Roland Barthes und die Homosexualität

Zuletzt aktualisiert am 5. Juli 2018 um 17:45

Der französische Soziologe und Linguist Roland Barthes (1915 – 1980) entwickelte die Methoden des Strukturalismus weiter und wurde zum Begründer des Poststrukturalismus. Sein Schwulsein thematisierte er nahezu nie. Roland Barthes und die Homosexualität – ein eigenwilliges Verhältnis, oftmals wenig bedacht.

Roland Barthes Zeichnugn (Jahan98, Lizenz cc by-sa 4.0)
Roland Barthes Zeichnugn (Jahan98, Lizenz cc by-sa 4.0)

Sketched portrait of French linguist Roland BarthesJahan98CC BY-SA 4.0

Roland Barthes

Roland Barthes wird am 12. November 1915 in Cherbourg geboren. Während des 1. Weltkriegs stirbt sein Vater. 1924 zieht seine Mutter mit Roland nach Paris. Sie leben in St. Germain des Près, Roland besucht die Lycée Montaigne. Die Schulferien verbringt er oft mit Großmutter und Tante in Bayonne. Über diese Zeit verfasst er er später den Text ‚La lumière du sudouest‚ (persee).
Im April 1927 kommt sein Halbbruder Michel Salzedo zur Welt. Dessen Vater ist ein Keramik-Künstler aus der Gegend um Bayonne.

1930 bis 1934 besucht Barthes die (eher als privilegiert betrachtete) Lycée Louis-le-Grand. 1934 erkrankt er während der Abitur-Vorbereitungen an Tuberkulose. Er wird zur Erholung nach Bayonne geschickt, von dort zieht die Familie bald nach Bedus in den Pyrenäen. Im Oktober 1934 kehrt er nach Paris zurück, geht an die Sorbonne, studiert Geisteswissenschaften / klassische Literatur.

Aus Gesundheitsgründen wird er 1937 vom Militärdienst befreit. Nach der Niederlage Frankreichs und der Etablierung des kollaborierenden Vichy-Regimes kehrt er von einem vorübergehenden Bayonne-Aufenthalt nach Paris zurück. Er erleidet einen Rückfall der Lungen-Tuberkulose und geht im November 1942 in ein Sanatorium in den französischen Alpen (Saint-Hilaire-du-Touvet). Hier liest und schreibt er viel. Hat erste Veröffentlichungen in der Zeitschrift ‚Existences‚. Die Grundlagen für sein erstes Buch Degré zéro de l’écriture (das 1953 erscheint) entstehen hier.

Von Februar 1945 bis Februar 1946 hält er sich in einem Sanatorium in der Schweiz auf. Nach Jahren einer relativen Abgewandtheit von der Welt geht er im Sommer 1946 nach Bukarest, organisiert die Bibliothek sowie francophone Kultur-Events. 1949/50 verbringt er in Alexandria, bevor er 1950 nach Paris zurück kehrt. Im Dezember 1955 lernt er Michel Foucault kennen, Beginn einer lebenslangen Freundschaft.

Ende 1953 erscheint sein erstes Buch Degré zéro de l’écriture. (dt. Am Nullpunkt der Literatur, 1985).

Signatur von Roland Barthes, public domain

1976 übernimmt er am Collège de France den neu gegründeten Lehrstuhl für ‚literarische Semiotik‘.

1977 stirbt seine Mutter („l’être cher„). Mit ihr hatte er seit ihrem Umzug nach Paris 1924 in einem Haus gelebt, wenn auch auf zwei Etagen. Bis zu seinem Tod lässt er immer wieder erkennen wie sehr er sie vermisst:

meine ganze Traurigkeit …mein ’schweres Herz‘ von U. [i.e. Urt, UW] ohne Mam.“ (2. September 1979)

Barthes wird nach einem Mittagessen mit Francois Mitterrand und Jack Lang am 25. März 1980 bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Er stirbt am 26. März 1980 in Paris an den Folgen. Er wird in Urt im Grab seiner Mutter beigesetzt.

Roland Barthes und die Homosexualität – das große ‚ja – aber‘

In Sachen Privatleben besteht Barthes zeitlebens auf großer Diskretion. Er weigert sich, seine Homosexualität zum Thema zu machen. Gerüchte, die über ihn im Umlauf sein sollen, beunruhigen ihn immer wieder.

