Piano Zinc 1981 – 1998

Zuletzt aktualisiert am 21. Dezember 2018 um 18:15

Das Piano Zinc in Paris (1981 bis 1998) war mehr als ’nur‘ Bar und Ort des Chansons – es war bald Legende, Treffpunkt schwuler Aktivisten und auch Ort der frühen Unterstützung für Aids-Aktivismus.

Im Juni 1981 eröffnet der aus Pirmasens stammende Architekt Jürgen Pletsch in der rue des Blancs-Manteaux Nr. 49 im 4. Arrondissement von Paris eine ‚Cabaret-Bar‘, das ‚Piano Zinc‘. Sie wird  bald überwiegend von Schwulen besucht.

Als junger Architekt hatte er in den Cabarets des Greenwich Village gesungen, die Stücke von Brecht, Weill, Hollaender für sich entdeckt.

Piano Zinc - 13jähriges Bestehen 1994 (Foto (c) Ludo Bouchet)
Piano Zinc – 13jähriges Bestehen 1994 (Foto (c) Ludo Bouchet)

Das Programm: viele Konzerte, französische Chansons, Avantgarde, Alternatives – Jürgen schafft mit dem Piano Zinc immer wieder eine eigenwillige hybride Mischung.

In den 1980er Jahren bewahrt Jürgen, Moderator bei Radio France, – rings herum kommerzialisiert sich die Szene in Paris zunehmend – den für französische Schwulenbars bald eher untypischen Charakter seiner Bar. Der Gai Pied – Gründer Jean Le Bitoux war hier oft anzutreffen, ebenso wie Yves Navarre.

Jürgen Pletsch, Piano Zinc 1990er Jahre (Foto (c) Ludo Bouchet)
Jürgen Pletsch, Piano Zinc 1990er Jahre (Foto (c) Ludo Bouchet)

Und Jürgen schafft damit einen einzigartigen Ort, der zum Mythos wird:

En 1981, j’aurai pu décider de faire du fric comme les copains en ouvrant un bar où tu éteins la lumière dans un coin et tu devines la suite. Mais j’étais complètement à contre-courant, et si je suis toujours là, c’est bien pour ça, j’ai fait ce que j’aimais.
(„Ich hätte mich 1981 dazu entscheiden können Geld zu machen, mit dem Eröffnen einer Bar, in der du in einer Ecke das Licht ausschaltest, das Ergebnis kannst du erraten. Aber ich schwamm völlig gegen den Strom, und wenn ich heute noch da bin, ist es weil ich das tat was ich liebe.“
(Jürgen Pletsch, in: Gai Pied Nr. 317, 1987)

1982 wird im Piano Zinc auf Initiative von Jürgen Pletsch sowie Gérard Vaperau der Chor Chœurs Accord gegründet, aus dem 1985 die Caramels Fous hervorgehen. Im ‚Piano Zinc‘ entsteht Ende der 1980er Jahren die von Jean-Philippe Maran geschaffene Kunstfigur Charlène Duval. Denis D’Arcangelo hat hier sehr früh Auftritte. Pierre Lamome (1934 – 1988) tritt hier unter dem Künstlernamen Pierrot auf. Terry Truck und Georgette Dee lernen hier 1995 Mouron kennen und holen sie nach Deutschland.

Das Piano Zinc wurde 1998 geschlossen. Im April 1999 eröffnete hier nach Umbau das mehr auch auf heterosexuelle Kunden orientierte ‚Le Swettys Café‘ mit einem an das ‚Piano Zinc‘ anlehnenden Konzept, konnte sich jedoch nicht lange halten.

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Piano Zinc – auch Anlaufstelle für Aids-Aktivismus

Das ‚Piano Zinc‘ und Wirt Jürgen engagieren sich bereits frühzeitig in der Aids-Bekämpfung. Ab 1985 ist das Piano Zinc die erste schwule Bar in Frankreich, in der Kondome und Aids-Präventionsmaterialien verteilt werden. Den Anfang machen am 10. März 1985 Daniel Defert, Partner des 1984 an den Folgen von Aids verstorbene Michel Foucault und Gründer der französischen Aidshilfe Aides (1) sowie der Journalisten Frédéric Edelmann und der Mediziner Jean-Florian Mettetal (1952 – 1992) – mit dem Verteilen von Kondomen.

Jürgen selbst unterstützt zu Beginn der 1990er Jahre immer wieder ACT UP, oft waren wir nach Treffen bei Jürgen, diskutierten uns die Köpfe heiß.

1996 entscheiden die aus dem Piano Zinc heraus entstandene Gruppe ‚Les Caramels fous‚, sowie Equivox und Mélo’Men (zusammen, so Jürgen, les trois piliers chantants de la communauté gaie et lesbienne parisienne) erstmals gemeinsam aufzutreten, zugunsten von Aids-Organisationen – die noch mindestens bis 2016 existierende Veranstaltung ‚Des Voix contre le sida‚ wird geboren.

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Wie oft war ich damals Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre im Piano Zinc. Genoss die entspannte, völlig unaufgeregte Atmosphäre. Freute mich zu ACT UP – Zeiten über Jürgens (für die damalige Szene in Paris so untypische) Unterstützung und Aufmunterung für unsere Aktionen.

Das Piano Zinc konnte ein ‚Wohnzimmer‘ sein, wo ringsum nahezu alle Bars zunehmend kommerzieller wurden. Es war ein Ort redseliger Begegnungen, des Treffens mit spannenden, ungewöhnlichen Menschen, ein Ort des Singens und Hörens, ein Ort des Cruisens, Lachens, ein sehr warmer Ort.

Und das Pianio Zinc war auch ein Ort vieler trauriger Momente – die Bar vieler ‚wirklich der letzte‘ Absacker mit Syriac, wenn wir nicht wussten, ob wir uns gegenseitig trösten, hoffnungslos besaufen oder einfach nur nicht weinen wollten. Damals, in der Zeit mit Jean-Philippe …

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(1) Frédéric Martel: The Pink and the Black: Homosexuals in France since 1968. Le Seuil 1996 (S. 4; S. 225)

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Danke an Ludo Bouchet und Jürgen Pletsch für die Photos!

6 Antworten auf „Piano Zinc 1981 – 1998“

  1. Nun sitze ich vor meinem Computer und versuche – „avant que ça passe à la trappe“ – meine Memoiren und die Geschichte des Piano Zinc Paris auf Papier zu kriegen.
    Bei meinen Recherchen fand Ich auch „2 Mecs“ (Why on earth didn’t I read all of this earlier)
    Fand Eure Pino Zinc Beobachtungen prima und würde mich freuen mit Euch Kontakt aufzunehmen
    Herzlichen Gruß
    Jurgen

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