30 Jahre AZT

Am 20. März 1987 erteilte die US-amerikansiche Food and Drug Administration (FDA) in den USA die Marktzulassung von AZT für die Behandlung der HIV-Infektion. Am 29. April 1987 folgte die Zulassung in Deutschland.

Für das Magazin der Deutschen Aids-Hilfe habe ich an die Situation damals in einem Gespräch mit Axel Schock erinnert.

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Als vor 30 Jahren die US-Arzneimittelbehörde FDA die Marktzulassung für das Arzneimittel AZT erteilt, gab es erstmals ein vielversprechendes Medikament, das die Vermehrung von HIV verhindern konnte. Doch die Hoffnungen wurden zunächst jäh enttäuscht. AZT warf nicht nur ethische Fragen auf, sondern löste auch weltweite Proteste aus. Der Hamburger Aktivist und Blogger Ulli Würdemann erinnert sich.

Als vor 30 Jahren die US-Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung von AZT zur HIV-Behandlung erteilte, ermöglichte es das Bundesgesundheitsamt, dass das Medikament auch in Deutschland ungewöhnlich schnell verfügbar wurde. Welche Hoffnungen hatte dies innerhalb der HIV-Community, bei deinen Freunden bzw. bei dir selbst ausgelöst?
Vor AZT gab es ja jahrelang – nichts. Zumindest nichts, was wirklich gegen HIV wirkte, was unser Leben verlängern konnte. Wer damals die Diagnose HIV-positiv bekam, und oft war das ja erst, wenn auch schon Aids-Symptome vorhanden waren, der wusste sicher: Du hast nicht mehr lange, und es gibt nichts, was man dagegen tun kann.
Wir haben also auf dieses erste Medikament lange gewartet, und als es verfügbar war, wirklich große Hoffnungen damit verbunden.

Diese Hoffnungen aber haben sich in diesem Maße nicht erfüllt.
Richtig, AZT wirkte zwar, aber meist nur für wenige Wochen oder Monate. Man darf heute in Zeiten hochwirksamer Kombi-Therapien nicht vergessen: Es gab damals zunächst ja nur AZT. Das neue Medikament wurde also alleine, als Mono-Therapie eingesetzt. Entsprechend schnell gab es meist Resistenzen. So hielt die Wirkung nicht lange an. AZT führte faktisch meist ‚nur‘ zu einer Lebensverlängerung von wenigen Wochen oder Monaten.

Hinzu kamen die bisweilen unerträglichen Nebenwirkungen, weil das Medikament zunächst zu hoch dosiert worden war.
Es waren nicht allein die Nebenwirkungen, die Probleme bereiteten. AZT war lange nicht so ‚bequem‘ einzunehmen wie heutige Medikamente. Sie mussten strikt alle vier Stunden genau nach Plan genommen werden. Ältere Positive werden sich sicherlich noch an die Pillenwecker erinnern, die es vom Hersteller damals ‚großzügig‘ dazu gab: kleine weiße Kunststoff-Schachteln mit eingebautem Wecker, der alle vier Stunden piepste – auch nachts – und daran erinnerte, dass es wieder Zeit war, die Pillen zu nehmen.
Aber du hast Recht, viel schlimmer waren natürlich die Nebenwirkungen.

Pillenwecker wie in der 'frühen AZT Zeit' gebräuchlich
Pillenwecker wie in der ‚frühen AZT Zeit‘ gebräuchlich

Wie haben die sich gezeigt?
Viele, die damals AZT nahmen, kotzten sich die Seele aus dem Leib. Sie hatten Schüttelfrost und gleichzeitig hohes Fieber. Schlimm war zudem diese unendlich große Müdigkeit und Kraftlosigkeit. Man hatte überhaupt keine Energie mehr.
Das führte bei vielen zu dem Eindruck, dass es ihnen (oder ihren Freunden, bei denen sie das erlebten) mit AZT noch schlechter ging, als vorher ohne Medikament.Ich habe das damals selbst im Freundeskreis erlebt. Man hatte manches Mal das Gefühl: ‚Der stirbt jetzt nicht an Aids, der stirbt schon vorher an AZT‘.

Die Patient_innen standen vor der Entscheidung, sie zu ertragen – und so vielleicht ihr Leben zu verlängern. Oder das Medikament wieder abzusetzen – und damit möglicherweise die einzige medizinische Chance auszuschlagen. Wie sind die Menschen mit diesem Dilemma umgegangen?
Die Gerüchte über massive Nebenwirkungen verbreiteten sich unter den HIV-Positiven sehr rasch. So groß die Hoffnung war, so schnell war sie für viele wieder verflogen. Viele wollten diese Pillen deshalb auch nicht mehr nehmen. Wenn man erlebt hatte, wie schlecht es vielen Positiven mit AZT damals ging, konnte man diese Haltung gut verstehen. Ich selbst habe mich damals zunächst ebenfalls dagegen entschieden, AZT zu nehmen.
AZT nehmen oder nicht, das war oft keine leichte Entscheidung. Wie sollten wir abwägen zwischen dem Fünkchen Hoffnung, einige Wochen länger zu leben, und der Aussicht auf diese Qualen? War es das wert? Wie viel wert ist ‚eventuell ein wenig länger leben‘ – wenn das heißt, dass du nur noch mehr kotzt, fieberst, leidest? Viele Freunde und Partner verstanden dieses Ringen, die mögliche Entscheidung gegen ‚die erste große Hoffnung‘ nicht. Wie kann man so eine Chance ausschlagen? Und besonders bei Ärzten, selbst sehr ‚Community-nahen‘ Ärzten, hab ich viel Unverständnis und manchmal Verzweiflung erlebt, wenn Positive sagten, ‚nein – das nehme ich nicht‘.

