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Kulturelles

Im Reich der Sinne (Nagisa Ōshima 1976)

Im Reich der Sinne des japanischen Regisseurs und Produzenten Nagisa Ōshima (31.3.1932 – 15.1.2013) gilt (fälschlicherwseise) als ‘pornographischer’ ‘Skandal-Film‘ – und beruht auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1936 in Japan.

Kichizo (Tatsuya Fuji) besitzt ein Geisha-Haus. Abe Sada (Eiko Matsuda) arbeitet dort als Dienerin und Prostituierte. Was als leidenschaftliche Beziehung der beiden beginnt, wird tiefe Hingabe – in immer grenzenloserer sexueller Begierde und Obsession. Beide brechen sämtliche Tabus, bis hin zu Kichizos Tod.

Auf Kichizos Brust schreibt Sada mit seinem Blut am Schluss die Worte “Sada Kichi futari kiri” (Sada und Kichi, beide miteinander vereint). Dies entspricht den Worten, die auf der Brust des ‘echten’ Kichizo geschrieben waren, als ihn die Polizei am 19. Mai 1936 auffand.

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Im Reich der Sinne – “wenn man alles spüren will muss man bis zum Exzess gehen”. Dies ist kein pornographischer Film – eher ein Film darüber, wie zwei Menschen sich verändern, wenn sie sich immer tiefer an und ineinander binden.

Das Geschlechterrollen- Verständnis des Films liegt (1976 !) jenseits von männlich – weiblich, jenseits von stark – schwach. Beide begehren einander. Er fxxxt sie. Er schlägt sie. Sie verlässt ihn. Sie schlägt ihn. Sie würgt ihn. Beide einander miteinander. Wer foltert wen? Wer gerät mit wem in Ekstase? “Haben Sie denn überhaupt keinen Hunger?”
Der Film ist nicht queer (ein Wort das es damals noch nicht gab ) – doch er geht 1976 unkonventionell mit althergebrachten Geschlechterrollen um.

“In einer Beziehung wie der unseren sollte die Liebe bestimmen was wir tun”

Ein sehr außergewöhnlicher Film – der immer wieder seiner Entdeckung harrt … und wert ist …

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Produktions-Notizten

Gedreht wurde der Film in den Daiei-Kyoto Studios (1942 – 1971) in Japan. Aufgrund der strengen Zensur-Vorschriften musste das unentwickelte Rohmaterial für die Entwicklung des Films nach Frankreich ausgeflogen werden.

Nach der Premiere auf der Berlinale 1976 ließ die Staatsanwaltschaft (die in Person eines Staatsanwalts und zweier Richter bei der Premiere anwesend war) den Film beschlagnahmen wegen des Verdachts auf Pornographie. Als Verteidiger des Films trat der Rechtsanwalt Horst von Hartlieb (1910 – 2004) auf, einer der Initiatoren der Freiwilligen Selbstkontrolle FSK.
Am 17. März 1977 urteilte das Berliner Landgericht, der Film sei keine Pornographie. Erst 18 Monate später wurde er für die Kinos ohne Kürzungen zugelassen, freigegeben unter dem Prädikat ‘besonders wertvoll’.

In Großbritannien wurde der Film erst 1989 für Aufführungen in Kinos klassifiziert. Davor konnte er nur in Filmclubs gezeigt werden, deutlich geschnitten.

Im Reich der Sinne – Folgen für Beteiligte

Die Darstellerin der weiblichen Hauptrolle Eiko Matsuda siedelte nach den Dreharbeiten nach Frankreich um – in Japan sah sie sich zu umfangreich feindlichen Reaktionen ausgesetzt.
Der Darsteller der männlichen Rolle Tatsuya Fuji fand erst nach zwei Jahren ohne Engagement in Japan neue Rollen.

Regisseur Nagisa Ōshima wurde später wegen Obszönität angeklagt, aber nach vierjährigem Verfahren freigesprochen.

Nagisa Oshima, Regisseur von Im Reich der Sinne, 2000 in Cannes
Nagisa Oshima at Cannes in 2000. – Rita Molnár – Own work – CC BY-SA 2.

Nagisa Ōshima wurde auch bekannt mit dem Film (1983)Merry Christmas, Mr. Lawrence mit Musik von Ryuichi Sakamoto, sowie (1999) Gohatto (‘gegen das Gesetz’; über Homosexualität in Japan zum Ende der Samurai-Zeit).

Im Reich der Sinne als Chart-Hit

Der originale Film- Titel Ai no korīda wurde 1980 unter dem Titel Ai No Corrida von Chaz Jankel auf seinem Debut-Album verwendet. 1981 coverte Quincy Jones den Titel auf seinem Album The Dude. Später tauchten immer wieder Cover-Versionen in den Dance-Charts auf – meist ohne dass der Bezug zum Film deutlich wurde.

