durch den Südpark

Mit Matthias und der Blauflügeligen Ödland-Schrecke schöner Frühlings-Spaziergang im ‘Natur-Park Schöneberger Süd-Gelände’ (einem Teil des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerks).

Schöneberger Südgelände
Schöneberger Südgelände

Die ‘Punktierte Zartschrecke’ bleibt uns leider verborgen,

stattdessen viele schöne Einblicke, wie sich die Natur wieder ihren Weg bahnt …

Schöneberger Südgelände
Schöneberger Südgelände

und die ‘Blauflügeligen Ödland-Schrecke’ zeigt sich auch nur auf der Informationstafel, ihr ist’s wohl noch zu früh …

Nix lamentieren in der Provinz

Köln, gerade Hochburg der Feierei, des gestern zu ende gegangenen Straßenkarnevals, feiert Probleme gerne weg. Eine Strategie, die scheinbar eher den Weg abwärts weist …

Köln war einst eine spannende Stadt.

Köln erscheint mir leider heute, wenn ich (regelmäßig) zu Besuch bin, klein und eng.

Eng weniger im räumlichen Sinn, eng eher in Sachen Horizonte. Das Spektrum an neuen, fremden, ungewöhnlichen Ideen, dem man sich in Köln aussetzen, mit dem man sich auseinandersetzen kann, ist seit Jahren immer kleiner geworden.

Vor vielen Jahren konnte Köln tatsächlich Grund haben, stolz auf sich zu sein. Eine innovative, aufregende Kunstszene, eine Schwulen-und Lesbenszene die sich entwickelte, sich zunehmend gut organisierte, eine florierende Galeristenszene, spannende Clubs und Gruppen, boomende Medienunternehmen …

Heute aber scheint die Stadt leider eher von einem antimodernen Lebensgefühl geprägt. Innovationen, neue Ideen, Denkanstöße gehen von der Stadt kaum noch aus. Keine Experimente.
Hier wird inzwischen viel Politik gemacht, die der Zukunft der Stadt eher schadet als nutzt. Kommt dann gar noch Kritik von außen, wird eher abqualifiziert als nachgedacht und analysiert. Einigeln, ignorieren, wegsehen. Lokalpatriotismus und gute Stimmung. Uns geht’s doch gut. „Mir all sin Kölle“ (wir alle sind Köln), das diesjährige Motto des Rosenmontagszugs, brachte diese Art Lokalpatriotismus gut auf den Punkt.

Dabei ist Köln in vielen Kategorien in den letzten Jahren im Vergleich mit anderen Städten (Hamburg, Berlin, München) abgefallen, hat an Substanz und Bedeutung verloren, droht in Provinzialität zu sinken – und tut sich dennoch schwer, das wahrzunehmen, geschweige denn nach möglichen Ursachen zu fahnden, Veränderungen anzugehen.

Ganz treffend hat diese Einstellung auch die Kölner Gruppe „De Höhner“ in ihrem Song zur Handball-WM beschrieben: „Kumm, loss mer fiere, nit lamentiere“ – komm lass uns feiern nicht reden, mit dieser Mentalität kommt man in Köln gut zurecht. Alles schön unter den Teppich kehren, noch ein Kölsch oben drauf (oder zwei oder …). Probleme ignorieren, lieber feiern und die Welt schön trinken, am liebsten in einer größeren Gruppe. Und wenn gerade kein Anlass da ist, erfinden wir uns einen.

