Cruising (Film) – ‚homophobes Machwerk‘ & ‘Teil der queeren Geschichte’

Er führte zu heftigen Kontroversen und Debatten um Homophobie, und geriet schnell wieder in Vergessenheit: der Film ‚Cruising‘ von William Friedkin aus dem Jahr 1979/1980 mit Al Pacino in der Hauptrolle. Der Film „Cruising“ – ein ‚homophobes Machwerk‘ ? und zugleich ‘Teil der queeren Geschichte’.

‚Cruising‘

Ein heißer Sommer in New York. Eine Mordserie wühlt die schwulen Lederszene des ‚West Village‘ auf. Leichenteile schwimmen im Hudson River – die Polizei vermutet einen Serien-Killer, der seine Opfer in Schwulen-Bars kennen lernt. Undercover wird ein den Opfern ähnlich aussehender Polizist (Al Pacino als Steve Burns) in die Szene eingeschleust (ebenfalls ein ‚Lockvogel‘, wie im Plot des meisterhaften Romans The Lure von Felice Picano), dem sadistischen Täter auf der Spur. Der (nota bene heterosexuelle) Polizist entdeckt in den Bars des Village eine Szene (unterlegt von Punk und Musik u.a. von Willy de Ville und den Germs (mit ihrem nicht offen schwulen Sänger Draby Crash)) der Drogen und des hemmungslosen Sex – und sieht sich mit seinen eigenen homosexuellen Anteilen konfrontiert. Er verdächtigt bald einen Barkeeper als Täter, von dem die Polizei mit Gewalt ein Geständnis  zu bekommen versucht. Doch die Spur erweist sich als falsch. Ist der wahre Täter unter den Schwulen zu suchen? Oder an ganz anderer Stelle?

‚Cruising‘, US-Trailer 1980:

William Friedkin drehte den Film ‚Cruising‘, zu dem er auch das Drehbuch verfasste, auf Basis des gleichnamigen 1970 veröffentlichten Romans des ‚New York Times‘-Autors Gerald Walker.

Friedkin filmte großenteils vor Ort in New Yorks Schwulenszene, im Greenwich Village, in schwulen Bars wie ‚Badlands‚, ‚Eagles Nest‚, ‚Ramrod‚. Und er zeigte ursprünglich viel vom schwulen Leben in den Bars. Friedkin selbst wies später darauf hin, dass der Film zunächst länger gewesen sei. Um eine bessere Einstufung der Behörden zu bekommen als das ursprüngliche X-Rating (‚aufgrund sexueller oder gewalttätiger Inhalte nicht für Jugendliche geeignet‘), habe er etwa 40 Minuten mit Szenen aus New Yorker Schwulen-Bars entfernt, überwiegend Sex-Szenen.

Uraufführung von ‚Cruising‘ war am 8. Februar 1980 (Release 15.2.1980) in New York. Die Kritiker zeigten sich von dem Film wenig angetan, an den Kinokassen war er international mäßig erfolgreich. Auch in Deutschland (deutsche Ersttaufführung 22. Februar 1980 Berlinale, außerhalb des Wettbewerbs) war ‚Cruising‘ kein großer Kassenschlager – nur 550.000 Zuschauer wollten den Film sehen.

‚Cruising‘ wurde für einen Preis nominiert: 1981 gleich dreifach für die ‚Goldene Himbeere‘ ‚(1st Golden Raspberry Award‘), in den Kategorien schlechtester Film, schlechtestes Drehbuch und schlechteste Regie. Es blieb die einzigen Preis-Nominierung dieses Films.

Das „Lexikon des Internationalen Films“ beschreibt ‚Cruising‘ trocken folgendermaßen:

„In der übertrieben auf nervenzerrende Effekte getrimmten Story mit brutal inszenierten Morden geht die Thematik von der Brüchigkeit humaner und sozialer Normen schnell verloren. Den Film interessiert allein die atmosphärische Ausbeutung des Milieus, das er als Inferno darstellt.“

Cruising – Proteste schon vor der Premiere

Bereits bei den Dreharbeiten zu ‚Cruising‘ kam es zu Protesten von Schwulen, die Dreharbeiten wurden gestört (auch wenn gleichzeitig Teile der schwulen Leder- und S/M-Szene New Yorks begeistert an den Dreharbeiten als Statisten mitwirkten). Über eintausend Demonstranten forderten in einem Protestmarsch die Stadt New York auf, ihre Unterstützung bei den Dreharbeiten zu beenden.

