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Nachdenkliches

Lieben ist schwer

„Es ist sehr einfach, geliebt zu werden. Lieben ist schwer.“

Marius Müller-Westernhagen, SZ 7./8. Januar 2023
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Kulturelles

Im Reich der Sinne (Nagisa Ōshima 1976)

Im Reich der Sinne des japanischen Regisseurs und Produzenten Nagisa Ōshima (31.3.1932 – 15.1.2013) gilt (fälschlicherwseise) als ‚pornographischer‘ ‚Skandal-Film‚. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1936 in Japan.

Kichizo (Tatsuya Fuji) besitzt ein Geisha-Haus. Abe Sada (Eiko Matsuda) arbeitet dort als Dienerin und Prostituierte. Was als leidenschaftliche Beziehung der beiden beginnt, wird tiefe Hingabe – in immer grenzenloserer sexueller Begierde und Obsession. Beide brechen sämtliche Tabus, bis hin zu Kichizos Tod.

Auf Kichizos Brust schreibt Sada mit seinem Blut am Schluss die Worte „Sada Kichi futari kiri“ (Sada und Kichi, beide miteinander vereint). Dies entspricht den Worten, die auf der Brust des ‚echten‘ Kichizo geschrieben waren, als ihn die Polizei am 19. Mai 1936 auffand.

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Im Reich der Sinne – „wenn man alles spüren will muss man bis zum Exzess gehen“. Dies ist kein pornographischer Film – eher ein Film darüber, wie zwei Menschen sich verändern, wenn sie sich immer tiefer an und ineinander binden.

Das Geschlechterrollen- Verständnis des Films liegt (1976 !) jenseits von männlich – weiblich, jenseits von stark – schwach. Beide begehren einander. Er fxxxt sie. Er schlägt sie. Sie verlässt ihn. Sie schlägt ihn. Sie würgt ihn. Beide einander miteinander. Wer foltert wen? Wer gerät mit wem in Ekstase? „Haben Sie denn überhaupt keinen Hunger?“
Der Film ist nicht queer (ein Wort das es damals noch nicht gab) – doch er geht 1976 unkonventionell mit althergebrachten Geschlechterrollen um.

„In einer Beziehung wie der unseren sollte die Liebe bestimmen was wir tun“

Ein sehr außergewöhnlicher Film – der immer wieder seiner Entdeckung harrt … und wert ist …

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Produktions-Notizten

Gedreht wurde der Film in den Daiei-Kyoto Studios (1942 – 1971) in Japan. Aufgrund der strengen Zensur-Vorschriften musste das unentwickelte Rohmaterial für die Entwicklung des Films nach Frankreich ausgeflogen werden.

Nach der Premiere auf der Berlinale 1976 ließ die Staatsanwaltschaft (die in Person eines Staatsanwalts und zweier Richter bei der Premiere anwesend war) den Film beschlagnahmen wegen des Verdachts auf Pornographie. Als Verteidiger des Films trat der Rechtsanwalt Horst von Hartlieb (1910 – 2004) auf, einer der Initiatoren der Freiwilligen Selbstkontrolle FSK.
Am 17. März 1977 urteilte das Berliner Landgericht, der Film sei keine Pornographie. Erst 18 Monate später wurde er für die Kinos ohne Kürzungen zugelassen, freigegeben unter dem Prädikat ‚besonders wertvoll‘.

In Großbritannien wurde der Film erst 1989 für Aufführungen in Kinos klassifiziert. Davor konnte er nur in Filmclubs gezeigt werden, deutlich geschnitten.

Im Reich der Sinne – Folgen für Beteiligte

Die Darstellerin der weiblichen Hauptrolle Eiko Matsuda siedelte nach den Dreharbeiten nach Frankreich um – in Japan sah sie sich zu umfangreich feindlichen Reaktionen ausgesetzt.
Der Darsteller der männlichen Rolle Tatsuya Fuji fand erst nach zwei Jahren ohne Engagement in Japan neue Rollen.

Regisseur Nagisa Ōshima wurde später wegen Obszönität angeklagt, aber nach vierjährigem Verfahren freigesprochen.

Nagisa Oshima, Regisseur von Im Reich der Sinne, 2000 in Cannes
Nagisa Oshima at Cannes in 2000. – Rita Molnár – Own work – CC BY-SA 2.

Nagisa Ōshima wurde auch bekannt mit dem Film (1983) Merry Christmas, Mr. Lawrence mit Musik von Ryuichi Sakamoto, sowie (1999) Gohatto (‚gegen das Gesetz‘; über Homosexualität in Japan zum Ende der Samurai-Zeit).

Im Reich der Sinne als Chart-Hit

Der originale Film- Titel Ai no korīda wurde 1980 unter dem Titel Ai No Corrida von Chaz Jankel auf seinem Debut-Album verwendet. 1981 coverte Quincy Jones den Titel auf seinem Album The Dude. Später tauchten immer wieder Cover-Versionen in den Dance-Charts auf – meist ohne dass der Bezug zum Film deutlich wurde.

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Im Reich der Sinne (D) – 愛のコリーダ Ai no korīda (J) – L’Empire des sens (F) – In the Realm of the Senses (USA, UK)
Regie Nagisa Ōshima
Drehbuch Nagisa Ōshima (nach einem Roman von Yukio Mishima)
Produktion Nagisa Ōshima & Anatole Dauman (offiziell französische Produktion, Schnitt in Frankreich, um die japanische Zensur zu umgehen)
Japan / Frankreich 1976
Uraufführung 27. Januar 1976 Berlin Berlinale
Filmfestspiele Cannes 15. Mai 1976 (aufgrund er hohen Nachfrage mit insgesamt 13 Aufführungen, bis heute Cannes-Rekord)
Uraufführung digital restaurierte Fassung Filmfestspiele Cannes 19. Mai 2017
Laufzeit 109 Minuten / 107 Minuten (Release 2000) / 94 Minuten (rekonstruierte Version)


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Nachdenkliches

Autonomie, Freiheit und Liebe

Autonomie Freiheit und Liebe – in welchem Verhältnis stehen sie?

was ist Autonomie ?

Autonomie beschreibt einen Zustand der Eigengesetzlichkeit (autos nomos, griech. selbst Gesetz), der Entscheidungs- und Handlungsfreiheit.

Autonomie meint, nicht in Automatismus vorhandenen Regeln und Gewohnheiten folgen, gar sich konformistsich verhalten, sondern aus eigenen reflektieren Beweggründen heraus zu handeln.

