Erinnerungen an Bremerhaven 1979 – 1982

Vom Sommer 1979 bis Sommer 1982 lebte ich in Bremerhaven (nachdem ich kurz vorher noch eine Reise nach London machte, als erste Reise alleine, im Marquee Club erstmals Clash hörte – London calling).

Ulli 1977, in der Nähe von Bad Segeberg
Ulli 1977, in der Nähe von Bad Segeberg

Bremerhaven feierte damals gerade das 150jährige Besteehn, wovon noch 2019 ein weandbild im Hauptbahnhof kündet:

1977: 150 Jahre Bremerhaven (Foto: 2019)

Die Stadt hatte damals noch nicht eine so beeindruckende Skyline wie 2019:

Bremerhaven Skyline 2019

Grund für den Umzug nach Bremerhaven: ich studierte an der dortigen Hochschule. Erinnerungen an Bremerhaven 1979 bis 1982 – an die Hochschule, an schwule und andere Kneipen, an Lieblingsorte und mein beginnendes politisches und schwulenpolitisches Engagement.

Ulli in Bremerhaven im April 1981 (Foto: U-K. Bäcker)

Die ‚Hochschule Bremerhaven‘ hatte damals ihren Hauptsitz im Gebäude der ehemaligen Seefahrtschule Bremerhaven (Bussestrasse, am Anleger der Blexen-Fähre):

Hochschule ex Seefahrtschule Bremerhaven

Die ‚Seefahrtschule Geestemünde‚ ging 1916 aus der 1879 gegründeten Navigationsschule hervor. Das heutige Gebäude wurde 1952 errichtet als Ersatz für das 1944 ausgebrannte Bauwerk. Ab 1953 begann die Kapitäns-Ausbildung, die 1960 in den Neubau an der Columbusstrasse verlegt wurde. Ab 1968 kurzzeitig Seefahrtsakademie, wurde die frühere Seefahrtsschule 1970 umbenannt in Hochschule für Nautik Bremen mit Institut Bremerhaven. Im Sommer 1973 beendeten die ersten Diplom-Nautiker ihre Ausbildung.

die ehemalige Seefahrtsschule Bremerhaven, früher Hauoptsitz der Hochschule Bremerhaven (heute AWI)

Mit der Ausflaggung einer zunehmenden Zahl von Schiffen in Billigflaggen-Staaten sank ab Mitte der 1970er Jahre die Zahl der Studienbewerber als Nautiker. Dem drohenden Abwärtstrend und der diskutierten kompletten Verlegung der Ausbildung nach Bremen entzog sich die Schule durch Entwicklung zweier neuer Studiengänge, Betriebs- und Versorgungstechnik sowie Transportwesen.

Am 1. September 1975 wurde die Hochschule Bremerhaven gegründet. Nautiker wurden noch bis 1984 ausgebildet. Im Sommer 1976 nahm der neu eingerichtete Studiengang Transportwesen seinen Betrieb auf.

Ulli 2019 auf der Blexen – Fähre, im Hintergrund das ffrühere Hauptgebäude der Hochschule Bremerhaven

Ein Jahr später, im Sommer 1977 begann ich hier das Studium, das ich im Sommer 1982 beendete.

Der Neubau auf dem Gelände der früheren Karlsburg-Brauerei (Grundsteinlegung 1983, Architekt Gottfried Böhm, Köln) wurde 1985 fertiggestellt und 1989 sowie 2005 erweitert. Derzeit hat sie etwa 3.000 Studierende.

Neben der Blexen-Fähre legten damals die ‚Butterfahrten‘ ab – manche anstrengende oder nervende Vorlesung schwänzten wir, indem wir eine kurze einstündige Tour mit dem Butterschiff in die Wesermündung machten, zollfrei Alkohol und Tabak kaufen …

Etwas südlich von Bremerhaven lebte mein ‚Lieblings-Prof‘, bei dem ich auch meinen Abschluss machte. Vom direkt vor seinem Haus liegenden Deich blickte man – direkt auf das gegenüber liegende ‚Kernkraftwerk Unterweser‘ aka AKW Esenshamm.

Wohnungen

Ulli Januar 1982
Ulli Januar 1982

Nach einem ersten selbst gemieteten Zimmer in Delmenhorst kurz nach meinem 18. Geburtstag war Bremerhaven ein großer Schritt in ein Leben auf eigenen Füßen. Er begann mit einem Zimmer in der Grazer Straße – über einer Großraum-Disco …

ex Tivoli Bremerhaven

In diesem Gebäudekomplex Tivoli an der Grazer Straße befand sich seit 1927 ein Groß-Kino, das mit zeitweise 1.261 Plätzen größte Kino von Bremerhaven: das Tivoli. Nach Ausbombung am 18.9.1944 wurde es am 16. April 1949 neu eröffnet. Im Saal gastierten u.a. Heinz Erhard (1954), Caterina Valente (1955) sowie Zarah Leander, Marika Rökk, Evelyn Künnecke, Peter Frankenfeld und Charlie Rivel. Am 2. April 1964 wurde das Tivoli geschlossen.

Im Saal des Tivoli befand sich später die Großraum-Discothek Christopher of Bremen (danach auch: Mayflower / ab 1985 bis 5.4.1995 Enterprise), die Platz für über 2.000 Gäste bot.

Tivoli – Komplex Bremerhaven Grazer Strasse 2019, früher Kino später Grpßraum-Discothek


Seit 2018 arbeitet Beate Kühnau, die Betreiberin der bereits seit 1982 bestehenden Bar Blattlaus und nach Versteigerung neue Besitzerin des Gebäudes, an einem Konzept zur Reaktivierung des Tivoli

In diesem Komplex hatte ich mein erstes Zimmer in Bremerhaven – ganz oben (siehe Foto). Es war laut, an Wochenenden extrem laut. Die Musik der Discothek Christopher of Bremen war nicht zu überhören.

Ich wohnte nicht lange hier, zog bald mit einem Komilitonen in eine WG, später dann in meine erste eigene Wohnung.

Erdgeschoß unten rechts – hier war mein erstes WG-Zimmer in Bremerhaven …

Ausgehen in Bremerhaven

Wally / Alte Bürger

Es war schon bald etwas wie mein zweites Wohnzimmer in Bremerhaven, das Wally in der früheren Kaiserstraße, Alte Bürger – die damals insgeamt eine große Ausgeh-Zone und Kneipen-Meile war.

Das Wally war ein ganz eigenes Biotop, hier trafen sich Popper und Punker, Ökos und Rest-Hippies, Stammgäste. Ein weitgehend friedliches Miteinander verschiedenster Subkulturen, tanzen trinken …

Wally-Wirt und Musiker Mick (i.e. Rolf) Kaiser hatte das Wally 1976 vom namensgebenden Wirt Wally übernommen. Und machte daraus schon bald eine über Bremerhaven hinaus bekannte Jugendkneipe mit Kult-Status.