Aber auch die Schwulenszene(n) der Stadt scheinen diese Art, die Realität aus einem ganz eigenen Winkel zu sehen, gut verinnerlicht zu haben. Einer der immer noch beliebtesten schwulen Karnevals- und CSD-Hits z.B. ist das Lied vom „geilsten Arsch der Welt“, der natürlich auf den Namen Köln hört. Wenn man diese ‘Nabel der schwulen-Welt’ – Sicht einmal ernst nimmt, und dann außerhalb toller Tage mitten in der Woche schwul ausgehen möchte, kann man/frau sich wundern. Wird oft nicht gerade eine großstädtische Szene antreffen, sich so manches Mal vielleicht eher an eine Provinzstadt erinnert fühlen. Großstadt-Flair? Innovative Ideen? Mutige Experimente? Fehlanzeige.
In diesem Sinne scheint auch die Schwulen- und Lesbenszene ganz Kind der Stadt …

Aber Ursachen, Probleme? Nein, keine Spur. Die Stimmung ist klasse, wir feiern doch.

Und – am (heutigen) Aschermittwoch ist zwar alles vorbei. Aber „das macht doch nix, das merkt doch keiner“. Und irgendwann ist ja spätestens wieder der nächste CSD …

konsumfreudige Homos – ein Märchen

Dass Homosexuelle ein Wirtschaftsfaktor ist, ist nicht gerade eine neue Erkenntnis. Darüber in Hetero-Medien zu schreiben, ist auch nicht sonderlich neu. Eine ganze Titel-Geschichte in der ‘Wirtschaftswoche’ über angeblich konsumfreundliche Homos allerdings ist schon bemerkenswert.

Auf dem Weg zum Sport schreit mich am Kiosk ein rosafarbenes Titelblatt an. Unter einem doppelten mit einander zum Paar verschwenkten Mars-Symbol auf rosa Grund (wie schwul …), dessen Kreise zum ‚Euro‘-Symbol gestaltet wurden, ruft die grelle fett gedruckte Unterschrift „Schwul. Und was was hat das mit Wirtschaft zu tun? Viel. Wie vielö, lesen Sie ab Seite 26“

Das doppelte Marssymbol als Zeichen für Schwule, und dann WiWo-gerecht zum doppelten Euro verfremdet – was lässt das erwarten?

Unter dem Titel ‘Der Schwulen-Faktor’ berichtet die WiWo (erfreulicherweise kann sowohl Mann als auch die im Artikel nicht angesprochene Frau den Artikel online lesen), ‘wie Homosexuelle eine Metropole prägen’ (und meint die Wirtschaft).

Der Artikel plappert von hautengen Kostümen, von reise- und kauffreudiger Klientel, feiert Schwule als ‘Early Adopters’, als ‘Konsum-Vorreiter’, ergötzt sich an der überdurchschnittlich hohen Homo-Präsenz z.B. in Köln, auch als Basis für ein ‘Diversity Management, das Mehrwert schafft’, und feiert die ‘Wegbereiter der homosexuellen Karnevalsbewegung’ (war ‘Bewegung’ nicht mal was anderes?). Ein postulierter ‘souveräner Umgang mit dem Anderssein’ wird dann gleich als ‘Standort-Faktor’ hochgelobt.

Ein Artikel, der meist zwischen Plattitüden und Oberflächlichkeiten daher kommt.
Vor allem aber ein Artikel, der Schwulsein als Standortfaktor und Frühindikator für Stadtteil-Sanierung nimmt. Homos als ‘homo oeconomicus’ im wahrsten Sinne, konsumfreudige Homos eben.
Erfreulich immerhin, dass kurz auch die wenig erfreuliche Situation von Schwulen in autoritären Staaten erwähnt wird (allerdings, um auch hier den Zusammenhang zwischen Homosexualität, Weltoffenheit und ‘Wohlstandsmehrung’ zu predigen).

Bei solchen Artikeln überkommt mich immer das Gefühl, Schwulsein muss wohl wirklich ‘mitten in der Gesellschaft’ angekommen sein. In einer Langeweile, die ich irgendwie nie wollte …
Nicht, dass entstandene Verbesserungen nicht zu würdigen sind. Schwulen- und Lesbengruppen in Betrieben, Betriebsrente für Homo-Paare, alles Errungenschaften. Aber – wird jetzt die ökonomische Relevanz schon zum begründenden Faktor, zur Legitimationsbasis für schwule und lesbische Emanzipation?
Wird ‘Yuppie-Ambiente’ statt ‘Elend der Großstadt’ jetzt Ziel schwulen Seins?
Und -nebenbei- was wird dann mit all denjenigen Schwulen und Lesben (und in dem Artikel ganz vergessenen queeren, transgender und sonstwie anderen Menschen), die diesen ökonomischen Kriterien nicht entsprechen wollen oder können?