AZT/Retrovir galt seinerzeit als das teuerste verschreibungspflichtige Medikament. In den USA wurden die Kosten dafür von den Versicherungen meist nicht übernommen, die Behandlung war daher von vielen kaum zu finanzieren.
Als AZT als Medikament auf den Markt kam, verlangte der Hersteller dafür etwa 10.000 US-Dollar – pro Patient (und Jahr). Die Hersteller müssen sich damals dumm und dusselig verdient haben an diesem Medikament. Denn erforscht worden war AZT ja zunächst größtenteils von staatlichen Stellen in den USA wie dem National Institutes of Health (NIH) und der Duke University in Durham. Den Profit aber sackten andere ein …
In Deutschland, wo zugelassene Medikamente von der Krankenversicherung bezahlt werden, stellte dieser als monströs empfundene Preis für den einzelnen Patienten (im Gegensatz zur Krankenversicherung) kein so großes Problem dar – wohl aber z.B. in den USA, wo viele Positive nicht oder schlecht krankenversichert waren. Konkret hieß das: Es gab etwas, das wirken konnte, das Hoffnung war – aber es war so teuer, dass man es sich nicht leisten konnte.

Die Ohnmacht, Todesangst und Wut der von HIV und Aids betroffenen Menschen hat auch viel Energie und Widerstand ausgelöst. Wie wurde auf die Preispolitik des AZT-Herstellers Burroughs Wellcome reagiert?
In den USA gab es bereits 1989 erste Proteste von Aids-Aktivisten. Am 14. September drangen ACT-UP-Mitglieder in die New Yorker Börse ein, störten den Börsenverkehr und protestierten, u.a. mit Transparenten wie „Sell Wellcome“ und durch Anketten an den VIP-Balkon, gegen die Preispolitik des Pharmakonzerns. Die Proteste führten schließlich immerhin zu einer Senkung des AZT-Preises in den USA um 20 Prozent.
In Deutschland und Europa griff ACT UP das Thema AZT-Preis ebenfalls auf. Auf dem 3. Deutschen Aids-Kongress 1990 in Hamburg zum Beispiel – dem ersten, auf dem wir als Positive, damals noch uneingeladen, präsent waren – protestierten wir mit einer „Geldsack“- Aktion gegen den hohen AZT-Preis. Wir waren ungeheuer wütend, dass andere sich auch noch an unserem Leiden und Sterben bereicherten.
Und man darf nicht vergessen: Genau zu der Zeit, als mit AZT erstmals ein Medikament verfügbar wurde und es trotz aller Probleme Grund zu vorsichtiger Hoffnung gab, schwadronierten Politiker und ‚Berater‘ darüber, dass eine lebensverlängernde Therapie, bei der die Betroffenen nicht mehr (schnell) sterben, „das Aids-Problem der Bevölkerung vergrößern“ würde. Was uns retten kann, wird also als eine Gefahr für die Bevölkerung bezeichnet? Mir wird heute noch ganz anders, wenn ich mich an diese Formulierungen erinnere. Damals vergrößerten solche Äußerungen unsere Wut nur noch.

Erst 1994 mit der Veröffentlichung der Concorde-Studie war belegt, dass man AZT viel zu hoch dosiert hatte – mit zum Teil tödlichen Folgen für die Patient_innen. Wie betrachtest du heute die damalige Entscheidung des FDA und des Bundesgesundheitsamtes, AZT auch ohne vorherige Langzeitstudie freizugeben?
Jahrelang hatten wir HIV und gegen Aids absolut nichts. Aids bedeutete den sicheren und meist baldigen Tod. Ich halte die damalige, für viele der im Bundesgesundheitsamt Zuständigen sicher mutige Entscheidung auch heute noch für richtig. Viele von uns gingen eh davon aus, dass sie bald sterben müssten. In dieser Situation ist jeder Strohhalm, der mit gewisser Berechtigung Hoffnung bietet, meines Erachtens den Versuch wert, solange jede/r Einzelne frei seine eigene Entscheidung treffen kann. Es ist eine Chance – mit der Hoffnung auf Hilfe und dem Risiko des Scheiterns.
Ich habe diese Position auch später vertreten, z.B. als es bei dem Arzneistoff ddI eine ähnliche Situation gab.

Dass das Medikament noch vor einer abschließenden Prüfung verordnet werden konnte, war damals eine außergewöhnliche Entscheidung.
Die Forderung, Substanzen für diejenigen die sie lebensnotwendig benötigen schneller verfügbar zu machen, hat ACT UP damals in Europa wie in den USA vertreten und dazu Werkzeuge wie „expanded access“, „accelerated approval“ und „parallel track“ mitgestaltet. Auch die Community-Beteiligung in der klinischen Aidsforschung und die Community-Beteiligung bei Aids-Kongressen ist aus diesen Erfahrungen entstanden.
Heute, in Zeiten breit verfügbarer gut verträglicher und vor allem hoch wirksamer Medikamente gegen HIV stellt sich die Frage nach frühzeitiger Verfügbarkeit neuer Substanzen eigentlich kaum noch, und wenn dann völlig anders. Bei anderen lebensbedrohliche Erkrankungen, für die es bislang keine oder nur wenige Medikamente gibt, dürfte sich die Situation ähnlich darstellen, wie damals mit AZT.

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Text erstveröffentlicht am 20. März 2017 im Magazin der Deutschen Aids-Hilfe

11 Antworten auf „30 Jahre AZT“

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