öffentlichkeit wandte. Brazda las von eben diesem Denkmal in der französischen Presse – und meldete sich (über seine Tochter) beim LSVD.

Am 4. Mai 2010 erschienen nun in Frankreich die Memoiren von Rudolf Brazda, verfasst gemeinsam mit Jean-Luc Schwab: “Itinéraire d’un triangle rose” ( Lebensweg eines Rosa Winkel ).

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In der Gedenkstätte Buchenwald erinnert seit 2006 ein Gedenkstein an die homosexuellen NS-Opfer.

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weitere Informationen:
Editions Florent Massot: Rudolf Brazda, Jean-Luc Schwab: Itinéraire d’un triangle rose

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Text 18.02.2016 von ondamaris auf 2mecs

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Politisches

Stonewall 1969 – “The big news here is Gay Power”

“we’re part of a vast rebellion of all the repressed” – mit diesen Worten beschreibt der US-amerikanische Schriftsteller Edmund White in einem Brief, was sich Ende Juni 1969 am New Yorker Stonewall Inn abspielte – den Beginn dessen, was heute als CSD gefeiert wird.

Die CSD-Saison hat bereits begonnen, viele größere und kleine Städte feiern wieder den “Christopher Street Day”. Feiern – und über das Feiern ist der Ursprung dessen, was heute Selbstverständlichkeit scheint, weitgehend in Vergessenheit geraten: das Aufbegehren von Schwulen gegen Polizei-Willkür am Stonewall Inn. Erst seit kurzem ist ein Brief breit verfügbar, in dem US-Schriftsteller Edmund White 1969 über die Vorgänge berichtet.

New York Ende der 1960er Jahre. Immer wieder führt die Polizei Razzien durch in Bars, die als Homosexuellen-Treffpunkte gelten. Drangsalierungen, Erniedrigungen, Diskriminierungen. So auch in der Nacht des 27. auf den 28. Juni 1969. Wieder einmal Polizei-Razzia im ‘Stonewall Inn’ in der Christopher Street im New Yorker Greenwich Village.

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Kulturelles

Klaus Mann – “zum Spaß ein Spötter, und im Ernst ein Idealist”

Einer der Menschen, die ich oft bewunderte, ein Idol meiner späten Jugendjahre, ein Mensch zu denen ich oft Verbundenheit fühlte und gelegentlich immer mal wieder fühle ist Klaus Mann.

Einige Zitate.

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Wir konnten nicht zurück. Der Ekel hätte uns getötet … Hitler – ein Schicksal? Hitler – ein Problem? Eine Pest war er, die man meidet. Freilich auch eine Gefahr, die man bekämpft.” (Der Wendepunkt)

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Das heiße ich mir Logik! Und Zivilcourage! Und Vertragstreue ! – Ich weiß nicht, was mich mehr frappiert: Die Niedrigkeit Ihrer Gesinnung oder die Naivität, mit der Sie diese zugeben.  …  Immer mit der Macht! Mit dem Strom geschwommen! Man weiß ja, wohin es führt: zu eben jenen Konzentrationslagern, von denen man nachher nichts gewusst haben will.
(in einem Brief an seinen Verleger Jacobi, nach der Veröffentlichung des “Mephisto”)

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Dies Erlebnis, das spanische Volk im Kampf zu sehen gegen die Feinde seiner Freiheit, die die unseren sind, – dies Erlebnis ist unaustilgbar und es ist das schönste, was uns in der Verbannung begegnet ist.
(’Zurück von Spanien’, 1938)

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Klaus Mann 1944 als Statt Sergeant der 5th United States Army in Italien
Klaus Mann 1944 als Statt Sergeant der 5th United States Army in Italien (public domain)

Klaus Mann, Staff sergeant 5th United States Army, Italy 1944United States 5th ArmyHandschriftenabteilung der Stadtbibliothek MünchenPublic Domain

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Am 21. Mai 1949 schied Klaus Mann (geb. 18.11.1906 in München) in Cannes freiwillig aus dem Leben.