Und, wenn Schwulsein schon ein solcher Standort-Faktor sein soll, warum kommt dann solche geistige Monokultur daraus? Oder gibt es etwa einen Zusammenhang zwischen ökonomisierten Wohlfühl-Mainstream und monokultureller Langeweile?

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Text am 25.01.2016 von ondamaris auf 2mecs

Queerer SM? Und Politik?

„Performing and Queering Sadomasochism“ – unter diesem Titel fand am vergangenen Wochenende eine von der FU Berlin (SFB 447 ‘Kulturen des Performativen’) veranstaltete Konferenz in Berlin statt. Eine der seltenen Gelegenheiten, queer politics und SM in akademischem Kontext zu diskutieren.

Im Mittelpunkt der Konferenz stand den Veranstaltern zufolge „die besondere Qualität der Aufführung von Macht und Kontrolle in der sadomasochistischen Subkultur … Während Macht- und Kontrollverhältnisse in unserer Kultur gewöhnlich ausgeblendet oder missbilligt werden, gewinnen sie in sadomasochistischen Settings gerade einen besonderen Reiz und sollen intensiv durchlebt, aber auch bearbeitet werden.“

„Performing and Queering Sadomasochism“
„Performing and Queering Sadomasochism“

Ist queerer SM denn anders als ‘normaler’ SM? Mit dieser Frage und vor allem möglichen politischen Konsequenzen daraus beschäftigte sich die Lecture, die ich als am spannendsten empfand: Marie-Hélène Bourcier (einige Artikel von ihr hier) aus Paris fragte „How do queer politics with QBDSM?“, anregend auch Michael Gratzkes “Queer but not gay? Toward a post-queer study of BDSM”.

Queerer [BD]SM?
Wie kann einer (auch angesichts der in den betroffenen Szenen sicher weit verbreiteten ‘unpolitischen’ Sichtweise auf SM) auch politischeren Betrachtung mehr Raum, mehr Qualität gegeben werden? Hier u.a. setzt Bourcier an.

Queer SM versteht sich im Vergleich zum ‘üblichen’ SM-Begriff auch als politisch, betont auch Gender- Aspekte, thematisiert Normalisierungen, Rollenkonflikte und Machtstrukturen (gender power relations), hinterfragt Eindeutigkeit (Antke Engel) und ent-tabuisiert Begriffe, sieht sich auch als Mittel der Kritik an (nicht nur Hetero-) Normativität, Mittel zur ‘Ver-Un-Eindeutigung’ (Antke Engel).
[Auch wenn, dies sei angemerkt, zunächst offen bleibt, wie weit Anspruch und Realität hier miteinander konform gehen, z.B. hinsichtlich weit verbreiteter Rollen- Präferenzen vieler SMer.]

Queer SM / Vortrag
Queer SM / Vortrag

In der Gesellschaft sind Machtstrukturen -obwohl vorhanden- oft unsichtbar, verborgen hinter Begriffen wie ‘parlamentarische Demokratie’ ‘Mitbestimmung’ oder ‘Vereinsleben’. Machtstrukturen werden meist nicht offen thematisiert, oft eher tabuisiert.
Ganz anders im SM – hier sind Machtstrukturen meist klar, offen gelegt. Das Einlassen auf, Spiel mit diesen Machtstrukturen ist Bestandteil von SM, Umgangswege mit Machtstrukturen eine der Erfahrungen.

Hier setzt einer der Gedanken von queer SM und Politik an:
Wenn Macht ein soziales Konstrukt ist, mit dem gespielt, das verändert werden kann – ist dann der politische Ansatz eines ‘queer SM’ auch für gesellschaftliche Veränderungen nutzbar?

