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Berlin

Kurt Hiller (1885 – 1972)

Kurt Hiller, revolutionärer Pazifist, schwuler Aktivist und Schriftsteller, wurde 1885 in Berlin geboren. Er ist 1972 in Hamburg gestorben.

Kurt Hiller – ein (auch bei den meisten Schwulen) leider weitgehend in Vergessenheit geratener Vorkämpfer heutiger Freiheiten.

Kurt Hiller 1903
Kurt Hiller 1903

Der am 17. August 1885 in Berlin geborene Hiller gehörte seit 1908 bis zu dessen gewaltsamer Auflösung durch die Nazis dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (ab 24. November 1929 als zweiter Vorsitzender) von Magnus Hirschfeld sowie dessen Institut für Sexualwissenschaft an, stand gleichwohl Hirschfelds Theorie der ‘sexuellen Zwischenstufen‘ skeptisch gegenüber (Hiller über seine Begegnung mit Hirschfeld: hier).

Hiller verstand sich als revolutionärer Pazifist und war als streitbarer undogmatischer Schriftsteller (‘Literarischer Aktivismus’) und Denker umstritten, eckte an.
Neben Ossietzky und Tucholsky und weiteren Autoren wie Mühsam und Kästner war Hiller seit 1915 einer der wichtigsten Autoren der ‘Weltbühne’. Er arbeitete zudem aktiv an zahlreichen anderen Zeitschriften mit, an deren Gründung er teils selbst beteiligt war (so 1911 ‘Die Aktion‘).

1919 war Hiller Mitbegründer des (1933 von den Nazis zerschlagenen) Bundes der Kriegsdienstgegner sowie 1926 der ‘Gruppe revolutionärer Pazifisten’.

1922 veröffentlichte Hiller im Paul Steegemann Verlag in einer Auflage von 3.000 Exemplaren seine 132-seitige programmatische Schrift „§175: Die Schmach des Jahrhunderts !

Am 7. März 1933 wurde Hillers Wohnung in Berlin – Friedenau in seiner Abwesenheit durchsucht und verwüstet. Am 2. April 1933 wurde er verhaftet und in ‘Schutzhaft’ genommen. Am 14. Juli 1933 wurde er erneut verhaftet, wurde in der Folge in den KZs Columbiahaus, Brandenburg und Oranienburg mißhandelt. Erst am 25. April 1934 wurde er aus dem KZ Oranienburg entlassen. Juristisch vertreten wurde er in dieser Zeit von Dr. Fritz Flato (1895 – 1949), seit den 1920er Jahren im whK engagiert.

1934 gelang Hiller die Flucht nach Prag. 1938 flüchtete er weiter nach London, wo er u.a. 1939 den ‘Freiheitsbund Deutscher Sozialisten’ gründete und den Begriff ‘freiheitlicher Sozialismus’ prägte (den Jahrzehnte später die SPD aufgreift).

Kurt Hiller war neben Klaus Mann einer der wenigen Exil-Deutschen, die auch immer wieder öffentlich auf die Situation der Homosexuellen in Nazi-Deutschland hinwiesen.

Kurt Hiller – Rückkehr nach der NS-Zeit

1955 kehrte Hiller nach Deutschland zurück und lebte bis zu seinem Tod in Hamburg (Wohnung ab April 1956 Grindelhochhäuser / Hallerstr. 5e). Politisch vertrat er in dieser Zeit die Idee eines freiheitlichen Sozialismus, unterstützte SPD-Politiker wie Kurt Schumacher und (noch kurz vor seinem Tod) Willy Brandt.

1949 beteiligte er sich zeitweise an dem Versuch von Hans Giese, ein neues WhK zu gründen, sowie an der von diesem gegründeten ‘Gesellschaft zur Reform des Sexualstrafrechts’. 1962 scheiterte ein erneuter Versuch Hillers, das WhK erneut zu gründen, ebenfalls.

In der Schweizer Zeitschrift ‘Der Kreis‘ (die während und einige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg weltweit die einzige Zeitschrift für schwule Männer war und auch danach zeitweise sehr große Bedeutung hatte) publizierte er in den 1960er Jahren zahlreiche Artikel und Gedichte (oft unter dem Pseudonym Keith Llur).

Am 1. Oktober 1972 starb Kurt Hiller. Hillers Urne wurde im Grab seines engsten Freundes Walter D. Schultz auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt.

Seit dem Tod seines von Hiller selbst eingesetzten Nachlassverwalters Horst H.W. Müller wird der Nachlass von Kurt Hiller verwaltet von der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg.