1989 kam das Ende des Wally – zumindest für Gäste, Angestellte und Au0enstehende trotz gelegentlich grassierender Gerüchte völlig unerwartet. Auf Betreiben einer Bank und einer Brauerei wurde die Schließung des Wally in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar 1989 zwangsweise durchgesetzt. In den folgenden Tagen kam es zu massiven Protesten, Demonstrationen mit über 1.000 Teilnehmer_innen und Krawallen sowie einer kurzzeitigen Besetzung („ohne Wally gibt’s Krawally“). Sie blieben erfolglos, das Wally ist seit dem 6. Januar 1989 nur noch Geschichte – und längst zum Mythos geworden.

Rolf Kaiser eröffnete das Wally zwar am 14. Mai 1989 in der Rickmersstraße 45 neu – doch erfolglos (Schließung am 23. September 1990). Ein weiterer Wiederbelebungsversuch ehemaliger Mitarbeiter scheiterte 1991 ebenfalls …

Bremerhaven Alte Bürger / Standort des ehemaligen Wally

Micky Kaiser, im Januar 1946 in Wesermünde geboren, war Sänger, Bassist und Komponist. Er spielte in zahlreichen Bands (als erste die „Raggamuffins“, später „Soulbeats“, „Just us“, „Cravinkel“ / Album „Heuhafen“).

Kaiser studierte Pädagogik in Oldenburg, bevor er 1976 das Wally übernahm (über dem auch seine große Wohnung lag). Nach der Schließung des Wally ging Kaiser zurück nach Oldenburg, arbeitete als Jugend- und Drogenberater. Rolf ‚Mick‘ Kaiser starb am 9. Februar 1997 in Oldenburg.

„Das war keine Kneipe – das war das Leben!

Micky Kaiser über das Wal ly

Gabys ‚Vacuum’…

Hier verbrachten wir viele ungezählte Nächte, Liebslingsbeschäftigung nachdem Gaby die Bar offiziell geschlossen hatte: Cocktails erfinden – einer hinter der Theke mixte was ihm gerade einfiel, alle mussten trinken … Die Folgen waren umwerfend …

ehemaliges Vacuum

Atlantis Kino, Hafenstraße 144

Das Atlantis Kino in der Hafenstrasse in Bremerhaven verbinde ich ganz besonders mit einem Film – der Rocky Horror Picture Show. Diesen Film sah ich hier unzählige Male, und nicht nur als ‚braver Kinobesucher‘, sondern mit Bier, Reis werfend und mit singend … Diese Vorführungen waren Feste …

Das Atlantis Kino wurde am 18. April 1954 in der Hafenstraße 144 (erste Etage im damaligen Hotel Norddeutscher Hof) eröffnet. Das Kino für maximal 250 Gäste galt damals als ein Kino „im Stil eines kleinen Studios“.

Das Atlantis Kino wurde 2002 geschlossen. Nach der Schließung des Aladin Kinos war es bis zur endgültigen Schließung im April 2007 noch einmal in Betrieb.

Das Gebäude wurde 2012 abgerisen, hier befindet sich 2019 ein Parkplatz.

schwule Kneipen in Bremerhaven – Karls ‚Minerva‘

Meine ersten Schritte in schwule Welten war ich schon in Oldenburg gegangen. In Oldenburg besuchte ich 1978 auch zum ersten Mal eine Schwulenbar. In Bremerhaven war die Auswahl nicht größer als in Oldenburg, und – nicht eben erfreulich für einen jungen Mann …

Karls Minerva war etwas besonderes. Eine einfache Eck-Kneipe mit langgezogenem Tresen, dahinter ein zweiter Gastraum mit Billard. Und Karls Minerva lag, wie das Gildestübchen, bei meinen ersten beiden Wohnungen in Bremerhaven gleich um die Ecke …

Karl, der Wirt, war damals wohl in seinen 50ern. Und ein echter Grantler. Karl konnte unbequem sein, laut, und wen er nicht mochte, dem zeigte er dies deutlich. Aber Karl war gleichzeitig auch ‚eine Sele von Mensch‘

Dieses Weihnachten 1980 habe ich in bleibender Erinnerung. An dem Abend, an dem das Foto mit mir im Minerva entstand, überzeugte mich Karl. Nein, er faltete mich regelrecht zusammen. Ich solle mich mal zusammenreissen, Weihnachten nicht alleine in ’ner Kneipe rumhängen sondern – zu meinen Eltern fahren und ihnen endliuch sagen das ich schwul bin. Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg … Karl sei dank … 😉

schwule Kneipen in Bremerhaven – Gildestübchen

Eigentlich war es … mir anfangs echt unangenehm, das Gildestübchen. Ältere Herren saßen am Tresen, tranken Bier ohne ein Wort zu sagen. Dazu Musik aus der Jukebox. Betrat ein junger Mann das Lokal, setzte sich ebenfalls an die Theke, hatte er bald ein oder zwei oder drei Bier vor sich stehen, offeriert von freundlich erwartungsvoll dreinschauenden Herren. Und noch vor dem ersten Schluck mindestens eine Hand auf dem Obverschenkel oder ..

Auch wenn ich oft im Gildestübchen war (nun ja, es gab eben in Bremerhaven nicht viel Alternativen) – genau Situationen wie diese waren für mich einer der Gründe, 1981 eine Gruppe mit zu gründen (die SAB Schwule Aktion Bremerhaven, für die ich auch mein erstes Flugblatt schrieb), in der sich Schwule anders begegnen, und aktiv werden könnten

Und außerdem gab es in Bremerhaven gottseidank gut besuchte Klappen

Straßenbahn Bremerhaven

In meinen Bremerhavener Jahren gab es sie noch, die Straßenbahn von Bremerhaven. 1982 stellte sie ihren Dienst ein.

Bereits 1881 bekam Bremerhaven eine Pferdebahn – elektrifiziert ab 1908 als Straßenbahn. Im Jahr 1949 fuhtren 6 Straßenbahn-Linien in Bremerhaven. Nach 101 Jahren war dann am 30. Juli 1982 endgültig Schluß – die letzte Straßenbahn-Linie wurde auf Busbetrieb umgestellt. Über eine Wiedereinführung der Straßenbahn Bremerhaven wurde merhfach diskutiert – bisher ohne positives Ergebnis.