Demonstranten befürchteten, der Film könne zu einem Anstieg der Hass-Verbrechen (hate crimes) gegen Schwule führen. Insbesondere drei Dinge standen im Mittelpunkt dieser Proteste: die Gleichsetzung von schwuler Subkultur und Gewalt, die heterosexualisierte Sicht auf Schwule sowie besonders, dass die Hauptperson des Films mit dem Entdecken der eigenen Homosexualität psychotisch wird und zu morden beginnt (ein Vorwurf, dem Friedkin mit einem anderen Schnitt des Film-Endes, der diese Deutung offen lässt, meinte begegnen zu können).

Hauptdarsteller in Cruising - Al Pacino 1996 bei den Filmfestspielen in Cannes (Foto: G. Biard)
Hauptdarsteller in Cruising – Al Pacino 1996 bei den Filmfestspielen in Cannes (Foto: G. Biard, Lizenz cc by-sa 3.0)

Al Pacino at the Cannes film festival – Georges Biard – CC BY-SA 3.0

Friedkin betonte angesichts der bald einsetzender Proteste, ‚Cruising‘ handele nicht von Homosexualität, er fälle keine Werturteile (eine Sichtweise, die er auch 2007 in einem Interview wiederholte).

„I’m trying to present a portrait of a group of people who get their sexual kicks in ways that society doesn’t approve, but I’m making no personal judgement of these people.“

Genau diese Beurteilungen würden – selbst falls Friedkin recht haben sollte – dennoch vom (fehlinformierten, vorurteilsbehafteten) Zuschauer getroffen, entgegneten ihm Kritiker. Umso mehr, als der Film sich um Authentizität bemühte.

Bald ergänzte Friedkin auf Anraten des um Rat gebetenen schwulen Autors John Rechy den Film um den Hinweis (der später in der 2007/2008-DVD-Version des restaurierten Films wieder fehlt):

„This film is not intended as an indictment of the homosexual world. It is set in one small segment of that world, which is not meant to be representative of the whole.“

Später allerdings merkte Friedkin an, dieser Hinweis sei ihm vom Verleiher United Artists „zur Beschwichtigung der Schwulengruppen“ aufgenötigt worden, damit der Film überhaupt zur Aufführung gelangen könne. Vito Russo, schwuler Film-Historiker, hingegen kommentierte in ‚The Celluloid Closet‘ trocken, welcher Regisseur würde solch eine Anmerkung ergänzen, wenn er wirklich überzeugt sei, dieser Film würde nicht als Darstellung der Schwulenszene in ihrer Gesamtheit gesehen werden. Diese Anmerkung sie „ein Schuldeingeständnis“:

„This disclaimer is an admission of guilt.“

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Al Pacino (geb. 25. April 1940 in New York) äußerte sich im Dezember 1979 (vor Uraufführung des Films 1980) im Interview mit Lawrence Grobel zu ‚Cruising‘. Der Film sei sein kontroversestes Projekt. Beim Lesen des Drehbuches sei ihm nie der Gedanke gekommen, der Inhalt könne homophob (‚antigay‘) sein. Er habe sich nicht vorstellen können, dass der Film solche Reaktionen hervorrufe. Vielleicht sei er mit seiner heterosexuell geprägten Herangehensweise nicht sensibel genug mit dem Thema umgegangen. Falls die Schwulen-Community sich in schlechtem Licht dargestellt fühle, auch wenn er das nicht hoffe, sei es gut wenn sie protestiere.

Auch 2008, ebenfalls im Gespräch mit Grobel (in: Lawrence Grobel: Al Pacino), bestätigte Pacino, ‚Cruising‘ sei sein kontroversestes Projekt gewesen, einfach kein sehr guter Film, aber nicht sein schlechtester Film.

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The phobia that that film reflected seemed to anticipate the widespread renewal of fear and suspicion and supersticion that began as the first recorded deaths from AIDS began to be reported in the autumn of 1981.
(David Robinson über Friedkins ‚Cruising‘, European gay review Nr. 2, 1987)

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William Friedkin ‚ Cruising ‚ – ein Wiedersehen nach 30 Jahren (das ich nicht wiederholen muss) (10. Juli 2012)

Arte zeigt am Montag 9.7.2012 um 22:10 Uhr (Wiederholung 26.07.2012 um 00:50 Uhr) den Film ‚Cruising‘ mit Al Pacino in der Hauptrolle – ein ’sehenswertes homophobes Machwerk‘, das zudem nicht ganz unbedeutend ist in der Geschichte der Darstellung Schwuler im Film.

