3. Deutscher Aids Kongress Hamburg 1990: ‘Nicht über uns, mit uns’ – HIV-Positive und Aids-Kranke verschaffen sich Zutritt (akt.2)

Meilenstein 3. Deutscher Aids Kongress Hamburg 1990: Positiven-Beteiligung an Aids-Kongressen – was heute Normalität ist, war 1990 für manche ein Skandal (siehe auch Artikel 2mecs 17.01.2013: Positiven-Beteiligung an Aids-Kongressen – vor 20 Jahren ein Skandal, heute Normalität ).

1990: ‚Nicht über uns, mit uns‘ – 3. Deutscher Aids Kongress Hamburg 1990: HIV-Positive und Aids-Kranke verschaffen sich Zutritt

Vom 24. bis 27. November 1990 fand in Hamburg der 3. Deutsche Aids-Kongress statt. Es waren die Früh-Jahre von Aids, von Konferenzen zu HIV und Aids. Ich kann mich gut an die Zeit damals erinnern: es wurde im Medizinsystem zwar viel über uns gesprochen, aber nur selten mit uns.

Doch wir wollten mitsprechen – Teilnehmer, nicht nur ‚Gegenstand‘ sein. Vom Objekt zum Subjekt werden. Nicht über uns – mit uns!

Einen guten Anlass bot der 3. Deutsche Aids Kongress in Hamburg 1990. Wir (d.i. insbesondere Mitglieder verschiedener ACT UP – Gruppen sowie Vertreter der Aids-Hilfe Hamburg) bemühten uns, Zugang zum Kongress zu erhalten, suchten den Dialog mit dem damaligen Kongress-Präsidenten.

Professor Manfred Dietrich, damals Vorsitzender der Deutschen Aids-Gesellschaft und in dieser Funktion Kongress-Präsident (und 2002 in Ruhestand verabschiedet), reagierte kühl und abweisend. „Dies ist ein Kongress für Experten“ und „dies ist ein wissenschaftlicher Kongress„, das waren stereotyp immer wieder Antworten die wir zu hören bekamen, wenn es um die Möglichkeit der Teilnahme für HIV-Positive und Vertreter aus dem Aidshilfe-Bereich ging. Der Arzt, der seit 1983 am Hamburger Tropen-Institut) HIV-Positive behandelte, grenzte diese von einem Kongress, bei dem es um eben sie ging, schlicht aus.

Doch dieses mal nahmen wir diese Ausgrenzung nicht mehr hin. Schließlich waren wir es, die mit HIV infiziert waren, die an Aids erkrankten, die keine Medikamente hatten, die Angst hatten zu sterben, die ihre Freunde und Lover sterben sahen. Wir wollten endlich mitreden.

Hamburg, Kongresszentrum (Bundesarchiv, B 145 Bild-F039666-0016 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA)
Hamburg, Kongresszentrum 1973 (Bundesarchiv, B 145 Bild-F039666-0016 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA)

Wir (insbesondere ACT UP Hamburg, Ernst Meibeck und Klaus Knust sind mir auch hier in besonderer Erinnerung) besorgten Krankenhaus-Betten sowie ‚medizinisch‘ aussehende Kleidung (Kittel etc.) – und standen am Tag der Kongresseröffnung plötzlich und unangekündigt vor dem Eingang des Hamburger Kongresszentrums CCH. Die überrumpelten Einlass-Kontrollen ließen uns verdutzt passieren – wir waren drin, einige Medien-Vertreter mit uns im Schlepptau.

Schnell war nicht nur die ‚Krankenhaus-Betten-Installation‘ vor dem Eingang des Kongresses aufgebaut, mit der wir auf die schwierige Situation bei der Pflege Aids-Kranker aufmerksam machen wollten. Ein Krankenbett schaffte es auch in den Kongress, darin ACT UP Aktivisten, als ‚Aids-Kranke‘ geschminkt und mit Infusionsschläuchen ‚verkabelt‘, anklagend stand nahe der Teilnehmer-Registrierung. Im Konferenzgebäude war ein improvisierter Stand von ACT UP, mit vorbereiteten Info-Tafeln, die neben dem Pflege- und Versorgungsnotstand u.a. den damaligen ‚Marlboro-Boykott‘ thematisierten, oder von uns als verharmlosend empfundene Aids-Kampagnen kritisierten.

„Wir sind nicht das Problem, wir sind Teil der Lösung“, war damals unsere Maxime. Zwar nahmen wir noch nicht aktiv an den Veranstaltungen und Diskussionen teil, erst recht nicht an der Planung des Kongress-Programms – aber der erste Schritt war demonstrativ getan, wir waren ‚drin‘.

