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Hamburg

Wasserflugplatz Altona (1925 – 1926)

Ab 1925 verband der Wasserflugplatz Altona das noch nicht zu Hamburg gehörende Altona mit Dresden. Heute erinnert fast nichts an die Wasserfluglinie an der Elbe.

Max Brauer, seit 1924 Oberbürgermeister von Altona (damals noch selbständig), eröffnete am 10. August 1925 die Wasserfluglinie, die ‚Blaue Linie‚ nach Dresden. Um 12:45 Uhr startetet der Pilot mit einer F-13 der Dessauer Flugzeugwerke Junkers mit Namen ‚Wildente‘ vom Ponton auf der Elbe Richtung Dresden. Nach einer Zwischenlandung in Magdeburg erreichte er um 16:45 Uhr das Ziel Dresden- Johannistadt.

Der Regelflugbetrieb wurde bereits ab dem nächstem Tag aufgenommen. zweimal täglich außer sonntags verkehrte je ein Flugzeug zwischen Altona und Dresden. Die Fluggäste (maximal 4 pro Flug) wurden mit einem Ruderboot zum in der Elbe verankerten Start-Ponton übergesetzt. Zusätzlich zu den Passagieren wurde (wenig) Gepäck, Zeitungen und Luftpost befördert.

Der Flugpreis betrug pro Person zwischen 90 und 100 Mark. Die Flugtickets erwarben die Fluggäste in einer Holzbaracke. Diese ist heute noch erhalten – in dem Gebäude befindet sich seit den 1990er Jahren ein Ausflugslokal, seit 2017 die ‚Bücke 10 im Strandhaus‘, zuvor seit 1991 die ‚Elbkate‘.

Wasserflugplatz Altona – früheres Gebäude, heute ‚Bücke 10 im Strandhaus‘

Die Linie Altona – Dresden war erst die zweite Wasserfluglinie auf dem Kontinent (nach Danzig – Stockholm). Für Altona war sie von besonderer Bedeutung, hatte Altona (damals preußisch) doch im Gegensatz zu Hamburg keinen Flughafen.

Die Wasserfluglinie Altona – Dresden wurde 10. August 1925 bis zum Sommer 1926 betrieben.

Bereits am 11. November 1925 wurde der Luftpost-Verkehr eingestellt, damit entfiel auch die finanzielle Unterstützung durch die Reichspost. Mit Ende der Sommersaison 1926 endete der gesamte Wasserflugzeug-Betrieb vom Wasserflugplatz Altona. Grund war die zu niedrige Passagierzahl. Insgesamt fanden nur 134 Flüge statt, es kam häufig zu Flugausfällen aufgrund von Elbhochwasser oder Eisschollen.

Zudem startete im Sommer 1926 eine Landflug-Verbindung zwischen Dresden und dem nur 15 km entfernten Flughafen Hamburg- Fuhlsbüttel.

Der Aufschwung der zivilen Luftfahrt geht so an Altona vorbei. Die kurze Geschichte des Wasserflugplatzes Altona fand nach gut einem Jahr Betrieb ein Ende.

In Erinnerung an die einstige Blaue Linie flog am 12. August 1995 (75. Jahrestag der Eröffnung) ein Wasserflugzeug vom ehemaligen Wasserflugplatz Altona nach Dresden.

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Politisches

offshore Windpark Butendiek

Butendiek – der ab 2014 errichtete offshore Windpark liegt 35 km westlich der Küste von Schleswig Holstein. Bei klarem Wetter ist er von Westerland auf Sylt (32 km entfernt) aus recht klar zu erkennen:

offshore Windpark Butendiek September 2021
offshore Windpark Butendiek gesehen von Westerland aus, September 2021

80 Windenergieanlagen haben insgesamt eine Nennleistung von 288 MW (zum Vergleich: das 2004 außer Betrieb genommene AKW Stade hatte eine Leistung von 640 MW netto, das 2011 abgeschaltete AKW Unterweser von 1.410 MW). Der Windpark versorgt nach Betreiberangaben ca. 370.000 Haushalte mit erneuerbarer Energie.

Der Windpark wurde im August 2015 in Betrieb genommen. Die Umspannungsplattform des Windparks ist über die Konverterplattform SylWin alpha an die Konverterstation Büttel angebunden.

der Windpark am späten Abend, Sicht von Westerland, September 2021

Die Windenergienanlagen des Windparks Butendiek befinden sich im Vogelschutzgebiet Östliche Deutsche Bucht sowie in einem Naturschutzgebiet – zum Zeitpunkt der Genehmigung war die Ausweisung des Naturschutzgebietes allerdings noch nicht erfolgt. Der Nabu befindet sich wegen der seiner Ansicht nach falschen Standortwahl in einem Rechtsstreit.