„Egal, was du auch tust: stell alles um dich herum in Frage und folge nicht einfach irgendeiner Autorität.“

Maynard James Keenan (Sänger & Produzent; Tool, A Perfect Circle, Puscifer)

Autonomie ist eine Eigenschaft bzw. Fähigkeit einer Person, die sich in ihrem Verhalten zeigt. Sie kann in unterschiedlichem Maß ausgeprägt sein (Menschen können in höheren Umfang autonom sein als andere) und sich im Laufe des Lebens verändern (z.B. Verlust von Autonomie im Alter).

Autonomie steht in gewisser Weise am Beginn der Freiheit – als Ungehorsam, als sich widersetzen, als ’nein‘. Im Gegensatz zu Freiheit, die eine Eigenschaft einzelner Handlungen ist, ist Autonomie eine Eigenschaft von Personen. Eine autonom handelnde Person kann freie wie auch unfreie Entscheidungen treffen.

Autonomie schafft Handlungs- und Freiheitsspielräume.

Im Persönlichen steht Freiheit in einem Handlungsspielraum mit Einsamkeit und Verbundenheit.

„Freiheit ist Unabhängigkeit. Vollkommene Freiheit wäre jedoch vollkommene Einsamkeit. Freiheit ist etwas Zwischenmenschliches.“

„Während Eigenständigkeit sich in jedem Handeln ausdrückt, offenbart sich Authentizität vor allem in schöpferischen Handlungen und in zwischenmenschlichen Beziehungen wie Liebe, Treue, Respekt etc. Wer nicht er selbst ist, kann demnach nicht frei sein.“

Prof. Tadeusz Gadacz [Quelle]

Gesellschaftlich kommen den Handlungsspielräumen die Autonomie schafft große Bedeutung zu. Diese sind unverzichtbar, wenn es darum geht Fehlentwicklungen zu korrigieren oder neue Wege zu beschreiten, Prioritäten zu ändern. Demokratisch verfasste Gesellschaften brauchen somit Autonomie und entsprechende Freiräume – um sich entwickeln, sich wandeln, sich modernisieren zu können (ohne den ‚Volkszählungsboykott‘ gäbe es z.B. nicht das Verfassungsgerichtsurteil, mit dem das Recht auf informationelle Selbstbestimmung konstituiert wurde).

Gegenteil von Autonomie sind die Heteronomie, die Fremdbestimmtheit durch Einflüsse der Umwelt, Handeln einer Gruppe oder Einzelner, sowie Anomie (eine Person handelt nicht nach eigenen Prinzipien, auch nicht nach fremden, sondern nach keinen).
Ein Sonderfall der Heteronomie ist der Konformismus, die freiwillige Unterordnung eigener Wünsche und Prinzipien unter diejenigen anderer. Dabei ist der Konformitätszwang in homogenen Gruppen (‚group think‘) ausgeprägter als in heterogenen Gruppen (Ansatz Diversity – Förderung).

Autonomie und Gesellschaft

Autonomie wird immer mit anderen, in Gesellschaft gelebt, ist sozial verankert. Das Recht auf autonome Entscheidungen ist konstituierend für moderne Gesellschaften.

So sehr moderne Gesellschaften Autonomie voraussetzen, so sehr fordern sie sie auch. So konstituiert Freiheit in modernen Gesellschaften geradezu einen Zwang zu Autonomie (‚Preis der Freiheit‘). Freiheit ist (auch) eine Zumutung – und Rückzugsräume als Entlastung (Rausch / ‚das Dionysische‘, Massenveranstaltungen etc.) die Folge.

Autonomie und Freiheit sind in der Folge nicht immer allen willkommen, manchen lästig. Totalitäre Systeme versprachen im 20. Jahrhundert Entlastung von dieser ‚Zumutung‘ (vgl. Hannah Arendt, Elemente und Anfänge totaler Herrschaft: „Menschen … [die] sich willig einem System unterwerfen würden, das ihnen mit der Selbstbestimmung auch die Verantwortung für das eigene Leben abnimmt„). Freiheit und Autonomie sind nicht selbstverständlich, und wollen verteidigt werden.

Autonomie braucht als Voraussetzung Privatheit. Erst in einem geschützten, nicht öffentlichen Raum können sich individuelle Standpunkte und Handlungsmöglichkeiten entwickeln, können sich Subjektivitäten bilden. Wird Privatsphäre eingeschränkt, geraten auch Handlungsspielräume, gerät Autonomie in Gefahr (s.o. informationelle Selbstbestimmung).

Autonomie ist ein Begriffe der Moderne (ab Kant), der Industrialisierung. Erst der Mensch, der nicht mehr in einer etablierten (z.B. göttlichen oder ständischen) Ordnung seinen festen Platz hat, sondern als z.B. Arbeiter selbst Verantwortung für seine Biographie bekommt, ‚etwas aus sich machen‘ soll, erst dieser Mensch bedarf der und benötigt Autonomie.

Autonomie und autonome Bewegung

Ende der 1970er Jahren entstand in linken Bewegungen eine neue Strömung. Sie glaubte entgegen früheren Ansätzen nicht mehr daran, dass ‚das System‘ reformierbar sei – die Autonomen. Eine Bewegung (anders als z.B. die 1968er) zunächst ohne Vordenker, ohne feste Strukturen. Mit gedanklichen Bezügen allerdings zu einem Teil der 68er Studentenbewegung, zu APO (außperparlamentarische Opposition) und ‚Spaßguerilla‚.

Ihr Ziel: „das richtige Leben im falschen“ für ein selbstbestimmtes Leben in allen Bereichen – jeder einzele solle sich schon jetzt verändern, um das Ziel einer befreiten Gesellschaft ein Stück weit schon im hier und jetzt zu erreichen. Eine von Repression befreite Zone in mitten der kapitalistischen Gesellschaft, mit einem Minimum an Konsumbedürfnis.

Viele Mitglieder autonomer Szenen entstammten anderen ‚Szenen‘, insbesondere auch des Punk.

Autonomie und Verletzlichkeit

Autonom handeln – aus eigener reflektierter Überlegung. Impliziert das den starken, immer selbstbewussten Menschen? Wie verträgt sich das mit Verletzlichkeit, mit Hingabe?

Besteht ein Widerspruch, womöglich gar ein Gegensatz zwischen dem autonomen Menschen und dem verletzlichen oder dem sich hingebenden Menschen?

Oder ist Verletzlichkeit, wenn man Autonomie als Prozess, nicht als erreichten Punkt einer abgeschlossenen Entwicklung begreift, ein Faktor dieser Entwicklung? Ein Faktor, der in Form freiwilliger Verletzlichkeit (vulnerable by choice) für zusätzliche Dynamik sorgen kann?

