Homosexuelle und Aids in Frankreich in den 1980er Jahren – Reaktionen in französischen Schwulenszenen in den ersten Jahren der Aids-Krise

Zuletzt aktualisiert am 13. Juni 2018 um 2:13

Homosexuelle und Aids in Frankreich in den 1980er Jahren – wie gestaltete sich in den ersten Jahre der Aids-Krise in Frankreich der Umgang schwuler Szenen mit der neuen Bedrohung? Manche Reaktionen erscheinen aus heutiger Sicht erstaunlich, andere vielleicht erschreckend, bis eine wirksame Community-Reaktion ausgebildet war. Drei Phasen lassen sich ausmachen.

Homosexuelle, von der Aids-Krise besonders betroffen, reagierten in Frankreich wie auch in Deutschland frühzeitig auf die Mitte der 1980er Jahre noch neue Bedrohung durch Aids. (Tipp: der Téchiné-Film ‚Les Temoins‘ (Wir waren Zeugen) erzählt sehr lebensnah und beispielhaft von dieser Zeit der ersten Aids-Jahre)

Bei einem Blick auf die frühen Jahre der Aids-Krise fällt allerdings auf: Die Reaktionen von Schwulen-Szenen und -Medien in Frankreich unterscheiden sich gerade in den ersten Jahren teils deutlich von jenen in anderen Staaten, z.B. (West-) Deutschland.

Eine Chronologie der ersten Jahre der Aids-Krise in Frankeich (stellenweise sind zum Vergleich auch Entwicklungen in West-Deutschland genannt):

Chronologie: Homosexuelle und Aids in Frankreich in den 1980er Jahren – Reaktionen in französischen Schwulenszenen in den ersten Jahren der Aids-Krise

1980

Im Winter 1979 / 1980 wird die Vereinigung schwuler Mediziner AMG (association des medecins gais) gegründet.
In Deutschland gibt wenig früher die 1978 gegründete  ‚Autorengruppe schwule Medizinstudenten‘ seit 1978 ‚Sumpffieber – Medizin für schwule Männer‚ heraus. Ab ab 1984 erscheint es mit einer ‚Aids-Beilage‘.

Die Schwulenzeitschrift Gai Pied richtet 1980 eine neue Rubrik ein, den ‚Gai Toubib‚ [Toubib = Arzt, Ärztin; aus dem Arabischen entlehnte Formulierung]. Thema sind hauptsächlich sexuell übertragbare Erkrankungen. Die Rubrik wird zunächst betreut von Serge Hefez, dann von Claude Lejeune. Im Frühjahr 1981 wird sie um eine Telefon-Sprechstunde ergänzt.

1981

Anfang der 80er Jahre ist die Haltung vieler Mitglieder der franzöischen Schwulenbewegung der Medizin gegenüber von Skepsis und Distanz bis Ablehnung gekennzeichnet:

„Il n’y a qu’un seul acquis du FHAR qui soit passé dans le mouvement homosexuel actuel, c’est la défiance vis-à-vis de la médecine, je n’en vois guère d’autres.“ (Guy Hocquenghem im Sommer 1981)
(Es gibt nur eine Errungenschaft des FHAR [bedeutendste Gruppe der frz. Schwulenbewegung] die in der gegenwärtigen Schwulenbewegung Bestand hat, und das ist das Misstrauen gegenüber der Medizin, ich sehe nur wenige andere.)

Im Juni 1981 stellt sich bei dem Arzt Willy Rozenbaum ein 38jähriger Mann mit fiebriger Erkrankung vor. Es ist der erste Fall von Aids in Frankreich. Der Mann stirbt vor Jahresende 1982.
Der erste Patient in Deutschland, bei dem AIDS diagnostiziert wird, stellt sich (ein Jahr nach dem ersten französischen Aids-Patienten) im Juli 1982 an der Abteilung für Innere Medizin der Universitätsklinik Frankfurt am Main vor.