Reste der ehemaligen Straßenbahn von Bremerhaven sind heute noch zu entdecken – bei einer Zugfahrt von Bremerhaven nach Bremervörde. Dort stehen im Bahnhof von Heinschenwalde (Hipstedt) drei Wagen der ehemaligen Straßenbahn Bremerhaven:

drei Wagen der früheren Straßenbahn Bremerhaven 2019 im Bahnhof Heinschenwalde

Die Wagen werden hier seit 2010 übergangsweise bis zu einer Sanierung aufbewahrt durch den Verein Bewahrung der historischen Werte Bremerhavens e. V..

von Bremerhaven nach Hamburg

Schon bald entdeckte ich, Bremerhaven hatte gerade in schwuler Hinsicht halt sehr wenig zu bieten, Hamburg für mich. Oft fuhr ich mit meinem froschgrünen Fiat …

Ulli mit seinem froschgrünen Fiat 127, auf dem Land in der Nähe von Bremerhaven

Meist aber nahm ich den Zug. Bis Anfang der 1990er Jahre gab es zunächst eine Verbindung von Bremerhaven über Bremervörde nach Stade, von dort weiter nach Hamburg, bedient mit Schienbus.

Schienenbus „wie damals“, 2019 EVB Bahnhof Bremervörde

Bald aber gab es zu akzeptablen Zeiten ab Bremervörde nur noch den Bahnbus, und am 25.9.1993 wurde der Personenverkehr Bremervörde – Stade endgültig eingestellt. Seitdem besteht eine Verbindung der EVB (die die Strecken übernommen hat) über Buxtehude.

Seit 17. September 2018 setzt die EVB auf der – nicht elektrifizierten – Verbindung zwei Fahrzeuge Alstom Coradia iLint ein. Zum ersten Mal weltweit werden hier im öffentlichen Linienverkehr Brennstoffzellen – Schienenfahrzeuge (Vorserienfahrzeuge im Pilotbetrieb) im Regelbetrieb eingesetzt.

Brennstoffzellen-Antrieb: Alstom Coradia iLint 2019 im Bahnhof Bremervörde

Thieles Garten

… gab’s damals noch nicht. Jedenfalls nicht zugänglich als öffentlichen Park. Inzwischen aber schon – und: sehr sehenswert!

Thieles Garten in Bremerhaven / Ringer vor dem maurischen Haus
Thieles Garten / Jüngling neben dem maurischen Haus

Autonomie, Freiheit und Liebe

was ist Autonomie ?

Autonomie beschreibt einen Zustand der Eigengesetzlichkeit (autos nomos, griech. selbst Gesetz), der Entscheidungs- und Handlungsfreiheit.

Autonomie meint, nicht in Automatismus vorhandenen Regeln und Gewohnheiten folgen, gar sich konformistsich verhalten, sondern aus eigenen reflektieren Beweggründen heraus zu handeln.

„Egal, was du auch tust: stell alles um dich herum in Frage und folge nicht einfach irgendeiner Autorität.“

Maynard James Keenan (Sänger & Produzent; Tool, A Perfect Circle, Puscifer)

Autonomie ist eine Eigenschaft bzw. Fähigkeit einer Person, die sich in ihrem Verhalten zeigt. Sie kann in unterschiedlichem Maß ausgeprägt sein (Menschen können in höheren Umfang autonom sein als andere) und sich im Laufe des Lebens verändern (z.B. Verlust von Autonomie im Alter).

Autonomie steht in gewisser Weise am Beginn der Freiheit – als Ungehorsam, als sich widersetzen, als ’nein‘. Im Gegensatz zu Freiheit, die eine Eigenschaft einzelner Handlungen ist, ist Autonomie eine Eigenschaft von Personen. Eine autonom handelnde Person kann freie wie auch unfreie Entscheidungen treffen.

Autonomie schafft Freiheitsspielräume. Diese wiederum sind unverzichtbar, wenn es darum geht Fehlentwicklungen zu korrigieren oder neue Wege zu beschreiten, Prioritäten zu ändern. Demokratisch verfasste Gesellschaften brauchen somit Autonomie und entsprechende Freiräume – um sich entwickeln, sich wandeln, sich modernisieren zu können (ohne den ‚Volkszählungsboykott‘ gäbe es z.B. nicht das Verfassungsgerichtsurteil, mit dem das Recht auf informationelle Selbstbestimmung konstituiert wurde).

Gegenteil von Autonomie sind die Heteronomie, die Fremdbestimmtheit durch Einflüsse der Umwelt, Handeln einer Gruppe oder Einzelner, sowie Anomie (eine Person handelt nicht nach eigenen Prinzipien, auch nicht nach fremden, sondern nach keinen).
Ein Sonderfall der Heteronomie ist der Konformismus, die freiwillige Unterordnung eigener Wünsche und Prinzipien unter diejenigen anderer. Dabei ist der Konformitätszwang in homogenen Gruppen (‚group think‘) ausgeprägter als in heterogenen Gruppen (Ansatz Diversity – Förderung).

Autonomie und Gesellschaft

Autonomie wird immer mit anderen, in Gesellschaft gelebt, ist sozial verankert. Das Recht auf autonome Entscheidungen ist konstituierend für moderne Gesellschaften.

So sehr moderne Gesellschaften Autonomie voraussetzen, so sehr fordern sie sie auch. So konstituiert Freiheit in modernen Gesellschaften geradezu einen Zwang zu Autonomie (‚Preis der Freiheit‘). Freiheit ist (auch) eine Zumutung – und Rückzugsräume als Entlastung (Rausch / ‚das Dionysische‘, Massenveranstaltungen etc.) die Folge.

Autonomie und Freiheit sind in der Folge nicht immer allen willkommen, manchen lästig. Totalitäre Systeme versprachen im 20. Jahrhundert Entlastung von dieser ‚Zumutung‘ (vgl. Hannah Arendt, Elemente und Anfänge totaler Herrschaft: „Menschen … [die] sich willig einem System unterwerfen würden, das ihnen mit der Selbstbestimmung auch die Verantwortung für das eigene Leben abnimmt„). Freiheit und Autonomie sind nicht selbstverständlich, und wollen verteidigt werden.

Autonomie braucht als Voraussetzung Privatheit. Erst in einem geschützten, nicht öffentlichen Raum können sich individuelle Standpunkte und Handlungsmöglichkeiten entwickeln, können sich Subjektivitäten bilden. Wird Privatsphäre eingeschränkt, geraten auch Handlungsspielräume, gerät Autonomie in Gefahr (s.o. informationelle Selbstbestimmung).

Autonomie ist ein Begriffe der Moderne (ab Kant), der Industrialisierung. Erst der Mensch, der nicht mehr in einer etablierten (z.B. göttlichen oder ständischen) Ordnung seinen festen Platz hat, sondern als z.B. Arbeiter selbst Verantwortung für seine Biographie bekommt, ‚etwas aus sich machen‘ soll, erst dieser Mensch bedarf der und benötigt Autonomie.