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butendiek = plattdeutsch, außerhalb des Deiches gelegen

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Fotografie Ulli

Parkhaus

Parkhaus (Osnabrück, August 2021)
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Kulturelles

Watt en Schlick Fest 2021

Das Watt en Schlick Fest 2021 fand vom Freitag 30. Juli bis Sonntag 1. August 2021 statt (WES21).

Seit 2014 gibt es dieses kleine und feine Festival, direkt am Wasser in Dangast.

Das Watt en Schlick Fest 2019 war grandios.
Das Watt en Schlick Fest 2020 fand aufgrund der Coronavirus Pandemie als Streaming Konzert statt, übertragen von Arte – aufgenommen in Dangast, mit nur 150 (statt sonst 5.000) Gästen vor Ort.

Watt en Schlick Fest 2021

2021 fand das Watt en Schlick Fest als Corona Modellprojekt des Landes Niedersachsen statt (siehe hierzu Corona Modelprojekt Watt en Schlick Fest 2021).

Watt en Schlick fand 2021 mit Unterstützung durch das Bundesprogramm ‚Neustart Kultur‚ sowie durch den Landkreis Friesland und die Stadt Varel statt. Zudem lief im Sommer 2020 erfolgreich eine Crowdfunding Kampagne.

Watt en Schlick Fest 2021

Am 24. September wurde das Watt en Schlick Fest mit dem Helga Award als Bestes Festival ausgezeichnet.

Watt en Schlick Fest 2021 – Fotos

Till Krägeloh Initiator des Watt en Schlick Fest bei der Eröffnung 2021
Till Krägeloh, Initiator des Watt en Schlick Fest, bei der Eröffnung
Rikas
AnnenMayKantereit beim Watt en Schlick Fest 2021
AnnenMayKantereit
Flowin Immo
Leoniden
01099 beim Watt en Schlick Fest 2021
01099
Coma
Bonnie & Kay (Shanghai)
Kay Shanghai beim Watt en Schlick Fest 2021 in Dangast
Kay Shanghai
Stanovsky
Thorsten Nagelschmidt
Altin Gün
Nina Attal
Lisa Simone
Lisa Simone beim Watt en Schlick Fest 2021
Megaloh
Jam Session / Flowin Immo Allstars
Milky Chance
Milky Chance beim Watt en Schlick Fest 2021
Milky Chance

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Kulturelles

Corona Modelprojekt Watt en Schlick Fest 2021 sehr erfolgreich

Corona Modelprojekt Watt en Schlick Fest 2021 sehr erfolgreich – keine einzige Corona Infektion berichtet.

Vom Freitag 30. Juli bis Sonntag 1. August 2021 fand in Dangast (Varel, Niedersachsen) das Festival Watt en Schlick Fest 2021 statt (WES21). Als erstes Festival überhaupt in Norddeutschland unter Corona-Bedingungen.
Anders als das Watt en Schlick Fest 2020, das aufgrund der Corona Pandemie nur als bei Arte gestreamtes Ein-Tages- Festival fast ohne Gäste vor Ort stattfand, im Jahr 2021 wieder ganz real, vor Ort.

Das Watt en Schlick Fest fand 2021 als Modellprojekt des Landes Niedersachsen statt. Ein umfangreiches Hygienekonzept mit Teststrategie war Grundlage, das zahlreiche Maßnahmen vorsah.

Das Modellprojekt wurde durch Wissenschaftler der Jadehochschule Wilhelmshaven begleitet.

Wesentlichster Schritt: Schnelltests ausnahmslos für sämtliche Beteilgten – Festival- Besucher*innen, Künstler*innen, Crews, Techniker, Aufbauhelfer, Ehrenamtler*innen, Lieferanten, Security usw. an allen Festival-Tagen.

„Für alle Besucherinnen und Besucher hieß das klipp und klar: Egal, ob geimpft oder genesen – jeder und jede macht täglich einen Test.“

Till Krägeloh, Initiator und Leiter des Watt en Schlick Fest

Zweite wesentliche Komponente: eine Exit-Strategie (de facto: sofortiger Abbruch des Festivals).