Im September 1981 berichtet der Gai Pied erstmals in einer kurzen Notiz über einen ‚cancer gay‚ (‚Schwulen-Krebs‘)

1982

In Frankreich erhält das neue Krankheitsbild (dem zweisprachigen Kanada folgend, das ein Synonym für den englischen Begriff ‚Aids‘ sucht) den Namen SIDA (syndrome d’immunodéficience acquise; ab Ende der 1980er Jahre in Kleinschreibung als sida).

Im März 1982 gründet ein kleiner Kreis engagierter Mediziner um Willy Rozenbaum die (später legendäre) groupe francaise de travail sur le sida (GFTS). Sie erhält einen Zuschuss vom Gesundheitsministerium (DSG), wodurch die Beschäftigung eines Epidemiologen in Halbzeit möglich wird.
Unterdessen verliert Willy Rozenbaum seine Anstellung am hôpital Claude-Bernard. Wenn er sich mit Schwulen befassen wolle, solle er das bitte anderswo machen, lautet die Begründung, berichtet Rozenbaum später.

Willy Rozenbaum im Jahr 2015 (Foto: Pamputt, Lizenz cc by-sa 4.0)
Willy Rozenbaum im Jahr 2015 (Foto: Pamputt, Lizenz cc by-sa 4.0)

Willy Rozenbaum lors du forum « L’année vue par… les sciences » organisée par France Culture le 14 février 2015, PamputtCC BY-SA 4.0

Der Präsident der schwule Ärzte AMG Claude Lejeune rät unterdessen zum Abwarten, Weiterleben ohne Panik.

„Depuis le début de l’année, il n’est pas de semaine sans que la grande presse se gargarise de titres alléchants sur une maladie qui est en train de nous tomber dessus, nous autres pauvres pédés. Plus fort que la peste et la gangrène réunies … Wait and see. En attendant, vivez, pas de panique. … Baiser est dangereux? Et traverser la rue, alors …“ (Claude Lejeune, Präsident der Schwulen Mediziner AMG, im Gai Pied April 1982)
(‚Seit Jahrensanfang vergeht keine Woche mehr ohne dass die großen Medien über eine Krankheit schwadronieren, die uns armen Schwulen befällt. Stärker als die Pest und der Wundbrand zusammen. … Abwarten. Währenddessen lebt weiter, keine Panik. … Ficken ist gefährlich? Und was ist mit dem Überqueren einer Strasse?‘)

Ebenfalls im März  kontaktiert Rozenbaum den Vorsitzenden der schwulen Ärzte AMG, Claude Lejeune. Es müsse dringend etwas unternommen werden, um die schwulen Szenen zu informieren. „Laissez-nous crever tranquilles“ (‚Lassen Sie uns in Ruhe sterben‘), soll Lejeune ihm entgegnet haben.

Auf einem Symposium einen Monat später wendet AMG sich entschieden gegen jegliche „médiatisation de la maladie„. Einer der AMG-Aktivisten begründet, „l’inopportunité d’une information exploitable par les forces de la repression morale“ (‚das Unangebrachtsein einer Information, die von Kräften der moralischen Unterdrückung ausgenutzt werden könnte‘).

„Ne sommes-nous pas, une fois de plus, victimes de ce puritanisme qui nous colle aux chromosomes et dont les gays américains ne sont pas arrivés à se départir?“ (Claude Lejeune, Präsident der Schwulen Mediziner AMG, im Gai Pied Januar 1982)
(‚Sind wir nicht erneut Opfer dieses Puritanismus, der uns an den Chromosomen klebt, und von dem sich die amerikanischen Schwulen nicht befreien konnten?‘)

Im Gai Pied publiziert Jean Le Bitoux im Juli 1982 das erste in Frankreich veröffentlichte Gespräch mit einem Aids-Kranken.