Er liebte die ganze Erde, und besonders Paris und New York, und floh vor sich selbst. Er zerrte am flatternden Vorhang, der den Tag vom Nichts trennt, und suchte überall den Traum und den Rausch, und die Poesie, die drei brüderlichen Illusionen der allzu früh Ernüchterten. Er war voller nervöser Daseinslust und heimlicher Todesbegier, frühreif und unvollendet, flüchtig und ein ergebener Freund, gescheit und verspielt. Zum Spaß war er ein Spötter, und wenn es ernst wurde, ein Idealist.
(Hermann Kesten 1950 über seinen Weggefährten Klaus Mann)

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“Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert, wird es retten.”
(Lukas 9,24; das Motto auf dem Grabstein von Klaus Mann; “For whosoever will save his life shall lose it: but whosoever will lose his life for my sake, the same shall save it”, auf Klaus Mann Grabstein gekürzt zu: For whosoever will save his life shall lose it: but whosoever will lose his life … the same shall save it)

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(TWIMC: Das Grab Klaus Manns befindet sich in Cannes auf dem Friedhof Grand Jas, Carré (Feld) 16, Nr. 316)

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HIV/Aids

„Alles war auf der Flucht“ – Erinnerungen

Eine Text-Passage bei Anna Seghers lässt es mir kalt den Rücken hinunter laufen.

Alles war auf der Flucht, alles war nur vorübergehend, aber wir wussten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder unser ganzes Leben.”

Anna Seghers, Transit

Erinnerungen werden wach, spontan, unreflektiert.
Erinnerungen an “die schlimmen Jahre”.
Erinnerungen an eine Zeit, als schwule Männer, besonders die aktivsten unter ihnen, reihenweise starben, nein krepierten. Eine Zeit, zu der tief unten irgendwo im Bauch das Gefühl grummelte “die bringen uns alle um”.
Erinnerungen an Gefühle wie unmögliche Flucht, verlorene Zukunft, tiefe Trostlosigkeit. Nicht vorübergehend, Ende nicht absehbar.
Damals.

Seghers hat diese Worte gefunden in einem Roman über  einen aus dem KZ geflohenen jungen Deutschen, “Transit”, zuerst veröffentlicht 1944.

Unreflektiert, meine Gedanken. Bestürzende Erinnerungen.

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Hamburg Kulturelles

Gustaf Gründgens (1899 – 1963)

Am 7. Oktober 1963 starb in Manila der 1899 in Düsseldorf geborene Schauspieler, Regisseur und Intendant Gustaf Gründgens.

1933, die Nazis ergreifen die Macht in Deutschland. Ein junger Schauspieler weilt gerade im sicheren Ausland – und kehrt doch zurück. Gustaf Gründgens (geboren als Gustav), einst mit den Kommunisten sympathisierend und glühender Radikaler, arrangierte sich schnell mit den neuen ‘Machthabern’ nach 1933 – Kritiker bezeichneten ihn als “zuverlässigen künstlerischen Diener von Hitlers Herrschaft”.

Plakette zur Erinnerung an Gustaf Gründgens, Düsseldorf, Geburtshaus
Plakette zur Erinnerung an Gustaf Gründgens, Düsseldorf, Geburtshaus

Im Februar 1933 wurde er von Hermann Göring zum künstlerischen Leiter des preußischen Staatstheaters ernannt, 1934 zum Intendanten und 1935 zum Generalintendanten – ein Amt, das er bis 1945 inne hatte.

“Aus seiner Homosexualität machte er seinem obersten Dienstherren gegenüber kein Hehl, heiratete aber dennoch 1936 die Schauspielerin Marianne Hoppe. Bis zum Ende des Dritten Reichs währte diese Zweckehe”.

(NDR)

Öffentlich äußerte sich Gründgens hingegen nie zu seiner Homosexualität.

Bereits 1946 arbeitet Gründgens wieder als Schauspieler, zunächst in Berlin. 1955 bis 1963 ist der Generalintendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg.

