nach ACT UP – was bleibt? – Ullis ACT UP Erinnerungen 7

Zuletzt aktualisiert am 5. Februar 2016 um 23:37

Nach ACT UP, was ist geblieben? 1988, vor 25 Jahren gründete sich die erste ACT UP Gruppe in Deutschland, um 1993 herum endete ACT UP Aktivismus hierzulande auf breiterer Basis. Was ist von ACT UP geblieben? Mehr als ein Mythos?

Dies ist der fünfte Teil der Mini-Serie Ullis ACT UP Erinnerungen. Im ersten Teil habe ich über die Entstehung von ACT UP in Deutschland geschrieben, im zweiten Teil über ACT UP in Deutschland. Der dritte Teil befasste sich mit ACT UP Köln, der vierte beschäftigte sich mit dem Verhältnis von ACT UP Deutschland und den USA. Der fünfte Teil berichtete über die ACT UP Proteste im Dom zu Fulda, der sechste mit dem Ende von ACT UP in Deutschland.

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Spätestens mit dem Ende der deutschen ACT UP Gruppen setzte die Bildung des ‚Mythos ACT UP‘ ein. ACT UP erwies sich dabei auch als Projektionsfläche eigener Erwartungen und eigener wahrgenommener Defizite – und der eigenen Untätigkeit.

Mach mir mal ein ACT UP

Gründe zu Aufregung, Empörung, Wut hat es im HIV-positiven (wie auch im schwulen) Leben auch in den Jahren nach dem Ende von ACT UP in Deutschland immer wieder gegeben. Wie oft erhielt ich bei derartigen Anlässen noch nach Jahren Emails, Anrufe, oder auch nur in Gesprächen ereiferte Reaktionen à la “ ja – da muss doch mal jemand ’ne ACT UP Aktion machen!“. Oder noch deutlicher „Mach du doch mal ‚ ACT UP dazu!

Ja, da muss doch mal jemand … aber bitte ja nicht ich!

Genau das war ACT UP nicht: delegieren der Unruhe, der Wut, des Drangs etwas zu ver­ändern. ACT UP, das war (wie die Berliner Gruppe es auch im Namen trug) ‚Feuer un­term Arsch‘, auch das eigene, bedeutete selbst aktiv zu werden, selbst zu handeln.

Dabei zeigt ACT UP deutlich, dass auch wenige Aktive [1] in der Lage sein können, erfolgreich große und in der Öffentlichkeit wahrgenommene Aktionen durchzuführen.

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Mythos ACT UP dekonstruieren

Die fünf Buchstaben A, C, T, U und P haben eine hohe symbolische Bedeutung, immer noch – 20 Jahre nach dem Ende von ACT UP in Deutschland.  ACTUP ist zum Symbol geworden, zum Mythos – auch mit der Folge der Verklärung, Weichzeichnung, Verfälschung.

Das obige Beispiel zeigt, der heutige Mythos ACT UP hat sich entfernt von dem was ACT UP war (und was nicht).

Und es zeigt: der ‚Mythos ACT UP‘ ist nicht nur auf seiner Berechtigung hin zu überprüfen. Er ist auch kritisch zu hinterfragen auf seinen Inhalt, auf das Bild das heute von ACT UP nach ACT UP vermittelt wird – und darauf, welche Motivation dahinter steht.

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ACT UP – (k)eine Bewegung

Gelegentlich wird, wenn über ACT UP geschrieben wird, die Formulierung „ACT UP Bewegung“ benutzt. War ACT UP das in Deutschland jemals – eine Bewegung?

Ich denke nein. ACT UP hat wohl letztlich – bei aller in der Rückschau vermutlich positiv verklärender Betrachtung – in Deutschland (in den USA mag das anders einzuschätzen sein) nie die Schwelle zu einer ‚Bewegung‘ überschritten (Kontinuität, kollektive Identität, Anspruch auf Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels).

Zwar gab es – besonders in den ersten Jahren – eine kollektive Identität in einer vergleichsweise großen Gruppe Schwuler und anderer Aktiver, ob HIV-positiv ge­testet oder nicht. Zwar hatten die ACT UP Gruppen mit ihren Aktionen über Protest, Kritisieren und Skandalisieren bestehender Missstände hinaus auch einen Gestaltungs-Anspruch, entwickelte ent­sprechende Positionen und Vorschläge. Aber es mangelte vielen Themen und Aktionen letztlich an Nähe zu Lebenssituation und Problemen HIV-Positiver in Deutschland. Und (nicht nur) daraus resultierte als Gruppe (nicht als Einzel­ner) letztlich auch die für eine Bewegung erforderlichen Kontinuität.

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nach ACT UP – Betrachtung im Kontext

Welche Relevanz hat ACT UP? Schon die Frage scheint mir schwierig. Vor allem, da sie ACT UP als isoliertes Phänomen betrachtet.

Eine Betrachtung von ACT UP isoliert von anderen (auch zeitlich teilweise vorangegangenen) Formen des (politischen) Aids-Aktivismus gibt m.E. ein verzerrtes Bild – oder umgekehrt: politischen Aids-Aktivismus in (West-) Deutschland einzig aus dem Blickwinkel ACT UP zu betrachten wäre eine verengte Perspektive.

ACT UP sehe ich eher (zumindest in Deutschland) als eine unter mehreren Phasen des Aids-Aktivismus – und glaube, diese Einordnung kommt der ACT UP Realität in Deutschland näher.