1983

Im Gai Pied betont AMG-Präsident Lejeune, wie weitgehend er die Bedrohung des Lebensmodells gehen sieht:

„Ce n’est pas seulement un mode de vie qui est attaqué mais l’essence même de notre existence, le désir et le cadre dans lequel il est autorisé de s’exprimer.“ (Claude Lejeune, schwule Ärzte AMG, im Juli 1983 im Gai Pied)
(‚Nicht nur wird ein Lebensstil angegriffen, sondern die Essenz unserer Existenz, die Begierde und der Rahmen innerhalb dessen sie sich ausdrücken darf‘)

Rozenbaum bemüht sich unterdessen um Kontakte zu den Betreibern von Diskotheken, Bars und Saunen für Schwule. Er wendet sich u.a. an Fabrice Emaer (Inhaber u.a. der bekannten schwulen Disco Le Palace) sowie David Girard (Inhaber mehrerer  schwuler Saunen, Bars, Diskotheken, Zeitschriften). Girard lehnt ostentativ jeglichen Kontakt ab.

Auf dem Gay Pride Paris am 18. Juni 1983 wird Aids mit keinem Wort erwähnt.

Im Gai Pied beklagt (noch-) Chefredakteur Jean Le Bitoux am 2. Juli 1983 die „delirs sur le sida“ und formuliert „nous ne sommes malades que d’être agis, pas d’être acteurs“ (wir leiden einzig daran, nicht selbst Handelnde zu sein, sondern behandelt zu werden).

Im August 1983 gründet der Mediziner Patrice Meyer, früheres FHAR-Mitglied und Mitglied der AMG die erste Aids-Organisation Frankreichs: vaincre le sida.

Ende Oktober 1983 trägt eine Gruppe Schwuler auf einer pazifistischen Demonstration ein Transparent mit dem Slogan „Plutôt le SIDA qu’Hiroshima“ (‚Lieber Aids als Hiroshima‘).
Der (neue) Chefredakteur des Gai Pied, Franck Arnal, kommentiert dies und den Vorwurf, das Magazin reagiere zu zurückhaltend auf das Thema Aids, am 29. Oktober 1983 mit den Worten

Cette impression est dué à notre volonté de ne pas dramatiser … Donner l’alerte eût été le meilleur moyen de transformer de SIDA en maladie des homosexuels.
(‚Dieser Eindruck ist unserer Absicht geschuldet nicht zu dramatisieren … Alarm zu schlagen wäre das beste Mittel gewesen, AIDS in eine Homosexuellen-Krankheit zu verwandeln.‘)

Der Präsident der schwulen Ärzte AMG Claude Lejeune schreibt im Schwulen-Magazin Samourai (Ausgabe September 1983) zu HIV-Infektionsrisken „Le nombre de rapports sexuels n’a rien á voir avec les chances de l’attraper“ (‚Die Anzahl der Sexualpartner hat mit dem Risiko sich zu infizieren nichts zu tun‘)

Die Zeitschrift Homophonies kommentiert im Editorial im September 1983

„Le SIDA aura été ces derniers temps le cancer de journalistes en mal de faits divers. Sous prétexte d’information, à travers un sensationalisme de bas étage, ils donnet un regain à l’homophobe …“
(‚AIDS war in der letzten Zeit der Krebs von Journalisten auf der Suche nach Nachrichten. Unter dem Vorwand der Information geben sie mit einer Sensationsgier aus der untersten Schublade der Homophobie neue Nahrung.‘)

1984

Am 23. Januar 1984 organisieren Gai Pied und schwule Ärzte AMG im Theatre de Paris gemeinsam die erste Benefiz-Gala Frankreichs zugunsten der Aids-Forschung. Doch der Gala ist wenig Erfolg beschieden, viele zunächst angekündigte Prominente (so auch Renaud und Jean Marais) sagen ab.

Hugo Marsan, Ko-Chefredakteur des Gai Pied, kommentiert am 21. April 1984, ‚viel gefährlicher‘ als Aids sei „le virus de la peur“ (das Virus Angst).

Am 25. Juni 1984 stirbt Michel Foucault an den Folgen von Aids. Seine HIV-Infektion und Aids-Erkrankung erwähnte er zeit seines Lebens öffentlich nie (siehe wie Michel Foucault Aids sah).