Homophobie – kann die sehenswert sein?

Ja – denn ‚Cruising‘ scheint mir für einige Mechanismen, Argumente und Denkweisen homophober Darstellung von Homosexuellen geradezu exemplarisch zu sein.

Nach über 30 Jahren sehe ich wieder den Film ‚Cruising‘ mit Al Pacino. Damals, Anfang der 1980er Jahre, empfand ich ‚Cruising‘ als ‚homophobes Machwerk‘. Konnte die massiven Proteste, die der Film in den USA, besonders in New York auslöste, nur zu gut verstehen.

Inzwischen sind über 30 Jahre vergangen. Die Rezeption des Films ist teils eine andere als damals, lese ich beim Recherchieren im Internet. Selbst das französische Schwulen-Magazin ‚Tetu‘ sieht in dem Film heute einen „gut gemachten Thriller“ („Avec le recul, on découvre aujourd’hui un thriller très bien mené …“).

Wie empfinde ich den Film ‚Cruising‘ heute – 30 Jahre später?

Nein, dies wird kein Versuch einer dilettierenden ‚Film-Kritik‘.

Stattdessen:
Spontane Gedanken, gesammelte Impressionen, Ideen, mit der Frage im Hintergrund, wie homophob der Film auf mich heute wirkt – oder vielleicht auch nicht. Impressionen, live mitgeschrieben, während ich auf Arte den Film schaue, und hinterher nur leicht redigiert:

  • In Teilen der der im Film dargestellten schwulen Szene fühle ich mich seltsam ‚zuhause‘. Ein Flashback in eine Zeit vor Aids, eine Zeit, die ich glücklicherweise erleben durfte.
  • Ist mir damals gar nicht aufgefallen, wie gut die Musik zum Film ist? War das Willy de Ville mittenmang?
  • die Leder- / SM-Kerle in den Bars wirken auf mich oft wie dahin gestellt, seltsam dressiert, Staffage, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Nicht wie eine lebendige Leder-Kneipen-Szene. Andererseits, vorgeführt werden sie nicht.
  • die Phasen, in der der Cop seine eigenen schwulen Anteile entdeckt, befremden. Darsteller wirken auf mich stellenweise wie aufgezogene Tanzbären, unter Drogen verändert er sich,  der Zuschauer wendet sich innerlich ab, der Cop wird schwul angesichts der (ihn umgebenden, schwulen) Verhältnisse, und zuhause wartet sehnsüchtig sein braves Mädchen, die Wohnung geputzt, das Essen steht bereit – wie homophob ist das?
  • SM-Praktiken werden als Schocker, als Grusel-Panoptikum präsentiert. Die beteiligten Schwulen als bizarre abschreckende Gestalten dargestellt – die dann unter Druck (Skip, der fälschlicherweise verdächtigte Schwule) sofort zu weinerlichen Memmen werden. Womöglich noch mit Vater-Komplex. Befremdlich wirkt das auf mich. Homophob?
  • Irgendwann gegen Ende des Films frage ich mich: gibt es in dem Film eigentlich auch sympathisch dargestellte Homos, irgendwann? Und finde keine Antwort.
  • ‚heterosexualisierte Präsentation von Schwulen‘? Ja, diesen Vorwurf kann ich nachempfinden. Warum? Es ist zunächst nur ein mitschwingender, doch immer wieder anklingender Eindruck. In dem Film scheint einer von zwei Schwulen immer der harte Kerl, der andere der Softi, oder gar die Memme sein zu müssen. Angst (der handelnden Personen) wird zu oft mit Schwäche assoziiert. Zwei Männer begegnen sich (im Film) fast immer nur im Kräftemessen, im ‚wer ist der stärkere, wer hat den längeren‘.