Kann Verletzlichkeit eine Chance sein, einen höheren Grad an Autonomie zuerreichen?

Autonomie und Liebe

„Wo du hingehst, da will auch ich hingehen“, diesen Satz sprachen früher viele (heterosexuelle Ehe-) Paare bei der Trauung. Ich folge dir, ich gehe deinen Weg oder wir einen gemeinsamen. Wo bleibt da Autonomie, Selbstherrschaft? Und die Hingabe, die in diesen Worten durchscheint, kann sie sich je mit Autonomie vertragen?

Wie vertragen sich Freiheit, Autonomie und Liebe?

Autonomie und Bindung, Partnerschaft, klingt das nicht wie ein Widerspruch in sich? Lässt sich Selbstbestimmung in Einklang bringen mit Bindung und Partnerschaft (die letztlich immer auch die Anspassungsbereitschaft und den Kompromiss beinhaltet)? Und falls ja, wie?

Wären wir alle permanent und jederzeit (hyper-) autonom, wäre eine Gesellschaft ohne Bindungen, ohne Liebe und Partnerschaft, kooperations- und anpassungsunfähig und hyperindividualisiert die mögliche Folge.

Freiheit sei ein Mittel, ein Weg

„Aber der Gegenpol von Zwang ist nicht Freiheit, sondern Verbundenheit.“

Martin Buber, Rede über das Erzieherische, 1927

Vor der Frage, wie verträgt sich Autonomie mit Partnerschaft und Liebe steht die Frage nach dem Verhältnis von Autonomie und Gefühlen.

kriegerische und gelingende Autonomie

Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen kritisierte eine bestimmte, von ihm als kriegerisch bezeichnetes Verständnis von Autonomie als ‚auf Abstraktionen aufgebauten Idee des Selbst‘, die die Gefühle abspalte um die ‚Wichtigkeit und Unabhängigkeit‘ der Person zu behaupten.

Diese Art Autonomie erschöpfe sich darin, ’sich und anderen ständig Beweise der Stärke und Überlegenheit liefern (zu) müssen‘.

Als gelingende Autonomie hingegen betrachtete Gruen einen ‚Zustand, in dem ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ist‘.

(nach: Arno Gruen, Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau, 1984)

„Wer sich selbst nicht liebt, kann auch den anderen, dem Mitmenschen nicht lieben.“

(Arno Gruen, Psychoanalytiker, 1923 – 2015)

Autonomie und (Liebes-) Beziehung

Ein eigenständiges Leben, Freiräume und ‚Geheimnisse‘, Abgrenzung des eigenen, zu bewahrenden ’selbst‘ vom ‚anderen‘ – wie geht Autonomie und Beziehung zusammen?

Ist eine Balance möglich? Und wie kann sich der Gedanke der Balance selbst überhaupt mit Autonomie vertragen?

Wie lassen sich die vermeintlichen Gegensätze Autonomie und Bindung vereinbaren? Ist es ein Widerspruch, unauflösbar – oder eher eine Ambivalenz? Letztlich vielleicht diejenige zwischen Geborgenheit und Selbstverwirklichung ?

Autonomie muss nicht, sie kann aber auch bedeuten, sich bewusst zu entscheiden, Werte und Bedürfnisse anderer Menschen zu respektieren.
Und Partnerschaft muss entgegen weitläufiger Annahme nicht Abhängigkeit bedeuten.

Autonomie in Partnerschaft ist möglich. Faktoren können z.B. sein
– jeder ist auch Individuum, hat (auch) sein eigenes Leben
– es gibt keine Exklusivität an einander
keine Besitzansprüche, keine Eifersucht
– jeder hat seine eigenen Freiräume
– und seine ‚Geheimnisse‘ (die vom Partner aus Respekt vor der Autonomie des anderen respektiert werden)

Autonomie und Liebe setzt in meinen Augen zwingend zweierlei voraus: Ehrlichkeit, und den Partner so zu akzeptieren wie er ist. Kein Bemühen ihn zu ändern, zu formen, zu beeinflussen. Sondern zwei autonome Menschen begegnen sich gleich, nehmen sich jeweils so an wie sie sind. (vgl. Liebe zur Freiheit hinDer eine Mann für alles)

Dies bedeutet nicht starres statisches Miteinander. Entwicklung und Veränderung finden statt, auch im persönlichen. Aber sie erfolgen im miteinander, in der Auseinandersetzung ihrer Seinsweisen. Und ohne gefordert oder erwartet zu sein, je aus eigener Entschtscheidung, aus freien Stücken.

Liebe Partnerschaft Beziehung einerseits und Autonomie andererseits – sie sind nicht zwangsläufig Widerspruch. So wie Freiheit und Liebe sich nicht ausschließen, sind auch Autonomie und Liebesbeziehung nicht zwangsläufig Widersprüche.

In ihrer Ambivalenz kann eine Chance liegen – diejenige, in einer erfüllten Liebesbeziehung gerade größtmögliche Spielräume für eigene Freiheit und Autonomie zu erlangen.

Liebe die nicht einengt sondern frei macht – Liebe zur Freiheit hin, das wäre eine Liebe die mit Autonomie nicht nur vertr#äglich, sondern ihr förderlich wäre.

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Autonomie Freiheit und Liebe
Autonomie Freiheit und Liebe

Autonomie Freiheit und Liebe

Wie mag das gehen, fragten wir uns damals. Autonomie und Liebe mit einander verbinden, leben. Beide überzeugt von der Idee der Autonomie, er Punker, ich nicht. Ich Anfang 20, er deutlich jünger. Autonomie und Liebe, wie kann sich das vertragen? Wie kann das im realen Leben gut gehen, erst recht wenn – – – mann Kompromisse schliessen muss? Und nicht eben in einer Großstadt lebt?

Wir haben das damals leider nicht hinbekommen … vielleicht waren wir zu jung, zu (auch Liebes- ) unerfahren.

Aber die Frage des Verhältnisses von Autonomie und Liebe (sbeziehung) hat mich mein Leben lang begleitet.

Und ich habe das Glück Menschen zu begegnen, die ihre Autonomie schätzen und die des anderen fördern. Die Liebe und Freiheit zusammen leben können.

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In liebevoller Erinnerung für John

Für Frank

Für Jan

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Nachdenkliches

Hingabe Freiheit Autonomie Liebe und Sexualität

Hingabe – sich einem Menschen rückhaltlos hingeben, sich ihm aus eigenem freien Entschluss öffnen und vorbehaltlos zuwenden.