Aktivismus, vor allem: politischer Aktivismus – dies stand im Mittelpunkt, und ACT UP war ein Teil davon. Denn, wie Michaelangelo Signorile treffend bemerkt:

Aktivismus hat uns voran gebracht, nicht schwuler Mainstream

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Für mich persönlich vieles mehr an Erinnerungen an ACT UP. Vor allem bleibt auch Trauer und Vermissen vieler ACT UP Weggefährten, die teils auch Freunde waren, und die an den Folgen von Aids gestorben sind. So (unter anderem) Ernst Meibeck, Frank Rauenbusch (geb. Schwarz), Ingo Schmitz, Andreas Salmen.

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[1] Die ACT UP Gruppen in Deutschland waren – betrachtet man die Zahl der halbwegs kontinuierlich an den Aktivitäten Beteiligten – keine Großveranstaltungen. Die Zahl der kontinuierlich Aktiven lag meiner Erinnerung nach zwischen weniger als 5 (Dortmund, Mainz), um die 10 (Köln, Hamburg) bis max. 30 (Berlin), die Zahl der halbwegs kontinuierlich Aktiven (mehr als sporadische Teilnahme an Aktionen) insgesamt dürfte selbst zu besten Zeiten 100 nicht überstiegen haben.

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Ulrich Würdemann / ondamaris 21.12.2008: ACT UP – Mythos oder Modell einer Bürgerrechts-Bewegung HIV-Positiver?
Axel Schock / DAH-Blog 24.03.2012: Die Kraft der Wut

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ACT UP Erinnerungen:
1. Entstehung von ACT UP
2. ACT UP in Deutschland
3. ACT UP Köln
4. ACT UP Deutschland und die USA
5. ACT UP protestiert im Dom zu Fulda
6. Das Ende von ACT UP in Deutschland
7. ACT UP – was bleibt?

Diese kleine – mit dieser siebten Folge nun beendete – Mini-Serie bildet nur meine persönlichen Erinnerungen an meine ACT UP Zeit ab. Ich freue mich sehr über Anmerkungen, Korrekturen, Ergänzungen – ob per Kommentar oder persönlicher Nachricht!

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8 Antworten auf „nach ACT UP – was bleibt? – Ullis ACT UP Erinnerungen 7“

  1. Akt Up war zu einer zeit aktiv zu der ich nicht getestet war. Ich lebte damals in Hannover wo Akt Up wohl in der Diskussion in der Schwulen Bewegung war aber selber kann ich mich in Hannover an keinen nennenswerten Auftritt von Akt Up erinnern. Vielleicht mal an einen Button aber mehr nicht wirklich.
    Ich war damals ungetestet und ob man sich testen lassen solle oder nicht wurde sehr kontrovers diskutiert. Ich erinnere mich aber auch an Blockadeaktionen gegen ein bestimmtes Pharmaunternehmen, der Namen will mir nur nicht mehr einfallen. Es ging aber auch damals schon darum ob man als AH und auch Schwule Emanzipation e.V. Spenden von Pharmaunternehmen nehmen darf und sich zeitgleich gegen deren Geschäftspraktiken stellen darf. Eine also gar nicht so neue Debatte.
    Die Hannöversche AH geriet damals besonders in der hannöverschen Schulenbewegung in Kritik weil sich „gut meinende, unterbeschäftigte Hausfrauen“ in der Hannöverschen AH breit machten und meinten das Zepter über nehmen zu müssen. So kam es zumindest in der Schwulenbewegung rüber und man versuchte als Schwule Emanzipation eigene Wege zu finden. Eigene Wege in der Aufklärung, im Protest und öffentlich Sichtbarmachen der Problematik AIDS. Ich erinnere mich daran viele Abende mit gleichgesinnten (wir waren vielleicht 5) regelmäßig zusammen im HOME-Zentrum zu sitzen und Strategien zu erdenken, von denen aber einer nach dem anderen mehr oder weniger an nicht Machbarkeit scheiterte. Wesentlich waren damals natürlich zum einen die Kosten und zum anderen die nötige Manpower. Dabei ging es uns später nicht nur im das Thema AIDS sondern auch auch darum andere Aktionsformen außer „Latschdemos“ zu erdenken. Bei den CSD-Demos waren damals in Hannover wenn es hoch kam mal 100 Man dabei und das sah man schon als großen Erfolg.

    Erst mit meinem Umzug ins Rhein-Main-Gebiet 1996 sah ich so die letzten Akt Up „Aktivisten“ in Frankfurt. Aber da war selbst die Frankfurter Akt Up Gruppe nicht mehr das was Akt Up sein wollte, eine Protestbewegung.
    Klar denke ich manchmal, in bestimmten Situationen, das so etwas wie Akt Up fehlt. Ich weiß aber auch um die Problematik Leute dazu zu bewegen offen als positiv aufzutreten. Heute mehr als vor 25 Jahren. „Was hatte ein Aids-Patient damals zu verlieren?“ Heute dagegen wo man normal weiter arbeiten kann und man nicht in absehbarer Zeit das Zeitliche segnet ist die Angst vor Ablehnung und Arbeitsplatzverlust bei den meisten wesentlich stärker. Nur so behindert man sich doch nur selbst. Es war aber schon immer einfacher andere machen zu lassen.

    1. Danke für deine Erinnerungen!

      Und -das Problem “gut meinende, unterbeschäftigte Hausfrauen” [nichts gegen Hausfrauen … ;-)] begleitet uns wohl vielerorts und zu mancherlei Zeiten …

      Andere Aktionsformen finden … das war m.E. eine der Errungenschaften von ACT UP

      „Es war aber schon immer einfacher andere machen zu lassen“ … grins, ja … kommt bekannt vor. Kleines Problem: wenn dies jede/r denkt, ändert sich rein gar nichts (bestenfalls … schlimmerenfalls werden dann nur diejenigen aktiv, die so gar nicht in unserem Interesse handeln). Dann doch lieber selbst denken, selbst aktiv werden 😉

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