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Im Reich der Sinne (D) – 愛のコリーダ Ai no korīda (J) – L’Empire des sens (F) – In the Realm of the Senses (USA, UK)
Regie Nagisa Ōshima
Drehbuch Nagisa Ōshima (nach einem Roman von Yukio Mishima)
Produktion Nagisa Ōshima & Anatole Dauman (offiziell französische Produktion, Schnitt in Frankreich, um die japanische Zensur zu umgehen)
Japan / Frankreich 1976
Uraufführung 27. Januar 1976 Berlin Berlinale
Filmfestspiele Cannes 15. Mai 1976 (aufgrund er hohen Nachfrage mit insgesamt 13 Aufführungen, bis heute Cannes-Rekord)
Uraufführung digital restaurierte Fassung Filmfestspiele Cannes 19. Mai 2017
Laufzeit 109 Minuten / 107 Minuten (Release 2000) / 94 Minuten (rekonstruierte Version)


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Erinnerungen

umsonst und draussen Wardenburg 1980

Es war nur ein einfaches Festival. Nichts großes, nichts besondere, einfach nur ein großer Acker, eine Bühne, Bands aus der Region.

umsonst und draussen Wardenburg 1980

Und es war, von später aus betrachtet, ein wichtiger Schritt für mich.

Ende der 1970er Jahre gab es in der Region, in der ich aufwuchs, erste open-air Konzerte. Nicht Riesen-Festivals für Zehn- oder Hunderttausende Zuschauer, sondern kleine lokale, höchstens regionale Veranstaltungen. Von jungen Menschen aus der Region auf die Beine gestellt. Oft unter dem Titel ‚Umsonst und draußen‘. Ein Titel, der Programm war. Kein Eintritt, mehrere meist lokale Bands, die ohne oder zu niedrigen Gagen auftraten, ein Bauer der einen Acker oder (eher) ein Stoppelfeld zur Verfügung stellte, viele Menschen die sich freiwillig und ohne Entgelt engagierten, vergleichsweise geringe Kosten durch Bier- und Getränkeverkauf refinanziert.

Eine Grundidee war ‚von uns für uns‘. Immer wieder gab es kurze Durchsagen, es würden einige Leute zum Getränkeschleppen gesucht, oder für einen Bühnenabbau, zum Aufräumen. Meistens fanden sich schnell genügend.

Hier lernte ich ganz praktisch: wenn du etwas willst was es noch nicht gibt, oder etwas anders willst als es derzeit ist – dann bekomm’ den Arsch hoch und werde selbst aktiv! Nicht warten, nicht lamentieren irgend jemand müsse doch mal … – nein, selbst aktiv werden.

umsonst und draussen Wardenburg 1980 – Fotos

Wardenburg umsonst und draußen 1980
umsonst und draußen Wardenburg 1980

umsonst und draussen

Mitte der 1970er Jahre beginnen Bands, gemeinsame Auftrittsmöglichkeiten zu suchen. Aus einem ersten Konzert entsteht bald eine Idee, die sich schnell verbreitet: umsonst und draußen.

Umsonst und draußen – Festivals unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt. Ein Gegenentwurf zu kommerziellen Groß-Konzerten und -Festivals. Kultur soll frei zugänglich sein für jedermann und -frau. Weitgehend ohne kommerzielle Interessen. Im Vordergrund das Miteinander und Begegnen.

Sehr früh mit dabei und bald in Norddeutschland sehr bekannt: ‘umsonst und draussen Wardenburg‘ später ‘open air Wardenburg’.

Wardenburg ist eine Gemeinde südlich von Oldenburg, nahe meinem Geburtsort Delmenhorst.

Im Umfeld dieser umsonst und draußen – Bewegung entstanden auch Schallplatten – in den Jahren 1975 bis 1978 (und vor wenigen Jahren auf CD wieder veröffentlicht).

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Frankreich Kulturelles

der Wind wird uns tragen – le vent nous portera

Le vent nous portera – Ein kleiner Song von Noir Desir, 2010 gecovert von Sophie Hunger, wird nach und nach zu einem viel gecoverten Indie-Hit.

2001 bringen Noir Desir auf ihrem Album Des Visages Des Figures einen Song, der zu einem kleinen Hit wird. Klang Le vent nous portera 2001 bei Noir Desir noch fast ein wenig zwischen Blues-Rock und Reggae, interpretierte Sophie Hunger ihn 2010 eher chansonhaft. Zahlreiche weitere Cover-Versionen folgen.

Mag das Leben noch so kompliziert sein, noch so viele Irrwege parat haben, Verletzungen, Hingabe und Wunden, mühsam sein und manchmal aussichtslos scheinen, der Wind wird uns tragen.

Ein Lied über Unabhängigkeit, Zärtlichkeit, Freiheit und Spuren. Keine Angst vor dem Weg haben. Jegliche Wendung des Weges mitgehen, bis es gut ist. Denn der Wind wird uns tragen.

Le vent nous portera / Noir desir (2001)

Bereits in den 1980er Jahren entstand in Bordeaux die Rockband Noir Desir, getragen insbesondere von Frontman Bertrand Cantat (geb. 5.3.1964 in Pau) und Serge Teyssot-Gay (geb. 16.5.1963 in Saint-Étienne). Eine Gruppe mit einer sich durch die Alben ziehenden Geschichte sehr kritischer Texte, engagiert antifaschistisch, antirassistisch, Kapitalismus-kritisch, Globalisierungs-kritisch.