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Aktualisierung
18.01.2013:  In der Nullnummer der bundesweiten Positivenzeitung ‚Virulent‚ (Februar 1991) berichtet Michael Fischer †:

So genügte es auch den Veranstaltern des 3. AIDS-Kongresses in Hamburg im November vergangenen Jahres, in ihrer Einladung „auf die Nöte infizierter Menschen und ihrer Umgebung“ hinzuweisen. Auf die Idee, Positive oder Vertreter ihrer Organisationen aktiv am Kongress zu beteiligen, kam den Verantwortlichen [sic] mit ganz wenigen Ausnahmen nicht – wozu auch, wahrscheinlich hätten sie nur gestört.
Das haben sie denn auch wirklich. Vertreter aller zur Zeit in Deutschland existierenden ACT UP – Gruppen aus Berlin, Bonn, Hamburg, Köln und München organisierten während der gesamten Kongressdauer einen Stand und versuchten mit einigen „direkten Aktionen“ Kritik zu üben. …
Der spektakuläre Höhepunkt fand am Montagmorgen statt, als sich die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Lehr anschickte, eine Rede zu halten. Ungefähr zwanzig ACT UP – Aktivisten stürmten mit Trillerpfeiffen und Transparenten das Podium und erzwangen so eine kurze Rede, in der die AIDS-Politik der Bundesregierung kritisiert wurde. …
Auf einem sonst eher langweiligen Kongreß ist es so den Mitgliedern von ACT UP gelungen, berechtigte Forderungen von Positiven vorzutragen und ihnen auf diesem Weg Öffentlichkeit zu sichern. Denn, so lautet das Motto der Gruppe: SCHWEIGEN = TOD.“

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Anmerkung zu Fotos der ACT UP Aktion:
Ich habe zahlreiche Fotos der damaligen Aktion vor und im CCH / 3. Deutscher Aids Kongress Hamburg 1990.
Nachtrag 19.01.2013: Inzwischen konnte ich den damaligen Fotografen ausfindig machen und habe seine Erlaubnis zum Veröffentlichen der Fotos – Post ist hier: 2mecs 21.01.2013: Fotos: ACT UP Aktion beim Deutschen Aids-Kongress Hamburg 1990.

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18 Antworten auf „3. Deutscher Aids Kongress Hamburg 1990: ‘Nicht über uns, mit uns’ – HIV-Positive und Aids-Kranke verschaffen sich Zutritt (akt.2)“

  1. Da gab es doch noch eine schöne Geschichte, die es wert ist, festgehalten zu werden. Das war doch das Jahr, in dem die DAH einen Aufklärungsporno veröffentlichte, von dem sich manche Standardproduktion eine Scheibe hätte abschneiden können. Den hattet Ihr gezeigt, Prof. Dietrich untersagte das. Daraufhin sorgte ich in vermutetem Einverständnis mit den Vorstandskollegen dafür, dass er am DAH-Stand gezeigt wurde- und zwar unentwegt. Prof. Dietrich behauptete erst mal, Aussteller hätten sich beschwert, was sich bei einer Nachfrage als unzutreffend ergab, dann mussten die unschuldigen sittlich gefährdeten Kinder auf dem Kongress herhalten und wir teilten – ich glaube Act Up und DAH gemeinsam – der Presse einen Zeitpunkt mit, zu dem ihr die Vorführung wieder übernehmen würdet. Ich bin, nachdem ich schon in Pornokinos bei laufendem Betrieb Fetischlesungen gemacht habe, strapazierfähig, aber ich glaube, den Mitarbeitern der DAH wurde es auf Dauer etwas zu viel. Und dann habe ich in einer Session irgendetwas über das Arzt-Patientenverhältnis gemacht, wo ich mich heute frage, wie ich jemals so brav sein konnte. Auf dem Weg nach Hamburg wurde übrigens der Wagen, in dem sich mein Koffer befand – ich hingegen natürlich im Bistro plaudernd – in Kassel abgehängt. Gegen Ende des Kongresses konnte ich ihn mir bei der Bahn abholen. Das war ein unvermutetes Fest für einen Hamburger Klamottenverkäufer.
    Bernd

    1. Lieber Bernd,
      dake für diese Ergänzung – an die Geschichte mit dem DAH-Porno erinnerte ich mich auch nicht mehr. Jetzt wo du’s sagst, ja … da war was …
      Ich erinnere aber sehr wohl die Aufregungen um den Film – und sollte vielleicht nochmal kramen ob ich ihn finde, darüber schreiben …
      Liebe Grüße,
      Ulli

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