Schweigen = Tod, Aktion = Leben – ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993

Die Aids-Aktionsgruppen ACT UP sorgten auch in Deutschland Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre mit teils spektakulären Aktionen für Aufmerksamkeit. ‚ Schweigen = Tod, Aktion = Leben – ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993 ‚ – unter diesem Titel habe ich meine persönlichen Erinnerungen zu ACT UP in einem Buch veröffentlicht.

Mit mediengängigen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen sorgten auf dem Höhepunkt der Aids-Krise, Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre, Aids-Aktionsgruppen für Aufmerksamkeit. Ziel dieser neuen Form des Aktivismus: Druck auf Politik, Medizin und Öffentlichkeit auszuüben, die Aids-Krise und vor allem die Situation von Menschen mit HIV und Aids ernster zu nehmen – und endlich zu handeln.

ACT UP entstand vor 30 Jahren, im März 1987 in New York. Knapp drei Wochen nach der Gründung trat ACT UP New York am 24. März 1987 mit einer Aktion auf der Wall Street gegen überzogene Medikamenten- Preise und für schnellere Verfügbarkeit erstmals öffentlich in Erscheinung.
In Deutschland wurde die erste Gruppe 1989 in Berlin gegründet. Weitere folgten schnell, bald gab es 13 ACT UP Gruppen in Deutschland. Doch bereits 1993 endete die ‚Blütezeit‘ der deutschen Gruppen im wesentlichen.

Die-Ins, Strassen-Aktionen, Boykott, Dombesetzung, Aktionen des ‚zivilen Ungehorsams‘ – in den Aktionen von ACT UP manifestierte sich auch die Wut auf Ausgrenzung und Diskriminierung, auf Untätigkeit und Ignoranz. Nicht nur über uns, sondern mit uns – Menschen mit HIV und Aids wollten endlich selbst ihre Stimme erheben, wollten aktiv beteiligt werden.

Wie und aus welchen Beweggründen heraus entstand ACT UP? Was waren die wesentlichen Aktionen und Aktionsformen? Warum endete ACT UP nach wenigen Jahren wieder?

Ulrich Würdemann: Schweigen = Tod, Aktion = Leben - ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993 cover
Ulrich Würdemann: Schweigen = Tod, Aktion = Leben – ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993 cover

Ulrich Würdemann, damals selbst ACT UP Aktivist, erinnert in seinem Buch „Schweigen = Tod, Aktion = Leben – ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993“ als Zeitzeuge an ein Stück deutscher Aids-Geschichte. Er lässt die Entstehung von ACT UP und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Situationen zunächst in den USA, dann auch in Deutschland Revue passieren, erinnert an die große Bedeutung von Künstler-Gruppen wie Gran Fury für die optische Identität aber auch mediale Wirksamkeit der Aids-Aktionsgruppen. Im Mittelpunkt stehen die Aktionen von ACT UP, von Konferenz-Teilnahmen über den ‚Marlboro-Boykott‘ bis zur Aktion im Dom zu Fulda, von Pflegenotstand über Community-Beteiligung bis Medikamenten-Forschung.

Was bewegte die Aktivisten? Wo waren Konfliktlinien? Was führte zum baldigen Ende von ACT UP, zumindest in Deutschland? Ist ACT UP heute nur noch Mythos und ‚Gerümpel der Geschichte‘? Hat ACT UP etwas bewirkt? Wenn ja, was? Und wie sind die Aktionen aus heutiger Sicht zu bewerten? Was hat ACT UP uns heute zu sagen? Können wir aus dem aktivistischen Umgang mit der Aids-Krise in den 1980er und 1990er Jahren für heute lernen?

Schweigen = Tod, Aktion = Leben – ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993“ erinnert an eine bedeutende Phase des politischen Aktivismus – die auch Inspiration für heutige Aktivisten sein kann.