Autonomie und autonome Bewegung

Ende der 1970er Jahren entstand in linken Bewegungen eine neue Strömung. Sie glaubte entgegen früheren Ansätzen nicht mehr daran, dass ‚das System‘ reformierbar sei – die Autonomen. Eine Bewegung (anders als z.B. die 1968er) zunächst ohne Vordenker, ohne feste Strukturen. Mit gedanklichen Bezügen allerdings zu einem Teil der 68er Studentenbewegung, zu APO (außperparlamentarische Opposition) und ‚Spaßguerilla‚.

Ihr Ziel: „das richtige Leben im falschen“ für ein selbstbestimmtes Leben in allen Bereichen – jeder einzele solle sich schon jetzt verändern, um das Ziel einer befreiten Gesellschaft ein Stück weit schon im hier und jetzt zu erreichen. Eine von Repression befreite Zone in mitten der kapitalistischen Gesellschaft, mit einem Minimum an Konsumbedürfnis.

Viele Mitglieder autonomer Szenen entstammten anderen ‚Szenen‘, insbesondere auch des Punk.

Autonomie und Verletzlichkeit

Autonom handeln – aus eigener reflektierter Überlegung. Impliziert das den starken, immer selbstbewussten Menschen? Wie verträgt sich das mit Verletzlichkeit, mit Hingabe?

Besteht ein Widerspruch, womöglich gar ein Gegensatz zwischen dem autonomen Menschen und dem verletzlichen oder dem sich hingebenden Menschen?

Oder ist Verletzlichkeit, wenn man Autonomie als Prozess, nicht als erreichten Punkt einer abgeschlossenen Entwicklung begreift, ein Faktor dieser Entwicklung? Ein Faktor, der in Form freiwilliger Verletzlichkeit (vulnerable by choice) für zusätzliche Dynamik sorgen kann?

Kann Verletzlichkeit eine Chance sein, einen höheren Grad an Autonomie zuerreichen?

Autonomie und Liebe

„Wo du hingehst, da will auch ich hingehen“, diesen Satz sprachen früher viele (heterosexuelle Ehe-) Paare bei der Trauung. Ich folge dir, ich gehe deinen Weg oder wir einen gemeinsamen. Wo bleibt da Autonomie, Selbstherrschaft? Und die Hingabe, die in diesen Worten durchscheint, kann sie sich je mit Autonomie vertragen?

Wie vertragen sich Autonomie und Liebe?

Autonomie und Bindung, Partnerschaft, klingt das nicht wie ein Widerspruch in sich? Lässt sich Selbstbestimmung in Einklang bringen mit Bindung und Partnerschaft (die letztlich immer auch die Anspassungsbereitschaft und den Kompromiss beinhaltet)? Und falls ja, wie?

Wären wir alle permanent und jederzeit (hyper-) autonom, wäre eine Gesellschaft ohne Bindungen, ohne Liebe und Partnerschaft, kooperations- und anpassungsunfähig und hyperindividualisiert die mögliche Folge.

Vor der Frage, wie verträgt sich Autonomie mit Partnerschaft und Liebe steht die Frage nach dem Verhältnis von Autonomie und Gefühlen.

kriegerische und gelingende Autonomie

Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen kritisierte eine bestimmte, von ihm als kriegerisch bezeichnetes Verständnis von Autonomie als ‚auf Abstraktionen aufgebauten Idee des Selbst‘, die die Gefühle abspalte um die ‚Wichtigkeit und Unabhängigkeit‘ der Person zu behaupten.

Diese Art Autonomie erschöpfe sich darin, ’sich und anderen ständig Beweise der Stärke und Überlegenheit liefern (zu) müssen‘.

Als gelingende Autonomie hingegen betrachtete Gruen einen ‚Zustand, in dem ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ist‘.

(nach: Arno Gruen, Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau, 1984)

„Wer sich selbst nicht liebt, kann auch den anderen, dem Mitmenschen nicht lieben.“

(Arno Gruen, Psychoanalytiker, 1923 – 2015)

Autonomie und (Liebes-) Beziehung

Ein eigenständiges Leben, Freiräume und ‚Geheimnisse‘, Abgrenzung des eigenen, zu bewahrenden ’selbst‘ vom ‚anderen‘ – wie geht Autonomie und Beziehung zusammen?

Ist eine Balance möglich? Und wie kann sich der Gedanke der Balance selbst überhaupt mit Autonomie vertragen?

Wie lassen sich die vermeintlichen Gegensätze Autonomie und Bindung vereinbaren? Ist es ein Widerspruch, unauflösbar – oder eher eine Ambivalenz? Letztlich vielleicht diejenige zwischen Geborgenheit und Selbstverwirklichung ?

Autonomie muss nicht, sie kann aber auch bedeuten, sich bewusst zu entscheiden, Werte und Bedürfnisse anderer Menschen zu respektieren.
Und Partnerschaft muss entgegen weitläufiger Annahme nicht Abhängigkeit bedeuten.

Autonomie in Partnerschaft ist möglich. Faktoren können z.B. sein
– jeder ist auch Individuum, hat (auch) sein eigenes Leben
– es gibt keine Exklusivität an einander
keine Besitzansprüche, keine Eifersucht
– jeder hat seine eigenen Freiräume
– und seine ‚Geheimnisse‘ (die vom Partner aus Respekt vor der Autonomie des anderen respektiert werden)

Autonomie und Liebe setzt in meinen Augen zwingend zweierlei voraus: Ehrlichkeit, und den Partner so zu akzeptieren wie er ist. Kein Bemühen ihn zu ändern, zu formen, zu beeinflussen. Sondern zwei autonome Menschen begegnen sich gleich, nehmen sich jeweils so an wie sie sind. (vgl. Liebe zur Freiheit hinDer eine Mann für alles)

Dies bedeutet nicht starres statisches Miteinander. Entwicklung und Veränderung finden statt, auch im persönlichen. Aber sie erfolgen im miteinander, in der Auseinandersetzung ihrer Seinsweisen. Und ohne gefordert oder erwartet zu sein, je aus eigener Entschtscheidung, aus freien Stücken.

Liebe Partnerschaft Beziehung einerseits und Autonomie andererseits – sie sind nicht zwangsläufig Widerspruch. So wie Freiheit und Liebe sich nicht ausschließen, sind auch Autonomie und Liebesbeziehung nicht zwangsläufig Widersprüche.

In ihrer Ambivalenz kann eine Chance liegen – diejenige, in einer erfüllten Liebesbeziehung gerade größtmögliche Spielräume für eigene Freiheit und Autonomie zu erlangen.