Noir desir gilt, so laut.de, “neben Mano Negra als wichtigster Vorreiter für den modernen französischen Rock”. Bald wurden sie eine der populärsten französischen Rock-Gruppen (mit zeitweise Anklängen von Punk).

2001 veröffentlicht Noir Desir das Album Des Visages Des Figures. Darauf als dritter Track Le vent nous portera. Eine leichte, fast gefällig in einem dem Reggae nahen Stil daher kommende Musik (aufgenommen mit Manu Chao (geb. 21.6.1961 Paris) als Gitarristen).

Das Lied erscheint bald als erste Single-Auskopplung aus dem Album, wird ein Independant-Hit und erreicht Chart-Plätze (Italien z.B. 4 Wochen Nr. 1). Das zugehörige unter der Regie des französischen Musikvideo-Regisseurs Alexandre Courtes entstandene Video wird 2001 als Music Video of the Year ausgezeichnet.

Von Noir Desir erschien am 24. Januar 2020 ein weiteres Album mit elf zuvor nicht veröffentlichten Chansons aus den jahren 1997 bis 2002.

Le vent nous portera / Sophie Hunger (2010)

Im Jahr 2010 covert die Schweizer Sängerin Sophie Hunger (i.e. Émilie Jeanne-Sophie Welti, * 31. März 1983 Bern) den Song Le vent nous portera auf ihrem selbst produzierten zweiten Studio-Album 1983 als siebten Track.

Eine Interpretation, fast im Stil einer Ballade. Mit milder Stimme zur Gitarre, einem nahezu zaghaft anmutenden, liebevollen Saxophon. Nicht Zerbrechlichkeit, aber doch respektvolle, fast zaghafte Annäherung auf liebevolle Weise.
Hunger spielt den Song auch heute (2019) noch oft auf ihren Konzerten.

Sophie Hunger Konzert im Februar 2019 in Oldenburg

Hungers Chanson-Version wird im Jahr 2018 Titelsong der Arte- Miniserie Fiertés – Mut zur Liebe über drei Jahrzehnte gesellschaftlichen Kampf für die Rechte Homosexueller und gegen Aids.

https://youtu.be/AyUp1rnv7rY

weitere Cover-Versionen

Le vent nous portera wird im Laufe der Jahre ein Indie-Hit. Bertrand Cantat selbst singt dieses ‘kleine Chanson’ weiterhin bei seinen Auftritten [Video 2018 in Lyon].

Im Laufe der Zeit wird der Song von zahlreichen Interpret_innen gecovert. Element of Crime singen ihn 2009 auf ihrem Album Fremde Federn (Track 17), eigentlich aufgenommen 2009 als Bonustrack des Albums „Immer da wo du bist bin ich nie“.

Der Indie-Rock-Chor Scala & Kolacny Brothers sind das Lied 2011 im Stil fast einer Happy Music mit Frauen-Chor und frühen Mickey-Comics [Video].

Einige weitere Beispiele: Das Jazz-Ensemble Mea Culpa aus Montreal interpretiert es neu [Video]. Ganz akustisch 2017 Cybèle Castoriadis und Orestis Kalampalikis [Video]. Ebenfalls akustisch 2010 Les Charbonniers de l’enfer [Video]. Oder ganz klein 2018 als jours hereux [Video].

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Nachdenkliches

Sterben und Tod

Sterben und Tod finden im Bewusstsein unseres Alltags kaum einmal statt. Wir wollen gut aussehend sein, fit und gesund, und wenn schon älter werdend dann zumindest gepflegt und adrett.

Das Thema Tod hatte 2018 mehr Bedeutung in meinem täglichen Leben als in den Jahren zuvor. Nach Jahren der Aids-Krise, in denen in den schlimmsten Jahren Tod beinahe täglich auch mit Thema war, war es ruhiger geworden. Gelegentlich starben Verwandte, Bekannte, nur sehr selten jemand der mir sehr nahe war.

Im vergangenen Jahr ist mein Vater nach langer Krankheit gestorben. Diese Zeit hat bei mir auch dazu geführt, mich an mein eigenes Erleben des Todes eines geliebten Menschen zu erinnern.

Die Begegnung mit dem Tod ist eine radikale Erfahrung

Die Begegnung mit dem Tod ist eine radikale Erfahrung. Die Radikalität dieser Erfahrung wurde mir brutal bewusst bei der Einäscherung von Jean-Philippe, der 1990 an den Folgen von Aids starb.

Paris, Cimetière du Père-Lachaise, Trauerhalle. Der Sarg mit seinem Leichnam steht zu Beginn der Trauerfeier auf der Bühne. Doch schon während der Zeremonie, abgehalten seinem Wunsch entsprechend von Mönchen eines japanischen buddhistischen Ordens, entgleitet der Sarg sanft nach unten. Ein schwarzes Loch im Boden verschluckt ihn. Auf seltsame Weise sehen es alle, doch niemand scheint Notiz zu nehmen. Die Zeremonie geht ungerührt weiter.