Frank Arnal, ebenfalls Gai Pied Ko-Chefredakteur, schreibt am 22. September 1984

„Coté statistique, il semble que le Parisien homo court autant de risques en multipliant le nombre de ses partenaires qu’en fumant deux paquets de cigarettes par jour avec un cancer des poumons“
(‚Was die Statistik angeht: es scheint dass ein Pariser Schwuler mit der Erhöhung der Zahl seiner Partner ein ähnliches Risiko eingeht wie mit Lungenkrebs zwei Schachtel Zigaretten pro Tag zu rauchen.‘)

Trotz intensiver Bemühungen ist es Rozenbaum und der GFTS nicht gelungen, in nennenswertem Umfang Informationen in den Schwulenszenen zu verbreiten. Die schwulen Ärzte AMG arbeiten zunächst weiterhin nicht in Rozenbaums Aids-Arbeitsgruppe GFTS mit.

Einige Monate nach dem Tod des schwulen Philosophen Michel Foucault gründen Daniel Defert (sein Partner), Fréderic Edelmann und Jean Florian Mettetal im September 1984 die Aids-NGO Aides.

Der Gai Pied erwähnt die Aids-Organisation Aides das ganze Jahr 1984 über nicht.

Ebenfalls im September wird die ALS gegründet  (association de lutte contre le sida). In ihr engagieren sich Mediziner und Schwule gemeinsam für Prävention und Testangebote.

Ein beginnender Sinneswandel bei den schwulen Ärzten: im September 1984 veröffentlicht die AMG ein Communiqué, in dem es heisst

„L’analyse des données françaises révèle que le Sida, en France, est devenue pratiquement une maladie homosexuelle … En matière de prévention, la limitation du nombre de partenaires sexuels, l’abstention du don de sang ainsi que l’usage de préservatifs, semblent, à l’heure actuelle, les seuls mesures volontaires raisonables.“
(Eine Analyse der französischen Daten zeigt, dass Aids in Frankreich de facto eine Homosexuellen-Krankheit geworden ist. … Was die Prävention betrifft, sind die einzig vernünftigen freiwilligen Maßnahmen eine Reduzierung der Anzahl der Sexpartner, Absehen von Blutspenden sowie die Benutzung von Kondomen.)

Lejeunes Positionswechsel stößt allerdings nicht nur auf Zustimmung. Hervé Liffran von der Schwulenorganisation CUARH entgegnet in Homophonies kurze Zeit später im Oktober 1984

„Il n’y aurait pas de lieu d’accorder trop d’importance à ces propos s’ils venaient d’une personne renommé pour son homophobie. Mais voila, le docteur Clade Lejeune est président de l’association des medecins gais …“
(‚Diesen Vorschlägen wäre nicht viel Raum zuzumessen, kämen sie von einer Person die für ihre Homophobie bekannt ist. Aber nein, der Doktor Lejeune ist Präsident der Vereinigung schwuler Ärzte …‘)

Und in der ebenfalls schwulen Revue Masques (Winter 1984/1985) bezeichnet der in Lyon lebende Jean Boyer Journalisten des Gai Pied, die inzwischen vermehrt auch warnende Artikel über Aids schreiben, als „Casanova fatigués“ und kommentiert

„A cela, d’autres gais répondent que mieux vaut mourir du SIDA que de l’ennui“
(‚Andere Schwule antworten darauf, lieber an Aids sterben als an Langeweile‘)

Schon vorher hatte Boyer (in Masques Frühjahr 1984) Aids als „racisme antigai“ (’schwulenfeindlichen Rassismus‘) bezeichnet.

Am 17. November 1984 erscheint im Gai Pied ein langer Brief, gezeichnet nur mit ‚Jean‚. In ihm wird der Gai Pied, und insbesondere der damalige Chefredakteur Franck Arnal (1950 – 1993), deutlich angegriffen. Er solle aufhören, ‚paranoid zu delirieren‘. Aids sei eine konkrete Bedrohung unserer Körper, aber auch unserer Lebensweisen. Autor war Jean Blancart (10. Juli 1951 – 15. Dezember 1986), ein früherer Aktivist der GLH Rennes und Mitbegründer von Aides, deren Vizepräsident er wird.

