Arcadie (1954 – 1982) – beständigste Homosexuellen-Gruppe Frankreichs

Die französische Homosexuellengruppe Arcadie und ihre gleichnamige Zeitschrift wurden 1954 von André Baudry (1922 – 2018) gegründet. Baudry löste die Gruppe 1982 auf. Mit 28 Jahren Bestehen war sie die bisher wohl beständigste Gruppe und Zeitschrift Homosexueller in Frankreich.

Arcadie war eine Vereinigung von Männern, die sich lange Zeit eher mit dem Begriff Homophile (erstmals geprägt 1949 von Arendt van Sundhorst) wohlgefühlt haben mögen. Eine Gruppe der ‚zweiten Homosexuellenbewegung‘. Ihr Gründer und Doyen war André Baudry (1922 – 2018).

Arcadie Message de Jean Cocteau
Arcadie Message de Jean Cocteau (Arcadie Ausgabe Nr. 1, Januar 1954)

die Homosexuellenvereinigung Arcadie (1954 – 1982)

Der ehemalige Priesteramtskandidat André Baudry gründet im Januar 1954 die Homosexuellen – Zeitschrift Arcadie und die gleichnamige Homosexuellen-Vereinigung Arcadie. Der Name (der von Roger Peyrefitte gefunden worden sein soll) ist angelehnt an das Arkadien der griechischen Antike, das Idealbild der Harmonie. An der Gründung beteiligt sind auch (alle ein Freundeskreis)  Jacques de Ricaumont (1913 – 1996; weit rechts stehender Schriftsteller, der auch schon für Homosexuellen-Zeitschriften in Deutschland Artikel verfasst hatte), André du Dognon de Pomerait (1901 – 1986; Schriftsteller; 1948 Les amours Buissonières , 1942 Drehbuch ‚Phantastische Symphonie‚) und Roger Peyrefitte (1907 – 2000, französischer Diplomat und Schriftsteller).

Unterstützt wird die Gründung u.a. von Jean Cocteau. Andere wie Marcel Jouhandeau, Marguerite Yourcenar, Henri de Montherlant, Julien Green gehen auf Anfragen Baudrys nicht ein, lehnen ab oder unterstützen ihn zwar privat, nicht aber öffentlich, z.B. mit Beiträgen zur Zeitschrift.

Der Gruppe wird direkt nach Gründung untersagt, öffentlich Werbung zu machen. Ebenso wird der Verkauf an Minderjährige verboten. Baudry selbst wird wegen ‚Verstoßes gegen die guten Sitten‘ juristisch verfolgt und am 17. März 1956 verurteilt. Die Pariser Polizei hat zu dieser Zeit (noch gilt das Sonderstrafrecht gegen Homosexuelle aus der Vichy-Zeit) noch eine ‚Groupe de contrôle des homosexuels‚ …

Arcadie legt großen Wert auf Diskretion. Die Gruppe (stark geprägt durch Baudry) will erreichen, dass Homophile als ehrenwert und respektabel betrachtet werden. Zudem will sie Homosexuellen Unterstützung und gemeinsame Aktivitäten anbieten, um der Vereinsamung zu entkommen.

CLESPALA

Von Beginn an verstand sich Arcadie als mehr als ’nur‘ eine Zeitschrift, vielmehr als Vereinigung Homophiler. Ab April 1957 gründet Baudry einen Treffpunkt, den Club littéraire et scientifique des pays latins (CLESPALA; gegründet als Privatclub in einer der GmbH vergleichbaren Form (SARL)), zunächst in der rue Béranger (X. Arr.; 4. Etage), ab September 1969 in der rue du Château-d’Eau in den Räumen eines ehemaligen Kinos.

Der Club wird schnell weit über den Kreis der eigentlichen Mitglieder hinaus beliebt. Gäste sind dort u.a. auch die Schriftsteller Jean-Louis Bory und Daniel Guérin, Yves Navarre, Matthieu Galey, Jean-Louis Curtis, und vermutlich auch der Philosoph Michel Foucault. Auch viele Gründer der späteren Schwulengruppe FHAR verkehrten hier.

Der Club steht nur Erwachsenen offen, ein Abonnement der Zeitschrift ist obligatorisch. Seit dem 11. November1954 wird jedes Jahr ein Banquet (Dinner-Veranstaltung) abgehalten.