Kann man/frau queere BDSM-Erfahrungen mit Macht umzugehen in gesellschaftliche Prozesse transformieren?
Oder, weiter gedacht, ist es an der Zeit, QBDSM- Erfahrungen und Ideen einzubringen in Debatten, wie queer politics sich weiterentwickeln können?
Erfahrungen wie z.B. manche Technologien der Sprache (wie ‘safe word’) oder das Konzept des ‘contractual context’ (safe, sane and consensual)?

Kann man/frau SM-Macht-Politik politisch machen? Vorhandene Erfahrungen und Potenziale nutzbar machen, sich kreativ einbringen (an der Seite der Benachteiligten) sich gegen Macht engagieren?
Oder liegt hierin gerade auch das Risiko einer Politik, die selbst wieder in bipolaren Kategorien von richtig/falsch denkt, von ‘moralischer Politik’?

Diese Diskussionen sind jung und erst am Anfang. (Nicht nur) queere SMer haben Erfahrungen mit Macht, Machtverhältnissen, Rollenkonflikten. Sie sollten diese mit politischer, öffentlicher Stimme einbringen. Einer Stimme, die sie derzeit noch nicht haben – deren Anfänge sich aber auf der Berliner Veranstaltung weiter abzuzeichnen begannen.

Nachsatz:
Über einige interessante Erfahrungen und Probleme, SM in queeren Kontext einzubringen, berichtet der Etuxx- Artikel (nebst zugehöriger Diskussion) “SM in queeren Räumen” von 2002.
Einige Informationen zu queerem BDSM auch bei Robin Bauer.

Schiet Wetter

“Heute Nachmittag soll’s Regen geben”, sagt der alte Mann in der Ecke, offensichtlich an die ihm gegenüber sitzende Frau gewandt. Die U-Bahn fährt gerade an. Irritiert blickt die Frau auf, ’spricht der Alte etwa mit mir?’ scheint ihr erstaunter Blick zu sagen. Sie blättert weiter gelangweilt in ihrer Zeitung, ohne irgend etwas zu antworten.

“Aber mir ja kann nichts passieren, ich hab’ nen Schirm dabei.” Unbeirrt spricht der alte Mann weiter, schaut dabei spitzbübisch, als sei der Regenschirm ein besonders raffinierter Trick. Selbiger Regenschirm ist nirgends zu sehen.

Der junge Mann mir gegenüber, schon auf dem Bahnsteig war er mir aufgefallen, sieht auf. Amüsiert grinsend blicken wir uns an. Die dem alten Mann gegenüber sitzende Frau blickt inzwischen sauertöpfisch drein.

“Is ja auch ein schiet Wetter heute”, redet der alte Herr in der reichlich abgetragenen dunkelgrünen Jacke unverdrossen weiter. Er wendet sich jetzt direkt an die Frau, “finden Sie nicht auch?” Er sieht sie freundlich an.

Ganz offensichtlich schwer genervt, seufzt diese nur tief, packt ihre Zeitung zusammen. Steht auf, schüttelt mit abfälligem Blick auf den Alten den Kopf. Geht einige Reihen weiter. Setzt sich, dem Alten den Rücken zugewandt, ohne weitere Blicke auf einen der freien Plätze, um dort ihre Lektüre ungestört fortsetzen zu können.

Der junge Mann und ich grinsen uns wieder an. ‘Ist da mehr im Blick’, denke ich unvermittelt, ‘der sieht ja nett aus …’.
Der alte Mann, seiner sprachlosen Gesprächspartnerin verlustig gegangen, blickt nun zu uns beiden herüber.

“Na Jungs,” – aha, er sucht neue Opfer, wir stecken beide unsere Nasen tief in unsere Zeitungen – “das mach ich immer so.” Wir sehen uns irritiert an, blicken beide zu dem Alten hinüber.