Hingabe ist ein Begriff, der oft Unbehagen auslöst. Assoziationen von Fremdbestimmung, Ausgeliefertsein, Selbstverlust weckt. Der Begriff berührt Hoffnungen, aber auch Ängste und Tabus.

Was bedeutet Hingabe? Und in welcher Beziehung steht sie zu Liebe, zu Sexualität, und zu Freiheit?

Zen Garten als Ort der Hingabe
Ort der Hingabe – ein Zen Stein-Garten (Hamburg, Neuer Botanischer Garten)

Versuch einer Eingrenzung

Hingabe meint sich jemandem zu öffnen und zuzuwenden. Mehr als ’nur‘ Zugewandtheit. Sich einem Menschen hingeben. Sich ihm widmen. Meint Offenheit. Den eigenen Schutzpanzer ablegen.
Sie scheint ein wenig jenseits des Verstandes zu liegen. Freiwillige Abgabe von Kontrolle. Freiwillige Nacktheit

Hingabe setzt einen Partner voraus. Zu ihr gehört immer auch ein Hinnehmen.

Hingabe meint, dass ich den anderen annehme so wie er ist. Sie macht sich nicht an Äußerlichkeiten fest. Sie hat als Voraussetzung für mein eigenes Hingeben an den anderen, dass ich mich selbst annehme

Hingabe ist ihrem Wesen nach freiwillig. Erfolgt aus eigenem Willen nach eigener überlegte Entscheidung in Freiheit. Sie kann dabei auch eigene Befreiung sein

Sie entsteht aus freien Stücken, aus in einem in der Person selbst ruhenden Bedürfnis heraus. Sie muss nicht explizit erfolgen. Auch unausgesprochene Hingabe ist möglich.

Hingabe ist das Gegenteil jener kruderweise auf die Ebene menschliche Begegnung übertragenen neoliberalen Markt-Denkweise, derzufolge ich mich „rar machen“ sollte, damit der andere mich mehr begehrt (wie ein Produkt, dessen Preis mit sinkender Verfügbarkeit steigt). Die Hingabe sagt ’siehe, hier bin ich, mit Haut und Haaren – nimm‘ mich, ich gebe mich dir hin, nimm‘ mich wie du begehrst‘.

Hingabe kann wechselseitig sein. So wie ich mich hingebe, völlig öffne, kann ich auch das sich Hingeben des Partners annehmen.

Hingeben beinhaltet ein Geben und Erfüllen ohne Erwartung, ohne Forderung. Bedeutet Loslassen bzw. Überwinden eigener Ängste, Erwartungen, Begierden.
Ohne Erwartung? Vielleicht doch die eine Hoffnung: im sich Hingeben aufgefangen zu werden.


Der Apostel Johannes an der Brust Christi (Christus-Johannes-Gruppe; Johannesminne), Schwaben (Bodenseegebiet), Anfang 14. Jh.; Eichenholz mit kleinen Resten originaler Fassung, Mantel des Johannes in neuerer Fassung, Photo: Andreas Praefcke, public domain

Hingabe Liebe Beziehung

Hingabe hat etwas beidseitiges – sie setzt immer den anderen voraus, der Hingeben annimmt. Sie ist eine mögliche Dimension einer Beziehung zwischen Menschen. Sie setzt emotionale Bindung voraus.

Als Grundlagen hat Hingabe Dankbarkeit und Vertrauen, in den anderen, aber auch in sich selbst.

Hingeben im Kontext von Liebe meint: der Liebende, der sich schenkt.

Hingabe kann ein Schritt sein. Zu mehr Nähe, mehr Intensität, mehr Wahrhaftigkeit. Wie eine Verwandlung.

Hingabe und Dominanz

Hingabe bedeutet nicht die Aufgabe des Selbst. Hingeben ist per se nicht Unterwerfung. Kann aber in Fortführung oder Umdeutung zu deren freiwilliger Form führen. [vgl. hierzu auch ‚Im Reich der Sinne‘, Nagisa Oshima 1976]

Hingabe und Dominanz – in welchem Verhältnis stehen sie? Und wie verträgt sich dies mit dem Ideal einer gleichberechtigten Partnerschaft?

Im Kontext von Dominanz kann ’sich hingeben‘ auch meinen ’sich jemandem ergeben‘. Einvernehmlich Asymetrie statt Gleichberechtigung. Ein Partner ist dominant, ein Partner unterwirft sich, ist devot, submissiv – aus Lust sich hinzugeben. Dem Partner Macht zu geben. Aus Vertrauen. Aus Liebe. Aus Freiheit.

Verletzlichkeit und Stärke

Ein naher und doch ungeliebter Verwandter der Hingabe ist die Verletzlichkeit. Wenn ich Angst habe verletzt zu werden, wird Hingabe schwerer bis unmöglich. Wenn ich mich hingebe, mich schenke, mache ich mich verletzlich. Freiwillige Verletzbarkeit. Vertrauen, in den anderen wie in mich selbst, mindert Angst, macht Angst beherrschbar – oder ganz entbehrlich.
Vertrauen ist eine Grundlage von Hingabe. Hingeben ohne begründetes Vertrauen, gar ins völlig Ungewisse wäre wohl nahe an Torheit. Die Hingabe wird möglich im Vertrauen darauf, liebevoll aufgefangen zu werden. Sie findet im Rahmen eines vertrauensvollen „wir“ statt

So wie sie Verletzlichkeit mit sich bringen mag, baut Hingeben gleichzeitig auf Stärke auf. Eigene Stärke als Basis der Hingabe. Selbstablehnung würde die Fähigkeit dazu beinträchtigen. Vertrauen, Erfahrung eigener Möglichkeiten und Stärke machen es umgekehrt leichter, Schutzmechanismen vertrauensvoll abzulegen, Risiken einzugehen, und sich hinzugeben. Das ‚ich‘ überwinden – und dabei ganz selbst sein. Nahe am Wesentlichen

Antagonisten der Hingabe sind zum Beispiel Routine, Langeweile, Desinteresse. Was geschieht wenn Hingabe fehlt, wenn eine Liebesbeziehung ambitionslos wird, wenn Bemühen fehlt und Routine einkehrt, hat Ian Curtis (Joy Division) in ‚Love will tear us apart‚ eindrücklich besungen.

Glück ist Liebe. Nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.

Hermann Hesse, Über die Liebe

Hingabe und Geschlechterrolle

Wie steht es um das Verhältnis – ist Hingabe weiblich? Ist sie unmännlich?

Historisch wurde Hingeben lange als eine weibliche Eigenschaft betrachtet. Besonders deutlich brachte dies Fichte (s.u. Hingabe und Freiheit) zum Ausdruck, der damit vermutlich den gängigen Geschlechterrollen-Verständnis seiner Zeit gerecht wurde.