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Ulrich Würdemann: Schweigen = Tod, Aktion = Leben – ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993
Herausgeber: Thomas Michalak
als Ebook: Link
als Print on demand: Link
sowie im Buchhandel und auf den diversen online-Plattformen

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Disclaimer
Ich erziele mit diesem Buch keinerlei Einnahmen. Die Erstellung habe ich mit einem nicht unwesentlichen Betrag selbst finanziert. Mir ging es darum, meine Erinnerungen und Daten zugänglich zu machen.

hier sind alle meine Texte zu ACT UP zu finden

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mein besonderer Dank geht an Holger Sweers für das Lektorat und an Thomas Michalak für Layout, Erstellung des Ebooks und Verlag

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30 Jahre AZT

Am 20. März 1987 erteilte die US-amerikansiche Food and Drug Administration (FDA) in den USA die Marktzulassung von AZT für die Behandlung der HIV-Infektion. Am 29. April 1987 folgte die Zulassung in Deutschland.

Für das Magazin der Deutschen Aids-Hilfe habe ich an die Situation damals in einem Gespräch mit Axel Schock erinnert.

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Als vor 30 Jahren die US-Arzneimittelbehörde FDA die Marktzulassung für das Arzneimittel AZT erteilt, gab es erstmals ein vielversprechendes Medikament, das die Vermehrung von HIV verhindern konnte. Doch die Hoffnungen wurden zunächst jäh enttäuscht. AZT warf nicht nur ethische Fragen auf, sondern löste auch weltweite Proteste aus. Der Hamburger Aktivist und Blogger Ulli Würdemann erinnert sich.

Als vor 30 Jahren die US-Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung von AZT zur HIV-Behandlung erteilte, ermöglichte es das Bundesgesundheitsamt, dass das Medikament auch in Deutschland ungewöhnlich schnell verfügbar wurde. Welche Hoffnungen hatte dies innerhalb der HIV-Community, bei deinen Freunden bzw. bei dir selbst ausgelöst?
Vor AZT gab es ja jahrelang – nichts. Zumindest nichts, was wirklich gegen HIV wirkte, was unser Leben verlängern konnte. Wer damals die Diagnose HIV-positiv bekam, und oft war das ja erst, wenn auch schon Aids-Symptome vorhanden waren, der wusste sicher: Du hast nicht mehr lange, und es gibt nichts, was man dagegen tun kann.
Wir haben also auf dieses erste Medikament lange gewartet, und als es verfügbar war, wirklich große Hoffnungen damit verbunden.

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ex ACT UP Aktivistin Emmanuelle Cosse Ministerin für Wohnungsbau

Emmanuelle Cosse Ministerin – die ehemalige ACT UP Aktivistin Emma Cosse wurde in Frankreich am 11. Februar 2016 zur neuen Ministerin für Wohnungsbau ernannt.

Die 1974 in Paris geborene Journalistin und Politikerin der französischen Grünen EE-LV Emmanuelle Cosse wurde am 11. Februar 2016 zur neuen Wohnungsbau-Ministerin in Frankreich ernannt. Zuvor war sie bereits Vize-Präsidentin für Wohnungswesen in der Region île de France.

Schon in jungen Jahren war sie aktiv in der Schüler-Vereinigung Fidl. Ende der 1990er Jahre wurde Emma Cosse bekannt als Aktivistin und später Präsidentin der Aids-Aktionsgruppe ACT UP Paris, die 2015 nur knapp die endgültige Insolvenz abwenden konnte.

Emmanuelle Cosse 2010 während der Kampagne der EE-LV bei den französischen Regionalwahlen (Foto: Marie-Lan Nguyen)
Emmanuelle Cosse Ministerin für Wohnungsbauseit – Cosse hier 2010 während der Kampagne der EE-LV bei den französischen Regionalwahlen (Foto: Marie-Lan Nguyen)

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ACT UP Paris – Liquidation 2015 knapp vermieden

Steht ACT UP Paris vor dem Aus? Die seit bald 25 Jahren bestehende, allerdings selbst unter Positiven nicht unumstrittene  Aids-Aktionsgruppe kämpft mit großen finanziellen Problemen. Am 24. März 2014 hat ACT UP alle Zahlungen eingestellt. Inzwischen steht die Präsidentin wegen einer Aktion im Sommer 2013 unter Anklage. Über Fortführung oder Liquidation entschied das Gericht. Letztlich konnte die Zwangs-Liquidation abgewendet werden.

