ACT UP Deutschland und die USA – Ullis ACT UP Erinnerungen 4

Zuletzt aktualisiert am 4. Februar 2018 um 13:23

Wie weit war ACT UP Deutschland von den USA inspiriert, wie weit geprägt von der Situation hier?

Dies ist der vierte Teil der Mini-Serie Ullis ACT UP Erinnerungen. Im ersten Teil habe ich über die Entstehung von ACT UP in Deutschland geschrieben, im zweiten Teil über ACT UP in Deutschland. Der dritte Teil befasste sich mit ACT UP Köln.

ACT UP, das ist doch eigentlich eine us-amerikanische ‚Erfindung‘, künstlich nach (West-) Deutschland geholt – ist gelegentlich zu hören. ACT UP – gar nur ein bezugsloser „Import aus den USA“?

ACT UP Deutschland – ein US-Import?

Ja, ACT UP war ein Import aus den USA. Auch. Aber nicht nur. Warum?

Andreas Salmen kam aus einem längeren USA-Aufenthalt in den USA zurück, hatte dort in New York die Gründung, ersten großen Meetings und kraftvollen Aktionen von ACT UP mit erlebt, den Furor, die Wut, die Zusammenarbeit verschiedener Gruppen von Aktivisten über Künstler bis Medienmacher.

Voller Feuer kam er nach Berlin zurück – und gründete dort eine ACT UP Gruppe. ACT UP Deutschland , ACT UP Gruppen in Deutschland übernahmen – so hat es den Anschein – die „Marke“ ACT UP, mit ihren Konzepten, Aktionsformen, ihren medial orientierten Arbeitsweisen, ihren Slogans.

Insofern, ja, ACT UP war ein Import aus den USA.
Ein Import, ein adaptierter Import, dessen wir uns bewusst waren.

In der von den ACT UP Gruppen in West-Deutschland (dort genannt: Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, Nürnberg) geschalteten Traueranzeige für Andreas Salmen († 13.2.1992) heißt es

Andreas war derjenige, der die us-amerikanische ACT UP – Idee aufgegriffen und auf unsere Verhältnisse übertragen hat.

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ACT UP – die (west-) deutsche Seite

Politischer Aids-Aktivismus, auch unter dem Label ACT UP, entstand in Deutschland vor dem Hintergrund von Wut, Verzweiflung, Angst.

Wut, z.B. über ignorante Medien (die sich weigerten, in einer Traueranzeige für den an Aids verstorbenen Schwulen-Aktivisten Jean-Claude Letist das Wort „schwul“ zu verwenden). Wut über Unternehmen die mit HIV-Tests versuchten, HIV-positive Bewerber auszusondern. Wut über Politiker, die „schwule Infrastruktur zerschlagen“ wollten. Wut über Medien und Journalisten, die agitierten, hetzten, Panik schürten – auf unserem Rücken.

Verzweiflung angesichts der ständig steigenden Zahlen an Infektionen, auch im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis. Verzweiflung über die Hilflosigkeit. Verzweiflung über die letztliche Aussichtslosigkeit jeglicher Bemühungen.

Angst, jetzt zerstören „sie“ das an schwulen Szenen, was unsere Vorgänger und wir mühsam aufgebaut haben. Angst errungene Freiheiten einem Virus und der Panik davor opfern zu müssen. Angst davor, bald bist du selbst an der Reihe.

Aktionen wie in Köln am 5. Mai 1988  beim Besuch von Peter Gauweiler (siehe Erinnerungen ACT UP Köln) – wären wohl, hätten wir ACT UP damals bereits gekannt, die Bedeutung der ‚Marke‘ erkannt, eine reife und große ACT UP Aktion gewesen. Wir kannten ACT UP damals noch nicht – was Wirkung und Qualität der Aktion nicht schmälert. Aber vielleicht darauf hinweisen mag, dass es auch in (West-) Deutschland früh Formen des (auch militanten) Aids-Aktivismus gab. Einen Drang zum Handeln, der dann in ACT UP seinen Fokuspunkt fand.

Eine Betrachtung von ACT UP isoliert von anderen (auch zeitlich teilweise vorangegangenen) Formen des (politischen) Aids-Aktivismus gibt also ein verzerrtes Bild – oder umgekehrt: politischen Aids-Aktivismus in (West-) Deutschland einzig aus dem Blickwinkel ACT UP zu betrachten wäre eine verengte Perspektive.

ACT UP Graffiti an einem Teil der Berliner Mauer (aufgenommen 2008 im 'Newseum, USA, Foto: Queerbubbles)
ACT UP Graffiti an einem Teil der Berliner Mauer (aufgenommen 2008 im ‚Newseum, USA, Foto: Queerbubbles, Lizenz cc by-sa 3.0)

A section of the Berlin Wall with Graffiti regarding Act Up. Taken at the Newseum in DC.QueerbubblesCC BY-SA 3.0

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Unterschiedliche Situationen

Einige der ‚großen‘ Aktionen, meist von mehreren oder allen westdeutschen ACT UP – Gruppen ge­meinsam geplant und durchgeführt, basieren auf Aktionen in den USA, so der ‚Marlboro-Boykott‘ (der mit dem Protest gegen die Unterstützung des rechtsgerichteten US-Politikers Jesse Helms zudem ein stark US-lastiges Thema hatte), sowie die wohl größte Aktion der westdeutschen ACT UP Gruppen, ‚Stoppt die Kirche‘ im Dom zu Fulda