Später veranstaltet Arkadie regelmäßig Konferenzen. Diese haben üblicherweise einen Ehrengast, so im November 1980 Robert Badinter, der später unter Präsident Mitterrand die Abschaffung des Sonderstrafrechts gegen Homosexuelle durchsetzt. Die größte von Arcadie veranstaltete Konferenz ist wohl die zum 25jährigen Bestehen: Im Mai 1979 kommen im Palais de la porte Maillot über 900 Teilnehmer zusammen, unter ihnen auch Yves Navarre und als Ehrengast der Philosoph Michel Foucault, begleitet von seinem Freund Paul Veyne.

André Baudry hat bei Gruppe, Treffen / Club und Zeitschrift Arcadie eine fast aristoktratische Position. 1979 sagt er dazu in einem Interview

„Unter den französsichen Homophilen so wie ich sie kenne würde eine ins Extreme getrieben Demokratie nur Zweifel säen. Homophilen-Gruppen brauchen einen Führer. Selbstverständlich keinen Diktator, aber jemanden der Rückhalt hat.“

Michel Duchein, viele Jahre Baudrys ‚rechte Hand‘, beschrieb die Position Baudrys 2002 so:

„Arcadie a été créée par Baudry, dirigée par Baudry et dissoute par Baudry.“
(Arcadie wurde von Baudry geschaffen, von ihm geleitet und von ihm aufgelöst. (Übers. UW))

In Nachkriegs-Frankreich und in den 1960er Jahren ist die Gruppe die einzige Homosexuellen-Vereinigung in Frankreich. Sie hält internationale Kontakte, z.B. zur Mattachine Society in den USA, zu Der Ring in Hamburg, zu Der Kreis in der Schweiz.

1971 bittet Baudry das Arcadie-Mitglied Gérald de la Mauvinière, einen ‚Runden Tisch‘ zum Thema ‚Christentum und Homosexualität‘ zu organisieren. Aus diesem geht im Januar 1972 die (noch heute bestehende) eigenständige Gruppe David et Jonathan hervor, die sich an christlich gläubige Homosexuelle wendet.

Arcadie war immer eine weit mehrheitlich männliche Gruppe. 1982 lag der Anteil der biologisch weiblichen Mitglieder bei gerade 2 Prozent.

Der Philosoph Michel Foucault, der Arcadie mehrere Male besuchte, schrieb über Arcadie und die Rolle Baudrys

Arcadie a été le seul [mouvement] à employer le mot peuple. C’était là la folie prophétique de Baudry (…). On peut être frappé par la perpétuelle imprécation du leader des arcadiens contre leurs mauvaises mœurs. En fait, il faut bien que le « peuple » soit pécheur, pour avoir besoin d’un prophète.
(„Arcadie war die einzige Gruppe, die das Wort ‚Leute‘ benutzte. Das war der prophetische Wahnsinn Baudrys. … Man kann von der ewige Verwünschung der schlechten Sitten durch ihren Anführer genervt sein. Tatsächlich braucht es Sünder, um einen Proppheten zu benötigen.“ Übers. UW)

Zeitzeugen – Video: frühere Arcadie-Mitglieder erzählen …

das schleichende Ende von Arcadie

Nach den Studentenunruhen des Mai ’68 allerdings ändern sich die Interessen und Ziele gerade bei jungen Schwulen. 1971 wird der FHAR (Front homosexuel d’action révolutionnaire) gegründet. Baudrys Autorität wird zunehmend auch innerhalb der Gruppe zunehmend in Frage gestellt.

Ende der 1970er mit dem Aufkommen der Schwulenbewegung (die Baudry deutlich ablehnt) beginnt der Bedeutungsverlust von Arcadie. Sie wird zunehmend als altbacken, gelegentlich als nahezu freimaurerische Sekte wahrgenommen. Mit anderen Schwulengruppen zusammen zu arbeiten lehnt Baudry kategorisch ab.

Am 13. Mai 1982 teilt André Baudry die Auflösung von Arcadie mit, der Club wird geschlossen. Die Zeitschrift Arcadie wird eingestellt. Baudry, pathetisch wie er gerne ist, erklärt, er werde nun den Tod erwarten:

„loin du tumulte de ce peuple aimé en chacun et en chacune de ceux qui sont venus vers moi, j’attendrai la mort“

Einen Monat später, vom der 1970er-Schwulenbewegung nahe stehenden Schwulenmagazin  Gai Pied interviewt, erklärt er, die Schwulen der gegenwärtigen USA brächten ihn zum Erbrechen:

„Ils me font vomir“.

Inzwischen 60 Jahre alt, zieht mit seinem Partner Giuseppe Adamo nach Italien, nahe Neapel.

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weitere Quellen:
Sammlung von Arcadie – Materialien in der Division of Rare and Manuscript Collections der Cornell University Library
André Baudry im Radio-Interview 1974

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zuletzt aktualisiert 6. April 2018

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