Jean-Philippe wird im Verlauf der Trauerfeier zeitgleich eingeäschert. Wir sitzen oben in der Trauerhalle, nehmen Abscheid. Eine Etage tiefer wird sein Körper verbrannt.

Am Ende der Trauerfeier, angekündigt von einem dezenten Gong, tritt ein leer dreinblickender Krematoriums-Angestellter aus der Kulisse. Überbringt Jean-Philippes Mann die Urne, in einem neutralen Papp-Karton verpackt.

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Die Radikalität dieser Erfahrung war damals, 1990, im körperlichen Sinn ein KO-Schlag für mich.
Irgendwie muss ich, in Tränen aufgelöst, nach draußen geflüchtet sein. Irgednwie. Nach langer Zeit der Suche fand mich Sylvain hinter Büschen auf einem Grab hockend, zitternd, in Tränen.
“Ich weiß”, sagte er nur, zog mich hoch, nahm mich in den Arm. Bugsierte mich zu seinem Wagen, und zum Rest der Trauergesellschaft, die in Jean-Philippe und Syriacs Wohnung beisammen saß.

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Natürlich ist mir bewusst dass Jean-Philippe nicht mehr am Leben ist. Aber er ist weiterhin Teil meines Lebens. Nicht permanent, nicht einmal oft. Doch es gibt diese Momente in denen wir uns ganz nahe sind, auch so viele Jahre nach seinem Tod.

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Ich weiß nicht einmal ob es ein Grab gibt, noch ob es nicht bereits wieder eingeebnet wurde (Jean-Philippe starb 1990). Ich habe nur eine einzige Photographie von ihm in der Wohnung, an meiner ‘Wand der Freunde’.

Eine Grabstätte als Ort der Erinnerung brauchte ich selbst für mich, für mein gedenken nie. Mein Gedenken findet in mir statt. In meinem Seelengarten.

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Roland Barthes spricht (in Die helle Kammer) von einem ‘Gerinnungsmoment‘ der Photographie. Doch in diesem Photo an meiner ‘Wand der Freunde’ ist für mich nichts geronnen. Es ist einfach Erinnerung an einen schönen Urlaub zusammen. Nicht mehr, nicht weniger.

Wenn es so etwas wie einen Gerinnungsmoment gibt, dann ist es dieser eine Augenblick im Krankenhaus.
Von diesem Moment habe ich kein Photo, benötige auch keines.
Dieser Moment ist direkt in meiner Erinnerung.

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Johann Michael Eder – Mann halb skelettiert (memento mori)
– Self-photographed, User:Mattes, 8 March 2014
CC BY-SA 2.0

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Wer sich für meine Zeit mit Jean-Philippe interessiert – ich habe darüber 2012 eine kleine siebenteilige Mini-Serie von Texten geschrieben, die hier zu finden sind: Jean-Philippe – Einige Tage mit dir

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Nachdenkliches

Hingabe

Hingabe – sich einem Menschen rückhaltlos hingeben, sich ihm aus eigenem freien Entschluss öffnen und vorbehaltlos zuwenden.

Hingabe ist ein Begriff, der oft Unbehagen auslöst. Assoziationen von Fremdbestimmung, Ausgeliefertsein, Selbstverlust weckt. Der Begriff berührt Hoffnungen, aber auch Ängste und Tabus.

Was bedeutet Hingabe? Und in welcher Beziehung steht sie zu Liebe, zu Sexualität, und zu Freiheit?

Zen Garten als Ort der Hingabe
Ort der Hingabe – ein Zen Stein-Garten (Hamburg, Neuer Botanischer Garten)

Versuch einer Eingrenzun

Hingabe meint sich jemandem zu öffnen und zuzuwenden. Mehr als ‘nur’ Zugewandtheit. Sich einem Menschen hingeben. Sich ihm widmen. Meint Offenheit. Den eigenen Schutzpanzer ablegen.
Sie scheint ein wenig jenseits des Verstandes zu liegen. Freiwillige Abgabe von Kontrolle. Freiwillige Nacktheit

Hingabe setzt einen Partner voraus. Zu ihr gehört immer auch ein Hinnehmen.

Hingabe meint, dass ich den anderen annehme so wie er ist. Sie macht sich nicht an Äußerlichkeiten fest. Sie hat als Voraussetzung für mein eigenes Hingeben an den anderen, dass ich mich selbst annehme

Hingabe ist ihrem Wesen nach freiwillig. Erfolgt aus eigenem Willen nach eigener überlegte Entscheidung in Freiheit. Sie kann dabei auch eigene Befreiung sein

Sie entsteht aus freien Stücken, aus in einem in der Person selbst ruhenden Bedürfnis heraus. Sie muss nicht explizit erfolgen. Auch unausgesprochene Hingabe ist möglich.

