Modeikone Delmod Abriss 2018

Einst war Delmod, war die Modeindustrie bedeutend in Delmenhorst. Der Leuchtturm: Delmod. Bis nach über 60 Jahren die Insolvenzen folgte – und 2018 der Delmod Abriss.

Delmenhorst lebte einst von den drei Industrien rund um Jute, Kork und Linoleum. Nach deren Niedergang war die aufblühende Textilindustrie ein großer Stolz. Neben Delmod waren lange Zeit z.B. auch Lamod, Sommer und Jefra bekannte Namen. In Zeiten des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg war die Modeindustrie sogar größter Arbeitgeber in Delmenhorst.

kurze Delmod-Geschichte

Die Geschichte von Delmod begann – in Berlin. 1946 gründete hier Willi Bürgel (1912 – 1989) das Unternehmen Hanse-Bekleidung. Aus alten Militärdecken ließ er Kinderbekleidung herstellen, später dann auch Damen-Konfektion. Bald wurde das Unternehmen umfirmiert in Delmod. Was nicht etwa für Delmenhorst-Mode stand (wie gelegentlich vermutet wird). Sondern für „die elegante Mode„.

Der spätere Umzug des Unternehmens Delmod von Berlin nach Delmenhorst (und die namentliche Kongruenz) waren eher Zufall, so die Gründer-Familie später in Interviews.

Delmod Logo am ehemaligen Werksgebäude kurz vor dem Abriss 2018
Delmod Logo am ehemaligen Werksgebäude kurz vor dem Abriss 2018

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Über 700 Jahre deutsche Heimat ?

‚Über 700 Jahre deutsche Heimat‘ – wer in Delmenhorst aus dem Bahnhof kommend in Richtung Innenstadt geht, kann diesen seltsamen Wegweiser kaum übersehen. Ist er aus der Zeit gefallen? Oder auch heute ein Dokument revisionistischen Denkens?

‚Über 700 Jahre deutsche Heimat‘ titelt der Wegweiser, zeigt mit Kilometerangaben und jeweiligem Wappen zu sechs Städten: Königsberg, Marienburg, Breslau, Stettin, Danzig und Eger. Daneben eine Girlande aus Eichenlaub – seit 1871 Teil der Symbolsprache Deutschlands, für Treue stehend, und quer durch die deutsche Geschichte Teil diverser Orden und Auszeichnungen.

Wegweiser wie diese wurden in den 1950er und frühen 1960er Jahren zahlreiche aufgestellt. Der ‚Wegweiser über 700 Jahre deutsche Heimat‘ in Delmenhorst wurde 1963 errichtet. Er war gedacht als Denkmal der Vertreibung und an die Vertriebenen.

700 Jahre deutsche Heimat ? Wegweiser in Delmenhorst
Über 700 Jahre deutsche Heimat ? Wegweiser in Delmenhorst im Jahr 2017

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Landheim Immer – Jugend-Erinnerungen

Das Landheim Immer – ein einzelnes Haus, für Selbstversorger, mitten im Wald, rings herum Bäume und Ruhe. Mitte der siebziger Jahre verbrachte ich hier viele schöne Tage und Nächte, als Mitglied und als Betreuer von Jugend- und Konfirmanden-Gruppen.

Das ‚ Landheim Immer der evangelischen Jugend Delmenhorst‘ liegt etwa 15 km von Delmenhorst (meiner Geburtsstadt) entfernt im ‚Havekoster Sand‘ (Gemeinde Ganderkesee, Landkreis Oldenburg), sehr ruhig abseits einer Straße in einem großen Waldgebiet.

Landheim Immer, Oktober 2013
Landheim Immer, Oktober 2013

Die Anfänge des ‚Landheim Immer‘ gehen zurück in das Jahr 1931 – von einer Initiative junger Erwachsener erbaut, konnte das Landheim Immer im Sommer 1931 eingeweiht werden. Seit 1966 wird es von einem Kuratorium in Selbstverwaltung betrieben. 2009 wurde eine Stiftung zum Erhalt des Landheims Immer gegründet.