“Die gefiel mir nicht, die war zu brummig. Mach ich immer so mit dem Gerede. Nu isse weg, kommt bestimmt gleich ‘ne fesche junge stattdessen.” Er scheint sich diebisch zu freuen über seinen gelungenen Coup. Er grinst.

Wir müssen beide gleichzeitig loslachen. “Na, ganz schön clever!”, antworte ich ihm schließlich. Er strahlt. “Ja, ich war ja auch jahrelang Klempner, da lernt man solche Tricks”. Er scheint immer noch stolz zu sein, dass es wieder einmal geklappt hat.

Die nächste Station, ich muss aussteigen. “Schönen Tag wünsch ich dir noch!”, ruft der Alte herüber, “dir auch!” rufe ich zurück.

Ich steige aus, der Bahnsteig ist voller Leute. Der junge Mann bleibt leider sitzen, blickt nur kurz grüßend auf, versinkt dann wieder in seiner Zeitung. Aus dem Augenwinkel sehe ich im Gehen, wie sich ein junges Mädchen dem Alten gegenüber auf die Bank setzt.

Bunker-Geschichte

Dass man mit Bunkern auch anders umgehen kann als auf die bekannten Arten (Gras drüber wachsen lassen, Umnutzen, Bunt anmalen etc.) zeigt dieses Beispiel:

Wandsbeck Erläuterungstafel zum Bunker
Wandsbeck Erläuterungstafel zum Bunker

Bei diesem ehemaligen Bunker an der Wandse in Hamburg informiert eine Tafel den (oft wohl angesichts eines weiteren wild bewachsenen Hügels ahnungslosen) Spaziergänger über die traurige Geschichte dieses Ortes.

Treppenwitz

Eines der Kuriosa des Berliner Nahverkehrs ist nicht mehr:

Treppenwitz - Rolltreppe Wilmersdorf wird abgerissen
Rolltreppe Wilmersdorf wird abgerissen

Zur Erinnerung: an der U-Bahn-Station Wilmersdorfer Straße gab es einen Fahrsteig, der zu-asphaltiert war. Aus Kapitulation vor ständigen Reparaturen wahrscheinlich. So konnte man/frau jahrelang in den erstaunlichen Genuss kommen, auf einer Rolltreppe zu gehen, die sich nie bewegt. Konnte – seit einigen Tagen wird sie abgerissen.

die Erich Mühsam Bank im Tiergarten Berlin

Wege, die ich häufig mache, gehe ich nach einiger Zeit leider (wie sicher viele Menschen) mit einer gewissen Unachtsamkeit für die kleinen Dinge des Alltags.

So fiel mir auch erst vor einigen Tagen im Tiergarten ein Denkmal für Erich Mühsam (6. April 1878 Berlin -10. Juli 1934 KZ Oranienburg) auf. Wie oft bin ich schon daran vorbei gelaufen, habe es nicht bemerkt (es muss wohl mindestens seit der Sanierung des Gaslaternen-Museums stehen):

Erich Mühsam Bank im Berliner Tiergarten
Erich Mühsam Bank im Berliner Tiergarten

Zwar mag es etwas bizarr erscheinen, dass gerade die Energiewirtschaft den Schriftsteller und Anarchisten Erich Mühsam bemüht, für Werbezwecke, und dann mit einer Park-Bank.

Andererseits, Mühsam setzte sich schon 1903 auch mit der Homosexualität auseinander – da ist die Bank gerade in ‘guter Nachbarschaft’ …

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Erich Mühsam wurde 1934 im KZ Oranienburg ermordet. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Waldfriedhof Dahlem.

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schwules Leben in Hamburg und Berlin – Über Schreckgespenster und Verführer

„Reich & schön vs. Arm, aber sexy“, unter diesem Titel macht die Februar-Ausgabe des Hamburger Szene-Magazins „hinnerk“ groß auf.