Passten diese Aktionen überhaupt hierher, nach Deutschland? Verstand irgend jemand, worum es geht? Fühlen sich Menschen hier persönlich betroffen, berührt von dem Thema?
Lange und intensiv diskutierten wir (nicht nur bei diesen beiden Aktionen) die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen in USA und West-Deutschland,  und die unterschiedliche Aids-Situation. Die politische Ignoranz dem Thema Aids gegenüber war mit Politikern wie Ronald Reagan in den USA wesentlich ausgeprägter als hierzulande. Und die Strukturen des Gesundheitssystems sicherten hier anders als in den USA (fast) jeder/medizinische Versorgung. Eine unreflektierte Übernahme von Aktionen verbat sich also von selbst, hätte deren Erfolgsaussichten von vornhinein sabotiert.

Beide Aktionen (um bei den beiden Beispielen zu bleiben) hatten auch immer Nähe zur Situation hier. Viele Schwule, auch viele Positive, waren viel und gerne in die USA gereist. Dass sie es nun, so sie HIV-positiv waren, nicht mehr durften, und dass der Politiker, der für dieses Verbot gesorgt hatte, intensiv von einem Zigaretten-Hersteller finanziell unterstützt wurde – das ging sie sehr wohl etwas an, das betraf sie.
Die Kir­che war (und ist) auch in Deutschland einer der Haupt-Träger zahlreicher Pflegeeinrichtungen und Kranken­häuser, Einrichtungen in denen auch viele HIV-Positive und Aids-Kranke waren. Wenn Bischöfe von Aids als der Strafe Gottes fabulierten, schwulen Sex verurteilten, jegliche Pflege und Unterstützung von einem „na aber auf persönlicher Ebene helfen wir trotz aller Ablehnung“ vergiftet schien – dann verstandene viele sofort, dass die Haltung der Kirche zu HIV und Aids sie, ob selbst gläubig oder nicht, sehr wohl ganz konkret etwas anging.

Andere Aktionen waren genuin aus deutschen Problemen heraus entstanden, so z.B. Proteste gegen die Airline Lufthansa (Diskriminierung HIV-Positiver bei der Einstellung) oder die über mehrere Jahre stattfindenden Aktionen, um HIV-Positiven und Aids-Kranken Zutritt zu und Gehör auf Deutschen Aids-Kongressen zu verschaffen.

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Austausch – mit den USA, mit anderen ACT UP Gruppen

Keine ACT UP Gruppe agierte isoliert ‚vor sich hin‘. Regelmäßiger Austausch unter einander war üblich.

Wir waren in Austausch mit US- ACT UP Aktivisten. Einige von uns hatten viele persönliche Kontakte, andere keine, lasen aber aktuelle ACT UP – nahe Literatur aus den USA. Wieder andere scherten sich nicht um US-Entwicklungen und -Debatten.

Und wir hatten praktischen Austausch mit den USA, wenn auch nur sporadisch. Besonders intensiv im Rahmen des Trainings in Gewaltfreiheit („non-violent action“) im Waldschlößchen (durch Paula aus den USA).

Viel wichtiger als der Austausch mit den USA, mit US-Aktivisten [1] aber war meiner Erinnerung nach im konkreten Leben der Gruppen, in unseren Aktionen und Debatten der Austausch unter einander, zwischen den ACT UP Gruppen in (West-) Deutschland – weswegen wir uns oft und intensiv (immer mehrtägig) trafen.

Bereichernd hinzu kam der Austausch mit anderen europäischen Gruppen auf den ACT UP Europe Treffen, besonders um zu erstehen welche unterschiedlichen Situationen und Rahmenbedingungen auch in Europa bestehen, wie sie sich auf unsere Aktionen auswirken.

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Salmen, A.: (Hg.) ACT UP Feuer unterm Arsch. Die AIDS-Aktionsgruppen in Deutschland und den USA. Deutsche AIDS-Hilfe, Berlin 1991 (AIDS-Forum DAH Sonderband, pdf)
Ulrich Würdemann / ondamaris 13.02.2009: Andreas Salmen

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[1] Intensiver und für unsere Arbeit wichtiger wurde der Austausch mit US-Aktivisten meiner Erinnerung nach erst, als sich (nicht nur) mein Aktivismus-Schwerpunkt vom (politischen) Aids-Aktivismus zum Therapie-Aktivismus verschob.

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ACT UP Erinnerungen:
1. Entstehung von ACT UP
2. ACT UP in Deutschland
3. ACT UP Köln
4. ACT UP Deutschland und die USA
5. ACT UP Proteste im Dom zu Fulda
6. Das Ende von ACT UP in Deutschland
7. nach ACT UP – was bleibt?

Diese kleine Mini-Serie bildet nur meine persönlichen Erinnerungen an meine ACT UP Zeit ab. Ich freue mich sehr über Anmerkungen, Korrekturen, Ergänzungen – ob per Kommentar oder persönlicher Nachricht!

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10 Antworten auf „ACT UP Deutschland und die USA – Ullis ACT UP Erinnerungen 4“

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