Klaus Mann, einst in Jugendjahren mit Gründgens befreundet, portraitierte ihn in seinem 1936 im Amsterdamer Querido-Verlag erstmals erschienenen Roman “Mephisto” in der Figur des ‘Hendrik Höfgen’ als undurchsichtigen, ja gewissenlosen Opportunisten.
Obwohl inzwischen auch in Deutschland erhältlich, ist der Vertrieb des Romans aufgrund der umstrittenen ‘Mephisto-Entscheidung’ offiziell in Deutschland weiterhin verboten.

Gründgens, am 22. Dezember 1899 in Düsseldorf geboren, stirbt unter ungeklärten Umständen am 7. Oktober 1963 im philippinischen Manila an einer Überdosis Schlafmittel.

Sein Grab befindet sich auf dem Hauptfriedhof Ohlsdorf in Hamburg.

Grab Gustaf Gründgens in Hamburg
Grab Gustaf Gründgens in Hamburg
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Erinnerungen

ronald m. schernikau (1960 – 1991)

Ich hab da wen kennen gelernt“, erzählte Jürgen so beiläufig, dass es bemerkt werden wollte. Jürgen war damals schon seit einigen Monaten ein „Ex“, einer der nicht wenigen, Anfang der 1980er. Einige Tage später war dieser „Neue“ in Hamburg, stolz präsentierte ihn Jürgen ebenso gewollt unauffällig wie seine Ankündigung. Ein etwas hagerer, zerbrechlich wirkender junger Mann stand neben ihm. Etwas schlaksig-schüchtern und doch strahlend, lange schwarze Haare. Nur wenige Worte mit einander, schon bald das Gefühl in meinem Bauch, nein, nicht dein Typ, mit dem tust du dich schwer. Das war meine einzige Begegnung mit Ronald M. Schernikau (1960 – 1991).

Einige Zeit vorher war dieser Schernikau mir bereits begegnet in Form seines aufwühlenden, mitreißenden Buches. Die „Kleinstadtnovelle“. Endlich ein schwules Buch, das nicht larmoyant war, nicht mitleidheischend. Sondern selbstbewusst, stolz und nicht klagend, mit Blick nach vorn, stolzem Blick nach vorn.

Vor einiger Zeit begegnete mir Schernikau wieder. Am 28. Februar, Matthias drückte ihn mir morgens in die Hand. Nicht in personam, Schernikau ist längst tot, 1991 gestorben wie so viele Hoffnungsvolle an den Folgen von Aids. Sondern in Form eines Buches, eines wundervollen Buches, das ich zum Lesen empfehlen möchte, „Der letzte Kommunist“ von Matthias Frings.

Wie bei der Politik fallen Beziehunsgformen nicht einfach vom Himmel. Sie werden gemacht – also sind sie veränderbar“, lautet einer der wundervollen Sätze in diesem schönen, lesenswerten Buch.

Grab Ronald M. Schernikau auf dem Friedhof der St.-Georgen-Parochialgemeinde Berlin, Friedenstraße (Foto Szymborski - gemeinfrei)
Grab Ronald M. Schernikaus auf dem Friedhof der St.-Georgen-Parochialgemeinde Berlin, Friedenstraße (Foto Szymborski – gemeinfrei)

Gedenktafel für Ronald M. Schernikau in Leipzig

In Leipzig wurd am Sonntag, 11. Juli 2010 eine Gedenktafel für den Dichter und Autor Ronald M. Schernikau enthüllt. Schernikau lebte 1986 bis 1989 in Leipzig.

‘leipzig ist die glücklichste zeit”, schrieb Ronald M. Schernikau in “die tage in l.”

Im September 1986 war Schernikau von West-Berlin nach Leipzig gezogen. Als erster Bürger der BRD hatte er am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ ein Studium aufgenommen. Seine Abschlussarbeit, vorgelegt im Mai 1988, wurde 1989 unter dem Titel “die tage in l.” publiziert.

Zuvor hatte der 1960 geborene Schernikau bereits 1980 in der BRD einen bemerkenswerten Erfolg mit seinem ersten Werk erzielt, der “Kleinstadtnovelle”. Das bei Rotbuch erschienene und nach kurzer Zeit vergriffene Buch berichtet von einem schwulen Coming-Out in einer westdeutschen Kleinstadt.