Gedenken an Kurt Hiller in Berlin

Ein Platz in Berlin-Schöneberg erinnert an Hiller: Seit Ende 2000 gibt es nahe der Berliner U-Bahn-Station Kleistpark den ‘Kurt-Hiller-Park’. Ein unscheinbarer Flecken, und doch …

Kurt-Hiller-Park (Berlin Schöneberg)
Kurt-Hiller-Park (Berlin Schöneberg)

… gedenkt dieser Platz dem (so die Erläuterung) ‘Mitbegründer der homosexuellen Bürgerrechtsbewegung’.

(Anmerkung: Warum gerade dieser Flecken in Schöneberg nach Kurt Hiller benannt wurde, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Die Initiative für den Platz ging damals von den Schöneberger Schwusos sowie dem LSVD (damals 1998 noch ohne ‘L’) aus. Soweit ich weiß, gibt es keinen biographischen Bezug zu genau diesem Platz.)

Hillers Geburtsort ist in der Wilhelmstraße 12 in Berlin, gelebt hat er seit 1921  bis zu seiner Flucht aus Deutschland 1934 in Berlin Friedenau der Hähnelstr. 9 (dort mit einer Gedenktafel geehrt).

Kurt Hiller Geburtshaus
Kurt Hiller Geburtshaus

An seinem Berliner Geburtshaus erinnert eine Plakette an Kurt Hiller:

Kurt-Hiller-Gedenktafel an Hillers Geburtshaus
Kurt-Hiller-Gedenktafel an Hillers Geburtshaus

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Kurt Hiller in Zitaten

Von Hiller sind zahlreiche schöne Aphorismen überliefert, unter anderem dieser:

Auch Pegasus braucht eine Stute. Er nahm sich eine. Die Stute sah in ihm nur den Hengst. Und als Europa durch Zeus geehrt wurde, hielt diese Kuh ihn für einen Stier.

Aber auch Denksätze von immer wieder neuer Aktualität:

“Die ‘Jugendbewegung’ war ein Irrtum: weil sie den Geburtsschein wichtig nahm. Kampf der Generationen gegeneinander … das ist eine abgeklungene Musik; Kampf der Zielgleichen quer durch alle Generationen, miteinander für das gemeinsame Ziel, gegen den gemeinsamen Zielgegner quer durch alle Generationen – das ist das geschichtlich Neue (und Uralte!).

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Kurt Hiller war vielen Zeitgenossen und Weggefährten kein leichter Partner. Beispielhaft Christian Adolf Isermeyer über ihre (letztlich gescheiterte) Zusammenarbeit bei der Petition zur Abschaffung des Paragraphen 175 Ende 1961 / Anfang 1962::

Ich wußte von Kurt Hillers Engagement vor 1933 und schätzte ihn sehr. Er war schließlich einer der wichtigsten Mitarbeiter von Magnus Hirschfeld gewesen. Zuerst ging die Zusammenarbeit zwischen und auch ganz gut. Aber Hiller war ein ungeheurer Streithammel, sein ganzes Leben. … So kam es zum Zerwürfnis, und wir haben uns getrennt.
(Andreas Sternweiler (Hg.): Liebe, Forschung, Lehre – Der Kunsthistoriker Christian Adolf Isermeyer. Berlin 1998

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Den Andenken Hillers und seines Werkes widmet sich u.a. die ‘Kurt Hiller Gesellschaft‘ (auf deren Internetseiten Hillers schwule Seiten leider recht karg behandelt werden).

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Nachdenkliches

Von Engeln und Raben

Gibt es einen Sinn?
Gestern Abend zeigte Arte die Verfilmung „Die Entdeckung des Himmels“ des gleichnamigen Romans von Harry Mulisch, einem meiner derzeitigen Lieblings-Autoren.

Harry Mulisch – seine Romane mag ich (soweit ich sie gelesen habe) alle, einzig zu einigen seiner eher essayistischen Texte finde ich kaum Zugang.
An seinen Romanen bewundere ich die großen Imaginationskraft seiner Sprache, die selbst absurdeste Einfälle wie ein bisher unbekanntes Kind Hitlers ganz ‘normal’ vorstellbar erscheinen lässt. Und vor allem, mit welcher Kontinuität er immer wieder, aus den verschiedensten Facetten und Blickwinkeln, die Zeit der NS-Besetzung der Niederlande und den Holocaust thematisiert.

Gestern Abend also auf Arte die niederländische Verfilmung des wohl bekanntesten Romans von Mulisch, „Die Entdeckung des Himmels“.