Die Zuschreibung der weiblichen Rolle an diese Verhaltensweise mag resultieren aus einem dichotomen Verständnis von Penetration als aktiv und passiv sowie dem Reduzieren weiblicher Sexualität auf ein vermeintlich passives Verhalten

Der Mensch, egal welchen biologischen Geschlechts, der sich einem anderen hingibt, kann sich körperlich weitgehend oder völlig passiv verhalten. Er kann aber auch selbst in seiner Hingabe, zu der er sich aktiv entschlossen hat, selbst körperlich aktiv verhalten.

Hingeben ist eine Möglichkeit, wie zwei Menschen mit einander agieren. Hingabe ist nicht weiblich. Sie ist nicht männlich. Sie ist menschlich.

Hingabe und Sexualität

In welchem Verhältnis stehen Sexualität und Hingabe? Sex ohne Hingeben sei ‚reiner Matratzensport‘, sagen die einen. Hingabe, womöglich sich verlieren geht nicht einher mit ‚Sex auf Augenhöhe‘, entgegnen andere.

Sich fallen lassen, den Kopf abschalten, Hemmungen ablegen, Leidenschaft statt Vernunft, ist das allein schon Hingabe (in sexuellem Kontext)?

Oder kommt zumindest das Fokussieren auf den anderen hinzu? Das weitgehende Außerachtlassen eigener Begierden und Gelüste? Die Auflösung der Ich-Bezogenheit zugunsten des ‚du‘ und eines ‚wir‘. Das Ausrichten der eigenen Aufmerksamkeit auf den anderen, seinen Körper, sein Agieren? Ohne Nachdenken, ohne eigene Kontrollinstanzen? Und ohne ‚Gegenleistung‘? Eine auf den anderen gerichtete Selbstvergessenheit?

Es gibt eine männliche Passivität die so ausgeprägt ist, dass sie sich in … der absolut entspannten Erwartung des Körpers [ausdrückt], seine Rolle zu erfüllen, seinen Sinn, Lust zu geben und zu empfangen.

Jeanne Moreau in der Rolle der ‚Lisiane‘ in Querelle (R.W. Fassbinder)

Hingabe ist asymetrisch.
Ein Mensch gibt sich dem anderen Menschen hin.
Wie kann Hingabe, wie kann diese Asymetrie passen in eine Zeit, in der die (auch sexuell) ausgewogene gleichberechtigte, ebenbürtige Beziehung das proklamierte Ideal ist

Ein Widerspruch, der nur vermeintlich existiert. Hingabe findet in einer  Konstellation statt, die einvernehmlich ist. Sie findet freiwillig statt. Sie drückt das Verhältnis zweier Menschen aus, sei es im konkreten sexuellen Akt, sei es in ihrer Beziehung mit einander.

Sich hingeben wie auch Hingabe annehmen kann der Ausdruck der Autonomie zweier frei von Fremdbestimmung handelnder Menschen sein.

Sexualität und Hingabe stehen in einem engen Verhältnis. Hingabe ermöglicht die Überwindung von Ich-Bezogenheit. Und kann ein möglicher Ausdruck von Autonomie, der Eigengesetzlichkeit in Freiheit handelnder Menschen sein.

die Frage der Freiheit

Eine Frage bleibt: kann wer sich hingibt noch frei sein? Kann ein Wesen der Freiheit zugleich Hingabe leben? Verletzt sich Hingeben nicht doch den Gedanken der Autonomie?

In welchem Verhältnis stehen Hingabe und Freiheit? In keinem guten, denken Philosophen wie Fichte und Immanuel Kant. Der sich hingebende Mensch gebe seine Freiheit auf, denken Fichte wie auch Kant, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten.

Johann Gottlieb Fichte denkt, die Frau werde mit ihrer geschlechtlichen Hingabe Mittel zum Zweck des Mannes. Der Frau sei der Trieb angeboren, durch Hingabe an den Mann ein eigenes natürliches Bedürfnis zu erfüllen. Dem der Mann mit Großmut begegne.

Hingabe sei ein passives Verhalten, betont Immanuel Kant. Genuß, angewiesen auf das Genießbare und damit in einer Abhängigkeit, sei generell ein passives Verhalten. Hingeben sei Passivität. Sei eine Abgabe menschlicher Freiheit.

Der lebenslange Junggeselle Kant ist der Ansicht, der Mensch der sich einseitig einem anderen hingibt, verliere Persönlichkeit und Menschenwürde. Er mache sich selbst [kantianisch ein schweres Vergehen] vom Subjekt zum Objekt. Hingabe widerspricht nach Kant der Menschenwürde.

Anders als Fichte, der den Freiheitsverlust ’nur‘ beim sich hingebenden Menschen (i.e. bei Fichte die Frau) sieht, betont Kant zudem, nicht nur der sich Hingebende, sondern beide Partner verlören ihre Freiheit, ihre Würde. Machten sich zum ‚Genußobjekt‘ für den jeweils anderen.
Einzig unter der Bedingung, dass dieser ‚Erwerb als Sache wechselseitig‘ ist, werde ihrer beider Persönlichkeit wieder hergestellt. Nehmen beide Partner wechselseitig die hingebende Rolle ein (die Fichte noch einzig bei der Frau sieht), nur dann könne Hingabe unter Wahrung der Menschenwürde möglich sein.

Kant und Fichte zum Trotz bleibt die Frage ist offen: ist Hingabe in Freiheit möglich?

Einzig und allein durch Hingabe kann man die absolute Wahrheit erkennen.

Buddha, Tibetisches Buch vom Leben und Sterben (Sogyal Rinpoche)

 Ja, es kann Hingabe in Freiheit geben.

Und wenn Hingabe mit Kant notwendig Selbstaufgabe, Objekt-Werden bedeuten sollte – ist dann eine Beziehung, in der einer der Liebenden sich dem anderen schenkt, überhaupt als Sich-Begegnen zweier freier Menschen denkbar, möglich?

Ja. Denn Hingabe ist Freiheit – oder: Hingabe kann Freiheit sein.

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„Die große Herausforderung des Lebens liegt letztlich darin, die Grenzen in dir selbst zu überwinden und soweit zu gehen, wie Du Dir niemals hättest träumen lassen.

(Paul Gauguin, 1848 – 1903)

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Für Jan

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Dir / Ihnen gefällt dieser Text? Oder du hast Widerspruch? Eine Überlegung, eine Anregung?

Ich würde mich sehr freuen über deinen Kommentar zu meinen Gedanken zum Thema Hingabe !