Liebe die nicht einengt sondern frei macht – Liebe zur Freiheit hin, das wäre eine Liebe die mit Autonomie nicht nur vertr#äglich, sondern ihr förderlich wäre.

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Wie mag das gehen, fragten wir uns damals. Autonomie und Liebe mit einander verbinden, leben. Beide überzeugt von der Idee der Autonomie, er Punker, ich nicht. Ich Anfang 20, er deutlich jünger. Autonomie und Liebe, wie kann sich das vertragen? Wie kann das im realen Leben gut gehen, erst recht wenn – – – mann Kompromisse schliessen muss? Und nicht eben in einer Großstadt lebt?

Wir haben das damals leider nicht hinbekommen … vielleicht waren wir zu jung, zu (auch Liebes- ) unerfahren.

Aber die Frage des Verhältnisses von Autonomie und Liebe (sbeziehung) hat mich mein Leben lang begleitet.

Und ich habe das Glück Menschen zu begegnen, die ihre Autonomie schätzen und die des anderen fördern. Die Liebe und Freiheit zusammen leben können.

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In liebevoller Erinnerung für John

Für Frank

Für Jan

umsonst und draussen Wardenburg 1979

Es war nur ein einfaches Festival. Nichts großes, nichts besondere, einfach nur ein großer Acker, eine Bühne, Bands aus der Region.

umsonst und draussen Wardenburg 1979

Und es war, von später aus betrachtet, ein wichtiger Schritt für mich.

Ende der 1970er Jahre gab es in der Region, in der ich aufwuchs, erste open-air Konzerte. Nicht Riesen-Festivals für Zehn- oder Hunderttausende Zuschauer, sondern kleine lokale, höchstens regionale Veranstaltungen. Von jungen Menschen aus der Region auf die Beine gestellt. Oft unter dem Titel ‚Umsonst und draußen‘. Ein Titel, der Programm war. Kein Eintritt, mehrere meist lokale Bands, die ohne oder zu niedrigen Gagen auftraten, ein Bauer der einen Acker oder (eher) ein Stoppelfeld zur Verfügung stellte, viele Menschen die sich freiwillig und ohne Entgelt engagierten, vergleichsweise geringe Kosten durch Bier- und Getränkeverkauf refinanziert.

Eine Grundidee war ‚von uns für uns‘. Immer wieder gab es kurze Durchsagen, es würden einige Leute zum Getränkeschleppen gesucht, oder für einen Bühnenabbau, zum Aufräumen. Meistens fanden sich schnell genügend.

Hier lernte ich ganz praktisch: wenn du etwas willst was es noch nicht gibt, oder etwas anders willst als es derzeit ist – dann bekomm‘ den Arsch hoch und werde selbst aktiv! Nicht warten, nicht lamentieren irgend jemand müsse doch mal … – nein, selbst aktiv werden.

umsonst und draussen Wardenburg 1979 – Fotos

Wardenburg umsonst und draußen 1979
umsonst und draußen Wardenburg 1979

umsonst und draussen

Mitte der 1970er Jahre beginnen Bands, gemeinsame Auftrittsmöglichkeiten zu suchen. Aus einem ersten Konzert entsteht bald eine Idee, die sich schnell verbreitet: umsonst und draußen.

Umsonst und draußen – Festivals unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt. Ein Gegenentwurf zu kommerziellen Groß-Konzerten und -Festivals. Kultur soll frei zugänglich sein für jedermann und -frau. Weitgehend ohne kommerzielle Interessen. Im Vordergrund das Miteinander und Begegnen.

Sehr früh mit dabei und bald in Norddeutschland sehr bekannt: ‚umsonst und draussen Wardenburg‚ später ‚open air Wardenburg‘.

Wardenburg ist eine Gemeinde südlich von Oldenburg, nahe meinem Geburtsort Delmenhorst.

Im Umfeld dieser umsonst und draußen – Bewegung entstanden auch Schallplatten – in den Jahren 1975 bis 1978 (und vor wenigen Jahren auf CD wieder veröffentlicht).

Sterben und Tod

Sterben und Tod finden im Bewusstsein unseres Alltags kaum einmal statt. Wir wollen gut aussehend sein, fit und gesund, und wenn schon älter werdend dann zumindest gepflegt und adrett.

Das Thema Tod hatte 2018 mehr Bedeutung in meinem täglichen Leben als in den Jahren zuvor. Nach Jahren der Aids-Krise, in denen in den schlimmsten Jahren Tod beinahe täglich auch mit Thema war, war es ruhiger geworden. Gelegentlich starben Verwandte, Bekannte, nur sehr selten jemand der mir sehr nahe war.

Im vergangenen Jahr ist mein Vater nach langer Krankheit gestorben. Diese Zeit hat bei mir auch dazu geführt, mich an mein eigenes Erleben des Todes eines geliebten Menschen zu erinnern.

Die Begegnung mit dem Tod ist eine radikale Erfahrung

Die Begegnung mit dem Tod ist eine radikale Erfahrung. Die Radikalität dieser Erfahrung wurde mir brutal bewusst bei der Einäscherung von Jean-Philippe, der 1990 an den Folgen von Aids starb.

Paris, Cimetière du Père-Lachaise, Trauerhalle. Der Sarg mit seinem Leichnam steht zu Beginn der Trauerfeier auf der Bühne. Doch schon während der Zeremonie, abgehalten seinem Wunsch entsprechend von Mönchen eines japanischen buddhistischen Ordens, entgleitet der Sarg sanft nach unten. Ein schwarzes Loch im Boden verschluckt ihn. Auf seltsame Weise sehen es alle, doch niemand scheint Notiz zu nehmen. Die Zeremonie geht ungerührt weiter.

Jean-Philippe wird im Verlauf der Trauerfeier zeitgleich eingeäschert. Wir sitzen oben in der Trauerhalle, nehmen Abscheid. Eine Etage tiefer wird sein Körper verbrannt.

Am Ende der Trauerfeier, angekündigt von einem dezenten Gong, tritt ein leer dreinblickender Krematoriums-Angestellter aus der Kulisse. Überbringt Jean-Philippes Mann die Urne, in einem neutralen Papp-Karton verpackt.

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Die Radikalität dieser Erfahrung war damals, 1990, im körperlichen Sinn ein KO-Schlag für mich.
Irgendwie muss ich, in Tränen aufgelöst, nach draußen geflüchtet sein. Irgednwie. Nach langer Zeit der Suche fand mich Sylvain hinter Büschen auf einem Grab hockend, zitternd, in Tränen.
„Ich weiß“, sagte er nur, zog mich hoch, nahm mich in den Arm. Bugsierte mich zu seinem Wagen, und zum Rest der Trauergesellschaft, die in Jean-Philippe und Syriacs Wohnung beisammen saß.