1985

Zwischen Ende 1984 und Anfang 1985 hat die Polizei alle Darkrooms in Paris geschlossen. Auch zahlreiche heterosexuelle Swingerclubs wurden geschlossen, beides auf Basis eines Paragraphen über ‚öffentliche Ausschweifung‘ (§334 (6) code penal).

Am 13. Juli 1985 äußert sich der bekannte Schwulenaktivist Guy Hocquenghem erstmals öffentlich zu Aids

„Non que j’appartienne à ces militants logomachiques qui voient en l’épidémie sidaitique une ‚chance‘ pour la conscience que la ‚communauté homosexuelle‘ (on vois bien qu’ils sont persuadés, eux, de ne pas l’avoir) ; ni que je veuille à mon tour disserter et conseiller sur un sujet où disserteurs et conseilleurs sans patent profilèrent comme des champignons (rien de tel qu’une épidémie sans peur pour susciter des petits chefs drapés d’ignorance et de presomption).“ (Guy Hocquenghem im Gai Pied 13. Juli 1985)
( ‚Nicht dass ich zu diesen logomachischen [wortstreitenden] Aktivisten gehöre, die in der Aids-Epidemie eine ‚Chance‘ sehen für das Gewissen der ‚Schwulenszene‘ (wir sehen sehr wohl, dass sie selbst überzeugt sind es nicht zu haben); noch dass ich über ein Thema streiten und beraten möchte, bei dem unqualifizierte Mitstreiter und Berater sich wie Pilze ausbreiten (nichts als eine Epidemie der Angst um Kleingeister voller Ignoranz und Vorurteilen herbvor zu bringen )“)

Mit der – nicht ganz zutreffenden – Bezeichnung sex sans risque (‚Sex ohne Risiko‘) kommt das Konzept des safer sex nach Frankreich, wird von Aides und anderen Organisationen und Personen propagiert. Auch der Begriff seropositif (HIV-positiv) wird 1985 erstmals breit verwendet.

1986

Das von Didier Lestrade (später Gründer von ACT UP Paris) 1981 gegründete Schwulen-Magazin Magazine (Interviews, Kunst, Photographie, Erotik) stellt mit der Ausgabe Juni 1986 sein Erscheinen ein. In sämtlichen zwischen 1981 und 1986 erschienenen elf Ausgaben wurde Aids nicht ein einziges Mal erwähnt.
Auch von Lestrades zahlreichen Artikeln im Gai Pied erwähnt bis 1989 kein einziger das Thema Aids .

Louis Pauwels, Herausgeber des konservativen Figaro, spricht in einem Kommentar vom 6. Dezember 1986 von der von den 1968ern beeinflussten Jugend als ‚C’est une jeunesse atteinte d’un sida mental.‘ (Geistes-Aids)

1987

Werbung für Kondome wird in Frankreich erst 1987 erlaubt. Michèle Barzach, Staatssekretärin Gesundheit, hebt am 27. Januar 1987 das seit Ende des ersten Weltkriegs bestehende Werbe-Verbot auf (code de la santé publique und loi Neuwirth 1967 untersagten propagande antinataliste). Allerdings wurden die Kosten für Kondome bereits seit dem 6. Mai 1975 von der Sozialversicherung getragen, auch Minderjährige durften sie benutzen.

Endlich kann Aides nach Aufhebung des Kondom-Werbeverbots Spots schalten wie den große Bekanntheit erlangenden mit zwei Männern an einem (offensichtlich schwulen) Strand, mit dem Slogan ‚ils n’ont qu’une seule protection: le préservatif!‚ (Sie haben nur eine Möglichkeit sich zu schützen: das Kondom)

Guy Hocquenghem antwortet im November 1987 auf die Frage der Paris Match Journalstin Iréne Frain, ob er mit HIV infiziert sei

„Je répondrai que ce genre de question ne devrait jaimais être posée. C’est une inquisition policière particulièrement monstrueuse.“
(Ich werde Ihnen antworten, dass eine solche Frage niemals gestellt werden sollte. Sie ist eine besonders monstruöse Polizei-Inquisition.)

