ACT UP und Gewaltfreiheit

ACT UP und Gewaltfreiheit – Am 30. November 2017 startet in Deutschland der Film 120 BPM (Robin Campillo) über ACT UP Paris in den Kinos. Gleich die Eingangs-Szene thematisert das Verhältnis von ACT UP Paris und Gewaltfreiheit – und weist indirekt auf deutliche Unterschiede hin zwischen der Pariser ACT UP Gruppe und ACT UP in Deutschland, aber auch den USA.

Eine ‚Blutbombe‘, Handschellen, Fixierung – bei der ACT UP Aktion, mit der der Film 120 BPM beginnt, geht es handfest zur Sache. Doch wie stand es in der Realität des Aids-Aktivismus um ACT UP und Gewaltfreiheit ?

Gewaltfreiheit und Protest – nonviolent direct action

Die Aids-Aktionsgruppen ACT UP waren von Beginn an Gruppen der nonviolent direct action. ACT UP bedeutete gewaltfreie Aktionen des zivilen Ungehorsams.

Gewaltfreiheit war eines unserer Prinzipien. Von Beginn an war Gewaltfreiheit Kernbestandteil der Identität von ACT UP.

Gewaltfreiheit war uns [ich war damals selbst ACT UP Aktivist] so wichtig, dass wir sie trainierten. Die ACT UP Gruppen in Deutschland holten sich hierfür sogar eine Trainerin aus den USA, die auch ACT UP Gruppen in den USA trainierte. Im Waldschlößchen übten wir ein ganzes Wochenende den Umgang in Sachen Gewaltfreiheit. Und zwar in beide Richtungen: sowohl mit uns in Aktionen von aussen begegnender Gewalt (z.B. durch Polizei, Kirchenbesucher, …), als auch der eigenen Gewalt in uns und wie wir mit ihr umgehen.

Die Frage der Gewaltfreiheit war nicht nur ein Kern des Selbstverständnisses von ACT UP, sondern auch eine Basis für unseren damaligen Erfolg.

ACT UP und der (demagogische) Gewalt-Vorwurf

ACT UP sei eine ‚gewalttätige‘ Gruppierung, wurde allerdings gelegentlich von interessierter Seite fälschlicherweise behauptet. In Umkehrung unseres auch nach außen stets formulierten Anspruches der Gewaltfreiheit wurde der Name ACT UP dabei manchmal bewusst irreführend übersetzt z.B. als ‚Koalition um Gewalt freizusetzen‘ (statt Koalition um Kraft freizusetzen; siehe auch ‚Entstehung von ACT UP‚).

Diese demagogische Formulierung sollte ein Bild zeichnen, auf das auch Bischof Dyba vielleicht nicht nur unbewusst zurückgriff, als er nach der ACT UP Aktion im Dom zu Fulda 1991 von ‚randalierenden Positiven‚ sprach.

Diese falschen Vorwürfe waren ein weiterer Grund, dass ACT UP in Deutschland wie auch den USA sehr darauf bedacht war, Aktionen gewaltfrei zu planen und durchzuführen.

Pharma-Stände und ein stumpfes Schwert

Eine Form der Gewalt, die bei ACT UP und später anderen (Therapie-) Aktivisten zeitweise (je nach Gruppe und Land in unterschiedlichem Umfang) allerdings angewendet wurde, war die Zerstörung von Messe-Ständen pharmazeutischer Unternehmen, die aus Sicht von ACT UP die Interessen und Bedürfnisse von Menschen mit HIV und Aids besonders mißachtet hatten.

Schon bald allerdings war dieses Schwert abgestumpft: Pharmafirmen hatten teilweise die Bauweise ihrer Stände angepasst. Schnell gab es Anweisungen wie sich das Standpersonal zu verhalten habe (meist: Rückzug vom Stand, nur Rechner und wertvolles Material sichern). Bald begann ein Aids-Kongress kaum ohne die erwartungsvollen Worte ‚und welchen Stand demoliert ACT UP diesesmal, und wann?‘.

Eine zu Beginn möglicherweise wirksame Aktion war schnell zum Ritual, fast zum Entertainment geworden, abgefeiert und erwartbar, vom Aktions-Ziel (dem jeweiligen Pharma-Unternehmen) längst eingeplant und als Kostenfaktor in den Medikamentenpreis eingepreist.

Exkurs: Begrifflichkeiten – Aktivist oder militant

Aber im Französischen werden doch die Leute von ACT UP als ‚militant‚ bezeichnet, auch im Film 120 BPM (s.u.) wird von ‚militants‚ gesprochen?

Militant – in der deutschen Sprache wird diese Bezeichnung mit aggressivem Auftreten und Gewaltbereitschaft assoziiert. In der französischen Sprache hingegen bedeutet ‚militant‚ neutraler das engagierte Auftreten eines Aktivisten für ’seine‘ Sache. Ein ‚militant‚ als Substantiv ist im Französciehn schlicht – ein Aktivist, zunächst ohne definitorische Konnotation von Gewalt.

Militanz und Gewalt sind nicht automatisch gleichzusetzen, auch nicht in der Verwendung des Begriffs ‚militant‘ in der deutschen Sprache. Von einer ‚kämpferischen Grundhaltung‘ hingegen kann wohl auch bei ACT UP ausgegangen werden – wenn dies ‚engagiertes Eintreten für eigene Belange‘ meint.

Auch ACT UP setzte den eigenen Körper ein, bei Straßenaktionen und Demonstrationen, bei Blockaden und besonders bei den Die Ins. Den eigenen Kröper als Mittel politischer Aktion einsetzen, ihn einem Risiko aussetzen – auch dies war Ausdruck einer kämpferischen Grundhaltung.