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Persönliches

Beziehung und Treue – „Treue ist für mich nicht was Sexuelles …“ – Ulli 1986 Interview für ‚Beziehungsweise andersrum‘

1986, ich war 27 Jahre alt und seit gut drei Jahren mit Frank zusammen, interviewte Thomas Grossmann mich für sein Buch „Beziehungsweise andersrum“. Gedanken über Freundschaft, Liebe, Beziehung und Treue :

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Ulli ist 27 und lebt mit seinem drei Jahre jüngeren Freund in der Nähe von Köln.

Ulli: Mein erster Einstieg in die schwule Szene war sowas wie eine Beziehung. Das war während meiner Bundeswehrzeit in Oldenburg. Ich bin in ’ne schwule Kneipe gegangen, viel zu früh, und hab da einen Typen in meinem Alter kennengelernt. Mit dem hatte ich für einige Zeit eine lockere Beziehung.
Wir waren nicht fest zusammen, haben aber viel miteinander gemacht. Er war schon zwei Jahre in der Szene, und er hat mir viel gezeigt und von der Szene erzählt.
Dann bin ich nach Bremerhaven gekommen, habe aber die erste Zeit keine Berziehung gehabt. Nur später eine, die drei Monate dauerte und recht unschön in die Brüche ging.
Als ich nach Hamburg gekommen bin, habe ich nach sechs Wochen in einer schwulen Disco Frank kennengelernt. Ich habe ihn mit nachhause genommen, und daraus ist eine bis jetzt andauernde Beziehung geworden. Also vier Jahre. Frank war zu der Zeit 20 und ich 23.

Wie hast du dir damals eine Beziehung vorgestellt?

Ich glaube, ich habe vorher nie eine richtige Vorstellung gehabt, wie ’ne Beziehung sein sollte. Nur den Wunsch nach einem sehr, sehr engen Zusammengehörigkeitsgefühl. Mich anders zu fühlen, wenn ich mit meinem Freund zusammen bin. Kaum konkrete Vorstellungen.


Die Vorstellungen, was ich erwarte, die haben sich erst in der Beziehung entwickelt. Da habe ich erst an meiner Reaktion gemerkt, was ich will.
In der ersten Beziehung in Oldenburg habe ich nur erstmal überhaupt einen schwulen Kontakt haben wollen. Ich hab gelernt, schwul zu sein.
In Bremerhaven war das wohl eine eindeutige Vorstellung von einer monogamen Beziehung. Und auch viel zusammen machen zu wollen. Zusammen zu wohnen. Langfristig zusammen was zu planen, was wir in fünf Jahren mal zusammen machen können. Das haben wir auch getan, wir haben ziemlich langfristige Pläne geschmiedet.
Es war so eine Vorstellung von ineinander aufgehen, alles zusammen zu machen, eins sein. Nicht im Sinne von Sex, sondern vom Gefühl her. Ich fühle mich nur gut, wenn ich bei dem bin. Und wenn wir was machen, dann machen wir das zusammen.

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Kulturelles ondamaris Texte zu HIV & Aids

Yves Saint Laurent und Pierre Bergé – eine leidenschaftliche Liebe

In Frankreich kam am 22. September 2010 ein Dokumentar-Film über Yves Saint Laurent und Pierre Bergé in die Kinos: “Yves Saint Laurent – Pierre Bergé, L’Amour fou”.

1958 – Pierre Bergé und Yves Saint Laurent lernen sich kennen – während des Begräbnisses von Christian Dior, für den der junge Designer Saint Laurent arbeitete. Für beide die Liebe des Lebens. Der Geschäftsmann und der Modeschöpfer, eine private und geschäftliche Erfolgs-Geschichte.

Bergé und Saint Laurent “haben nie ihre Liebe verleugnet”, lebten offen in einer schwulen Beziehung. Sie unterstützten über viele Jahre immer wieder schwule Projekte, später auch Projekte im Aids-Bereich, von der Zeitschrift Gai Pied über die schwullesbische Radiostation Fréquence Gaie bis zum Magazin Tetu und der Aids-Organisation sidaction.

2008. Fünfzig bewegte Jahre nach ihrer ersten Begegnung, und nach dem Tod von Yves Saint Laurent, entschließt sich Pierre Bergé, über ihre Liebe und Beziehung zu sprechen, in einem Dokumentarfilm zu berichten.

Einen Vorgeschmack auf den Film gibt die (französische) Preview:

Gedreht ist der Film weitgehend an Original-Schauplätzen, wie dem Garten ‘Majorelle’, den beide bei ihrer Villa in Marrakesch anlegen ließen, oder im Château Gabriel in der Normandie.

Der Film kam am 22. September in Frankreich in die Kinos und wird 2011 in britische Kinos kommen. Über Pläne für Deutschland ist bisher nichts bekannt. Auf dem ‘Zürich Film Festival’ (23.9. bis 3.10.2010) ist der Film mit deutschen Untertiteln zu sehen.

Yves Saint Laurent – Pierre Bergé, L’Amour fou
Dokumentarfilm, 98 Minuten
Frankreich 2009
Regie Pierre Thoretton

siehe auch:
SZ 02.07.2008: Zum Tod von Yves Saint Laurent – Seine Geliebte war die Schönheit
Le Monde 21.09.2010: Critique: “Yves Saint Laurent – Pierre Bergé, l’amour fou” : un documentaire élégant et conventionnel
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Text 18.02.2016 von ondamaris auf 2mecs

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Nachdenkliches

Koordinaten der Liebe

Warum schreibst du nicht mal wieder über Beziehung, Liebe, Partnerschaft?
Solcherlei Mails erreichen mich gelegentlich, so auch neulich.
Nun, mir fehlt im Augenblick die Zeit – Texte darüber brauchen Muße, Ruhe, Klarheit im Kopf – und Zeit zum Entstehen.
Zum Ausgleich heute zumindest ein Zitat …

“Wenn wir jemanden lieben, nehmen wir sie oder ihn allzu oft nicht als die Person an, die er oder sie wirklich ist. Wir akzeptieren sie oder ihn insofern, als die Person in die Koordinaten unserer Phantasie passt. Wir miss-identifizieren bzw. identifizieren sie oder ihn falsch. Das ist auch der Grund dafür, dass aus Liebe schnell Gewalt werden kann, wenn wir herausfinden, dass wir uns getäuscht haben. Es gibt nichts Gefährlicheres, nichts Tödlicheres für die geliebte Person, als nicht für das geliebt zu werden, was er oder sie ist, sondern dafür, in das Ideal zu passen. In diesem Fall ist Liebe immer demütigend.”