Hingabe ist das Gegenteil jener kruderweise auf die Ebene menschliche Begegnung übertragenen neoliberalen Markt-Denkweise, derzufolge ich mich “rar machen” sollte, damit der andere mich mehr begehrt (wie ein Produkt, dessen Preis mit sinkender Verfügbarkeit steigt). Die Hingabe sagt ‘siehe, hier bin ich, mit Haut und Haaren – nimm’ mich, ich gebe mich dir hin, nimm’ mich wie du begehrst’.

Hingabe kann wechselseitig sein. So wie ich mich hingebe, völlig öffne, kann ich auch das sich Hingeben des Partners annehmen.

Hingeben beinhaltet ein Geben und Erfüllen ohne Erwartung, ohne Forderung. Bedeutet Loslassen bzw. Überwinden eigener Ängste, Erwartungen, Begierden.
Ohne Erwartung? Vielleicht doch die eine Hoffnung: im sich Hingeben aufgefangen zu werden.


Der Apostel Johannes an der Brust Christi (Christus-Johannes-Gruppe; Johannesminne), Schwaben (Bodenseegebiet), Anfang 14. Jh.; Eichenholz mit kleinen Resten originaler Fassung, Mantel des Johannes in neuerer Fassung, Photo: Andreas Praefcke, public domain

Hingabe Liebe Beziehung

Hingabe hat etwas beidseitiges – sie setzt immer den anderen voraus, der Hingeben annimmt. Sie ist eine mögliche Dimension einer Beziehung zwischen Menschen. Sie setzt emotionale Bindung voraus.

Als Grundlagen hat Hingabe Dankbarkeit und Vertrauen, in den anderen, aber auch in sich selbst.

Hingeben im Kontext von Liebe meint: der Liebende, der sich schenkt

Hingabe kann ein Schritt sein. Zu mehr Nähe, mehr Intensität, mehr Wahrhaftigkeit. Wie eine Verwandlung.

Hingabe und Dominanz

Hingabe bedeutet nicht die Aufgabe des Selbst. Hingeben ist per se nicht Unterwerfung. Kann aber in Fortführung oder Umdeutung zu deren freiwilliger Form führen. [vgl. hierzu auch ‘Im Reich der Sinne’, Nagisa Oshima 1976]

Hingabe und Dominanz – in welchem Verhältnis stehen sie? Und wie verträgt sich dies mit dem Ideal einer gleichberechtigten Partnerschaft?

Im Kontext von Dominanz kann ‘sich hingeben’ auch meinen ‘sich jemandem ergeben’. Einvernehmlich Asymetrie statt Gleichberechtigung. Ein Partner ist dominant, ein Partner unterwirft sich – aus Lust sich hinzugeben. Dem Partner Macht zu geben. Aus Vertrauen. Aus Liebe. Aus Freiheit.

Verletzlichkeit und Stärke

Ein naher und doch ungeliebter Verwandter der Hingabe ist die Verletzlichkeit. Wenn ich Angst habe verletzt zu werden, wird Hingabe schwerer bis unmöglich. Wenn ich mich hingebe, mich schenke, mache ich mich verletzlich. Freiwillige Verletzbarkeit. Vertrauen, in den anderen wie in mich selbst, mindert Angst, macht Angst beherrschbar – oder ganz entbehrlich.
Vertrauen ist eine Grundlage von Hingabe. Hingeben ohne begründetes Vertrauen, gar ins völlig Ungewisse wäre wohl nahe an Torheit. Die Hingabe wird möglich im Vertrauen darauf, liebevoll aufgefangen zu werden. Sie findet im Rahmen eines vertrauensvollen “wir” statt

So wie sie Verletzlichkeit mit sich bringen mag, baut Hingeben gleichzeitig auf Stärke auf. Eigene Stärke als Basis der Hingabe. Selbstablehnung würde die Fähigkeit dazu beinträchtigen. Vertrauen, Erfahrung eigener Möglichkeiten und Stärke machen es umgekehrt leichter, Schutzmechanismen vertrauensvoll abzulegen, Risiken einzugehen, und sich hinzugeben. Das ‘ich’ überwinden – und dabei ganz selbst sein. Nahe am Wesentlichen

Antagonisten der Hingabe sind zum Beispiel Routine, Langeweile, Desinteresse. Was geschieht wenn Hingabe fehlt, wenn eine Liebesbeziehung ambitionslos wird, wenn Bemühen fehlt und Routine einkehrt, hat Ian Curtis (Joy Division) in ‘Love will tear us apart‘ eindrücklich besungen.

Glück ist Liebe. Nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.

Hermann Hesse, Über die Liebe

Hingabe und Geschlechterrolle

Wie steht es um das Verhältnis – ist Hingabe weiblich? Ist sie unmännlich?

Historisch wurde Hingeben lange als eine weibliche Eigenschaft betrachtet. Besonders deutlich brachte dies Fichte (s.u. Hingabe und Freiheit) zum Ausdruck, der damit vermutlich den gängigen Geschlechterrollen-Verständnis seiner Zeit gerecht wurde.