1989 wurde Schernikau Bürger der DDR und zog um September 1989 nach Berlin-Hellersdorf um. Er starb am 20. Oktober 1991 an den Folgen von Aids. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof der St. Georgen-Gemeinde in Berlin-Friedrichshain.

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Homosexualitäten

Oscar Wilde Bookshop: 2009 Aus nach 41 Jahren für ältesten schwulen Buchladen der Welt

Der Buchladen “ Oscar Wilde Bookshop ” schloss am 29. März 2009 für immer seine Pforten – nach 41 Jahren . Eben nur das Ende eines weiteren Buchladens? Oder Zeichen des schleichenden Sterbens schwul-lesbischer Strukturen?

Der “ Oscar Wilde Bookshop ”, eine ‘Institution’ nicht nur im Greenwich Village, schloss am 29. März 2009 endgültig.

Oscar Wilde Bookshop

Der Oscar Wilde Bookshop war 1967 in New York von Craig Rodwell (1940 – 1993, s.u.) gegründet worden. Zunächst befand sich die Buchhandlung auf der Mercer Street, und trug den Namen ‚Oscar Wilde Memorial Bookshop‘, ab 1973 zog sie um auf die Christopher Street.

Schnell wurde der Oscar Wilde Bookshop nach den Stonewall Aufständen (siehe dazu „The big news here is gay power“ – Edmund White 1969 über Stonewall) zu einem der Zentren der Diskussionen und Aktionen von Schwulen und Lesben in New York.

Oscar Wilde Bookshop, Christopher Street Ecke Gay Street, 2007
Oscar Wilde Bookshop, Christopher Street Ecke Gay Street, 2007 (Foto GK tramrunner229, Lizenz cc by-sa 3.0)

Oscar Wilde memorial bookstore at the T-junction of Gay Street and Christopher Street.GK tramrunner229 assumedCC BY-SA 3.0

Ein Buchladen, der sich selbst (wohl nicht ganz unbegründet) als “the world’s oldest gay and lesbian bookshop” bezeichnete. An der legendären Christopher Street gelegen, war dieser bereits 1967 gegründete schwule Buchladen lange Zeit der einzige, später (in Zeiten wachsender schwuler Strukturen) oftmals der ambitionierteste Buchladen mit einem Sortiment, das auch über Hochglanzprodukte und ‘easy reading’ hinaus ging. Die erste schwul-lesbische Parade New Yorks entstand aus diesem Buchladen heraus (s.u.).

Nach 41 Jahren war am 29. März 2009 Schluß. Man habe nicht die ökonomischen Ressourcen, der derzeitigen Finanzkrise die Stirn zu bieten, ließen die Eigentümerinnen zur Schließung des ältesten schwulen Buchladens der Welt verlauten.

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Craig Rodwell

Craig Rodwell wurde am 31. Oktober 1940 in Chicago geboren. 1958 zog er nach New York, engagierte sich ab 1964 in der ‚Mattachine Society‚ (der ersten Homosexuellen-Organisation der USA).

1962 lernte er Harvey Milk kennen (mit dem er eine Affäre hatte); Milk wurde später einer der ersten offen schwulen Politiker der USA. Milks Kamera-Geschäft in San Francisco, das – ebenso wie der Oscar Wilde-Bookshop – ebenso ein schwul-lesbischer Community-Treffpunkt war, soll inspiriert sein von Milks und Rodwells Begegnung sowie Rodwells Buchladen.

Im November 1969 war es Rodwell, der in Reaktion auf die Stonewall Riots (an denen er selbst teilgenommen hatte) die erste Demonstration von Lesben und Schwulen vorschlug, damals genannt ‚Christopher Street Liberation Day‘. Dieser ‚erste CSD‚ wurde in Rodwells Appartment geplant und organisiert.