Das Landheim Immer ist eher „rustikal“ eingerichtet. Es bietet 26 Betten in vier Schlafräumen, davon zwei Schlafsäle mit jeweils 10 Betten. Das Haus ist explizit ein Selbstversorger-Haus, heißt: Essen mitbringen, selbst zubereiten, Abwasch und Reinigen selbst organisieren, damals auch: selbst Holz hacken.

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Ich erinnere mich an viele Aufenthalte im Landheim Immer, Mitte der siebziger Jahre – als ich selbst Konfirmand war, später als Mitglied einer Jugendgruppe und selbst als Leiter von Jugendgruppen und Freizeiten.

Ulli 1975 im Landheim Immer
Ulli 1975 im Landheim Immer

Meine Mitarbeit in kirchlichen Jugendgruppen endete irgendwann im Jahr 1977 recht abrupt.Der zuständige Pastor wollte einem Mitglied der Jugendgruppe, in der ich selbst war, nach dessen Austritt aus der Kirche den Zutritt zu den Räumen im Gemeindehaus (in dem wir uns trafen) verbieten. Mit der Folge, dass die gesamte Gruppe sich solidarisch zeigte – wir zogen alle aus, trafen uns zukünftig (und noch für lange Zeit) privat.

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Landheim Immer

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Am Ochtum-Deich

Bei gelegentlichen Besuchen in der Kleinstadt führt der nachmittägliche oder abendliche Weg gelegentlich an den Rand der kleinen Stadt, über den Fluss, ans andere Ufer – denn dort warten leckere kleine und große Fische oder anderes Getier …

Heimat

Was ist eigentlich deine Heimat?
Diese Frage wird ja gelegentlich gestellt, oder ‘heimatliche Gefühle’ für einen Ort, eine Region bekundet.

Nun, was ist meine Heimat?
Häufig ist ja zunächst ganz banal gemeint “wo kommst du her”.
Eigentlich aber geht es ja um die Frage wo fühle ich mich heimatlich, zuhause.

Nun, den Ort meiner Geburt und Jugendjahre, jene trostlose Kleinstadt-Tristesse, die für sich einst mit ‘Industriestadt im Grünen‘ warb, diesen Ort empfinde ich schon lange nicht mehr als meine ‘Heimat’ (habe ich es je?), eher als fremdes Universum. Heimat, das ist für mich sicherlich nicht mein Geburtsort.

Manchmal frage ich mich, ob ‘Heimat’ überhaupt für mich ein Ort ist? Oder ist Heimat für mich eher ein Gefühl? Ein Gefühl des Wohlbefindens, des sich-zuhause-Fühlens?

Eine erste Näherung an dieses Gefühl würde dann spontan lauten, Heimat ist wo mein Mann und ich zusammen sind. Er ist ein solch tief reichender Faktor des Wohlbefindens für mich, dass dieser Gedanke für mich offensichtlich scheint, dieser Zusammenhang zwischen Heimat und Partner. Vielleicht, nein sicherlich im Idealfall noch ergänzt um die Anwesenheit einiger uns jeweils oder gemeinsam wichtiger Freunde. Ja, das könnte eine Idee von Heimat sein (als Metapher habe ich das ja ansatzweise im ‘Wohnturm‘ angedeutet).

Und doch – ist das alleiniger Faktor für Heimat?
Ganz offensichtlich für mich nicht, lehrt mich meine Erfahrung.

Ich kann mich lebhaft an einige kürzere und längere Auslands-Aufenthalte erinnern, die mir auf verschiedene Weise klar gemacht haben, dass zu Heimat mehr als ‘nur’ Menschen gehören – dass es überhaupt etwas wie Heimat gibt. Selbst mit dem Mann und guten Freunden zusammen würde ich wohl auf längere Sicht in z.B. in China oder Malaysia kein Gefühl von Heimat bekommen.

Eher vielleicht, so meine Erfahrung, ein Vermissen der selbigen. So mancher Auslandsaufenthalt erwies sich als den eigenen Horizont erweiterndes Erlebnis, machte mir in einigen Fällen jedoch auch bald klar, dass schon zu meinem Wohlbefinden auch andere Rahmenbedingungen gehören. Kultureller Kontext, Wertesystem – Stichworte, die mir in den Sinn kommen.