Die Zuschreibung der weiblichen Rolle an diese Verhaltensweise mag resultieren aus einem dichotomen Verständnis von Penetration als aktiv und passiv sowie dem Reduzieren weiblicher Sexualität auf ein vermeintlich passives Verhalten

Der Mensch, egal welchen biologischen Geschlechts, der sich einem anderen hingibt, kann sich körperlich weitgehend oder völlig passiv verhalten. Er kann aber auch selbst in seiner Hingabe, zu der er sich aktiv entschlossen hat, selbst körperlich aktiv verhalten

Hingeben ist eine Möglichkeit, wie zwei Menschen mit einander agieren. Hingabe ist nicht weiblich. Sie ist nicht männlich. Sie ist menschlich.

Hingabe und Sexualität

In welchem Verhältnis stehen Sexualität und Hingabe? Sex ohne Hingeben sei ‘reiner Matratzensport’, sagen die einen. Hingabe, womöglich sich verlieren geht nicht einher mit ‘Sex auf Augenhöhe’, entgegnen andere.

Sich fallen lassen, den Kopf abschalten, Hemmungen ablegen, Leidenschaft statt Vernunft, ist das allein schon Hingabe (in sexuellem Kontext)?

Oder kommt zumindest das Fokussieren auf den anderen hinzu? Das weitgehende Außerachtlassen eigener Begierden und Gelüste? Die Auflösung der Ich-Bezogenheit zugunsten des ‘du’ und eines ‘wir’. Das Ausrichten der eigenen Aufmerksamkeit auf den anderen, seinen Körper, sein Agieren? Ohne Nachdenken, ohne eigene Kontrollinstanzen? Und ohne ‘Gegenleistung’? Eine auf den anderen gerichtete Selbstvergessenheit?

Es gibt eine männliche Passivität die so ausgeprägt ist, dass sie sich in … der absolut entspannten Erwartung des Körpers [ausdrückt], seine Rolle zu erfüllen, seinen Sinn, Lust zu geben und zu empfangen.

Jeanne Moreau in der Rolle der ‘Lisiane’ in Querelle (R.W. Fassbinder)

Hingabe ist asymetrisch.
Ein Mensch gibt sich dem anderen Menschen hin.
Wie kann Hingabe, wie kann diese Asymetrie passen in eine Zeit, in der die (auch sexuell) ausgewogene gleichberechtigte, ebenbürtige Beziehung das proklamierte Ideal ist

Ein Widerspruch, der nur vermeintlich existiert. Hingabe findet in einer  Konstellation statt, die einvernehmlich ist. Sie findet freiwillig statt. Sie drückt das Verhältnis zweier Menschen aus, sei es im konkreten sexuellen Akt, sei es in ihrer Beziehung mit einander.

Sich hingeben wie auch Hingabe annehmen kann der Ausdruck der Autonomie zweier frei von Fremdbestimmung handelnder Menschen sein.

Sexualität und Hingabe stehen in einem engen Verhältnis. Hingabe ermöglicht die Überwindung von Ich-Bezogenheit. Und kann ein möglicher Ausdruck von Autonomie, der Eigengesetzlichkeit in Freiheit handelnder Menschen sein.

die Frage der Freiheit

Eine Frage bleibt: kann wer sich hingibt noch frei sein? Kann ein Wesen der Freiheit zugleich Hingabe leben? Verletzt sich Hingeben nicht doch den Gedanken der Autonomie?

In welchem Verhältnis stehen Hingabe und Freiheit? In keinem guten, denken Philosophen wie Fichte und Immanuel Kant. Der sich hingebende Mensch gebe seine Freiheit auf, denken Fichte wie auch Kant, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten.

Johann Gottlieb Fichte denkt, die Frau werde mit ihrer geschlechtlichen Hingabe Mittel zum Zweck des Mannes. Der Frau sei der Trieb angeboren, durch Hingabe an den Mann ein eigenes natürliches Bedürfnis zu erfüllen. Dem der Mann mit Großmut begegne.

Hingabe sei ein passives Verhalten, betont Immanuel Kant. Genuß, angewiesen auf das Genießbare und damit in einer Abhängigkeit, sei generell ein passives Verhalten. Hingeben sei Passivität. Sei eine Abgabe menschlicher Freiheit.

Der lebenslange Junggeselle Kant ist der Ansicht, der Mensch der sich einseitig einem anderen hingibt, verliere Persönlichkeit und Menschenwürde. Er mache sich selbst [kantianisch ein schweres Vergehen] vom Subjekt zum Objekt. Hingabe widerspricht nach Kant der Menschenwürde.

Anders als Fichte, der den Freiheitsverlust ‘nur’ beim sich hingebenden Menschen (i.e. bei Fichte die Frau) sieht, betont Kant zudem, nicht nur der sich Hingebende, sondern beide Partner verlören ihre Freiheit, ihre Würde. Machten sich zum ‘Genußobjekt’ für den jeweils anderen.
Einzig unter der Bedingung, dass dieser ‘Erwerb als Sache wechselseitig’ ist, werde ihrer beider Persönlichkeit wieder hergestellt. Nehmen beide Partner wechselseitig die hingebende Rolle ein (die Fichte noch einzig bei der Frau sieht), nur dann könne Hingabe unter Wahrung der Menschenwürde möglich sein.