Und selbst in seinen  persönlicheren Texten (wie Fragments d’un discours amoureux) beschreibt Barthes homosexuelles Begehren, schwule Liebe kaum je. Geschweige denn explizit. Auch in seinem Werk beschäftigen Gide und Proust ihn sehr, deren Schwulsein jedoch – kaum. Er beteiligt sich 1977 gemeinsam mit 80 anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens an einer Petition zur Abschaffung des Sonderstrafrechts gegen Homosexuelle – erwähnt die eigene Homosexualität jedoch nicht.

Und doch, Barthes stromert herum, des nachtens in Paris. Cruist, besucht Discotheken (wie, gerne, das am 5. März 1978 eröffneten Le Palace von Fabrice Emaer, s.u.) und Pornokinos, macht Begegnungen. Häufiger besucht er auch den Club der von André Baudry im Jahr 1954  Homophilen-Organisation Arcadie

Fast wirkt seine Diskretion wie eine Quarantäne um sein Schwulsein. Um was zu vermeiden? Eine Frage stellt sich: auch wenn Barthes den ‚Tod des Authors‚ proklamierte – wie kann  sein Werk ohne biographische Bezüge gesehen, wie seine Homosexualität unberücksichtigt bleiben?

Er lebte seine Homosexualität überheupt nicht auf die Art wie die meisten, mit triumphierender Geste, aggressiv, militant, hart, hervorkehrend …
(Philippe Sollers über Barthes in Femmes)

Seine – in seinem Leben zu ihren Lebzeiten allgegenwärtige  – Mutter nannte er lange Zeit als den Beweggrund für seine Zurückhaltung. Doch – diente sie als Ausrede? Nach ihrem Tod jedenfalls geniert er sich privat deutlich weniger, geht auch gegenüber seinem Freundeskreis (der eh Bescheid weiß) offener mit Cruising und Strichern um.

Roland Barthes und die Homosexualität – schwules Leben und ’schäbige Episoden‘

Barthes äußert sich spät selbst über dieses eigenwillige Mißverhältnis. In Roland Barthes par Roland Barthes z.B. schreibt er 1975

„Le pouvoir de jouissance d’une perversion (en l’occurence celle des deux H: homosexualité et haschisch) est toujours sous-estimé. La Loi, la doxa, la science ne veulent pas comprendre que la perversion, tout simplement, rend hereux …“
(‚Die Macht des Genusses einer Perversion (in diesem Fall jene der zwei ‚H‘, der Homosexualität und des Haschisch) wird immer unterschätzt. Das Gesetz, die Doxa [bei Bourdieu: das stillschwiegende Akzeptieren gesellschaftlicher Machtverhältnisse; UW], die Wissenschaft wollen nicht verstehen, dass die Perversion ganz schlicht glücklich macht …‘ (Übers. UW))

In der französischen Zeitschrift Vogue Homme erscheint in der Ausgabe Mai 1978 (und damit wenige Monate nach dem Tod seiner Mutter) der Artikel ‚Au Palace ce Soir‚. Er ist signiert mit – Roland Barthes. Le Palace im 9. Arrondissement ist zur damaligen Zeit wohl die In-Disco in Paris. Sie wurde am 1. Mai 1978 vom charismatischen Nachtclub-Besitzer Fabrice Emaer (1935 – 1983; u.a. auch Le sept, rue St. Anne) in einem ehemaligen Theater eröffnet. Emaer nennt Barthes ‚mon philosophe‚. Le Palace ist das Zentrum des Nachtlebens, vor allem auch des schwulen Nachtlebens.
Über diese Disco, die er schon während der Bauarbeiten ansehen durfte, schreibt Barthes