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Natürlich ist mir bewusst dass Jean-Philippe nicht mehr am Leben ist. Aber er ist weiterhin Teil meines Lebens. Nicht permanent, nicht einmal oft. Doch es gibt diese Momente in denen wir uns ganz nahe sind, auch so viele Jahre nach seinem Tod.

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Ich weiß nicht einmal ob es ein Grab gibt, noch ob es nicht bereits wieder eingeebnet wurde (Jean-Philippe starb 1990). Ich habe nur eine einzige Photographie von ihm in der Wohnung, an meiner ‚Wand der Freunde‘.

Eine Grabstätte als Ort der Erinnerung brauchte ich selbst für mich, für mein gedenken nie. Mein Gedenken findet in mir statt. In meinem Seelengarten.

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Roland Barthes spricht (in Die helle Kammer) von einem ‚Gerinnungsmoment‚ der Photographie. Doch in diesem Photo an meiner ‚Wand der Freunde‘ ist für mich nichts geronnen. Es ist einfach Erinnerung an einen schönen Urlaub zusammen. Nicht mehr, nicht weniger.

Wenn es so etwas wie einen Gerinnungsmoment gibt, dann ist es dieser eine Augenblick im Krankenhaus.
Von diesem Moment habe ich kein Photo, benötige auch keines.
Dieser Moment ist direkt in meiner Erinnerung.

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Johann Michael Eder – Mann halb skelettiert (memento mori)
– Self-photographed, User:Mattes, 8 March 2014
CC BY-SA 2.0

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Wer sich für meine Zeit mit Jean-Philippe interessiert – ich habe darüber 2012 eine kleine siebenteilige Mini-Serie von Texten geschrieben, die hier zu finden sind: Jean-Philippe – Einige Tage mit dir

mein Rolodex Archiv des Grauens

Seit vielen Jahren steht er dort, in ruhigen Ecke. Unverändert, nicht mehr benutzt. Bewusst habe ich mich einst entschieden, ihn so wie er damals war stehen zu lassen.

Nichts mehr zu verändern. Keine neuen Kontakte mehr hinzuzufügen. Keine Karten verstorbener Freunde entfernen.

Ullis Rolodex Archiv des Grauens


So ist er zu einem Gedächtnis geworden.

Wie ein eingefrorener Moment meines damaligen sozialen Seins.

Und wie ein furchtbares Rolodex Archiv des Grauens.

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Die aufgeschlagene Karte meines damaligen Rolodex zeigt die Karte von Michael Callen (1955 – 1993). Der Sänger, Songwriter und Aids-Aktivist starb am 27. Dezember 1993 an den Folgen von Aids.

1983 war Michael Callen einer der drei Herausgeber der ersten Broschüre, in der das HIV-Risiko vermindernde Sex-Verhaltensweisen für Schwule bejahend propagiert wurden – die Erfindung des safer sex.

Bekannt wurde Michael Callen u.a. durch das Aids-Musical zero patience (1993).

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Die Rolodex Rollkartei (benannt nach rolling index) besteht aus auf einer Achse befestigten Karteikarten. Sortiert wurden sie alphabetisch, getrennt durch Index-Karten mit Reitern.

Der Rolodex wurde 1956 von Arnold Neustadter (1910 – 1996) in Zusammenarbeit mit dem dänischen Ingenieur Hildaur L. Neilson, Mitarbeiter in Neustadters Firma Zephyr America, entwickelt. Vorläufer war ein ähnlich konzipiertes Gerät namens Wheeldex. In den Verkauf kam der Rolodex ab 1958.

In Zeiten vor Handys und Online- Adressverzeichnissen galt der Rolodex lange als beste (und elegante) Möglichkeit, Adressen zu organisieren.

Hingabe

Hingabe – sich einem Menschen rückhaltlos hingeben, sich ihm aus eigenem freien Entschluss öffnen und vorbehaltlos zuwenden.

Hingabe – ein Begriff, der oft Unbehagen auslöst. Assoziationen von Fremdbestimmung, Ausgeliefertsein, Selbstverlust weckt. Der Begriff der Hingabe berührt Hoffnungen, aber auch Ängste und Tabus.

Was bedeutet Hingabe? Und in welcher Beziehung steht Hingabe zu Liebe, zu Sexualität, und zu Freiheit?


Ort der Hingabe – ein Zen Stein-Garten (Hamburg, Neuer Botanischer Garten)

Hingabe – Versuch einer Eingrenzung

Hingabe meint sich jemandem zu öffnen und zuzuwenden. Mehr als ’nur‘ Zugewandtheit. Sich einem Menschen hingeben. Sich ihm widmen. Meint Offenheit. Den eigenen Schutzpanzer ablegen.
Hingabe scheint ein wenig jenseits des Verstandes zu liegen. Freiwillige Abgabe von Kontrolle. Freiwillige Nacktheit

Hingabe setzt einen Partner voraus. Zur Hingabe gehört immer auch ein Hinnehmen.

Hingabe meint, dass ich den anderen annehme so wie er ist. Sie macht sich nicht an Äußerlichkeiten fest. Hingabe hat als Voraussetzung für meine eigene Hingabe an den anderen, dass ich mich selbst annehme.

Hingabe ist ihrem Wesen nach freiwillig. Erfolgt aus eigenem Willen nach eigener überlegte Entscheidung in Freiheit. Sie kann dabei auch eigene Befreiung sein

Hingabe entsteht aus freien Stücken, aus in einem in der Person selbst ruhenden Bedürfnis heraus.

Hingabe muss nicht explizit erfolgen. Auch unausgesprochene Hingabe ist möglich.

Hingabe ist das Gegenteil jener kruderweise auf die Ebene menschliche Begegnung übertragenen neoliberalen Markt-Denkweise, derzufolge ich mich „rar machen“ sollte, damit der andere mich mehr begehrt (wie ein Produkt, dessen Preis mit sinkender Verfügbarkeit steigt). Die Hingabe sagt ’siehe, hier bin ich, mit Haut und Haaren – nimm‘ mich, ich gebe mich dir hin, nimm‘ mich wie du begehrst‘.

Hingabe kann wechselseitig sein. So wie ich mich hingebe, völlig öffne, kann ich auch das sich Hingeben des Partners annehmen.

Hingabe beinhaltet ein Geben und Erfüllen ohne Erwartung, ohne Forderung. Bedeutet Loslassen bzw. Überwinden eigener Ängste, Erwartungen, Begierden.
Ohne Erwartung? Vielleicht doch die eine Hoffnung: in der Hingabe aufgefangen zu werden.