Schon bald stellt sich ein seltsames, schönes Gefühl ein: dieses Gefühl in einen Film einzutauchen, weil einem alles so vertraut vorkommt. Weil vieles so zu sein scheint, wie man es beim Lesen imaginiert hat. Ständige vermeintliche Déja-Vus mit der eigenen Phantasie.
Vollkommen abschalten, Hektik Gedanken Probleme Wirrungen der vergangenen Tage für gut 2 Stunden hinter mir lassen.

Gut, es gibt einiges, das anders war in „meinem“ Himmel.
Onno ist in meiner Phantasie jungenhafter gewesen, weniger der reife etwas hausbackene Mann der er im Film ist.
Vor allem aber fällt mir das Tempo auf. Zu dicht, zu schnell erzählt scheint mir der Film in weiten Passagen. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte eine „Film-Bremse“ ziehen, das Erzähltempo des Films verlangsamen. Die ruhige, dem Inhalt angemessene Erzählweise geht verloren zugunsten einer stärkeren Verdichtung. Eine Geschwindigkeit, Dichte, die viele liebgewordene Details (wie die Beschreibungen des Hauses, in dem Quinten aufwächst) verloren gehen lässt.
Manchmal scheint mir zudem, ich habe (beim Lesen) die Mulisch’sche Roman-Realität in schwarz-grau-weiß gesehen. Wundere mich nun über die überraschende (der Zeit der Handlung geschuldete) Farbigkeit der Bilder.

Und doch, insgesamt, das zentrale Gefühl bleibt, wie im Buch. Rätselhaftigkeit die Sinn macht. Puzzlestücke die sich nur zögernd, langsam zu Zusammenhängen fügen mögen. Brüche Verwerfungen Rätselhaftigkeiten, die verstören, nur langsam in einen sinnhaften Zusammenhang treten.

Dieser Traum, diese Sehnsucht, dass endlich alles einen Sinn macht. Gibt es einen Sinn? Gibt jemand Sinn? Ist Sinn in mir? Ist dieser Sinn sinn-voll? Das Wissen, die unbegründete Zuversicht, dass da ein Sinn ist. Die Zuversicht, das das Richtige geschehen, ‘es’ sich fügen wird. Zielstrebigkeit, ohne dass einem die Richtung bewusst ist. Verstehen.
Und Gedanken die (scheinbar ganz nebenbei) die Frage streifen, was ist eigentlich die Grundlage unserer Zivilisation?

Ist das alles das Ende vom Anfang? – Möchte jemand ein Ingwerplätzchen? – Es ist ein Junge!

„Die Entdeckung des Himmels“ wird wiederholt auf Arte am 20. Dezember 2006

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Homosexualitäten Kulturelles

Rettet den Verlag Rosa Winkel

Der Verlag Rosa Winkel  scheint kurz vor dem Aus zu sein. Mit einer Initiative versucht der Hamburger „Männerschwarm Verlag“ nun eine Rettungsaktion dieses schwulenpolitisch früher so bedeutenden Verlags.

Rosa Winkel: was einst das Kennzeichen der (männlichen) Homosexuellen in den KZs der Nazis war, wurde in den 70ern des vergangenen Jahrhunderts auch zu einem Kennzeichen schwulenpolitischen Engagements (das in Zeiten des Regenbogens langsam in Vergessenheit gerät) – und der ‘Rosa Winkel’ wurde zum Namen eines kleinen engagierten Verlags.

‘Rosa Winkel’ war der erste schwule Verlag (West-)Deutschlands. Was heute selbstverständlich scheint, war damals ein großes Wagnis. Schon bald wurde ‘Rosa Winkel’ zu einem Verlag, der international bedeutende Autoren publizierte, aber auch viele Sachbücher im Programm hatte, die wichtige Impulse in die westdeutsche Schwulenbewegung gaben.

Inzwischen ist das Unternehmen ‘Rosa Winkel’ anscheinend jedoch kurz vor dem endgültigen ‘Aus’. Seit 2001 erschienen keine neuen Publikationen mehr, seit 2005 ist das Unternehmen aus dem Handelsregister gelöscht.

Ein Großteil des Verlagsprogramms ist jedoch noch vorhanden (nur nicht mehr im ‘Verzeichnis lieferbarer Bücher’ gelistet). Dies ist Ansatzpunkt für eine geplante Rettungsaktion: Der Hamburger ‘Männerschwarm Verlag’ schlägt vor, die Restbestände zu sichten, wieder lieferbar zu machen und zu bewerben. Hierdurch könnte ein wichtiges Projekt der Schwulenbewegung (und vor allem: dessen publizierte Bücher) weiter für die Öffentlichkeit erreichbar sein.

