Inversions – die erste schwule Zeitschrift Frankreichs

Zuletzt aktualisiert am 17. November 2018 um 9:50

Inversions gilt als ‚erste schwule Zeitschrift Frankreichs‘. Sie erschien nur in vier Ausgaben in den Jahren 1924 und 1925.

Zwei Postbedienstete gründeten 1924 Frankreichs erste Homosexuellen-Zeitschrift. Inversions dans l’art, la littérature, l’histoire, la philosophie et la science erschien nur in wenigen Ausgaben. Beide wurden angeklagt und zu Haftstrafen verurteilt.

Inversions No. 1 November 1924 (Scan Spiessens, Lizenz cc-by-sa 3.0)
Inversions No. 1 November 1924 (Scan Spiessens, Lizenz cc-by-sa 3.0)

Inversions… dans l’art, la littérature, l’histoire, la philosophie et la science, revue française (1924) (Scan Spiessens, Lizenz cc-by-sa 3.0)

Die erste Ausgabe erscheint am 15. November 1924. Nach zwei Ausgaben wird eine Umbenennung in Urania angekündigt, jedoch nicht umgesetzt. Die vierte und letzte Ausgabe wird am 1. März 1925 veröffentlicht. Die meisten Artikel werden unter Pseudonym veröffentlicht. Inversions wird im Abonnement vertrieben und ist vereinzelt für 1,50 Francs [damals ein recht hoher Preis] am Kiosk erhältlich.

Beteiligt an Inversions waren neben den beiden aus dem gers stammenden Postbediensteten  Gustave Beyria (24) und Gaston Lestrade (27) dem Historiker Michel Carassou zufolge auch der surrealistische Künstler Claude Cahun und seine Partnerin  Suzanne Malherbe (Künstlername Marcel Moore). Später seien (teils unter diversen Pseudonymen schreibend) auch der Dichter Axiéros (i.e. Pierre Guyolot-Dubasty) und ab Ausgabe Nr. 2 der aus dem Elsaß stammende Jurist Eugène Wilhelm (1866 – 1951; aktives Mitglied des WhK, unter dem Pseudonym Numa Praetorius auch Zusammenarbeit mit Magnus Hirschfeld, u.a. Artikel für das Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen) hinzu gekommen.

Wesentlicher Gedanke in vielen Texten der vier erschienenen Ausgaben: Homosexualität sei weder kriminell noch pathologisch sondern entspreche dem allgemeinen Recht der freien Liebe („droit commun de l’amour libéré“).

Inversions ist kein großer Erfolg beschieden. Der Zeitschrift fehlt es an Unterstützung aus Intellektuellen- und Künstler-Kreisen. Zudem muss sie sich bald mit der Zensur auseinandersetzen. Vom Verbot bedroht, benennen Beyria und Lestrade Inversions 1925 um. So kann im April 1925 eine weitere Ausgabe unter dem Titel ‚l’amitié‚ erscheinen.

Gustave Beyria und Gaston Lestrade – wenig beaknnte Pioniere der Schwulenbewegung

Gegründet wurde Inversions von den beiden aus dem Gers stammenden und in Paris lebenden Postbediensteten Gustave Léon Beyria (geboren 2. Mai 1896 in Lombez) und Gaston Ernest Henri Lestrade (geboren 8. November 1898). Lestrade lebte zusammen mit dem aus der Schweiz stammenden Polsterer Adolphe Zahnd (geb. 28. März 1901 in Bremgarten) in einer Wohnung im 7. Arrondissement.

Gustave Beyria fungiert bei Inversions als Direktor und Manager. Die Wohnung der Eltern von Gaston Lestrade dient als Hauptgeschäftsstelle und Firmensitz.

Doch schon bald wurden beide verhaftet. Sie werden am 13. Oktober 1926 angeklagt, Beyria wegen ‚Verstoß gegen die guten Sitten‘ [1] gemäß dem ‚Gesetz vom 2. April 1882‘, Lestrade als Komplize (Kopie Seite 1 Anklageschrift als rtf). Beyria wird zu einer Gefängnisstrafe von 10 Monaten sowie einer Geldstrafe von 200 Francs verurteilt, Lestrade zu 6 Monaten Haft und 100 Francs Geldstrafe. Das Berufungsgericht reduziert die Strafe auf 3 Monate Haft. Am 31. März 1927 wird die Revision zurückgewiesen.

Über das weitere Schicksal von Beyria und Lestarde nach der Haft ist nichts bekannt.

Akadémos oder Inversions – welche war die erste Homosexuellen-Zeitschrift Frankreichs?

Als ‚erste schwule Zeitschrift Frankreichs‘ wird oftmals auch die bereits 1909 gegründete Zeitschrift  Akademos bezeichnet (voller Titel: Akademos : revue mensuelle d’art libre et de critique).

Doch Akademos hatte als Thema zwar auch, aber eben weit mehr als Homosexualität. Und: die Zeitschrift Akademos berichtet zwar über Homosexualität, macht aber die Anliegen Homosexueller nicht zu ihrer Sache.

Aus diesem Grund gilt vielen in Frankreich Akademos als erste Zeitschrift über Homosexualität, Inversion hingegen als erste Homosexuellen-Zeitschrift. Auch Michel Carassou, Ko-Autor von Paris Gay 1925 (erschienen 2008) und Herausgeber des Inversions -Faksimilie-Reprints (s.u.), hält es deswegen (wenn auch nicht unumstritten) für gerechtfertigt, Inversions als erste Homosexuellen-Zeitschrift Frankreichs (la première revue homosexuelle) zu bezeichnen.

Vermutlich dürften auch die Herausgeber von Inversions auf diesen Unterschied anspielen, wenn sie im Vorwort der ersten Ausgabe betonen, die Zeitschrift sei

„n’est pas une revue de l’homosexualité mais une revue pour l’homosexualité.“
(keine Zeitschrift über Homosexualität, sondern für Homosexualität.“ [Übers. UW])

„entièrement consacré à la défense des homosexuels
(ausschließlich der Verteidigung von Homosexuellen gewidmet“ [Übers. UW])

Inversions – Reprint 2016

Anfang 2016 wurden die vier Ausgaben von Inversions als Facsimile in einem Band neu veröffentlicht, ergänzt um die einzige Ausgabe der Zeitschrift l’amitié (1925) sowie mehrere Dokumente und Begleittexte (Edition Non Lieu).

Zuvor waren in den 1980er Jahren Auszüge in dem Buch ‚Paris Gay 1925‚ veröffentlicht worden.

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Homosexualität wird in Frankreich seit der französischen Revolution nicht mehr im Strafrecht erwähnt und ist straffrei. Das Gesetz zum Schutz der öffentlichen Sittsamkeit wurde allerdings als ‚Ersatz-Grundlage‘ für die Verfolgung schwuler Männer eingesetzt.
Erst unter Marschall Pétain zu Zeiten des Kollaborations-Regimes von Vichy wurde 1942 in Frankreich wieder ein Sonderstrafrecht gegen Homosexuelle eingeführt. Es hat 40 Jahre Bestand und wird unter Staatspräsident Francois Mitterrand durch Justizminister Robert Badinter 1982 abgeschafft.

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