Die Tests mussten tagesaktuell = vom gleichen Tag sein (die normalerweise geltende 24-Stunden-Regel war aufgehoben). Tests mussten für alle erfolgen – egal ob ungeimpft, bereits geimpft oder genesen, jeder musste jeden Tag einen negativen Corona Test vom gleichen Tag vorlegen..

morgendliches Ritual bei jedem Wetter: Schlange stehen an einem der Schnelltest Zentren

Ohne tagesaktuellen Test konnten weder Festivalgelände noch Campingplätze betreten werden. Dies bedeutete dass Festivalteilnehmer täglich neu einen Schnelltest vornehmen lassen mussten. Nur nach Vorliegen des (per QR-Code geprüften, digital übermittelten, per Bändchen jederzeit dokumentierten) Status ’negativ‘ war ein Betreten des Geländes möglich.
Im Fall eines positiven Schnelltests wäre ein sofortiger PCR-Test in einem mobilen PCR-Test-Labor (Bus) direkt vor Ort erfolgt, einschließlich 3 Stundne Quarantäne der betroffenen Person direkt vor Ort (bis Vorliegen OCR-Befund).

Zugangskontrolle mit Check des tagesaktuellen ‚Corona Test Bändchens‘

Für die täglichen Tests standen am Festivalgelände und Campingplätzen sieben Testzentren zur Verfügung. Zudem galten die strengen Test-Regeln bereits vor Beginn in der Aufbau-Phase des Festivals.

Corona Modelprojekt Watt en Schlick Fest 2021
Corona Maßmahmen beim Watt en Schlick Fest 2021 / Test- Karte und – Bändchen

Der tagesaktuelle Test wurde jeweils durch ein Bändchen am Handgelenk dokumentiert, das am Einlass kontrolliert wurde.

Corona Modelprojekt Watt en Schlick Fest 2021 - Testbändchen
reichlich Bändchen …

Nach dem Festival werden sämtliche Teilnemer angeschrieben. Sie werden um Ausfüllen eines Fragebogens gebeten, sowie um Durchführung eines weiteren Corona Schnelltests.

Corona Modelprojekt Watt en Schlick Fest 2021 – Ergebnisse

Während des Festivals wurde bei den Corona Tests kein einziges (0) positives Ergebnis festgestellt (auch kein falsch-positiver Befund).

Alle Teilnehmer, Künstler und sonstig Beteiligten wurden am 10.8.21 gebeten, im Rahmen einer Nachverfolgung nach zehn Tagen einen erneuten Corona Test vornehmen zu lassen und das Ergebnis mitzuteilen. 3.700 von über 5.000 angeschriebenen Teilnehmednen meldeten sich zurück (Rücklaufquote 75%). Der überwiegende Teil hatte sich erneut auf Corona testen lassen. Und alle Ergebnisse waren gegativ, keine einzige Corona Infektion wurde berichtet.

Auch in Zeiten der Coronavirus Pandemie können Festivals sicher stattfinden. Ohne Abstand, ohne Maske – unter Bedingungen wie beim Watt en Schlick Fest 2021.
Das Watt en Schlick Fest 2021 und sein Corona Hygiene Konzept könnten so als Grundlage für zukünftige Kultur – Veranstaltungen dienen.

Für die Planung, Umsetzung und Auswertung des Corona Modellprojekts wurde der Mediziner und Gesundheitsökonom Dr. Nikolai von Schroeders als ‚Verantwortlicher Testkonzept‘ Mitglied des Teams des Watt en Schlick Fests 2021. Von ihm stammen Test- und Hygienekonzept des Festivals.

Die detaillierten Ergebnisse des Corona Modellprojekt Watt en Schlick Fest 2021 werden später veröffentlicht.

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Moidellprojekte zu Club – Öffnungen in Hannover und Berlin

Neben dem Watt en Schlick Fest 2021 sind bisher (Anfang August 2021) keine weiteren Festivals in Niedersachsen als Modellprojekt beantragt.

Zuvor hatte bereits im Juni / Juli 2021 in Hannover ein Festival als Modellprojekt stattgefunden unter dem Namen ‚back to dance‚. An vier Terminen (zwei mit, zwei ohne Maske) konnten bis zu 600 Personen teilnehmen. Hier wurden keine Infektionen beobachtet. Die Auswertung dieses Modellprojekts soll im August veröffentlicht werden.

In Berlin wurde im August 2021 im Rahmen des Projekts „Clubculture Rebootuntersucht, ob mit optiomierten Testkonzepten Clubs wieder öffnen könnten. 2.110 Personen wurden im Pilotprojekt mittels PCR untersucht, dabei wurden 7 Corona Infektionen festgestellt (davon 3 ‚Altfälle‘, mehr als 10 Tage zurück liegende Infektionen). An der Nachverfolgung und Testung nach 7 Tagen nahmen 70% teil, alle Tests waren negativ.