Der Literaturwissenschaftler Leo Bersani veröffentlicht am Jahresende seinen – enorme Publizität erlangenden, auf Hocquenghem nicht eingehenden – Aufsatz ‚Le rectum est-il une tombe?‚ (dt. Ist das Rektum ein Grab?, in Lettre International Ausgabe 3 Winter 1988) (ein Titel, der als einer der frühen wichtigen Texte der queer theory gilt, und der im Aids-Kontext viel später in Frankreich in der post bareback Debatte wieder aufgegrifen wird).

Hocquenghem veröffentlicht den Roman Ève – eine Geschichte über Aids (der Protagonist stirbt einen langsamen Tod infolge der ‚maladie de Rozenbaum‘).

Hocquenghem bemerkt am  28. Februar 1987 in Madame Figaro, Aids werde nicht länger als Unglück, sondern als Strafe angesehen, eine Erfindung des Himmels um alle Verbrechen auf Erden zu bestrafen.

1988

Die Aids-NGO Aides organisiert sich um. Aus einer seit Gründung 1984 zentralistisch geführten und in Paris ansässigen Organisation entsteht ein Zusammenschluss von 23 Regional-Gruppierungen.

In einem spektakulären Schritt nehmen nahezu sämtliche schwulen und lesbischen Gruppierungen nicht am Gay Pride von Paris teil. Der Grund: in diesem Jahr wird der Gay Pride vom schwulen Multi-Unternehmer David Girard organisiert und finanziert. Und Aids wird mit keinem Wort erwähnt. Außer einem: Girard reklamiert vom Wagen seiner Discothek Haute Tension herunter „Merde au sida!“ – eine Formulierung, die er schon in seinem berühmt gewordenen Artikel in GI vom Dezember 1984 benutzt hatte. Von vielen wird dies später als Höhepunkt der Leugnung (der Bedeutung) von Aids in der französischen Schwulenszene gesehen.

Der frühere führende Schwulenbewegungs-Aktivist Guy Hocquenghem, befragt nach Jean-Paul Aron und dessen Äußerungen zu Aids, bemerkt

„Il aurait mieux fait de ne pas parler de ‚mon sida‘ de cette manière là.“
(‚Er hätte besser nicht auf diese Weise von ‚mein Aids‘ gesprochen‘) [Der Schriftsteller und Erkenntnistheoretiker Aron starb am 29. August 1988 an den Folgen von Aids. Er war einer der ersten HIV-Positiven, der in der französischen Presse von seiner HIV-Infektion und Aids-Erkrankung sprach. UW]

Hocquenghem lehnt, so der Philosoph und frühere FHAR-Aktivist René Schérer, sein enger Freund und Lehrer, den ‚bekennenden Ton‘ von Arons Aussagen ab. Er hält Aids für ‚eine weitere dieser Krankheiten‘. Seine Worte dazu würden keinen weiteren Einfluss auf das Verhalten anderer Schwuler haben.

Am Sonntag 28. August 1988 stirbt Guy Hocquenghem in Paris im Hôpital Claude-Bernard an den Folgen von Aids. Über seine HIV-Infektion und Aids-Erkrankung hat er vor seinem Tod nicht öffentlich gesprochen.

1989

In Berlin gründet Andreas Salmen im Sommer ACT UP Berlin.

Am 9. Juni 1989 wird auf Betreiben von Didier Lestrade, Pascal Loubert und Luc Coulavin die Aids-Aktionsgruppe ACT UP Paris gegründet. Lestrade hatte ACT UP bei US-Aufenthalten entdeckt. Präsident und Vordenker wird Journalist und Autor Lestrade. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Journalist Lestrade, der seit 1986 von seiner HIV-Infektion weiß, in seinen zahlreichen Artikeln und Medien Aids nicht mit einem Wort erwähnt.

Auf dem Gay Pride Paris am 24. Juni 1989 tritt ACT UP Paris erstmals öffentlich auf, u.a. mit dem ersten Die In.

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(Übersetzung aller französischsprachigen Zitate UW)

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Homosexuelle und Aids in Frankreich in den 1980er Jahren – Resumée

Homosexuelle und Aids in Frankreich in den 1980er Jahren – erst langsam, und nicht ohne Irrwege wurden in schwulen Szenen und Medien Wege gefunden, der Aids-Krise wirksam zu begegnen.