Kant und Fichte zum Trotz bleibt die Frage ist offen: ist Hingabe in Freiheit möglich?

Einzig und allein durch Hingabe kann man die absolute Wahrheit erkennen.

Buddha, Tibetisches Buch vom Leben und Sterben (Sogyal Rinpoche)

 Ja, es kann Hingabe in Freiheit geben.

Und wenn Hingabe mit Kant notwendig Selbstaufgabe, Objekt-Werden bedeuten sollte – ist dann eine Beziehung, in der einer der Liebenden sich dem anderen schenkt, überhaupt als Sich-Begegnen zweier freier Menschen denkbar, möglich?

Ja. Denn Hingabe ist Freiheit – oder: Hingabe kann Freiheit sein.

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“Die große Herausforderung des Lebens liegt letztlich darin, die Grenzen in dir selbst zu überwinden und soweit zu gehen, wie Du Dir niemals hättest träumen lassen.

(Paul Gauguin, 1848 – 1903)

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Für Jan


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Erinnerungen

Taizé 1975

Erinnerung an Taizé 1975 – Im Sommer 1975 nahm ich ein einer Fahrt der Jugendgruppe (mit der ich auch oft ins Landheim Immer fuhr) nach Frankreich teil. Das Haupt-Ziel: Taizé und das von Frère Roger Schütz ins Leben gerufene Konzil der Jugend.

Reiseverlauf: Delmenhorst – Köln – Heidelberg – Straßburg – Colmar – Ronchamps – Taizé – Nimes – Avignon – Genf – Delmenhorst

In Taizé hielten wir uns vom 28. Juni bis 4. Juli 1975 auf.

Einige fotographische Eindrücke an Taizé 1975

Die Kirche von Taizé 1975 – “Tag und Nacht offen für jedermann”, vermerkt mein Fotoalbum
Taizé im Jahr 1975
Taizé 1975 – “unsere Zelte”
Taizé 1975 – “Warten auf’s Mittagessen, jeden Tag um 12:30 Uhr”
Taizé 1975 – “am letzten Tag mit den Holländern nach Cormatin”

Taizé 1975 – Erinnerungen

Die (eigentlich ja wenigen) Tage in Taizé haben deutliche Spuren in meinen Erinnerungen hinterlassen. Bilder Gefühle Gerüche die noch heute vorhanden sind. Ein Gefühl der Freundlichkeit mit der Gruppe, mit vielen Teilnehmern in Taizé mit denen ich Kontakt hatte. Ich kann, die Augen schließend, noch heute die Hitze über den Stoppelfeldern hinter dem Zeltplatz fühlen, riechen. Die flirrende Luft, in der ein junger Teenager auf der Suche nach sich selbst herumstromerte, glücklich und frei. Das Kratzen und Husten der ersten Gitanes. Der Geschmack des ersten wo auch immer selbst gekauften Rotweins.

Glücklich ist nicht ganz das treffendste Wort für das Grundgefühl dieser Erinnerungen an Taizé 1975, eher – frei. Endlich frei. Ich erinnere große Freiheit.

2005, nach dem gewaltsamen Tod von Frère Roger Schütz am 16. August, schrieb ich an die Gemeinschaft von Taizé einige Zeilen. Darunter auch diese

Ich werde Taizé immer als Ort und Zeit in Erinnerung behalten, der für mich ein Aufbruch war, ein Beginn einer langen -und sicher noch weiter gehenden- Reise zu mir selbst. Ein Ort, an dem ich eine große und befreiende Gemeinschaft er­fuhr. Tage, die mir viele Gedanken, Anregungen und Ideen mitgaben, die mich noch lange auf meinem Weg begleiteten. Tage, die mir halfen nachzudenken, wer bin ich, was will ich, wie kann ich verantwortlich und liebevoll leben.
Das Kreuz von Taizé habe ich lange um den Hals getragen – leider ist es dann ir­gendwann doch verloren gegangen.
Meine Gedanken und Gefühle sind bei Frère Roger und bei Ihnen.

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“Um voranzugehen und durchzuhalten, braucht jeder Mensch den inneren Frieden des Herzens.”

Frère Roger Schütz


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Persönliches

Beziehung und Treue – “Treue ist für mich nicht was Sexuelles …” – Ulli 1986 Interview für ‘Beziehungsweise andersrum’

1986, ich war 27 Jahre alt und seit gut drei Jahren mit Frank zusammen, interviewte Thomas Grossmann mich für sein Buch “Beziehungsweise andersrum”. Gedanken über Freundschaft, Liebe, Beziehung und Treue :

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Ulli ist 27 und lebt mit seinem drei Jahre jüngeren Freund in der Nähe von Köln.