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Deutschland Kulturelles

Grabstätte Familie Jahn – Entwurf Hans Henny Jahnn

Nahe der Christianskirche in Hamburg Altona befindet sich die Grabstätte Familie Jahn:

Grabstätte Familie Jahn Entwurf Hans Henny Jahnn
Grabstätte Familie Jahn (Entwurf: Hans Henny Jahnn), Hamburg Altona

Hans Henny Jahnn entwarf 1919 / 1920 diese Grabstätte mit drei Bögen aus Granit für seine Familie (seine Mutter). Die Grabstätte befand sich ursprünglich auf dem Friedhof Stellingen. In Stellingen (seit 1937 zu Hamburg, seit 1951 Bezirk Eimsbüttel) kam auch Hans Henny Jahnn 1894 zur Welt (Högenstr. 61).

Hans Henny Jahnn, geboren als Jahn, verwendete ab seinem 18. Lebensjahr das ‚doppelte n‘ in seinem Nachnamen.

Jahnn selbst war beim Umbau der Orgel der Christianskirche 1928/29 als Orgelsachverständiger beratend tätig.

Sie wurde erst am 17. Dezember 1994 nach Altona auf den Hof der Christianskriche Ottensen verlegt. An die Verlegung erninnert eine Gedenkstele.

Gedenkstele zur Verlegung der Grabstätte Familie Jahn

Das Grab von Hans Henny Jahnn befindet sich nicht hier (Altona), sondern auf dem Friedhof Nienstedten.

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HIV/Aids

Kampf und Krieg – Militär-Metaphorik im Sprachgebrauch bei Aids, auch nach 40 Jahren

40 Jahre Aids – die Aids-Krise wird längst auch zur Geschichte, die erzählt wird. Mit welchem Sprachgebrauch bei Aids ?

Bei der Beschreibung der Aids-Krise und ihrer Geschichte wird immer noch, auch 40 Jahre nach den ersten Berichten über Aids, auch auf eine militärische Metaphorik zurück gegriffen, auf Begriffe wie Krieg und Kampf. So spricht z.B. Rosa von Praunheim (schon 1990 wegen seiner moralinsauren Haltung z.B. in einer Aids-Trilogie Ziel von ACT UP Protesten) auch 2021 noch (als einzige der 10 interviewten Experten) in militärischer Metaphorik von „der Kampf ist noch nicht vorbei“ (in „Wir alle hatten Angst“, die 40-jährige Geschichte des HI-Virus, SZ Magazin Nr. 23 vom 11.6.2021).

Die Probleme dieser kriegerischen Metaphorik sind längst bekannt, Susan Sontag hat sie seziert. Ent- Militarisieren wir endlich unseren Sprachgebrauch bei Aids:

Krieg und Kampf – im Sprachgebrauch bei Aids auch nach 40 Jahren?

Am 5. Juni 1981 wird im MMWR, dem Mitteilungsblatt der us-amerikanischen CDC, erstmals kurz über ein Krankheitsbild berichtet, das später als Aids bezeichnet wird. Kurze Zeit später, am 3. Juli 1982 berichtet die New York Times erstmals der breiteren Öffentlichkeit über die neue Erkrankung – ‚rare cancer seen in 41 homosexuals‚.

Beide Publikationen benutzten eine kühle sachliche Sprache – doch schon bald wurden die Berichte bildhafter. Bald wurde im Kontext von Aids von ‚Krieg‘ gesprochen, von ‚Invasion‘, von ‚Schlachten‘.

Und noch heute wird in Berichten über die Aids-Krise oft eine Sprache voll militärischer Metaphorik verwendet.

ACT UP und Therapieaktivismus – tatsächlich eine Schlacht um Medikamente?

Aids als Krieg? Ja, selbst ACT UP verwendete 1990 diese militärische Metaphorik bei der ersten bundesweiten ACT UP Aktion beim 2. Deutschen Aids-Kongress in Hamburg.

ACT UP beim 3. Deutschen Aids-Kongress 1990 in Hamburg © Foto U.K. Bäcker
„Aids ist Krieg“ ??? – tatsächlich, selbst ACT UP benutzte diese Metapher beim 3. Deutschen Aids-Kongress 1990 in Hamburg © Foto U.K. Bäcker

Doch schon lange habe ich mich selbst erstaunt gefragtWas war das für ein Jahr, das mich die Gleichsetzung von Aids und Krieg hinnehmen, vielleicht auch selbst sagen ließ?“ Und komme 2013 zu dem Schluss „‘Aids ist Krieg‘ – geht das? Nein. Die Formulierung ist nicht nur ‘ganz schön heftig’, sondern ziemlich daneben. Aus heutiger Sicht.“ Und deute sie im Nachhinein damals als „hilflosen Versuch, sich gegen Verharmlosung zu wehren, Schmerz und Angst auszudrücken„.

