ACT UP

ACT UP – international sorgten ab Ende der 1980er Jahre Aids-Aktionsgruppen mit mediengängigen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen, mit neuen Formen des Aktivismus für Druck auf Politik, Medizin und Öffentlichkeit, die Aids-Krise und vor allem die Situation von Menschen mit HIV und Aids ernster zu nehmen und zu handeln.

ACTUP entstand im März 1987 in New York. Knapp drei Wochen nach der Gründung, am 24. März 1987 trat ACT UP New York erstmals mit einer Aktion öffentlich in Erscheinung: auf der Wall Street vor der Trinity Church forderten Demonstranten schnellere Medikamenten-Zulassung, Abschaffung von Doppelblind-Studien, sowie die schnellstmögliche Verfügbarkeit von Medikamenten für Menschen mit Aids, und zu vertretbaren Preisen (AZT). Bereits kurze Zeit später verkündet die FDFA, das Verfahren der Medikamenten-Zulassung zu beschleunigen.

In Deutschland wurde die erste Gruppe 1989 in Berlin gegründet. Die ‚Blütezeit‘ der deutschen Gruppen endete im wesentlichen 1993.

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Ur-Vater Larry Kramer

ACTUP entstand nicht „aus dem nichts“ heraus. Besonders wichtig und einer der Vor-Denker  (der Aktionsform) war insbesondere Gene Sharp, der Vater der ‘gewaltfreien Aktion’ als Form politischen Engagements.

Eine der zentralen Personen bei der konkreten Entstehung war der US-Autor und Aktivist Larry Kramer (Kramer wurde 2013 für seinen Aktivismus mit dem Isabelle Stevenson Award ausgezeichnet, einem „Sonder-Tony“).

Kramer trug im März 1987 gemeinsam mit anderen wesentlich zur Gründung von ACT UP New York bei. Douglas Crimp, Professor für Kunstgeschichte, zufolge [1] gab Kramer den Auslöser für die Gründung, indem er auf einer Versammlung im Lesbian and Gay Community Services Center in New York die Anwesenden fragte „Do we want to start a new organization devoted to political action?“ Zwei Tage später wurde die Gruppe in New York gegründet.

Schon einige Jahre zuvor hatte Larry Kramer mit seiner ‚Wut-Rede‘ 1,112 and counting für Aufsehen gesorgt und Teile der New Yorker Schwulenszene versucht wachzurütteln.

Zahlreiche bekannte Aktivsten und Künstler engagierten sich insbesondere in den USA bei ACTUP – neben dem Autor Larry Kramer z.B. der Film-Historiker und Schwulen-Aktivist Vito Russo, und der Schriftsteller und Rundfunksprecher Michelangelo Signorile. Die Auseinandersetzung von Kunst mit Aids und Aids-Aktivismus thematisierte in Europa erstmals die Ausstellung ‚Vollbild Aids‘ 1988 – und 2013/14 rückblickend, analysierend die Ausstellung Love Aids Riot Sex.

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ACT UP in Deutschland

Ab 1988 kam es auch in Deutschland zu vielfältigen Aktionen, zahlreiche Gruppen gründeten sich.

Ich (Ulli, der eine der 2mecs) war selbst aktiv bei ACT UP Köln sowie bei den Koordinationen in Deutschland und in Europa. Über meine persönlichen Erinnerungen an das Entstehen in Deutschland, an erfolgreiche Aktionen, aber auch an das Ende von ACT UP! und dessen mögliche Gründe habe ich in einer Mini-Serie berichtet:

Was führte zur Entstehung von ACT UP, aus welcher Stimmung und gesellschaftlichen Situation heraus bildeten sich die Gruppen? Wie sah  ACT UP in Deutschland aus, in welchen Städten gab es Gruppen, wie wurde kooperiert, welche Aktionen wurden durchgeführt? Was war besonders an der Gruppe, in der ich mich engagierte,  ACT UP Köln?

Und was war das besondere an der wohl erfolgreichsten und bekanntesten Aktion in Deutschland, Proteste im Dom zu Fulda im September 1991 (denen eine Aktion am Dom in Frankfurt voran gegangen war, die später auch ACT UP Paris analog in Notre Dame durchführte)?

Ist ACT UP ein aus den USA übernommenes Konzept? In welchem Verhältnis standen ACT UP Deutschland und die Gruppen in den USA?

Wie kam es zum  Ende von ACT UP in Deutschland? Warum lebte ACT UP Paris so viel länger, überlebte 2015 sogar eine Insolvenz? Welche Faktoren führten zum schleichenden Niedergang der meisten Gruppen? Und aus heutiger Sicht – hat ACT UP mehr als kurzfristig etwas bewegt? Nach ACT UP – was bleibt?

Nebenbei, ACT UP war (auch) Mode: die zeitweise sehr beliebten (und gut verkauften) ACT UP T-Shirts hatten für uns mehr als ‘nur’ die Funktion einer Mode, sie waren für uns wie für nahezu alle Gruppen (ebenso wie die Buttons) wichtige Finanzierungs-Quelle.

Schweigen = Tod, ACT UP Button, ca. 1990
Schweigen = Tod, Button, ca. 1990

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Zahlreiche der Mitstreiter in Deutschland leben nicht mehr – die meisten von ihnen an den Folgen von Aids verstorben, so Andreas Salmen, Ingo Schmitz, Frank Rauenbusch (geb. Schwarz), Ernst Meibeck und Ovo Maltine.

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Einige der Errungenschaften von ACTUP in Deutschland wirken bis heute fort, so insbesondere die Positiven-Beteiligung an Aids-Kongressen,die 1990 noch ein Skandal war und heute Normalität ist. Erste wichtige Meilenstein waren dabei  der 3. Deutsche Aids-Kongress in Hamburg 1990, bei dem sich HIV-Positive und Aids-Kranke (gegen den Willen der Kongress-Veranstalter) erstmals Zutritt verschafften (Fotos), sowie der 4. Deutsche Aids-Kongress in Wiesbaden 1992, bei dem erstmals HIV-Positive auf dem Podium standen (ebenfalls ungebeten), und gegen die damalige Bundesgesundheitsministerin protestierten.

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Warum war ACT UP so wichtig, bedeutend für heutige Lebensrealitäten? Michelangelo Signorile hat es kurz auf den Punkt gebracht:

Aktivismus hat uns voran gebracht, nicht schwuler Mainstream.

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[1] vgl. Douglas Crimp with Adam Rolston: Aids DemoGraphics, Seattle 1990

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