Mit dem Ausbau der ICE-Strecke sind Hamburg und Berlin nur noch 90 Minuten voneinander entfernt. Diese neue Nachbarschaft scheinen immer mehr Schwule (von Lesben spricht der Artikel erstaunlicherweise nicht) zu nutzen, um anregende Wochenenden in Berlin zu verbringen.

Berlin gegen Hamburg, Hamburg gegen Berlin – ‘hinnerk’ malt munter ein ‘Berliner Schreckgespenst’ an die Wand, stilisiert Berlin zum ‘schwulen Verführer per se’.
Als Beispiel herhalten muss u.a. das Hamburger Ledertreffen, dem (wegen Besitzerwechsels) die Haupt-Attraktion namens Cap San Diego abhanden gekommen ist. Berlin profitiere, mit dem Folsom, das ja nur vier Wochen später stattgefunden habe.
Noch schlimmer, ‘hinnerk’ malt als ‘schlimmstes Szenario’ an die Wand „Hamburg geht zwischen den beiden Fetischtreffen (Ostern und September) unter“. Hamburg geht unter, Berlin als Sturmflut für die wackere Hansestadt. Und dann gleich ganz Hamburg, nicht etwa ‘nur’ die Hamburger Fetisch-Szene, so als sei die geballte Attraktivität von Ostertreffen und Folsom der Ruin für eine gesamten Großstadt.

Natürlich fragt der Artikel auch nach dem ‘warum’ der Hamburger Berlin-Flucht. „Hamburg kennt keine Ekstase“ wird als Begründung (wohl nicht ganz zu Unrecht) spekuliert. Der Hamburger Reichtum und seine ungerechte Verteilung kurz angerissen. Allein, wie es um die Hamburger Schwulen-Szene(n) aussieht, wird kaum hinterfragt. Hamburger Gastronomen, so der Artikel banal, gäben den blauen Seiten sowie Berlin die Schuld an der Gästeflaute am Wochenende. Statt einmal danach zu fragen, was sie (und für welches Geld) welchen Gästen an Angeboten machen.

Dabei sei Berlin doch eigentlich gar nicht so toll, wird klischeehaft Hamburger Kühle mit Berliner Pampigkeit aufgerechnet. Mitregiert von „Pleite“ und „SED-Nachfolgern“. Aber Berlin habe noch mehr zu bieten, „überzogenen Icke-Wahn“, „Ignoranz gegenüber dem Rest der Republik“ und „Selbstbezogenheit“. Berlin als „Koloss“, der „hartnäckig am Glauben an die seelige Insellage fest“ hält, diese Stadt die gewohnt sei an „reichlich Subventionen“ und „ungeahnte soziale Biotope“ züchte. Eben eine Stadt, die „keine Visionen für die Zukunft“ habe.

Ob man bzw. die Hamburger Szene(n) mit solch klischeehaften Plattitüden dem Phänomen der Attraktivität der Berliner Szenen(n) beikommen werden? Ein Teil der Analyse (‘Berlin als Homo-Metropole, von der schon lange keine Impulse mehr ausgehen’) mag nicht gerade unzutreffend sein, allein, reicht das, erklärt das alles?
Und – wie steht es mit Impulsen aus Hamburg? Auch deren Zeit scheint doch schon sehr lange vorbei zu sein. Der Autor meint, Hamburg könne sich stolz „schwulengeschichtlich … als Vorreiter der späteren ‘Homo-Ehe’ sehen“ – na klasse … Hier kommt wohl eher die Hamburger Bürgerlichkeit auch der Schwulenszene(n) treffend zum Ausdruck.

Da kann man anscheinend als Autor die Leistungsschau nur damit resümieren, Berlin sei ja auch „Hauptstadt der Spatzen“…
Einzig einmal kommt der Artikel zum Kern des Problems, wenn er Wowereits Sympathien (mit geschmacklosen Anspielungen zwischen Champagner und Natursekt) kommentiert mit „dergleichen übersteigt die hanseatische Vorstellungskraft natürlich bei weitem“. Genau.

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