War Aids ein Krieg? Gab es einen Kampf, eine Schlacht um Medikamente?

Nein. Es war keine Schlacht um Medikamente. Es gab keinen Kampf, keine Feinde, keine Niederlagen und großen Siege, es ging nicht um Sieger und Verlierer.

Diese martialische Kriegs- Metaphorik halte ich für unangebracht und nicht zielführend . Sie hilft nicht zu verstehen was damals geschah. Sie scheint mir wie rhetorische Aufrüstung. Sie verhüllt Tatsachen, Probleme, Scheitern und kleinere Erfolge. Und bringt mit sich die Gefahr einer falschen Heroisierung, die die tatsächliche Situation verkennt.

Was wir brauchen sind Versuche die Geschichte von Aids und des Umgangs mit der Aids- Krise nüchtern, ehrlich und auch gefühlvoll darzustellen. Auch um daraus vielleicht lernen zu können.

Es war kein Krieg, es gab keine Schlacht.
Es gab eine Seuche. Viele von uns erkrankten, viele starben. Wir erlebten Ignoranz und Gleichgültig. Es gab Interessen und Interessenkollisionen. Wir wollten leben und überleben. Dazu brauchten wir auch wirksame Medikamente.
Darum ging es.

Sprachgebrauch bei Aids – Normalisierung auch in der Sprache

Eine Metapher (ein Wort oder Kombination von Wörtern mit bildhafter übertragener Bedeutung) ist ein attraktives Instrument. Sie ist bildhaft, kann einen Sachverhalt leichter verständlich machen. Damit beinhaltet sie jedoch auch die Gefahr zu stark zu vereinfachen.

Zudem: oft sind Metaphern mit einem Subtext versehen, mit versteckten Anspielungen oder Assoziationen. (Beispiel, ganz plump: Aids als ‚Strafe Gottes‘ darzustellen impliziert unausgesprochen ein Fehlverhalten, eine Schuld, die Notwendigkeit einer Sanktion, ein Stigma)

Gerade auch bei der Darstellung der Geschichte der Aids- Krise ist es wichtig mit Sprache bewusst umgehen. Nicht zu heroisieren (auch uns selbst, unser Engagement nicht). Sondern nüchtern, ehrlich und um Erkenntnis bemüht.

die Bedeutung der Sprache – Susan Sontag

Die 2004 verstorbene Publizistin und Essayistin Susan Sontag befasste sich 1989 in ‚Aids und seine Metaphern‘ (Aids and its metaphors) mit der Frage des Sprachgebrauchs bei Aids und seinen Hintergründen.
Zuvor hatte sie sich bereits 1978 vor dem Hintergrund einer eigenen Krebs-Erkrankung in ihrem Buch ‚Krankheit als Metapher‘ (Illness as metaphor) damit auseinander gesetzt, wie Krankheit moralisch aufgeladen wird.

„disease is seen as an invasion of alien organisms, to which the body responds by its own military operations“
[‚Krankheit wird gesehen als Invasion fremder Organismen, auf die der Körper mit eigenen militärischen Operationen reagiert‘, Übers. UW]

Susan Sontag, Aids and its metaphors

Sie erkannte wie problematisch die Militarisierung der Sprache im Gesundheitsbereich ist. Welcher Zusammenhang mit einem ethischen Herangehen besteht – und mit der Gesellschaft in der wir leben.

„Indeed, the transformation of war-making into an occasion for mass ideological mobilization has made the notion of war useful as a metaphor for all sorts of ameliorative campaigns whose goals are cast as the defeat of an ‚enemy‘.“
[‚Die Verwandlung der Kriegsführung in eine Gelegenheit ideologischer Massen- Mobilisierung hat den Begriff des Krieges als Metapher für alle möglichen Arten von Verbesserungs-Kampagnen einsetzbar gemacht, die auf die Niederlage eines ‚Feindes‘ ausgerichtet sind.‘]

„Abuse of the military metaphor may be inevitable in a capitalist society, a society that increasingly restricts the scope and credibility of appeals to ethical principle, in which it is thought foolish not to subject one’s action to the calculus of self-interest and profitability.”
[Womöglich ist der Missbrauch der militärischen Metapher unvermeidbar in einer kapitalistischen Gesellschaft, einer Gesellschaft die Umfang und Glaubwürdigkeit des Berufens auf ethische Prinzipien zunehmend einschränkt, und in der es für dumm gehalten wird, das eigene Handeln nicht an Eigennutz und Profit zu orientieren.]