Zur Rettung soll ein Förderkreis eingerichtet werden – ein Kreis von Privatpersonen, die durch Einzelspenden den erforderlichen Gesamtbetrag von schätzungsweise 5.000€ aufbringen.

Interessenten wenden sich bitte an den Männerschwarm Verlag Joachim Bartholomae, weitere Informationen auch hier (Verlag anklicken, dann ‘Rosa Winkel’).

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Kulturelles

„Was wäre aus mir geworden, wenn…“

Ein sonniger Spätsommer-Nachmittag im Schleusenkrug. In Ruhe Zeitung lesen, bis ein Artikel im Feuilleton mich elektrisiert.

‘Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht 1967 in Amerika, sondern 1923 in Deutschland geboren worden wäre?’ Diese Frage ist Ausgangssituation für den Roman von Jonathan Littell.

In seinem Erstlingswerk beschriebt er einen jungen Deutschen namens Max Aue, der als Freiwilliger aus vollster Überzeugung der SS beitritt. Max ist schwul – und geht gerade in die SS, um dies zu verbergen. Er macht schnell Karriere, hat bald einen Büro-Job bei Eichmann, kommt nach Stalingrad, in die Ukraine, beteiligt sich selbst an der Tötung von Juden. Nach dem Kriegsende macht er in Deutschland eine neue Karriere als Miederwaren-Fabrikant, bereut nichts von seinem früheren Wirken – und hat Alpträume, in denen die Gestapo ihn wegen seiner Homosexualität verfolgt.

„Les Bienveillants“ [‘bienveillant’ übersetzt etwa wohlwollend, geneigt] ist gerade in Frankreich erschienen und beherrscht dort die Feuilletons in der wichtigen Zeit direkt nach Ferien-Ende.

Was mich elektrisiert? Zunächst natürlich, die ungeheuren Verbrechen, den Horror der Nazi-Zeit literarisch „von innen“ zu erzählen, fiktiv zwar, aber in (der Rezension zufolge) glasklarer Kälte, die selbstherrliche offensive Erzählweise der Titelfigur (der Roman stellt die fiktive Autobiographie des Ich-Erzähler dar).

Vor allem aber die Ausgangsfrage, die den Autor zu seinem Roman veranlasst hat. Wie oft habe ich sie mir gestellt. Wie oft (… gerade erst wieder vor einigen Tagen …) bin ich mit meinem Vater über die NS-Zeit, seinen Umgang damit aneinander geraten, manches Mal bis zum völligen Zerwürfnis. Und habe mich doch auch hinterher gefragt, in wie weit bist du selbstgerecht in deinem Urteil? Wie hättest du dich damals verhalten?

Es ist leicht, ‘hinterher’ zu kritisieren, die ‘Wahrheit’ zu wissen, sie zu ‘verteidigen’.
Wie unendlich schwer ist es, nicht Versuchungen zu erliegen, nicht Einfachheiten zu folgen, moralisch zu bleiben, integer.
Wie würde ich mich in einer ähnlichen Situation verhalten? Wie leicht ist es, sich schuldig zu machen – würde ich?

Dies als Ausgangspunkt eines Romans zu nehmen, damit eigentlich den Leser selbst auf’s Glatteis der Entrüstung zu führen, die eigenen Vor-Urteile, die (anmaßende?) Einschätzung der eigenen Standhaftigkeit auf diese hintergründige Art in Frage zu stellen, das ist es, was mich elektrisiert.
Die Frage, würde ich mich schuldig machen? Oder: warum ausgerechnet ich nicht? Die Vermessenheit des eigenen Urteils hinterfragen …

Warum solch ein Buch lesen? Heute noch? Heute gerade! Die Frage, die Littell seinen Erzähler direkt im zweiten Satz implizit selbst stellen lässt „Wir sind nicht dein Bruder, werdet ihr sagen, wir wollen deine schlimme Geschichte gar nicht hören“, diese Frage beantwortet er selbst mit „Jeder ist ein Deutscher“.

Das Buch liegt bisher leider nur auf Französisch vor – und ich befürchte, meine Französisch-Kenntnisse reichen hierfür dann doch nicht aus. Bleibt also nur zu warten, geduldig, dass sich bald ein deutscher Verlag findet …

Jonathan Littell: Les Bienveillants. Gallimard 11.9.2006, Broschur, 903 Seiten, ISBN 2-07-078097-X