„We propose that a demonstration be held annually on the last Saturday in June in New York City to commemorate the 1969 spontaneous demonstrations on Christopher Street and this demonstration be called CHRISTOPHER STREET LIBERATION DAY. No dress or age regulations shall be made for this demonstration.“

Rodwell gilt auch als derjenige, der schon 1971 den Begriff ‚Heterosexismus‘ erstmals prägte:

„After a few years of this kind of ‚liberated‘ existence such people become oblivious and completely unseeing of straight predjudice and – to coin a phrase – the ‚hetero-sexism‘ surrounding them virtually 24 hours a day.“
(Craig Rodwell, The Tarnished Golden Rule. in: QQ Queens Quarterly Magazine Januar/Februar 1971)

Drei Monate vor seinem Tod verkaufte Rodwell den Oscar Wilde Bookshop im März 1993 an Bill Offenbaker. In der Folgezeit wechselte die Buchhandlung 2003 und 2006 erneut den Besitzer/ die Besitzerin.

Craig Rodwell starb am 18. Juni 1993 im Alter von 52 Jahren in New York an den Folgen von Magenkrebs.

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Der älteste schwule Buchladen der Welt macht dicht.

Eine Meldung, na und?
Eine Schließung, nichts Ungewöhnliches?

Die Luft scheint enger zu werden für ambitionierte Projekte schwuler und lesbischer Emanzipation. In Deutschland haben bereits viele der ursprünglich im Umfeld von Schwulenbewegungen entstandenen schwulen Buchläden schließen müssen. Mit Rosa Winkel ist ein Verlag geschlossen worden, der einst im Zentrum der Schwulenbewegung stand, ohne dessen engagiertes Verlagsprogramm viele Diskussionen anders, ärmer verlaufen wären. Ähnlich Anfang 2015 – der schwule Buchladen Männerschwarm in Hamburg schliesst nach 34 Jahren.

Die schleichende Welle an Schließungen von Projekten, die versuchen mehr als ‘nur’ Kommerz zu bieten – ist sie ‘normales’ Zeichen der Zeit?

Oder sind es -aus Sicht der Communities- kurzsichtige Schritte, die wir später möglicherweise bedauern, bereuen?

Erinnert sei nur daran, dass im Aids-Bereich einst zahlreiche HIV-Pflegeprojekte sich um Aids-Kranke kümmerten – weil andere es nicht oder zu untragbaren Bedingungen machten. Die meisten dieser Projekte existieren inzwischen nicht mehr.
Nur wenige Jahre nach dem Sterben dieser Spezial-Pflegedienste ergibt sich angesichts der steigenden Zahl an Menschen, die mit HIV/Aids ein größeres Lebensalter erleben, angesichts steigender Zahlen von emanzipierten, offen lebenden schwulen Männern und lesbischen Frauen mit Krebs oder anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen, die sich nicht ‘klassischen’ Pflegediensten anvertrauen mögen, angesichts steigender Zahlen von Demenz bei HIV-Positiven das Gefühl – eigentlich müssten wir hier ‘eigene’ Projekte haben.
Mancher erinnert sich … früher, vor einigen Jahren, da hatten wir mal …
Und so manches Mal hört man den Gedanken “wir hätten die schwulen / Aids-Pflegedienste nicht so einfach den Bach runter gehen lassen dürfen, jetzt fehlen sie uns” …

Es ist zu hoffen, dass das Sterben  von Projekten (von Buchläden bis Schwulen- und Lesbenzentren), die mehr sein wollen als ‘nur’ gewinnorientierte kommerzielle Unternehmen, dass das zunehmende Ausdünnen von schwulen und lesbischen Infrastrukturen uns nicht irgendwann ‘auf die Füße fällt’, und wir eines Abends denken “hätten wir doch” …

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Kulturelles Paris

Susan Sontag (1933 – 2004)

Susan Sontag wurde am 16. Januar 1933 als Susan Rosenblatt in New York geboren. Bekannt wurde sie als Essayistin, Schriftstellerin und Publizistin. Susan Sontag starb am 28. Dezember 2004 in New York.