Sontag zeigte auf, welche Reichweite diese Metaphorik hat – und über die Frage der Schuld welches Stigmatisierungs- Risiko:

„The metaphor implements the way particularly dreaded diseases are envisaged as alien ‚other‘, as enemies are in modern war, and the move from the demonization of the illness to the attribution of fault to the patient is an inevitable one, no matter if patients are thought of as victims. Victims suggest innocence. And innocenc, by the inexorable logic that governs all related terms, suggests guilt.“
[‚Die Metapher schafft eine Art und Weise, sich besonders gefürchtete Krankheiten als etwas fremdes ‚Anderes‘ vorzustellen, wie es Feinde im modernen Krieg sind, und der Übergang von einer Dämonisierung der Krankheit hin zu Schuldzuweisung an den Patienten ist unvermeidlich, egal ob Patienten als Opfer betrachtet werden. Opfer, das suggeriert Unschuld. Und Unschuld suggeriert, aufgrund der unerbittlichen Logik die alle verwandten Begriffe steuert, Schuld.‘]

Militär- Metaphorik im Sprachgebrauch bei Aids hat damit auch ihr eigenes Stigma-Vokabular im Gepäck. Und potenziell weitreichende Folgen: das Risiko von Repression statt Förderung des Gemeinwohls.
Sontag hält sie für besonders ‚unappetitlich und entstellend‘:

„Not all metaphors applied to illnesses and their treatment are equally unsavory and distorting. The one I am most eager to see retired – more than ever since the emergence of AIDS – is the military metaphor. Its converse, the medical model of the public weal, is probably more dangerous and far-reaching in its consequences, since it not only provides a persuasive justification for authoritarian rule but implicitly suggests the necessity of state-sponsored repression and violence.
But the effect of the military imagery on thinking about sickness and health is far from inconsequential. It overmobilizes, it overdescribes, and it powerfully contributes to the excommunicating and stigmatizing of the ill.“
[Nicht alle auf Krankheit und deren Behandlung angewendeten Metaphern sind gleichermaßen unappetitlich und entstellend. Am meisten – mehr denn je seit dem Aufkommen von AIDS – ersehne ich den Ruhestand für die militärische Metapher. Das Gegenteil, das medizinische Modell des Gemeinwohls, ist in seinen Folgen wahrscheinlich gefährlicher und weitreichender in seinen Konsequenzen, da es nicht nur eine überzeugende Rechtfertigung für autoritäre Herrschaft liefert, sondern implizit die Notwendigkeit staatlich geförderter Repression und Gewalt suggeriert.
Aber die Wirkung militärischer Bilder auf das Denken über Krankheit und Gesundheit ist alles andere als belanglos. Sie übermobilisiert, übertreibt und trägt stark zur Ausschluß und Stigmatisierung der Kranken bei.“

Susan Sontag beschreibt als Ziel – übertragen auch im Sprachgebrauch bei Aids -schon damals

„To regard cancer as if it were just a disease – a very serious one, but just a disease. Not a curse, not a punishment, not an embarrasssement. Without ‚meaning‘.“
[‚Krebs so zu betrachten, als wäre es nur eine Krankheit – eine sehr ernste, aber nur eine Krankheit. Kein Fluch, keine Strafe, keine Peinlichkeit. Ohne ‚Bedeutung‘.‘]

Krankheit nicht moralisch deuten, nicht überhöhen – sondern als Krankheit sehen, ernst aber ohne eigene ‚Bedeutung‘.
Gleiches gilt für das Engagement dagegen – weder Krieg noch Kampf, sondern Engagement und Ringen um gute Lösungen und Ergebnisse – weil wir überleben wollten.

Und wohin mit der Militär-Metaphorik?

„About the metaphor, the military one, I would say, if I may paraphrase Lucretius: Give it back to the war-makers.“
[‚Über die Metapher, die militärische, würde ich sagen, wenn ich Lukrez paraphrasieren darf: Gebt sie den Kriegstreibern zurück.‘]

Dem ist nichts hinzuzufügen, auch 2021 nicht.

Lasst uns bei der Beschreibung der Aids-Krise und ihrer Geschichte nüchtern berichten und gefühlvoll erzählen. Aber ohne Miliär- Metaphorik.