Der Apostel Johannes an der Brust Christi (Christus-Johannes-Gruppe; Johannesminne), Schwaben (Bodenseegebiet), Anfang 14. Jh.; Eichenholz mit kleinen Resten originaler Fassung, Mantel des Johannes in neuerer Fassung, Photo: Andreas Praefcke, public domain

Hingabe Liebe Beziehung

Hingabe hat etwas beidseitiges – sie setzt immer den anderen voraus, der Hingabe annimmt. Sie ist eine mögliche Dimension einer Beziehung zwischen Menschen. Hingabe setzt emotionale Bindung voraus.

Als Grundlagen hat Hingabe Dankbarkeit und Vertrauen, in den anderen, aber auch in sich selbst.

Hingabe im Kontext von Liebe meint: der Liebende, der sich schenkt

Hingabe kann ein Schritt sein. Zu mehr Nähe, mehr Intensität, mehr Wahrhaftigkeit. Wie eine Verwandlung.

Hingabe und Dominanz

Hingabe bedeutet nicht die Aufgabe des Selbst. Hingabe ist per se nicht Unterwerfung. Kann aber in Fortführung oder Umdeutung zu deren freiwilliger Form führen.

Hingabe und Dominanz – in welchem Verhältnis stehen sie? Und wie verträgt sich dies mit dem Ideal einer gleichberechtigten Partnerschaft?

Hingabe kann im Kontext von Dominanz auch meinen ’sich jemandem ergeben‘. Einvernehmlich Asymetrie statt Gleichberechtigung. Ein Partner ist dominant, ein Partner unterwirft sich – aus Lust sich hinzugeben. Dem Partner Macht zu geben. Aus Vertrauen. Aus Liebe. Aus Freiheit.

Hingabe, Verletzlichkeit und Stärke

Ein naher und doch ungeliebter Verwandter der Hingabe ist die Verletzlichkeit. Wenn ich Angst habe verletzt zu werden, wird Hingabe schwerer bis unmöglich. Wenn ich mich hingebe, mich schenke, mache ich mich verletzlich. Freiwillige Verletzbarkeit. Vertrauen, in den anderen wie in mich selbst, mindert Angst, macht Angst beherrschbar – oder ganz entbehrlich.
Vertrauen ist eine Grundlage von Hingabe. Hingabe ohne begründetes Vertrauen, gar ins völlig Ungewisse wäre wohl nahe an Torheit. Die Hingabe wird möglich im Vertrauen darauf, liebevoll aufgefangen zu werden. Hingabe findet im Rahmen eines vertrauensvollen „wir“ statt

So wie sie Verletzlichkeit mit sich bringen mag, baut Hingabe gleichzeitig auf Stärke auf. Eigene Stärke als Basis der Hingabe. Selbstablehnung würde die Fähigkeit zu Hingabe beinträchtigen. Vertrauen, Erfahrung eigener Möglichkeiten und Stärke machen es umgekehrt leichter, Schutzmechanismen vertrauensvoll abzulegen, Risiken einzugehen, und sich hinzugeben. Das ‚ich‘ überwinden – und dabei ganz selbst sein. Nahe am Wesentlichen

Antagonisten der Hingabe sind zum Beispiel Routine, Langeweile, Desinteresse. Was geschieht wenn Hingabe fehlt, wenn eine Liebesbeziehung ambitionslos wird, wenn Bemühen fehlt und Routine einkehrt, hat Ian Curtis (Joy Division) in ‚Love will tear us apart‚ eindrücklich besungen.

Glück ist Liebe. Nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.

Hermann Hesse, Über die Liebe

Hingabe und Geschlechterrolle

Wie steht es um das Verhältnis – ist Hingabe weiblich? Ist Hingabe unmännlich?

Historisch wurde Hingabe lange als eine weibliche Eigenschaft betrachtet. Besonders deutlich brachte dies Fichte (s.u. Hingabe und Freiheit) zum Ausdruck, der damit vermutlich den gängigen Geschlechterrollen-Verständnis seiner Zeit gerecht wurde.

Die Zuschreibung der weiblichen Rolle an die Verhaltensweise Hingabe mag resultieren aus einem dichotomen Verständnis von Penetration als aktiv und passiv sowie dem Reduzieren weiblicher Sexualität auf ein vermeintlich passives Verhalten.

Der Mensch, egal welchen biologischen Geschlechts, der sich einem anderen hingibt, kann sich körperlich weitgehend oder völlig passiv verhalten. Er kann aber auch selbst in seiner Hingabe, zu der er sich aktiv entschlossen hat, selbst körperlich aktiv verhalten

Hingabe ist eine Möglichkeit, wie zwei Menschen mit einander agieren. Hingabe ist nicht weiblich. Sie ist nicht männlich. Hingabe ist menschlich.

Hingabe und Sexualität

In welchem Verhältnis stehen Sexualität und Hingabe? Sex ohne Hingabe sei ‚reiner Matratzensport‘, sagen die einen. Hingabe, womöglich sich verlieren geht nicht einher mit ‚Sex auf Augenhöhe‘, entgegnen andere.

Sich fallen lassen, den Kopf abschalten, Hemmungen ablegen, Leidenschaft statt Vernunft, ist das allein schon Hingabe (in sexuellem Kontext)?

Oder kommt zumindest das Fokussieren auf den anderen hinzu? Das weitgehende Außerachtlassen eigener Begierden und Gelüste? Die Auflösung der Ich-Bezogenheit zugunsten des ‚du‘ und eines ‚wir‘. Das Ausrichten der eigenen Aufmerksamkeit auf den anderen, seinen Körper, sein Agieren? Ohne Nachdenken, ohne eigene Kontrollinstanzen? Und ohne ‚Gegenleistung‘? Eine auf den anderen gerichtete Selbstvergessenheit?

Es gibt eine männliche Passivität die so ausgeprägt ist, dass sie sich in … der absolut entspannten Erwartung des Körpers [ausdrückt], seine Rolle zu erfüllen, seinen Sinn, Lust zu geben und zu empfangen.

Jeanne Moreau in der Rolle der ‚Lisiane‘ in Querelle (R.W. Fassbinder)

Hingabe ist asymetrisch.
Ein Mensch gibt sich dem anderen Menschen hin.
Wie kann Hingabe, wie kann diese Asymetrie passen in eine Zeit, in der die (auch sexuell) ausgewogene gleichberechtigte, ebenbürtige Beziehung das proklamierte Ideal ist

Ein Widerspruch, der nur vermeintlich existiert. Hingabe findet in einer  Konstellation statt, die einvernehmlich ist. Sie findet freiwillig statt. Sie drückt das Verhältnis zweier Menschen aus, sei es im konkreten sexuellen Akt, sei es in ihrer Beziehung mit einander.