Slavoj Zizek; zitiert nach Programmheft “Der Vetter aus Dingsda”, Komische Oper Berlin
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Nachdenkliches

bedingungsloses Vertrauen (Wim Wenders 2008)

Bedingungsloses Vertrauen :

Einfach alles zu teilen, das Gute und das Schlechte, jeden Frust, jede Angst, jede Freude, aber auch das Beten, das ist tausendmal besser als jeder Sex. Wo doch viele Leute Ehe und Liebe daran messen, ob ein Paar guten Sex hat. Wichtiger ist, dass man ein bedingungsloses Vertrauen zueinander findet, dass man immer noch offener sein kann. Auch dem Sex tut es übrigens gut, wenn nicht alles davon abhängt!

Wim Wenders, Filmemacher, in ‘chrismon’ 12/2008


Wenders im Jahr 2008 (Thiago Piccoli – originally posted to Flickr as wim wenders )

Auch wenn ich das mit dem Beten nicht teil, alles andere – wohl gesagt, geschätzter Herr Wenders … ‘ bedingungsloses Vertrauen ’, fragte mich jemand, was macht denn deine Beziehung aus, das wäre wohl eine der schönsten Antworten, die ich geben könnte …

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Nachdenkliches

Der eine Mann für alles

“‘Eifersucht’, ‘Fremdgehen’, ich versteh das alles gar nicht. Ich will alles mit meinem Mann teilen, alles zusammen haben. Dann stellt sich diese Frage doch gar nicht”, mailt mir letztens ein Bekannter auf den Text zu Eifersucht. Und ich frage mich – “der eine Mann für alles“, gibt’s das im realen Leben?

Gibt es den ‘Mr. Right‘ für alles, den ‘one and only’? Kann ich ‘alles mit einem’ haben? Gibt es den einen Partner, der alle Facetten an mir abdeckt, mit dem ich alle Aspekte meiner Persönlichkeit leben, neue entdecken kann?

Dieses ‘einer für alles’, es ist eine oft propagierte Idee, eine die uns aus populären Liedern wie auch heterosexuellen Rollen-Klischees entgegen schimmert. Und es ist eine Idee, die ja auch der Eifersucht und ihrem impliziten Besitzanspruch des ‘ich will dich ganz’ und dem Verlangen nach sexueller Monogamie zugrunde liegen kann.

Ein Partner für alles, das ist auch die Vorstellung, die zumindest einem konservativen Verständnis von Ehe oftmals zugrunde zu liegen scheint. Der eine Partner, an den man sich für sein ganzes Leben bindet, und mit dem man alle wichtigen Dinge im Leben teilt.
Ein Verständnis, das -vielleicht zu leichtfertig- auch von Schwulen gerne übernommen wird. Und nicht erst seit Zeiten der Lebenspartnerschaft. So war z.B. gerade auch in manchen schwulen Szenen vor vielen Jahren (nein, eher schon Jahrzehnten) die Idee des ‘alter ego‘ beliebt, selbst eine Homosexuellen-Zeitschrift benannte sich nach ihr.

Alter ego, ein uralter Gedanke, schon auf Cicero zurückzuführen. Er sollte ein bestimmtes Verhältnis zum Freund zum Ausdruck bringen, ‘das andere ich’, Gedanken wie ‘zwei Seiten der selben Medaille sein’. Umgangssprachlich findet sich diese Idee übrigens auch bei Hetens auch heute immer noch wieder – mein Vater nannte meine Mutter oft ‘meine bessere Hälfte’ …

Mein Mann als ‘meine bessere Hälfte’, als mein ‘alter ego’, mein ‘einer Partner für alles’ – eine romantische Idee, die ich als wenig realistisch empfinde. Der die Gefahr des ‘Erdrückens’ innewohnt.
So sehr man sich wünschen mag, mit dem geliebten Partner (oder der Partnerin) völlig eins zu sein, sich ihm hinzugeben, nur mit ihm alles Bedeutende im Leben zu leben – es erweist sich zu oft als eine Utopie. Und eine Utopie, die sich zu einem gefährlichen Trugschluss erweisen kann, wenn ich an ihr als Ziel mein (Beziehungs-)leben ausrichte, erst recht wenn ich sie als Messlatte nehme und an ihr meinen Partner und sein Verhalten ‘messe’.

Der Mensch ist potenziell ein zu komplexes Wesen, zu facettenreich, um alle Nuancen seines Seins zusammen mit einem einzigen Menschen erfüllt entdecken und leben zu können. Es mag vielleicht den einen Mann im Leben geben, mit dem ich viele Qualitäten gemeinsam lebe, der der wichtigste Mensch in meinem Leben ist. Aber ist er ‘der eine für alles‘?

Mit meinem Mann teile ich vieles. Gemeinsame Wertvorstellungen z.B., eine weitgehend ähnliche Sicht auf viele Dinge, politische Grundhaltung, Menschenbild, auch manche Vorlieben von Essen über Sexualität bis Urlaubsgestaltung. Wir teilen bedeutende und weniger bedeutende Dinge, Fundamentales und Banales.
Doch – wir teilen nicht alles. Jeder hat auch sein eigenes Leben, seine eigenen Freundeskreise, seine eigenen Interessen.

Sicher, wir nähern uns im Laufe unserer Beziehung an einander an. Ich beobachte schon, dass Unterschiede zwischen uns im Laufe der Jahre weniger werden, Interessen sich annähern. Und doch – jeder bliebt ein unabhängiges, freies Wesen, eine eigene zu entwickelnde Existenz. Zwei Leben, die auf eine Einheit zielen, aber doch individuelle freie Existenzen bleiben.

Und hierin liegt meines Erachtens einer der Schlüssel einer erfüllten Beziehung: zu erkennen, dass Ziel einer Beziehung nicht ist, völlig mit dem Partner eins zu werden, zu verschmelzen. Sondern dass jeder eine eigenständige individuelle Persönlichkeit ist. Und vielleicht das schönste in einer Beziehung sein kann, den Partner liebend bei der Entdeckung seiner Existenz in Freiheit zu unterstützen.

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Eifersucht

Eifersucht ? „Bist du eigentlich überhaupt nicht eifersüchtig, wenn dein Mann etwas mit ‘nem anderen hat?“, werde ich gelegentlich gefragt. Und muss meist mit einem überlegten ‘manchmal ja, aber’ antworten.

Ja, das Gefühl der Eifersucht ist auch meinem Mann, auch mir selbst nicht unbekannt. Aber wir haben in den vielen Jahren unserer Beziehung einige Dinge gelernt, über uns, unsere Liebe erfahren. Erfahrungen, die die Eifersucht eine immer kleinere Rolle spielen lassen.