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Kulturelles

A. Paul Weber (1893 – 1980)

Dem Grafiker Maler und Zeichner A. Paul Weber ist in Ratzeburg ein Museum gewidmet. Er gilt als einer der Klassiker der politischen Karikatur in Deutschland – und ist aufgrund seiner antidemokratischen Haltung in der Zeit der Weimarer Republik umstritten, oder „als antifaschistisch missverstanden“.

Betrachtet man Webers politische Umgebung und sein Werk im Zeitkontext, so muss er als Antidemokrat, Zivilisationskritiker, Antisemit und rechter Gegner Hitlers bezeichnet werden.

Antidemokrat und Hitlergegner – Politik im Leben und Werk des A. Paul Weber, AntifaInfoBlatt 12.3.2005

Andreas Paul Weber wurde am 1. November 1893 in Arnstadt (Thüringen) geboren.

A Paul Weber Büste, Karlheinz Goedtke
A Paul Weber Büste, Karlheinz Goedtke (1915 Kattowitz – 1995 Mölln), 1950

Die von Karlheinz Goetke gestaltete Büste von A. Paul Weber schmückte einst die ‚A. Paul Weber Realschule‘ im benachbarten Mölln. Als diese 2009 umbenannt wurde in ‚Gemeinschaftsschule Mölln‘, kam sie zunächst auf den Dachboden. Ein Möllner Kaufmann rettete sie, zeigte sie jahrelang in einer Goedtke-Dauerausstellung in Mölln. Als diese aufgelöst wurde, kam die Büste ins A. Paul Weber Museum in Ratzeburg.

A. Paul Weber starb am 9. November 1980 in Schretstaken (bei Mölln). Sein Grab befindet sich in Ratzeburg am A. Paul Weber Museum.

A. Paul Weber Grab in Ratzeburg neben dem Museum
A. Paul Weber Grab in Ratzeburg neben dem Museum

das A. Paul Weber Museum in Ratzeburg

Noch zu Lebzeiten Webers wurde am 1. November 1973 (Webers 80. Geburtstag) in Ratzeburg das A. Paul Weber Museum eröffnet.

A Paul Weber Museum in Ratzeburg
A. Paul Weber Museum in Ratzeburg

Die Eröffnung des Museums erfolgte durch Bundespräsident Gustav Heinemann, der ein großer Bewunderer Webers war – und aus dessen Hand dieser 1971 das Bundesverdienstkreuz erhielt.

das Ratzeburger Weber – Museum von der See-Seite gesehen, Juni 2021

Eine Besonderheit des Museums ist das A. Paul Weber Lithostein – Lager im Keller. Etwa 700 Lithograpie-Steine aus Sollnhofner Kalk sind hier vorhanden, beideseitig genutzt, so dass von annähernd 1.400 Grafiken Webers der Lithostein erhalten ist.

A Paul Weber Lithostein Lager
A Paul Weber Lithostein Lager
A Paul Weber Lithostein Lager
A Paul Weber Lithostein Lager

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Deutschland

Ratzeburg

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Ratzeburg Dominsel im Ratzeburger See, Juni 2021 (von links nach rechts: A. Paul Weber Museum, Kreismuseum, Ratzeburger Dom)

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Der in Wedel (Holstein) geborene Bildhauer und Schriftsteller Ernst Barlach lebte ab Herbst 1876 bis 1884 in Ratzeburg , wo er auch beigesetzt ist.

Dem Grafiker A. Paul Weber (1893 – 1980) ist in Ratzeburg ein Museum gewidmet.

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Homosexualitäten

als Homosexueller im Emslandlager – wie Paul B. in Delmenhorst verhaftet wurde, ins KZ kam und doch überlebte

1937 wurde der aus Bremen stammende Paul Gerhard B. in Delmenhorst wegen Vergehens gegen §175 verhaftet. Er war als Homosexueller im Emslandlager (Konzentrationslager Papenburg). B. überlebte die NS-Zeit indem er sich zum Dienst in der Wehrmach meldete.