Der Film ist zuende. Wie war’s?
– denn Plot finde ich eigentlich vergleichsweise langwelig. Das Gefühl bleibt zurück ‚hätte man mehr draus machen können‘.
– der Schluss ist, insbesondere wenn man die friedkinschen Veränderungen am Schluss nicht kennt, unbefriedigend bis langweilig.
– Esprit, Witz, gar Ironie funkeln in ‚Cruising‘ nur äußerst versteckt und sehr selten auf.
– Mir fällt auf, der ‚Rechy-Satz‘ fehlt (wie auf der 2007er DVD).
– Seltsam, während des ganzen Films hab ich nicht an Aids gedacht. Aber jetzt hinterher. Wie viele der Darsteller, der Komparsen, leben wohl heute noch? Friedkin selbst wies in einem Interview darauf hin, dass viele der am Film Beteiligten an den Folgen von Aids gestorben sind. Al Pacino äußert sich in Interviews selten zu diesem Film. Scheint ihn beinahe zu meiden. Nun würde mich noch mehr interessieren warum.

Warum der Film von einigen Kritikern heute geradezu gefeiert wird, kann ich nicht nachvollziehen. Als Thriller finde ich ihn (heute) mäßig (Tetu irrt hier m.E.), als Krimi nur bedingt unterhaltsam. Interessant höchstens als ‚Blick zurück‘, auf eine schwule Welt, die nicht mehr ist.

Zusammengefasst:

  • heterosexualisierte (heteronormative?) Präsentation von Schwulen? Ja – diesen damaligen Vorwurf kann ich auch heute verstehen (s.o.).
  • Homophobie? Ja, es gibt Szenen, Grundhaltungen in dem Film, bei denen ich Homophobie als latent im Hintergrund mitschwingend empfinde.
  • einige damalige Reaktionen empfinde ich heute als überspitzt. Einige damalige Aufregungen kann ich heute nicht mehr ganz verstehen.
  • ich frage mich aber, ob der Film damals zugespitzt, über-kritisch wahrgenommen wurde, oder ob nur mein Urteil heute, älter, mit Abstand, milder ausfällt?

insgesamt: möge die Zeit über den Film hinweg gehen …

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Die Rezeption von ‚Cruising‘ hat sich im Laufe der Zeit verändert. Äußerungen mancher Kritiker sind milder geworden. Bill Krohn bezeichnet ihn 2004 als eine „offensive Anomalie“ und „seiner Zeit voraus„. Adrian Martin feiert ‚Cruising‘ gar 2008 als ‚Meisterwerk des Kinos der 80er Jahre‘, interpretiert ihn als Film über ein ganzes soziales System aus sexueller Repression und mörderischen Impulsen („entire social system running on sexual repression and twisted, murderous impulses„).

ARTE selbst kommentiert die Ausstrahlung 2012 mit den Worten

„Tatsächlich ist der Film mehrdeutig, was seine Darstellung der Schwulenszene angeht, und viel hängt von der Wahrnehmung der schonungslos inszenierten Bilder ab.“

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Über ‚Cruising‘ ist die Zeit hinweg gegangen, der Film ist heute nur noch wenig bekannt.

‚Cruising‘ allerdings hatte, gerade aufgrund seiner latenten Homophobie, doch eine Wirkung: der Film wurde zum Auslöser massiver Proteste in den USA. Und führte so dazu, dass Hollywood sich erstmals massiv  mit Kritik daran konfrontiert sah, wie es bisher Schwule und Lesben darstellte. „Schluß mit dem ‚queer bashing‘!“, war dieser Tenor der Proteste.

Damit wurde ‚Cruising‘ auch, wie Raymond Murray, Herausgeber einer US-Enzyklopädie schwuler und lesbischer Filme, 1995 vermerkte, Synonym dafür, „wie ein verängstigtes Hollywood eine entrechtete Minderheit behandelte“ – und ist auf diese Weise doch „Teil der queeren Geschichte“.

London calling

London calling ? ! – zwei Reisen nach London. Ja, Ulli war auch in London – obwohl immer Frankreich- und Paris-Liebhaber.