Hingabe, sich hingeben wie auch Hingabe annehmen kann der Ausdruck der Autonomie zweier frei von Fremdbestimmung handelnder Menschen sein.

Sexualität und Hingabe stehen in einem engen Verhältnis. Hingabe ermöglicht die Überwindung von Ich-Bezogenheit. Und kann ein möglicher Ausdruck von Autonomie, der Eigengesetzlichkeit in Freiheit handelnder Menschen sein.

Hingabe und Freiheit

Eine Frage bleibt: kann wer sich hingibt noch frei sein? Kann ein Wesen der Freiheit zugleich Hingabe leben? Verletzt Hingabe nicht doch den Gedanken der Autonomie?

In welchem Verhältnis stehen Hingabe und Freiheit? In keinem guten, denken Philosophen wie Fichte und Immanuel Kant. Der sich hingebende Mensch gebe seine Freiheit auf, denken Fichte wie auch Kant, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten.

Johann Gottlieb Fichte denkt, die Frau werde mit ihrer geschlechtlichen Hingabe Mittel zum Zweck des Mannes. Der Frau sei der Trieb angeboren, durch Hingabe an den Mann ein eigenes natürliches Bedürfnis zu erfüllen. Dem der Mann mit Großmut begegne.

Hingabe sei ein passives Verhalten, betont Immanuel Kant. Genuß, angewiesen auf das Genießbare und damit in einer Abhängigkeit, sei generell ein passives Verhalten. Hingabe sei Passivität. Sei eine Abgabe menschlicher Freiheit.

Der lebenslange Junggeselle Kant ist der Ansicht, der Mensch der sich einseitig einem anderen hingibt, verliere Persönlichkeit und Menschenwürde. Er mache sich selbst [kantianisch ein schweres Vergehen] vom Subjekt zum Objekt. Hingabe widerspricht nach Kant der Menschenwürde.

Anders als Fichte, der den Freiheitsverlust ’nur‘ beim sich hingebenden Menschen (i.e. bei Fichte die Frau) sieht, betont Kant zudem, nicht nur der sich Hingebende, sondern beide Partner verlören ihre Freiheit, ihre Würde. Machten sich zum ‚Genußobjekt‘ für den jeweils anderen.
Einzig unter der Bedingung, dass dieser ‚Erwerb als Sache wechselseitig‘ ist, werde ihrer beider Persönlichkeit wieder hergestellt. Nehmen beide Partner wechselseitig die hingebende Rolle ein (die Fichte noch einzig bei der Frau sieht), nur dann könne Hingabe unter Wahrung der Menschenwürde möglich sein.

Kant und Fichte zum Trotz bleibt die Frage ist offen: ist Hingabe in Freiheit möglich?

Einzig und allein durch Hingabe kann man die absolute Wahrheit erkennen.

Buddha, Tibetisches Buch vom Leben und Sterben (Sogyal Rinpoche)

 Ja, es kann Hingabe in Freiheit geben.

Und wenn Hingabe mit Kant notwendig Selbstaufgabe, Objekt-Werden bedeuten sollte – ist dann eine Beziehung, in der einer der Liebenden sich dem anderen schenkt, überhaupt als Sich-Begegnen zweier freier Menschen denkbar, möglich?

Ja. Denn Hingabe ist Freiheit – oder: Hingabe kann Freiheit sein.

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„Die große Herausforderung des Lebens liegt letztlich darin, die Grenzen in dir selbst zu überwinden und soweit zu gehen, wie Du Dir niemals hättest träumen lassen.

(Paul Gauguin, 1848 – 1903)

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Für Jan


Taizé 1975

Erinnerung an Taizé 1975 – Im Sommer 1975 nahm ich ein einer Fahrt der Jugendgruppe (mit der ich auch oft ins Landheim Immer fuhr) nach Frankreich teil. Das Haupt-Ziel: Taizé und das von Frère Roger Schütz ins Leben gerufene Konzil der Jugend.

Reiseverlauf: Delmenhorst – Köln – Heidelberg – Straßburg – Colmar – Ronchamps – Taizé – Nimes – Avignon – Genf – Delmenhorst

In Taizé hielten wir uns vom 28. Juni bis 4. Juli 1975 auf.

Einige fotographische Eindrücke an Taizé 1975

Die Kirche von Taizé 1975 – „Tag und Nacht offen für jedermann“, vermerkt mein Fotoalbum
Taizé im Jahr 1975
Taizé 1975 – „unsere Zelte“
Taizé 1975 – „Warten auf’s Mittagessen, jeden Tag um 12:30 Uhr“
Taizé 1975 – „am letzten Tag mit den Holländern nach Cormatin“

Taizé 1975 – Erinnerungen

Die (eigentlich ja wenigen) Tage in Taizé haben deutliche Spuren in meinen Erinnerungen hinterlassen. Bilder Gefühle Gerüche die noch heute vorhanden sind. Ein Gefühl der Freundlichkeit mit der Gruppe, mit vielen Teilnehmern in Taizé mit denen ich Kontakt hatte. Ich kann, die Augen schließend, noch heute die Hitze über den Stoppelfeldern hinter dem Zeltplatz fühlen, riechen. Die flirrende Luft, in der ein junger Teenager auf der Suche nach sich selbst herumstromerte, glücklich und frei. Das Kratzen und Husten der ersten Gitanes. Der Geschmack des ersten wo auch immer selbst gekauften Rotweins.

Glücklich ist nicht ganz das treffendste Wort für das Grundgefühl dieser Erinnerungen an Taizé 1975, eher – frei. Endlich frei. Ich erinnere große Freiheit.

2005, nach dem gewaltsamen Tod von Frère Roger Schütz am 16. August, schrieb ich an die Gemeinschaft von Taizé einige Zeilen. Darunter auch diese

Ich werde Taizé immer als Ort und Zeit in Erinnerung behalten, der für mich ein Aufbruch war, ein Beginn einer langen -und sicher noch weiter gehenden- Reise zu mir selbst. Ein Ort, an dem ich eine große und befreiende Gemeinschaft er­fuhr. Tage, die mir viele Gedanken, Anregungen und Ideen mitgaben, die mich noch lange auf meinem Weg begleiteten. Tage, die mir halfen nachzudenken, wer bin ich, was will ich, wie kann ich verantwortlich und liebevoll leben.
Das Kreuz von Taizé habe ich lange um den Hals getragen – leider ist es dann ir­gendwann doch verloren gegangen.
Meine Gedanken und Gefühle sind bei Frère Roger und bei Ihnen.

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„Um voranzugehen und durchzuhalten, braucht jeder Mensch den inneren Frieden des Herzens.“

Frère Roger Schütz