Meist steht vor der Frage nach der Eifersucht ja zunächst die Frage nach der Treue in der Beziehung. ‘Seid ihr euch treu?
Und jedes mal antworte ich beherzt ‘ja!’. Denn ja, selbstverständlich bin ich meinem Mann treu.
Nur, Treue, was ist das? Meinen der Fragende und ich die gleiche Treue?

Meine Treue lässt sich vielleicht unter anderem in die Worte fassen ‘ich weiß, dass ich mit diesem Mann zusammen alt werden möchte’.
Der Fragende meint oftmals etwas völlig anderes. ‘Seid ihr euch sexuell treu’.
Dieser hinter der ‘Treue-Frage’ verborgene implizite Anspruch sexueller Monogamie ist kein Konzept, das für mich (oder auch für meinen Mann) realistisch lebbar wäre. Und auch kein erstrebenswertes Ziel. Wohlgemerkt, für uns beide. Jeder möge da seinen eigenen Weg finden.
Meine Treue heißt nicht, dass ich nicht auch andere Männer sexuell attraktiv finde und das auch lebe, dass ich nicht auch zu anderen Menschen emotionale Beziehungen aufbaue, seltener auch liebevolle Gefühle empfinde, vielleicht gar Hingabe.
Treue ist (zumindest für uns) nicht im Schwanz oder Arsch angesiedelt. Treue ist für uns ein Gefühl des Herzens und eine Einstellung zum Leben, zu uns.

Ja, aber trotzdem … ist denn da dann keine Eifersucht?
Eifersucht, was bedeutet denn dieses Wort?
Eifersucht, sagt ein etymologisches Wörterbuch, habe etwas zu tun mit dem ‘Argwohn gegen einen Nebenbuhler’. Womit wir schon bei einer der entscheidenden Fragen wären. Der ‘Nebenbuhler’. Steht hinter Eifersucht nicht gelegentlich auch ein mehr oder minder versteckter Besitzanspruch am anderen? Steht dahinter nicht gelegentlich das unausgesprochene Gefühl ‘ich will dich aber ganz für mich haben, ich ganz allein, mit dir ganz allein’?
Nur – kann dieser implizite Besitzanspruch funktionieren? Kann ich einen Menschen besitzen? Zumindest in meiner Vorstellung von Beziehung (wie auch anderen Formen des Miteinanders wie Freundschaft) nicht – wir sind freiwllig, jeder aus eigenem freien Entschluss mit einander zusammen.

Nebenbei, fast könnte man dabei auf den Gedanken kommen, das Konzept der Eifersucht berge eine kräftige Prise Heterosexismus in sich. Immerhin könnte sich hinter der Idee des Besitzanspruchs ja gerade auch derjenige Besitzanspruch verbergen, der (in heterosexuellen Beziehungen) die Ehefrau als ‘Eigentum’ des Mannes betrachtet hat. Dass schwule Männer die Chance haben, jederzeit aus freiem Entschluss zusammen zu sein, ohne Zwänge welcher Art auch immer (ob sie nun aus Besitzanspruch, Kindern oder irgendwelchen Papieren resultieren), diese Freiheit zum Miteinander habe ich immer als eine der großen Chancen schwuler Beziehungen empfunden.

Dennoch, Eifersucht findet statt.
Wenn ich Gefühle der Eifersucht habe, oder mein Partner, wie geht es mir oder ihm dann? Fühlt er sich herabgesetzt? Oder gar gedemütigt? Fürchtet er Konkurrenz? Eine Konkurrenz gar, der er sich vielleicht nicht gewachsen wähnt? Hat er Gefühle eigener Unzulänglichkeit (’was hat er, was ich nicht habe’)?
Gefühle von Eifersucht, das habe ich in unseren gemeinsamen Jahren mühsam gelernt, haben auch damit zu tun, welches Gefühl ich zu mir selbst habe. Wie stabil oder instabil gerade mein Selbstvertrauen, mein Selbstwertgefühl ausgeprägt sind. Fühle ich mich stark, selbstbewusst, habe ich auch keine Angst, mein Partner könne mich verlassen, nur weil ein anderer vielleicht auch etwas Anziehendes für ihn hat.

Nun hat wohl niemand nur Phasen, in denen er vor Selbstvertrauen strotzt. Aber es gibt viele Wege, wie ich mir und meinem Mann helfen kann, mit emotionalen Situationen wie Eifersucht umzugehen.
Ich kann ihm z.B. klar machen, ihn fühlen lassen, dass der andere vielleicht zwar einen schönen Arsch (oder etwas anderes für mich Anziehendes) hat, ich ihn aber deswegen noch längst nicht ‘heiraten’ will. Oder ihm die Angst vor dem ‘großen Unbekannten’ nehmen, indem ich dem ‘anderen’ ein Gesicht gebe, meinem Mann z.B. sein Dating-Profil zeige, oder beide sich kennen lernen lasse. Den ‘anderen’ zu kennen kann viele Ängste nehmen.
Wir beide sind Partner, können uns gegenseitig viel helfen Selbstsicherheit zu gewinnen, Ängste und Unsicherheiten abzubauen. Vertrauen und Selbstsicherheit gehen meiner Erfahrung nach oftmals Hand in Hand.

Und Vertrauen und Selbstvertrauen sind Gefühle, die in einer Beziehung mit der Zeit wachsen, zunehmen. Wenn man sich auch auf ’schwierige’ Situationen einlässt, sie miteinander lebt. Probleme zu umgehen mag eine Strategie sein. Doch vermeidet sie nicht letztlich nur Risiken, und damit Erfahrungen, um eigener Ängste willen? Und macht so die Chance auf die Erfahrung größeren Vertrauens unmöglich?
Dieses erfahrungsbasierte, tief gehende Vertrauen in einander setzt eben auch die gemeinsam gemachten Erfahrungen voraus. Ein tiefer werdendes Vertrauen, das Gefühlen von Eifersucht zunehmend weniger Raum lässt.

Also, um auf die Frage „Ja, aber ist denn da keine Eifersucht bei euch?“ zurück zu kommen:
Oftmals nein, oftmals bin ich wirklich nicht eifersüchtig, wenn mein Mann etwas mit einem anderen Mann hat. Und ja, gelegentlich habe ich da ein Gefühl, das mich zwickt. Aber ich fühle die Gewissheit, dass dieses Interesse an einem anderen Mann nicht unsere Beziehung gefährdet, ich bin mir meines Mannes sicher. Ich vertraue, und ich fühle, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt ist. Wir sind uns in unserer Liebe treu.