1983 berichtet er über seine Verhaftung in Delmenhorst, seine Zeit als ‚Rosa Winkel‘ im Konzentrationslager und wie er die NS-Zeit überlebte:

„Von meinen sozialdemokratischen Genossen wußten nur wenige,. daß ich homosexuell war. … Ich hielt es damals auch für die illegale Arbeit der Partei für gefährlich, mich auf intensive Kontakte einzulassen. Sicher hatte ich auch Angst als Homosexueller ‚enttarnt‘ zu werden. Besonders seit 1935, als die Strafandrohungen uns gegenüber verschärft worden waren, hatte bei mir diese Angst zugenommen. Ich kann mich noch erinnern, daß die wenigen homosexuellen Freunde, mit denen ich mich noch traf, ähnlich empfunden haben.“

Der Bremer, auch nach 1933 parteipolitisch für die SPD aktiv, musste bald aus der Stadt fliehen:

„Anfang 1937 bin ich dann nach Delmenhorst gegangen. Für mich war der Aufenthalt in Bremen zu gefährlich geworden. In Delmenhorst hielt ich noch Kontakt zu Genossen, aber an illegale Arbeit war für mich nicht mehr zu denken. Ich hörte dann auch, daß die Polizei in Bremen nach mir gesucht hatte.“

Mit knapp 30 Jahren wurde B. in Delmenhorst nach einer Denunziation verhaftet. Er berichtet

„Die Verhaftung erfolgte in den ersten April-Tagen 1937. Ich hatte in dem Betrieb in dem ich Arbeit gefunden hatte, einen Kollegen kennengelernt, von dem ich erst später erfuhr, dass er in der NSDAP mitarbeitete … In politischer Hinsicht war ich sehr zurückhaltend. … Aber sonst hatte ich ihn wohl ein wenig umworben. An einem Abend hatte ich mich mit ihm verabredet. Doch statt seiner erschienen zwei Polizisten in Zivil, die mich festnahmen. … Erst in einem Wachlokal erfuhr ich, daß mir der Verstoß gegen §175 Strafgesetzbuch zur Last gelegt wurde. … eine Anzeige von Herrn Alfred D. vorläge. Jetzt erst begriff ich, dass mich mein Bekannter ‚ausgeliefert‘ hatte.“

Schon bald folgte die Verlegung von Delmenhorst in eines der Emslandlager – als ‚Rosa Winkel‘, B. zog vor seine illegale politische Arbeit zu verbergen:

„Ich blieb etwa vier Wochen in Polizeigewahrsam, dann wurde ich ohne Gerichtsverhandlung in das Konzentrationslager Papenburg eingewiesen. … Ich hatte in Delmenhorst den Verstoß gegen den §175 auch deswegen so schnell zugegeben, weil ich befürchtete, daß bei Ermittlungen meine illegale politische Tätigkeit herauskommen würde.“

„Papenburg war ein Justizlager … Ich traf dann ja auch zwei SPD-Genossen aus Bremen wieder. … Wir bekamen KZ-Kleidung und ich den ‚Rosa Winkel‘. … Es war nicht so dass wir mit dem ‚Rosa Winkel‘ im Lager der letzte Dreck waren. Aber wir waren ziemlich isoliert. … Die Vorurteile gegen uns waren leicht immer wieder neu aufzuwiegeln. Und so konnten wir mit breiter Zustimmung verfolgt werden.“

Nach 1939 konnte B. der KZ-Haft entkommen, indem er sich zum Dienst in der Wehrmacht bereit erklärte:

„… stellte er [Justizbeamter, nach Kriegsbeginn September 1939] aus KZ-Insassen eine Einheit zusammen. Das war halb freiwillig und halb erpreßt. Ich war jedenfalls bereit, die Wehrmachtsklamotten anzuziehen, um dem KZ zu entkommen. Warum man zugelassen hat, dass ich als ‚Rosawinkel‘-Träger zur Wehrmacht konnte, weiß ich nicht und kann es mir auch nicht erklären. Für mich bedeutete das jedoch Lebensrettung.“

Nach Kriegende die Enttäuschung:

„Als dann nach dem Krieg die faschistische Fassung des §175 in Kraft blieb, war ich sehr entmutigt. … Ich bin dann aus Enttäuschung über die Haltung der SPD aus der Partei ausgetreten

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Strafgefangenenlager Papenburg: vermutlich: mit dem SammelbegriffStaatliches Konzentrationslager Papenburg‚ wurden die Konzentrationslager Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum bezeichnet, die bereits im Sommer 1933 eröffnet und mit ‚politischen Schutzhäftlingen‘ belegt wurden. Im Sommer 1934 erfolgte eine Neuorganisation unter Aufsicht der SS, Neusustrum und Börgermoor wurden Strafgefangenenlager, Esterwegen blieb bis 1936 Konzentrationslager, ab 1937 bis 1945 ebenfalls Strafgefangenenlager.

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[Quelle: Zeitzeugengespräch mit Paul Gerhard B., Jahrgang 1908, aus Bremen; in: Heinz-Dieter Schilling (Hg.): Schwule und Faschismus, Berlin 1983