ACT UP Paris stirbt – der Epidemie geht’s gut„, klagt die Internetseite der Gruppe:

ACT UP Paris vor dem Aus? (Screenshot actupparis.org 25.2.14)
ACT UP Paris vor dem Aus? (Screenshot actupparis.org 25.2.14)

Ende März ist es zu spät, dann gibt es ACT UP Paris nicht mehr„, betont ACT UP Paris in einem aktuellen Spendenaufruf, und fragt „Fällt der Vorhang für eine Organisation, die seit 25 Jahren gegen AIDS kämpft?„.

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Aids ist keine düstere Bedrohung mehr

Aids ist keine düstere Bedrohung mehr. Heute nicht mehr. Diese einfache Aussage scheint für einige Menschen immer noch schwer erträglich, schwer verständlich – und weiterhin wird (von interessierter Seite?) gelegentlich kolportiert, Aids sei eine ‚düstere Bedrohung‘. Nein. Ist es nicht. Nicht mehr.

6 Jahre alt wird das ‚EKAF-Statement‚ (’swiss statement‘) heute. Am 30. Januar 2008 ging die Meldung erstmals groß durch die Medien: „Eine HIV-infizierte Person ohne andere STD [sexuell übertragbare Erkrankungen, d.Verf.] unter einer antiretroviralen Therapie (ART) mit vollständig supprimierter Virämie (im Folgenden: ‘wirksame ART’) ist sexuell nicht infektiös“, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Sechs Jahre. Veränderte Realitäten. Sechs Jahre allein schon seit dieser Mitteilung – denn deren zugrunde liegende Behandlungs-Realität besteht ja schon viele Jahre länger.

Und dennoch sind weiterhin, ob bewusst oder aus Unachtsamkeit, immer wieder Bilder aus einer Zeit zu hören, die der Vergangenheit angehört, Bilder vom ‚alten Aids‘.

So auch jüngst:

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Podiumsdiskussion ACT UP – Queeres Gegen-Gedächtnis und Aids-Aktivismus in Deutschland – Fotos

Am Sonntag 19. Januar 2014 fand in Berlin in der neuen Gesellschaft für bildende Kunst nGbK die Podiumsdiskussion ACT UP ! Feuer unterm Hintern! Queeres Gegen-Gedächtnis und Aids-Aktivismus in Deutschland statt.

Hier einige Fotos der Veranstaltung zu Aids-Aktivismus und ACT UP in Deutschland, die von 17:00 bis 20:30 Uhr in drei Blöcken mit ca. 60 bis 70 Teilnehmer/innen in der Ausstellung selbst (Erdgeschoss) sowie im Veranstaltungsraum (1. OG) stattfand:

Frank Wager nGbK - Begrüßung
Frank Wager nGbK – Begrüßung

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Podiumsdiskussion ACT UP ! Feuer unterm Hintern! Queeres Gegen-Gedächtnis und Aids-Aktivismus in Deutschland

Aids-Aktivismus in Deutschland – eine Podiumsdiskussion am 19. Januar 2014 beschäftigt sich mit ACT UP und den Geschichten des Aids-Aktivismus in Deutschland. Als einer der Zeitzeugen   bin ich Gast bei dieser Podiumsdiskussion ACT UP.

„Inspiriert durch die politische Kunst von ACT UP! ist eine ‚Archiv-Performance‘ in der nGbK Berlin geplant. Broschüren, Briefe, Fotos, Poster und andere Materialien der deutschen ACT UP!-Gruppen aus dem Archiv des Schwulen Museums werden als eine Intervention in der Ausstellung ‚Love – Aids – Riot – Sex‘ projiziert, kommentiert und kontextualisiert von Zeitzeug_innen.“ (aus der Veranstaltungs-Ankündigung)

Podiumsdiskussion ACT UP : ACT UP Aktion beim 3. Deutschen Aids-Kongress Wiesbaden 1992
Podiumsdiskussion ACT UP : ACT UP Aktion beim 3. Deutschen Aids-Kongress Wiesbaden 1992

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Tausende Aids Poster online zugänglich

Eine der weltweit größten Sammlungen Aids Poster aus den Bereichen Aufklärung und Aktivismus  ist seit dem 1. Dezember 2013 kostenfrei im Internet zugänglich.