Zwei London-Reisen werden mir wohl Zeit meines Lebens in besonderer Erinnerung bleiben:

1. Meine erste London-Reise, kurz nach Abitur und Militärdienst 1979, eine der ersten Reisen alleine. Eine Überfahrt mit dem Fährschiff von Bremerhaven (kurz darauf lebte ich 1979 bis 1982 in Bremerhaven), hoher Seegang, stolz mich nicht übergeben zu müssen. Billige Pension. Herumirren in einer Stadt, zu der ich keinen  Zugang finde. Zwei wesentliche Erinnerungen, schneller Sex mit ’nem attraktiven Chinesen auf dem Klo eines Restaurants, und ein super geiles Clash-Konzert (Zufalls-Treffer, ich gestehe, aber Zufalls-Volltreffer damals) im Marquee-Club. London Calling. Geblieben zudem als dauerhaftes Souvenir, tief vergraben irgendwo in einem der Schränke, die damals dort auch gekaufte ‚Miss You‘ Single der Stones.

Der Marquee Club 2007 (Foto: wikimedia commons / Eastmain)
Der Marquee Club 2007 (Foto: wikimedia commons / Eastmain, Lizenz cc by-sa 3.0)

en:Marquee Club on Upper Saint Martins Lane in en:Covent Garden in London in August 2007Kiwi (talk)CC BY-SA 3.0

2. Viele Jahre später. Frank und ich machen zusammen mit einem Freund und einer Bekannten eine kleine homosexuelle Reisegruppe namens ‚Homo Reizen‚. Eine der zahlreichen Reisen führt uns nach London, mit dem Zug, über Zeebrugge. Und – es ist Streik. Die Fähre geht nicht mehr, nicht mehr heute. Übernachten in Zeebrugge, in einem bereit gestellten Zug. Auf der Rückfahrt ein ähnliches Spektakel, überfüllter Zug, unsere Plätze sind trotz Reservierung belegt. Die spanische Mutti mit ihren Kindern scheint nichts zu verstehen. Doch wir haben Jean-Claude dabei, neben vielem anderen auch Sprachgenie. Er spricht mit ihr, vermutlich – wir verstehen nichts, können nur seine Gestik und ihre Reaktionen deuten – recht deutlich. In einer Vielzahl Sprachen, und er beherrscht so einige. Irgendwann, sichtlich hat er einen Nerv getroffen bei ihr, steht sie auf, schnappt ihre Kinder und ihr Gepäck – und wir haben unsere Sitzplätze von Zeebrugge bis Köln.

London. Wie gesagt, einen rechten Zugang habe ich nie gefunden zu dieser Stadt. Ganz im Gegensatz zu Paris.

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Buschwindröschen Köln (1992 – 2000)

In voller Blüte steht das Buschwindröschen …

Buschwindröschen

… in Erinnerung an ein einst sehr geschätztes Etablissement in Köln …

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Buschwindröschen Köln – Eröffnung 5. September 1992

Buschwindröschen Köln (1992 – 2000)

Seinen Namen fand es auch aus seiner Lage – in der Buschgasse in der Kölner Südstadt. Es brachte buntes schwules lesbisches Leben in die Südstadt von Köln – was lag da näher als sich das Buschwindröschen zum Namensgeber zu nehmen? Von einem Kollektiv geführt, entwickelte es sich ab der Eröffnung im Herbst 1992 bald zu einem blühenden Herzen des bunten queeren Lebens in Köln.

Es hatte Ahnen, so die autonome schwule Kneipe in einem besetzten Haus am Mauritiuswall 16 – 18 (‚der geile Punkt‚). Das Haus wurde am 30. Juni 1992 von der Polizei geräumt und sofort abgerissen. Oder das Autonome Zentrum Weißhausstraße (schwullesbische Kneipe ‚Rosa Rüssel‚). Oder den Bauwagenplatz.

Mit dem Umzug des Buschwindröschen von der Buschgasse 18 an die Bonner Straße 84 folgte ein Aufbau von Strukturen, Betreiber wurde der Verein ‚Maria HIV e.V.‚. Doch der Umzug brachte einen Bruch – das Publikum folgte dem Buschwindröschen nicht mit an den neuen Ort.

Am 20. April 2000 fand in Köln das fulminante (interne) Abschiedsfest für das legendäre Buschwindröschen Köln statt … das in einem Polizeieinsatz endete … (siehe Graswurzel-Bericht unten). Einen derart bunten unkonformistischen queeren Ort hat Köln danach nicht wieder aufbauen können …

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weitere Informationen:
graswurzel.de (ca. April 2000): Polizeiübergriff in Köln: “Komm raus du schwule Sau!”

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und in der Schweiz sind’s die „hemmli-glunggi“ (einer der das Hemd nicht in der Hose trägt) – danke Michelle!