Partner und Freunde sowie kultureller Kontext, zwei mögliche Faktoren des Gefühls ‘Heimat’.
Kultureller Kontext, das ist letztlich assoziiert mit Raum, mit Region. Womit sich indirekt letztlich doch wieder die Frage des Ortes stellt. Vielleicht muss es nur nicht ein einziger Ort sein.

Berlin, Hamburg, Köln, mit allen drei Orten verbinde ich unterschiedlich heimatliche Gefühle.
Ich freue mich bei jeder Abwesenheit wieder sehr auf Berlin, auf die Stadt, darauf einige mir sehr wichtige Menschen im Alltag um mich haben zu können, gemeinsam essen oder in’s Kino zu gehen, spazieren, plaudern, sich spontan treffen und Zeit gemeinsam verbringen. Und doch – der Mann fehlt, denn der lebt in Köln.
So bleibt Berlin derzeit eine Art ‘Heimat ohne Mittelpunkt’. Köln, eine Stadt, zu der per se ich heimatliche Gefühle im Sinne eines Wohlfühlens in der Stadt so gar nicht habe, wohl aber: sie ist der Mittelpunkt der Welt, wenn er und ich dort zusammen sind.
Für diese ‘gespaltene Heimat’ sind in der Beziehung längst lebbare und pragmatische Wege gefunden. Als schwieriger erweist sich der Kontakt zu Freunden abseits von Berlin. Freundschaft will gepflegt, gelebt werden, erst recht wenn sie vielleicht gerade am Entstehen ist – nicht leicht über 300 oder 600 km Distanz. Ob Tobias oder Uwe, oft bleibt eine Sehnsucht, sich mit nicht-Berliner Freunden einfach, unkompliziert sehen zu können, dann wenn einem der Sinn danach ist, mit Zeit – nicht wann und wie es Kalender und Termine zulassen.
Berlin, Köln und Hamburg in einer Stadt – das wäre für mich nicht nur in dieser Hinsicht persönlich eine feine Lösung … und könnte vielleicht ‘Heimat’ sein.

Heimat – was ist das? In einigen Näherungen gehören sicher Mann und Freunde, kultureller Kontext und, ja, Orte dazu. Allerdings, Heimat ist für mich bisher nichts Statisches. Heimat ist für mich ein Gefühl, das sich noch immer in den vergangenen Jahren geändert, weiter entwickelt hat.

fremde Universen

Weihnachtlicher Besuch in der Kleinstadt, in der ich Kindheit und Jugend verbrachte, der ich mit 18 entfloh. Verwandte und Bekannte zum Weihnachtsessen, schöne und anstrengende Momente.

Schon bald ein Gedanke, der Mann und ich bemerken beide ein Gefühl von “eine Reise in ein fernes, unbekanntes Universum”. In ein Universum, das man vielleicht in großen Abständen besuchen mag, sich ihm jedoch eigentümlich fremd fühlt. Froh ist angesichts der Perspektive baldiger Abreise. Enge Horizonte, auch der Gedankenwelten, erleichtern noch die Abreise, Rückkehr in die eigene Welt.

Von der Nordwolle zur Bankenkrise

Wie es von der Nordwolle in Delmenhorst zur Bankenkrisekam …

Delmenhorst, ‘Tristesse in der Provinz‘. Und doch, einmal sollte Delmenhorst Geschichte machen. Eine Geschichte, die angesichts der jüngeren Entwicklungen an den Finanzmärkten (wieder) in die Zeit passt:

In Delmenhorst gab es einst ein blühendes Unternehmen, das sein Geld mit Wolle und Garnen verdiente, die 1884 von dem Bremer Kaufmann Martin Christian Leberecht Lahusen gegründete ‘Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarn-Spinnerei’ (NWK), genannt ‘Nordwolle’.