Die Sammlung enthält auch zahlreiche Plakate und Poster aus dem Bereich Aids-Aktivismus und ACT UP – überwiegend aus us-amerikanischen Quellen, aber auch zahlreiche Plakate aus Deutschland, insbesondere der Deutschen Aids-Hilfe, stehen hier online.

Aids Poster : Ein ACT UP Demonstrant zeigt ein Plakat anlässlich des Gay Pride (Marche des fiertés) in Toulouse 2011 (Foto: Léna)
Aids Poster : Ein ACT UP Demonstrant zeigt ein Plakat anlässlich des Gay Pride (Marche des fiertés) in Toulouse 2011 (Foto: Léna)

Das Projekt der University of Rochester wurde 2011 gestartet und ist nun mit der Freischaltung im Internet erfolgreich zu ende geführt. Die Sammlung umfasst über 6.200 Aids Poster und Plakate aus 124 Ländern aus der Zeit ab 1981.

Basis der Datenbank ist die Sammlung des Mediziners Dr. Edward C. Atwater, emeritierter Professor für Medizin am Medical Center der University of Rochester. Er begann seine Sammlung Aids Poster bereits 1990 und stellte sie zur Verfügung unter der Bedingung, dass sie digitalisiert und im Internet zugänglich gemacht wird. Der inzwischen 87jährige Atwater lebt inzwischen in Rochester, New York.

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River Campus Libraries
Rare Books and Special Collections
Aids Education Posters

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Bisher haben wir wenige praktikable Wege gefunden, unsere Aids-Aktivismus-Geschichte (n) zu bewahren, und vor allem anderen auch zukünftig zugänglich zu machen.

Die Datenbank Aids Education Posters ist ein beispielhaftes Projekt – von dem ich mir wünsche, dass es auf europäischer oder zumindest deutscher Ebene Nachahmer findet.

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Frankreich: ex Präsidentin ACT UP Paris Emmanuelle Cosse Generalsekretärin Grüne (akt.)

Die französischen ‚Grünen‘ EE-LV haben auf ihrer Versammlung in Caen eine neue Nummer 1 gewählt: jetzt ist Emmanuelle Cossse Generalsekretärin , die ehemalige Präsidentin der Aids-Aktionsgruppe ACT UP Paris.

Die französischen Grünen EE-LV (Europe Ecologie – les Verts) haben eine neue Führung: Emmanuelle Cosse wurde auf dem Parteitag in Caen im Calvados am 30. November 2013 mit 55,35% der abgegebenen Stimmen zur neuen Generalsekretärin (secrétaire nationale) der Partei gewählt. Sie folgt damit auf Pascal Durand. Zahlreiche Führungskräfte der Partei hatten seinen Rücktritt gefordert, er hatte daraufhin auf eine erneute Kandidatur verzichtet und bewirbt sich stattdessen um die Führung der Liste der Grünen in der Region Ile-de-France bei den Europawahlen. Cosse wurde nur Stunden später nominiert.

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Geschichten und Berührung – Gedanken zur Love Aids Riot Sex Vernissage

Am 15. November 2013 wurde in Berlin in der nGbK der erste Teil der Ausstellung „Love Aids Riot Sex“ eröffnet. Nach einer ersten Runde durch die Ausstellung, langen Momenten vor mir wichtigen, besonders nahen Werken, den Eröffnungs-Reden verdrücke ich mich bald wieder. Warum?

Erste Blicke, erste Schritte in die Ausstellung. Grafiken, Slogans, das längst berühmte Transparent der New Yorker Bus-Werbung, das Wojnarowicz-Plakat („Junge“), 1990) das jahrelang in unserer Wohnung hin. Bilder die Erinnerungen wecken – ach ja, stimmt ja.

Eine Installation mit Nan Goldins Photographien von Alf Bold. Lange her, dass ich die zuletzt gesehen habe. Wie schon damals gehen mir Nan Goldins Fotos auf ganz eigentümliche Weise nahe. Ihre (hier nicht zu sehenden) Aufnahmen von Gilles und Gotscho bringen mich immer noch zum Weinen, wenn sie mir begegnen.

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