Skepsis gegenüber dem Medizinsystem, Angst vor Angriffen auf den Lebensstil sowie vor neuem Puritanismus, Ablehnung von Aids-Information aus Befürchtung ‚moralischer Ablehnung‘, stattdessen Abwarten und Relativieren – manche Reaktionen in der Schwulenszene wie auch schwulen Medien in Frankreich in den ersten Jahren der Aids-Krise erscheinen aus heutiger Sicht erstaunlich, gelegentlich erschreckend.

Fast könnte man – rückwirkend betrachtet – den Eindruck gewinnen, die Auseinandersetzung der französischen Schwulenbewegung und -Medien sei in den ersten Jahren der Aids-Krise (die zudem in Frabnkreich ein Jahr früher als in Deutschland erstmals sichtbar wurde) gekennzeichnet auch von Blindheit, Verleugnen, teils schweren Fehleinschätzungen und fatalen Verspätungen. Haben einige Protagonisten Aids damals schlicht ‚zu leicht genommen‘?

Haben wichtige Aktive der Schwulenbewegung der 1970er Jahre, auch ehemalige FHAR-Aktivisten (unter ihnen auch Guy Hocquenghem) Aids ’nicht ernst genug genommen‘, gelegentlich gar ‚geleugnet‘, wie Aides-Gründer Daniel Defert später fragte?

Es lassen sich m.E. (in Anlehnung an Martel) zum Thema Homosexuelle und Aids in Frankreich in den frühen Jahren der Aids-Krise drei – sich teilweise überlappende – Phasen erkennen:

  • Phase 1: Verleugnen (1981 – 1983)
  • 2. Phase: Ambivalenz zwischen Marginalisieren und Warnen (1984 – 19,88) und
  • Phase 3. erschrecktes Erwachen (ab 1987/88)

1981 bis 1983 – Verleugnen

In den ersten Jahren der Aids-Krise lässt sich ein Faktor des Verleugnens nicht verkennen. Aids wird in diesen Jahren im damals wichtigsten Schwulen-Magazin Gai Pied kaum erwähnt.

Ist die Angst vor einer neuen Stigmatisierung Homosexueller ein ausreichendes ‚Argument‘, das Verhalten von Vertretern der französischen Schwulenbewegungen und -Medien zu erklären, zu ‚entschuldigen‘?

Und ist die Angst, all die Errungenschaften der Schwulenbewegung, der Emanzipationsbewegung zu verlieren, ein hinreichender Grund?

„Nous ne voulions pas, nous ne pouvions pas, à cause d’une maladie, briser nos rêves.“
(‚Wir wollten, wir konnten doch nicht aufgrund einer Kranklheit mit unseren Träumen brechen.“; Alain Sanzio, Mitgründer der Revue Masques; 1996)

Eine beispielhafte Reaktion, die angesichts der Geschichte der antihomosexuellen Paragraphen in Frankreich, wie auch repressiven Maßnahmen in der Nachkriegszeit (bis hin zu Mirguets Zusatz über ’soziale Plagen‘) verständlich erscheinen mag. Eine Reaktion, die jedoch wirksamen Maßnahmen zu Beginn der Aids-Krise lange im Weg stand.

1984 bis 1987/88 – Ambivalenz zwischen Marginalisieren und Warnen

Ende 1984 beginnt sich bei ersten Beteiligten (wie den schwulen Ärzten AMG ebenso bei einigen wenn auch bei weitem nicht allen schwulen Medien), die zuvor eher die Bedeutung von Aids leugneten oder kleinredeten, ein Sinneswandel abzuzeichnen.
Doch auch Leugnen und Ignorieren bestehen fort. Bedeutung der neuen Erkrankung relativieren, auf Schwachstellen hinweisen (z.B. Unsicherheiten beim Test), kaum Informationen in der Schwulenszene, eher weiterhin Angst vor antihomosexueller Politik.