Nordwolle 2007
Nordwolle 2007

Die Besitzer, die Familie Lahusen, war (in der vierten Generation) auch äußerst geltungsbewußt – und ließ Anfang des 20. Jahrhunderts eine große Konzernzentrale in Bremen sowie ein pompöses Herrenhaus ‘Gut Hohehorst’ errichten. Beide Bauten strapazierten die Leistungsfähigkeit des Konzerns über Gebühr. Management-Fehler, Bilanzfälschungen (vorgetäuschtes Wachstum) und Weltwirtschaftskrise kamen hinzu – am 21. Juli 1931 ging die NWK in (betrügerischen) Konkurs.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Größter Geldgeber der NWK war die ‘Danat-Bank‘ (Darmstädter und Nationalbank). Heute ein beinahe vergessener Name, damals die zweitgrößte Bank Deutschlands. In Folge des Konkurses der NWK wurde die Danatbank zahlungsunfähig. Sie musste bereist am 13. Jului 1931 wegen Zahlungsunfähigkeit schliessen und später mit der Dresdner Bank fusionieren.

Dass die zweitgrößte Bank Deutschlands ‘einfach so’ pleite ging, erschütterte das Vertrauen der Bevölkerung in das gesamte Bankensystem massiv. Ein Run auf die Bankschalter wurde ausgelöst. Jeder wollte schnellstmöglich sein Guthaben abheben, sein mühsam erspartes Geld vor befürchteten weiteren Konkursen retten – und verstärkte dadurch die Zahlungsprobleme nur weiter. Die Bankenkrise nahm ihren Lauf …

Die Konzernzentrale der NWK in Bremen überstand die Pleite – und wurde bald zum sog. ‘Haus des Reichs‘. ‘Gute Hohehorst’ wurde unter dem Namen ‘Friesland’ eines der Heime des von der SS getragenen Vereines ‘Lebensborn‘. Auf Geltungswahn folgte noch fürchterlicherer Wahn.

Und Delmenhorst hatte seinen gehörigen Teil zur Inflationskrise beigetragen …

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Delmenhorst Tristesse in der Provinz

Besuch in der Vergangenheit – Delmenhorst Tristesse in der Provinz

Delmenhorst – einst ein halbwegs blühendes Regionalzentrum. Eine Stadt, deren Politiker und Einwohner allen Ernstes glaubten, der selbst gegebene Titel „Industriestadt im Grünen“ mache ihre Stadt liebens- und lebenswerter.

Eine Stadt, die einst von drei oder vier Industrien lebte, von Wolle (Nordwolle), Kork, Hanf und Linoleum. Industrien einer längst vergange­nen Welt, heute wenig bedeutend. Daneben geprägt war durch drei große Kaser­nen, zahlreiche Behörden und Ämter. Später dann Mode (Delmod et al.) Vergangenheit. Industrieller und politischer Wandel führten zum Niedergang auch der Stadt selbst, nicht nur ihrer Industrien und einst prägenden Strukturen.

Nur noch vereinzelte Rudimente blieben. Selbst die Ruinen der ehemaligen Werke, oft Schmuckstücke der Industriearchitektur ver­gangener Jahrhunderte, wurden weitgehend geschliffen, abgerissen, aus dem Stadtbild ver­bannt. Schamhaft fast, als gelte es die Spuren des Unvermögens städtischer Po­litik, die allzu sichtbaren Beweise des Niedergangs zu tilgen. Kreisfrei zu bleiben wurde zum größten Erfolg städtischer Politik.

Die Fußgängerzone der Kleinstadt, für die Geschichten erzählende Kaufmannshäuser und imposante Kinopalast-Fassaden weichen mussten. Anfang der 70er Jahre geschaffene einstige Zierde der ‚City’, ist diese Fußgängerzone heute kaum mehr als ein bedrückendes Abbild des Niedergangs. Eine Tristesse von Waschbetonplatten-Chic und Karstadt-Beton, dekoriert mit Glücksspielstätten, Billigläden und Fastfood-Verkauf. Größe ‚Perle’ dieser Innenstadt die Filiale einer weltweit agierenden Textilkette, die billig in Südostasien genähte Textilien teuer an trendige junge Leute verkauft.
Und ein Stückchen Flussufer, das dem Marktplatz ein wenig Charme zurück geben soll.

Delmenhorst – traurige ‘Perle der Provinz’ …

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Kleiner Nachtrag, nach sechs Jahren, 2013:
Sehe ich heute die Delmenhorster Innenstadt, den erschreckenden Leerstand, die Apathie und das Desinteresse („da kann man eh nichts machen, so ist Delmenhorst halt„), ist die Formulierung Delmenhorst Tristesse noch gelinde …

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