Ulli: Mein erster Einstieg in die schwule Szene war sowas wie eine Beziehung. Das war während meiner Bundeswehrzeit in Oldenburg. Ich bin in ‘ne schwule Kneipe gegangen, viel zu früh, und hab da einen Typen in meinem Alter kennengelernt. Mit dem hatte ich für einige Zeit eine lockere Beziehung.
Wir waren nicht fest zusammen, haben aber viel miteinander gemacht. Er war schon zwei Jahre in der Szene, und er hat mir viel gezeigt und von der Szene erzählt.
Dann bin ich nach Bremerhaven gekommen, habe aber die erste Zeit keine Berziehung gehabt. Nur später eine, die drei Monate dauerte und recht unschön in die Brüche ging.
Als ich nach Hamburg gekommen bin, habe ich nach sechs Wochen in einer schwulen Disco Frank kennengelernt. Ich habe ihn mit nachhause genommen, und daraus ist eine bis jetzt andauernde Beziehung geworden. Also vier Jahre. Frank war zu der Zeit 20 und ich 23.

Wie hast du dir damals eine Beziehung vorgestellt?

Ich glaube, ich habe vorher nie eine richtige Vorstellung gehabt, wie ‘ne Beziehung sein sollte. Nur den Wunsch nach einem sehr, sehr engen Zusammengehörigkeitsgefühl. Mich anders zu fühlen, wenn ich mit meinem Freund zusammen bin. Kaum konkrete Vorstellungen.

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Persönliches

Älter werden

Februar 1959. Februar 2016. Mai 1996.
57 Jahre alt werde ich dieses Jahr.
Und eine seltsame Art von 20. Geburtstag darf ich auch feiern, wenig später an einem nicht konkret bestimmten Tag, eher einem Zeitraum, irgendwann zwischen Mai und Juli.

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Ich hadere manchmal damit, älter zu werden. Ich erfreue mich manchmal an meinen Jahren. Ich fühle gelegentlich die Narben, die Schmerzen, die Teil meines Lebenswegs sind. Ich bin dankbar für jeden Moment, jedes Jahr das ich habe obwohl einst sicher schien, dass es ganz anders kommen würde.

Ich genieße harmonische kreative gefühlvolle Momente wie auch vertraute Stille mit Menschen die ich liebe, die mir Freund sind.

Ich bin zutiefst dankbar und glücklich in meinem Mann Geliebten, Weggefährten, Herzensfreund und engsten Vertrauten zugleich gefunden zu haben.

Ich freue mich auf die Momente die mir noch gegönnt sein mögen.

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Mai ’96. Niedergeschlagenheit. Verzweiflung. Angst. Schwarz. Einige Worte kommen mir in den Sinn wenn ich an diese Zeit auf Station ‘Rita’ im ‘Klösterchen’ denke. Keines dieser Worte vermag so recht wiederzugeben wie ich mich damals fühlte. Viele andere Momente in meinem Leben die mich erschütterten, selbst jene des Leidens und Todes von Jean-Philippe, vermag ich inzwischen für mich in Worte zu fassen, in Worte die für mich ‘treffend’ und ‘rund’ sind. Die besondere Zeit des Frühlings der für mich keiner mehr war, sie in Worte zu fassen vermag ich immer noch nur sehr unbefriedigend.

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Bei all der Freude und Dankbarkeit für all die „doch gelebten Jahre“, und Hoffnung auf kommende, bleibt ganz leise dieses Gefühl „warum ich, warum er nicht?“

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Älter werden. Welch ein Geschenk 🙂

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Erinnerungen HIV/Aids

Infiziert seit der ersten Stunde

e war es, in den 1980er und 1990er Jahren mit HIV und Aids zu leben? Darüber hat Fabian von dbna mit mir gesprochen, für einen Artikel für das Internetportal für “schwule, bisexuelle und interessierte Jugendliche bis 27 Jahre”:

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Infiziert seit der ersten Stunde

Ulli ist seit Mitte der 80er HIV-positiv. “Homosexuellen-Seuche” nannte der “Spiegel” die Krankheit kurz vorher. Als die Ärzte ihn schon aufgegeben haben, kommen die lebensrettenden Medikamente auf den Markt. Das war vor 20 Jahren.

HIV-positiv: Sein Arzt teilt Ulli das Ergebnis mit. Er war damals Mitte 20 und kam öfter wegen Erkältungen und anderer Kleinigkeiten zu seinem Hausarzt. Der hat deshalb einen HIV-Test gemacht – gegen den ausdrücklichen Willen seines Patienten. “Mein Arzt wusste, dass ich gegen den Test war”, sagt Ulli, heute 55 Jahre alt. “Es gab ja noch überhaupt keine Medikamente gegen HIV”, erklärt er, “selbst wenn man wusste, dass man HIV-positiv ist, hatte das keinen persönlichen Nutzen.” Safer Sex war damals ohnehin für jeden angesagt, ergänzt er.

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HIV/Aids

Szenen meines Lebens mit HIV

Ich erinnere mich sehr gut an meine erste Begegnung mit Aids. Und ich hoffe, irgendwann in diesem Leben sagen zu können: Ich erinnere mich voller Freude an meine letzte Begegnung mit Aids. Ich hoffe, es zu erleben, dass wir absehbar bei uns einen Schlussstrich ziehen können unter diese Krise, die so unsagbar viel Leid, Zerstörung, Verwüstung, Elend gebracht hat. Aber beginnen wir von vorne.