Nachdenkliche, kritische Gedanken zu äußern, auch wenn sie unbequem waren, unerwünscht – dieser Mut, diese aufrechte Haltung zeichneten Susan Sontag aus, die ‘grande dame’ der us-amerikanischen Publizistik. Welche Zuschreibungen mit Krankheit verbunden sind, persönlicher wie auch psychologischer oder letztlich politischer Natur, damit hat sich Susan Sontag immer wieder beschäftigt – und sich gegen sie gewehrt.

Die am 16. Januar 1933 in New York geborene Susan Sontag wurde für ihre schriftstellerischen, publizistischen und gesellschaftskritischen Arbeiten vielfach mit Preisen ausgezeichnet (u.a. Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2003).

Theaterplatz Susan Sontag
Theaterplatz Susa Sontag, Hamburg, Kampnagel

Aids und seine Metaphern” (1989; m.W. erste Rezension: NYT Books 16.1.1989) war bei seinem Erscheinen ein ‘Muss’ der kulturellen Auseinandersetzung mit Aids, und ist auch heute noch unbedingt lesenswert, ebenso wie sein ‘Vorgänger’ “Krankheit als Metapher” (1978). Beide basieren auch auf ihren eigenen Erfahrungen als Krebs-Patientin. Beide thematisieren Krankheit als ‘Werkzeug’ der Stigmatisierung. Beide sind, wie ein Kritiker bemerkte, “an exemplary demonstration of the power of the intellect in the face of the lethal metaphors of fear” (Michael Ignatieff, The New Republic).

Was einen umbrachte, waren nach meiner Überzeugung die Ammenmärchen und Metaphern rund um den Krebs. Die Menschen sollten Krebs einfach als Krankheit begreifen lernen – eine ernste Krankheit, aber eben eine Krankheit, weder Fluch noch Strafe, noch Peinlichkeit … Und nicht zwangsläufig eine Krankheit zum Tode.

Susan Sontag, “Aids und seine Metaphern”, 1988

Sontag kritisiert ein bestimmtes Konzept von Krankheit, das sie als ‘plague’ (in der deutschen Ausgabe als ‘Plage’ übersetzt, möglich wäre auch ‘Seuche’ oder ‘Pest’) bezeichnet. Krankheiten, die entstellten oder sexuell übertragbar seien, würden vorzugsweise so bezeichnet – und seien oft mit Bestrafungs-Phantasien konnotiert.

Diese Übung hat Tradition bei sexuell übertragenen Leiden: Sie werden als Bestrafung nicht eines einzelnen, sondern einer ganzen Gruppe
verstanden.

S. Sontag, “Aids und seine Metaphern”, 1988

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Sontag, zunächst verheiratet mit einem Soziologen, bezeichnete sich selbst ab ihrem 25. Lebensjahr als bisexuell. Sie lebte viele Jahren in Beziehung mit der Photografin Annie Leibovitz.

Sie starb am 28. Dezember 2004 im Alter von 71 Jahren in New York an Leukämie. Sontag wurde beigesetzt auf dem Friedhof Montparnasse in Paris.

Literature was the passport to a larger life, that is, the zone of freedom.

Susan Sontag

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Susan Sontag über “die Exklusivität der Liebe”

Die Ehe ist eine Art stillschweigendes Jagen in Paaren. Die ganze Welt in Paare gefasst, jedes Paar in seinem eigenen kleinen Haus, wo es seine eigenen kleinen Interessen wahrt + in seiner eigenen kleinen Zweisamkeit schmort – etwas Abstoßenderes gibt es nicht. Die Exklusivität der Liebe in der Ehe gehört abgeschafft.

Susan Sonntag, 15. Februar 1958 (in: „Wiedergeboren – Tagebücher 1947 – 1963“

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Susan Sontag über Altern

Die Angst vor dem Altwerden gründet auf der Erkenntnis, dass man das Leben, das man sich wünscht, nicht jetzt lebt. Das ist fast, als würde man die Gegenwart missbrauchen.

Susan Sontag am 9. Dezember 1961 in ihrem Tagebuch

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