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Erinnerungen … Berti, Konrad, Oruccio, Sally …

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Liquid Sky (1982) – New Wave Kult Film

Liquid Sky – der New Wave Film von Slava Tsukerman aus dem Jahr 1982 wird in New York längst als legendärer Kultfilm betrachtet – in Deutschland ist er inzwischen nahezu unbekannt. 2018 wurde eine restaurierte Fassung in 4K Abtastung auf BluRay veröffentlicht.

Liquid Sky Regisseur Slava Tsukerman und Schauspielerin Anne Carlisle 2017 (Foto: Pburka, Lizenz cc by-sa 4.0)
Liquid Sky Regisseur Slava Tsukerman und Schauspielerin Anne Carlisle 2017 (Foto: Pburka, Lizenz cc by-sa 4.0)

Director Slava Tsukerman and actor Anne Carlisle at a screening of Liquid Sky at the Quad Cinema, New York City, May 28, 2017Pburka – CC BY-SA 4.0

Liquid Sky

In einem Apartment mit Dachterrasse in Manhatten lebt ein lesbisches Paar. Margaret, aus Conneticut stammend, ist enttäuscht von New York. Ihre mit Heroin (im US-Slang: Liquid Sky) dealende Freundin Adrian ist Musikerin und Performance Künstlerin, spielt auf einer Rhythm Box, die sie sich umgehängt hat.

Auf Margarets Balkon landet ein tellergroßes Ufo. Nicht weiter besorgniserregend, doch  … die Außerirdischen, denen Johann, ein deutscher Wissenschaftler schon auf der Spur ist, haben ein seltsames Bedürfnis. Sie ernähren sich von Endorphinen, genauer sie verschlingen Margarets männliche Sex-Partner im Moment von deren Orgasmus. Margaret selbst überlebt – sie kommt nie zum Organmus mit Sexpartner_innen, an denen sie nicht wirklich interessiert zu sein scheint. Und das bisexuelle Modell ist bereit den Aliens reichlich Nahrung zuzuführen … während unterdessen der asexuell erscheinende deutsche UFO-Forscher versucht, die Aliens einzufangen und zu untersuchen.

Tsukerman selbst sagt über Liquid Sky

„My basic idea behind Liquid Sky was creating a parable which would include most of the hot mythical topics of the period: sex, drugs, rock ’n’ roll, violence, aliens from the outer space. The story of Cinderella was the basic … This story was very often used in traditional Hollywood, as the embodiment of the American dream: the American Cinderella always finds her Prince Charming. I thought that the post-punk Cinderella of the ‘80s wouldn’t be able to find her prince among the men surrounding her. Her Prince Charming, ironically, would come in a small flying saucer from outer space.“

Liquid Sky – ein queerer Science Fiction ?

Ein Avantgarde – Science Fiction in fast Warhol-artigem Stil. Post Punk gemischt mit New Yorks New Wave – Szene der frühen 1980er Jahre. Gedreht überwiegend tatsächlich in Neon-Beleuchtung. Eine Filmmusik, die die Club-Szene und den baldigen ElectroClash beeinflusste. Ein Aufeinandertreffen von Sexualitäten jenseits starrer Geschlechterrollen, Drogenkonsum und Cybertech. Ein ‚science fiction queer movie‚ ?

„Whether or not I like someone doesn’t depend on what kind of genitals they have.”
(Margaret zu Paul, der sie fragt ob sie auch mit Frauen Sex habe)

who we are is a cretive act
(Anne Carlisle in einem Interview 2017)

Anne Carlisle spielt in beeindruckender Weise in Doppelrolle sowohl das bisexuelle biologisch weibliche Modell Margaret als auch den drogengebrauchenden biologisch männlichen androgynen Jimmy.

Liquid Sky – ein ‚Film vor Aids‘ ?

Orgiastische Sexualität, Drogen und Tod. Ein Film über ‚orgamsms killing people‚  – auch eine Metapher auf die sehr frühen Jahre der Aids-Krise?

Sätze wie „doesn’t that mean orgasms are dangerous“ oder „I’m killing all the people that I fuck“ können – von später, vonn den Aids-Jahren aus betrachtet – auch anders als ’nur‘ queeerer Science Fiction gelesen werden. Der Schluß des Films, wenn nach und nach immer mehr Neon-Lichter verlöschen, wird so auch zu einem Abgesang auf eine Zeit vor Aids.