Die Anwendung personaler Gewalt, sei es in Konzepten und Strategien, sei es als Inszenierung, sei es als reale Gewaltpraktik, markiert hingegen den Unterschied.

Auch Corinna Gekeler, damals selbst ACT UP Aktivistin, erinnert sich 2017 „die Aktionen waren nie gewalttätig, die Forderungen und Ausdrucksmittel allerdings radikal.“

ACT UP und Gewaltfreiheit – warum 2017 diese Gedanken?

Robin Campillos Film 120 BPM startete am 30. November 2017 in Deutschland in den Kinos (nach der Weltpremiere am 20. Mai 2017 Cannes; der Film ist Nominierungskandidat von Frankreich für den Oscar 2018 als bester ausländischer Film). Der Film beginnt mit einer Aktion von ACT UP Paris, die indirekt auch die Frage von Gewalt und Gewaltfreiheit thematisiert:

Ein Vortrag des Vorsitzenden der ‚AFLS‘ wird gestört, ACT UP Paris wendet sich stattdessen selbst an die Zuhörer. Ein Aktivist wirft aus dem Hintergrund ein mit rot gefärbtem Wasser gefülltes Kondom (sog. ‚Blutbombe‘), der AFLS-Vorsitzende wird getroffen, ist von roter Flüssigkeit überströmt. Aktivisten drängen ihn ab. Fesseln ihn mit Handschellen am Bühnenhintergrund.

Später zeigt der Film eines der wöchentlichen Meetings von ACT UP Paris, auf dem diskutiert wird, ob diese Aktion gelungen sei oder nicht. Kriterium dieser Debatte ist im Film die Frage des Nutzens bzw. der Zweckmäßigkeit für das Image von ACT UP Paris. Die Frage des Selbstverständnisses, ACT UP als Gruppe der gewaltfreien Aktion wird nicht behandelt.

Robin Campillo, Regisseur von '120 BPM', bei einer Diskussion in Berlin Anfang November 2017
Robin Campillo, Regisseur von ‚120 BPM‘, bei einer Diskussion in Berlin Anfang November 2017

Die Szene im Film, die eine ‚Blutbombe‘ und anschließendes Abdrängen des AFLS-Chefs und sein Fesseln mit Handschellen darstellt, ist so nicht real geschehen. Sie basiert aber auf realen Gegebenheiten (z.B. Aktionen gegen Pharma-Firmen), die dramaturgisch zu einer einzigen Film-Aktion verdichtet wurden.

Solche ‚Blutbomben‘ setzte ACT UP Paris auch später ein, so noch im August 2013 gegen ein Gebäude, in dem die Präsidentin der (Homogegner-) LMPT beschäftigt war.

Robin Campillo, Regisseur und Drehbuch-Autor des Films ‚120 BPM‘, war ab April 1992 selbst aktiv bei ACT UP Paris. Campillo berichtete am Rande einer Diskussion in Berlin am 13. November 2017, ACT UP Paris habe auch bei der Welt-Aids-Konferenz in Berlin 1993 ähnliche ‚Blutbomben‘- Aktionen auch gegen Personen durchführen wollen. Die Gruppe sei aber zu seinem Erstaunen während der Vorbereitungstreffen in Berlin von ACT UP New York und deutschen ACT UP Gruppen daran gehindert worden.

Gewaltfreiheit in der politischen Aktion – eine auch heute aktuelle Frage

Die Frage der Gewaltfreiheit war zental für ACT UP, und für das Selbstverständnis von ACT UP. Der Film macht dies m. E. leider in der Darstellung und späteren Thematisierung der ‚Blutbomben-Aktion‘ nicht  nachvollziehbar.

Versteht ein  120 BPM – Zuschauer über die Ebene „das macht man doch nicht“ hinaus, warum diese Aktion der ‚Blutbombe‘ anschließend so kontrovers diskutiert wurde? Und welche Bedeutung Gewaltfreiheit für ACT UP hatte?

Die Frage scheint mir nicht ganz unbedeutend. Oft wird (gerade in Deutschland, anders als in Frankreich) der Film 120 BPM auch im Sinne einer Dokumentation der damaligen Situation und Verhältnisse wahrgenommen. Und als Beschriebung von ACT UP generell. So besteht das Risiko, dass ein Bild von ACT UP, eine Erinnerung verändert wird. Beim Thema Gewaltfreiheit in einer von der damaligen Realität der ACT UP Gruppen in Deutschland und den USA abweichenden Weise.

Doch der Film 120 BPM ist keine Dokumentation, ist kein Dokudrama – sondern ein Spielfilm. Ein Spielfilm angelehnt an damalige Realitäten. Ein Spielfilm über ACT UP Paris, nicht generell über ACT UP.

Robin Campillo, Regisseur von 120 BPM, bemerkte dazu „Dieser Film zeigt die Wirklichkeit, wie wir sie in unserem Gedächtnis behalten haben. Mir fiel es viel leichter, diese Erinnerungen als Ausgangsmaterial zu verwenden.“

120 BPM macht so indirekt deutlich, wie anders ACT UP Paris (nicht nur) in der Frage des Einsatzes von Gewalt verglichen mit anderen ACT UP Gruppen war.

Angesichts heutiger Debatten um das Thema Gewalt und  Gewaltfreiheit bei Protest-Aktionen (vgl. z.B. G20-Gipfel in Hamburg) erscheint zudem eine Betrachtung des Themas nonviolent direct action und Gewaltfreiheit, z.B. am Beispiel von ACT UP, auch heute lohnenswert …

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zu ACT UP siehe auch: Ulrich Würdemann: Schweigen = Tod, Aktion = Leben – ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993

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