„Le Palace n’est pas une « boîte » comme les autres : il rassemble dans un lieu original des plaisirs ordinairement dispersés : celui du théâtre comme édifice amoureusement préservé, jouissance de la vue ; l’excitation du Moderne, l’exploration de sensations visuelles neuves, dues à des techniques nouvelles ; la joie de la danse, le charme des rencontres possibles. Tout cela réuni fait quelque chose de très ancien, qu’on appelle la Fête, et qui est bien différent de la Distraction : tous un dispositif de sensations destiné à rendre les gens heureux, le temps d’une nuit. Le nouveau, c’est cette impression de synthèse, de totalité, de complexité : je suis dans un lieu qui se suffit à lui-même.“
und spricht von „l’ombre des gradins et des loges découvertes tout un va-et-vient de jeunes corps affairés à je ne sais quels circuits“
(Le Palace ist nicht irgend eine Disco. An einem originalen Ot versammelt er ganz gewöhnliche Freuden: jene des liebevoll als Gebäude erhaltenen Theaters, die Freude am Sehen; die Aufregung der Moderne, die Entdeckung neuer visueller Empfindungen aufgrund neuer Techniken; die Freude am Tanz, der Reiz möglicher Begegnungen. All dies zusammen schafft etwas sehr altes, das man Fest nennt, und das sich sehr von der Ablenkung unterscheidet: alles ein Zusammenbringen von Empfindungen um Menschen glücklich zu machen, es ist dieser Eindruck von Synthese, von Totalität, von Komplexität: ich bin an einem Ort der sich selbst genügt.‘ … ‚im Schatten der Gänge und stillen Ecken ein Hin und Her junger Körper mit was weiß ich für welchen Vorsätzen‘ (Übers. UW))

1979 erscheint der Roman Tricks des französischen Schriftstellers Renaud Camus [auf den sich später seit seinem zweiten Buch ‚Revolte gegen den großen Austausch‚  u.a. die sog. ‚Identitäre Bewegung‘ beruft]. Das Vorwort zu Tricks, laut Jäger-Rezension in der FAZdas Buch eines stolzen Homosexuellen‚, verfasst Roland Barthes.

Roland Barthes und die Homosexualität – posthume Veröffentlichungen

1987 erscheint in Frankreich (D 1988) Incidents, herausgegeben von François Wahl (Barthes literarischer Testamentsvollstrecker; befreundet mit Michel Foucault; Herausgeber bei Éditions du Seuil bis 1994; gemeinsam mit Paul Ricoeur,  für den später der zukünftige Präsident Emmanuel Macron als junger Mann arbeitete, Gründer von L’Ordre philosophique; 1925 – 2014). Das Bändchen ist eine Sammlung von vier Barthes-Essays. Darunter auch Incidents, worin Barthes sehr freimütig über homosexuelle Begegnungen spricht. Sowie die Texte Au Palace ce soir und Soirées de Paris. Zwei Texte, in denen er (im Gegensatz zu früheren Texten) ebenfalls recht explizit über seine Homosexualität spricht.

Im Text Soirées à Pairs (Nächte in Paris) berichtet er u.a. über Besuche im Porno-Kino Le Dragon und dessen Darkroom

„Je regrette toujours ensuite cet épisode sordide où je fais chaque fois l’epreuve de mon délaissement.“
(‚Immer wieder bedauere ich diese schäbige Episode, in der ich jedesmal wieder eine Bestätigung meines Alleinseins erlebe‘ (Übers. UW))

Barthes spricht offener als in früheren Jahren über seine Homosexualität. Doch spricht hier ein alternder Homosexueller, der nachlassenden Attraktivität gewahr, der Einsamkeit? Oder ist er ein stiller, fast kühler, nüchtern – wissenschaftlicher Beobachter seiner selbst?

2009 schließlich authorisiert sein Halbbruder Michel Salzedo (s.o.), Nachlassverwalter seiner Werke, die Veröffentlichung von Barthes persönliche Notizen. Sie erscheinen am 5. Februar 2009 unter den Titeln Journal de deuil (Tagebuch der Trauer) und Carnets du voyage en Chine.
Barthes früherer Verleger und enger Freund François Wahl (s.o.) protestiert gegen diese ‚Verletzung der Intimität‚. Wahl hat allerdings zuvor selbst die ebenfalls sehr persönlichen Soirées de Paris (mit erotischen Notizen) herausgegeben.

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„Roland Barthes, das ist ein guter Kindskopf“
(Peter Handke, SZ 10.10.17)

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Text zuletzt aktualisiert 5. Juli 2018

 

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