André Baudry (1922 – 2018)

Zuletzt aktualisiert am 2. Februar 2019 um 10:33

Der Philosopie-Professor André Baudry (1922 bis 2018) gründete in den 1950er Jahren die Homosexuellen-Gruppe Arcadie sowie deren geichnamige Zeitschrift. Die Gruppe war die wohl am längsten bestehende Homosexuellen-Vereinigung Frankreichs.

André Baudry – 1922 bis 2018

André Emile Baudry wurde am 31. August 1922 in Rethondes (Département Oise) geboren. Er wuchs zunächst in Senlis in einer bürgerlichen Familie auf. Nach dem Tod seiner Mutter 1930 schickte ihn sein Vater in ein Jesuiten-Kolleg in Laval. Dort lebt er bis zum 17. Geburtstag. Er erkrankte an Tuberkulose, verbringt lange Zeit in einem Krankenhaus und anschließend in einem Sanatorium in Ost-Frankreich.

Nach dem Krieg wird er Professor der Philosophie an einer Jesuiten-Privatschule in Paris. In Paris lernt er 1948 im Salon des Schriftstellers André du Dognon de Pomerait (geboren 1901, gestorben 1986 an den Folgen von Aids) Roger Peyrefitte und Jacques de Ricaumont kennen. Mit ihnen gründet der Priesteramtskandidat (der jedoch nie zum Priester geweiht wurde) 1954 die Homosexuellengruppe Arcadie und deren Zeitschrift Arcadie.

Nach dem Einstellen sowohl der Gruppe Arcadie als auch der Zeitschrift im Jahr 1982 lebte Baudry mit seinem Partner zurückgezogen nahe Neapel. Anfragen um Interviews und Hintergrundgespräche lehnte er, zunehmend verbittert, weitgehend ab, zumal wenn sie von Aktiven der 1970er Schwulenbewegung kamen (Ausnahmen z.B. Julian T. Jackson, Frédéric Martel).

André Baudry, Gründer von Arcadie, starb am 1. Februar 2018 im Alter von 95 Jahren in Neapel.

André Baudry und seine Haltung zu Homosexualität und Aktivismus

Bereits 1953 beteiligt er sich an (öffentlichen) Gesprächen im Debattier-Club ‚club du Faubourg‘, verteidigt offen Homosexualität. Ricaumont weist ihn u.a. auf Der Kreis hin, dessen französischer Korrespondent Baudry wird.  Dort veröffentlichte er bis 1954 unter dem Pseudonym André Romane zahlreiche Artikel über philosophische und religiöse Fragen. Zudem organisiert er ab Herbst 1952 Treffen von in Frankreich lebenden Kreis-Lesern.
Über Ricaumont kommt er in Kontakt mit dem 1951 in Amsterdam gegründeten ICSE International Committee on Sexual Equality. Deren vierter Kongress findet 1955 in Paris statt, organisiert von Arcadie, bis sich die Gruppe sehr kurz vor Konferenzbeginn zurückzieht. Hauptproblem war ein Streit darüber, ob Arcadie alleinvertretungsberechtigt für französische Homosexuelle sei.

Zu Zeiten von Arcadie wird Baudry oft vorgeworfen, ein bestimmtes Bild vom Leben Homosexueller zu haben und jegliche andere Wege zu verurteilen. Sein Ideal war eines des sexuell monogamen Paares. Cruising in Parks, Klappen, schwule Saunen, all dies lehnt er ab. Ebenso Tunten, Travestie.

„L’homosexuel effeminé qui cherche les mâles et l’homosexuel mâle qui cherche les effeminés ne sont pas de vrais homosexuels. La premeère charactéristique de l’homosexuel sera donc d’être lui-même mâle et de rechercher des autres mâles.“
(Der effeminierte Homosexuelle der Männer sucht, wie auch der männliche Homosexuelle der Effeminierte sucht, beide sind keine wahren Homosexuellen. Die erste Charakteristik des Homosexuellen ist selbst männlich zu sein und andere Männer zu suchen.‘ Übers. UW)

„Vous ne pensez qu’au sexe, vous allez dans les jardins et puis vous venez me rejoindre…“
(Ihr denkt an nichts als Sex, ihr geht in Parks, und danach kommt ihr hierher …‘ Übers. UW)

Michel Foucault bemerkte aus Anlass der Einstellung von Gruppe und Zeitschrift Arcadie über Baudry (in Liberation 12. Juli 1982, gezeichnet mit D.E.; Eribon berichtet 1994 in Michel Foucualt et ses contemporains es sei tatsächlich ein text von Foucault selbst)

„C’était là la folie prophétique de Baudry: faire admettre l’homosexualité dans les valeurs qui la condamment, un peu comme le prophèt rève de faire admettre le peuple du péché dans le giron du Dieu vengeur.“
[Darin lag Baudrys prophetischer Wahnsinn: Homosexualität zu einem Teil genau jener Werte zu machen die sie verdammen, ähnlich wie der prohet der davon träumt das Volk der Sünde in den Schoß des rachsüchtigen Gottes aufzunehmen.]

die 1970er Jahre – André Baudry und seine Gruppe Arcadie verlieren an Bedeutung

Die Ziele und Beweggründe der Schwulenbewegung der 1970er Jahre erschlossen sich Baudry nicht. „Sie haben keine Seele mehr, nur noch Körper„, bemerkte er einmal. Und bedauerte „meine spirituelle Hilfe ist nicht mehr gefragt„.

Dennoch blieb er aktiv und engagiert. 1970 (März, Radiosendung Campus auf Europpe 1) und 1973 (29. November 1973, France 1, als Gäste Baudry und Yves Navarre) war er der (m.W.) erste Homosexuelle, der in Frankreich offen in den Medien auftrat. 1975 trat Baudry in der ersten größeren Sendung des französischen Fernsehens ‚Les Dossiers de l’écran‚ über Homosexualität auf.

1981, in Frankreich zeichnete sich mit der anstehenden Wahl von Francois Mitterrand zum Präsidenten ein bedeutender gesellschaftlicher Wechsel ab, riefen Baudry persönlich wie auch Gruppe oder Zeitschrift (als eine von sehr wenigen Homosexuellen-Gruppen und -Medien) nicht zur Wahl von Mitterrand auf.

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