Im Jahr 1982 erfolgten bereits 539 Aids-Diagnosen in New York, 212 New Yorker_innen waren bereits an den Folgen von Aids verstorben. Und nur wenige Monate später im März 1983 verfasst Larry Kramer seine Wut-Rede „1,112 and counting“.

Slava Tsukerman

Slava Tsukerman wurde 1940 in Moskau geboren. Die einzige Filmschule des Landes nahm jährlich nur 15 neue Schüler auf – er war nicht dabei. Stattdessen studierte er Technik, näherte sich dem Film von dieser Seite. Begann mit Wissenschafts-Dokumentationen. 1961 erster Film I Believe in Spring.

1973 emigieren Tsukerman und seine Ehefrau Nina Kerova, ausgebildete Schauspielerin, nach Israel. Mit einem der dort realisierten Dokumentarfilme nimmt er an einem Filmfestival in den USA teil – und entdeckt New York als ‚Zentrum der kulturellen Freiheit‚.

1976 ziehen beide nach New York. Zunächst dreht er zahlreiche Dokumentarfilme, oft über die Zeit des Endes der Sowjetunion.

Anne Carlisle

Anne Carlisle studierte in New York Fine Arts. Bei einem Casting lernte sie Slava Tsukerman kennen.

2017 kommentierte sie Liquid Sky, in dem Film seien viele Personen darmaturgisch verdichtet, so auch ein Bekannter, der sie immer ‚chicken woman‚ nannte. Zu möglichen Bezügen zur baldigen Aids-Krise bemerkte sie „they were dying of Aids, but nobody knew what it was yet.“

Nach Liquid Sky und einigen kleineren rollen machte Carlisle ihren Master in Art Therapy. Sie arbeitete mit Aids-Patienten, später Obdachlosen.

Liquid Sky – Adrian and Margaret

Liquid Sky – Produktionsnotizen

Der Film hatte ein sehr begrenztes Budget von etwa einer halben Million US-Dollar bei 28 Drehtagen. Teile des Films wurden in Tsukermans damaligem Apartment in Manhatten gedreht. Nahezu die Hälfte des Materials wurde unter Neon-Licht gedreht (was sich bei der Restaurierung als Herausforderung erwies).

Anekdote am Rand: während des Putsches im August 1991 soll dem unter Arrest gestellten Gorbatschow und seiner Frau Raisa ein wenig Unterhaltung gestattet worden sein – der Film Liquid Sky.

In New York und anderen Städten der USA lief der Film vier Jahre in einzelnen Kinos. Auch international war der Film ein großer Erfolg, besonders in Japan und West-Deutschland.

Liquid Sky war lange Zeit nahezu nicht zu sehen. Eine VHS, später Laser Disc Version und DVD waren m.W. nur in den USA erschienen und längst vergriffen. Im Streaming ist er nicht verfügbar. Im Kino waren keine Kopien mehr, einzig Tsukermans private Kopie wurde sehr selten in New York gezeigt.

Bis 2018. Der Film erschien im März 2018 in restaurierter Fassung in Kinos (in den USA) sowie im April 2018 als BluRay (USA, Region 0). Dafür wurde der Film nicht nur restauriert, sondern neu abgetastet in 4K – Auflösung vom 35mm-Negativ und farbkorrigiert.

Tsukerman und Carlisle arbeiten zudem an einem Konzept für ein Sequel.

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Liquid Sky
USA 1982, 112 Minuten
Regie Slava Tsuzkerman
Kamera & sepcial effects Yuri Neyman
Buch Slava Tsukerman, Anne Carlisle, Nina V. Kerova
Produktion Nina V. Kerova
Darsteller_innen Anne Carlisle, Paula E. Sheppard, Susan Doukas, Otto von Wernherr, Bob Brad
Musik Slava Tsukerman, Brenda I. Hutchinson, Clive A. Smith

Uraufführung August 1982 Montreal World Film Festival
Kinostart USA 15. April 1983
Kinostart West-Deutschland 14. Oktober 1983

1982 Special Jury Price, Montreal World Film Festival
Special Jury Prize for Visual Impact, Cartagena Film Festival
Audience Award, Sydney International Film Festival
Special Prize of the Jury, Brussels International Film Festival
Special Jury Prize, Manila International Film Festival

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