Ihren ‚Höhepunkt‘ erreicht dieses Verkennen der Dimension der Aids-Krise erst 1988 mit einem von einem schwulen Multi-Unternmehmer veranstalteten CSD Paris, auf dem Aids bis auf „Merde au Sida!“ (Scheiß‘ auf Aids!“) überhaupt nicht erwähnt wird.

Die Jahre dieser 2. Phase sind damit gekennzeichnet von einer Parallelität von Sinneswandel und Erkennen der Dimensionen der Aids-Krise einerseits und andauerndem Verkennen und Kleinreden andererseits.

Kennzeichnend für diese Phase ist diese Ambivalenz von gleichzeitig sich andeutendem Sinneswandel und fortbestehender Relativierung bzw. Marginalisierung.

Die französische Aids-Selbsthilfe-Organisation Aides entsteht in dieser Phase. Frédéric Martel weist hierzu allerdings auf einen bedeutsamen Unterschied zu anderen Ländern hin: die zentrale Aids-Selbsthilfe-Organisation entsteht in Frankreich (wie später noch andere) nicht aus der Homosexuellen-Bewegung heraus, sondern wird von Menschen gegründet, die in schwulen Emanzipationsbewegungen nicht engagiert waren.

ab 1987 – erschrecktes Erwachen

Ab 1987 schlug die Reaktion von Homosexuellen-Gruppen und -Medien in Frankreich umfassender um. Die Grundhaltung wechselte bei manchen Beteiligten stark, fast wie eine 180° Wende. Gelegentlich, auch bei einzelnen Personen, drängt sich der Eindruck eines deutliches Umschlagens von Ignorieren oder Verharmlosen zu fast panikartigen Reaktionen auf.

Manches Mal scheint nahezu eine neue Lustfeindlichkeit durch, formuliert auch in schleichenden Vorwürfen von ‚Verantwortungslosigkeit‘ wenn es z.B. um ‚ungezügelte Sexualität‘ und hohe Partnerzahlen ging.

Aufrufe zu Monogamie oder Präventionsbotschaften wie Oralverkehr nur mit Kondom zu praktizieren werfen auch die Frage auf, wie lebensnah und wirksam sie sein mögen. Ist in diesem zu beobachtenden teils radikalen Schwenk, diesem gelegentlichen bemerkenswerten Puritanismus, schon ein Keim gelegt für partiell mißlingende (weil von schwulen, sexuellen Lebensrealitäten zu weit entfernten) Präventions-Kampagnen?

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Die Anpassung der Reaktionen schwuler Szenen und Medien in Frankreich an die neue Bedrohung durch Aids vollzg sich in den 1980er Jahren in mehreren teils sich überlappenden Phasen.

Ignorieren und Negieren sind zunächst Tenor. Changieren bald mit Marginalisieren und Kleinreden, bis sich ab Ende der 1980er Jahre wirksame Reaktionen ausbilden, manchmal über das Ziel hinausschiessend.

All diese Faktoren führten zu einer ‚Verspätung‘ von wirksamer Prävention. Dass Kondome eine wirksame Methode darstellen können, die HIV-Übertragung und damit die Aids-Krise einzudämmen, wird in der Schwulenszene Frankreichs erst vergleichsweise spät akzeptiert, breit in Präventionskampagnen umgesetzt und in schwulen Realitäten gelebt.

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In Frankreich leben ca. 133.000 Menschen mit einer HIV-Infektion (2012). Die Infektionsrate beträgt 2,18 pro 1.000 Einwohner. Sie ist damit deutlich höher als die Infektionsrate in Deutschland, die bei 0,56 liegt. Dieser Unterschied dürfte verschiedene Ursachen haben, so z.B. ein hoher Anteil von Einwohnern aus den früheren Kolonien Frankreichs in Afrika, oder auch der sog. ‚Blutskandal‘ (1984/85, ca. 4.000 HIV-Infektionen durch kontaminierte Blutkonserven).

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Text zuletzt aktualisiert 3. Mai 2018

2 Antworten auf „Homosexuelle und Aids in Frankreich in den 1980er Jahren – Reaktionen in französischen Schwulenszenen in den ersten Jahren der Aids-Krise“

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