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Die Pont de pierre von Bordeaux

Zuletzt aktualisiert am 1. Oktober 2020 von Ulrich Würdemann

Die ‘pont de pierre’, die ‘steinerne Brücke’, ist die älteste Brücke über die Garonne in Bordeaux, gebaut von 1819 bis 1821. Am 30. April 1822 wurde sie eingeweiht – und bis 1965 (Errichtung der pont St. Jean) war sie die einzige Garonne-Straßenbrücke in Bordeaux. Seit 1. August 2017 ist die Segmentbogenbrücke nur für Fußgänger, Radfahrer und ÖPNV geöffnet und für PKW gesperrt.

Bordeaux pont de Pierre (gesehen vom Flèche Saint Michel)
Bordeaux pont de Pierre (gesehen vom Flèche Saint Michel)

Die Baugeschichte der Pont de pierre in Bordeaux

Napoleon I. ordnet mit Dekret vom 26. Juni 1810 an, in Bordeaux eine Brücke über die Garonne zu bauen. Die zunächst geplante Holz-Konstruktion erweist sich schon bald (bei einem Hochwassser Ende 1813) als nicht stabil genug. Mit dem Sturz Napoleons werden 1814 die Arbeiten eingestellt.

Pierre Balguerie-Stuttenberg (1778 – 1825), ein sehr wohlhabender Bordelaiser Kaufmann und Reeder, gründet am 18. April 1818 gemeinsam mit weiteren Bürgern Bordeaux die ‘Compagnie du pont de Bordeaux‘, die die erforderlichen Mittel für den Weiterbau bereitstellen will – gegen das Recht, einen Brücken-Zoll zu erheben. Schon im Jahr 1819 wird der Bau bei der Straßenbau-Behörde (Ponts et Chaussées) beantragt.

Das Vorhaben der privaten Finanzierung gegen Brückenzoll wird von der Regierung unter der Auflage einer Fertigstellung innerhalb von drei Jahren akzeptiert. 1821 wird die Brücke, nunmehr ausgeführt in Stein, fertiggestellt. Am 1. Mai 1822 wird die (am Tag zuvor, 30. April 1822 eigeweihte) Brücke offiziell dem Verkehr übergeben. Sie bleibt bis 1863 mautpflichtig, als Pierre Castéja als Bürgermeister von Bordaux die Rechte zurückkauft.

Bereits 1860 sowie erneut in den 1950er Jahren wird die ‘steinerne Brücke’ verbreitert. 1941 war bereits beschlossen (ministerieller Beschluss vom 3. Dezember 1941), die Pont de pierre abzureißen und durch einen breiteren Neubau zu ersetzen – kriegsbedingt wird diese Planung nicht umgesetzt.

Ursprünglich war die Pont de pierre von Zugangs-Pavillons an den Ufern flankiert, die erst 1953 im Zuge der Verbreiterung des Brückenzugangs abgerissen wurden:

Bordeaux pont de Pierre, Modell eines der Pavillons
Bordeaux pont de Pierre, Modell eines der Pavillons aus dem 19. Jahrhundert

Seit 2003 fährt auch die neue Straßenbahn von Bordeaux über die Brücke. Zwei (vorherige PKW-) Fahrspuren wurden dafür reserviert.

2013 wird eine neue Straßenbrücke über die Garonne eingeweiht, die Pont Chaban-Delmas. Die Bauarbeiten für eine weitere Garonne-Brücke nach Entwürfen von Rem Koolhaas (pont Simone Veil) sollten 2017 beginnen.

Bordeaux, pont de pierre, nachts
Bordeaux, pont de pierre, nachts
Bordeaux, pont de pierre, nachts
Bordeaux, pont de pierre, nachts

pont de pierre – für PKW nach Pilotphase nun dauerhaft gesperrt

Ab 1. August 2017 wurde die pont de pierre im Rahmen eines Experiments für motorisierten Individualverkehr komplett gesperrt, zunächst testweise für 2 Monate. Zugänglich war sie nur für Fußgänger, Radfahrer, die Strassenbahn sowie Taxen und Busse.

Experiment in Bordeaux 2017: pont de pierre für MIV gesperrt
Experiment in Bordeaux 2017: pont de pierre für MIV gesperrt

Ende September 2017 entschied die Metropolregion, das Experiment bis zum 1. Januar 2018 zu verlängern. Als Grund wurden insbesondere die deutlich gestiegenen Nutzungszahlen durch Radfahrer und Fußgänger genannt, sowie die ‘spektakuläre Verbesserung’ der Luftqualität, insbesondere an der place Stalingrad.

Experiment in Bordeaux 2017: pont de pierre für MIV gesperrt
Experiment in Bordeaux 2017: pont de pierre für MIV gesperrt

2017 stieg die Nutzung des Fahrrads in Bordeaux um 12% (im Vergleich zum Vorjahr; Basis Messung mit Sensoren an 24 als strategisch erachteten Stellen). Auf der pont de pierre stieg die Zahl der täglichen Fahrradfahrten von 7.000 auf 9.000, an Spitzentagen über 10.000.

Zwar beklagen einige Händler auf der Bastide-Seite der Garonne Umsatzeinbußen, die sie auf die Sperrung der Brücke für PKWs zurückführen. Die Stadt schlug dennoch aufgrund des großen Erfolgs eine dauerhafte Sperrung vor. Am 22. Januar 2018 entschied das zuständige Gremium (comité de pilotage de Bordeaux-Métropole) bei nur zwei Gegenstimmen, das seit 1. August 2017 laufende Experiment zunächst bis Ende Juni 2018 zu verlängern.

Kurz vor der für den 5. Juli 2018 geplanten Entscheidung über die Zukunft des Verkehrs auf der Brücke demonstrierten am 30. Juni Radfahrer für die Beibehaltung der Sperrung für den motorisierten Verkehr. Hintergrund ist auch, dass nach der kurz zuvor angekündigten Verzögerung von 1 bis 3 Jahren beim Bau der neuen Garonne-Brücke pont Simone Veil in Bordeaux Rufe laut wurden, die pont de Pierre wieder für den motorisierten Verkehr zu öffnen.

Am 5. Juli 2018 gab Alain Juppé, Präsident der Metropole de Bordeaux, seine Entscheidung bekannt: die pont de Pierre bleibt dauerhaft für PKW gesperrt. Die Pilotphase geht damit in den Dauerbetrieb über.
Zudem soll eine Weiterentwicklung des öffentlichen Verkehrs der Region geprüft werden, in Diskussion ist u.a. eine Seilbahn, die beide Flußufer verbinden könnte.

Die Anwohner-Initiative Esprit Bastide reichte im September 2018 gegen den endgültigen Schließungs-Beschluss der Stadt Klage ein. Am 13. März 2019 fand eine Anhörung vor dem Verwaltungsgericht von Bordeaux statt. Am 11. April 2019 erklärte das Verwaltungsgericht den ersten Schließungs-Beshcluss für ungültig.

Die Stadt Bordeaux hat allerdings zwischenzeitlich (am 3.12.2018) ein weiteres Dekret zur Schließung der Brücke für den Verkehr erlassen und vom Stadtrat beschließen lassen. Am 1. Februar 2019 reichte die Anwohner-Initiative auch gegen dieses zweite Dekret Klage ein, ein Verhandlungstermin steht noch nicht fest.

Die klagende Anwohner-Initiative verliert allerdings zunehmend an Unterstützung seitens der anliegenden Einzelhändler. Im März 2019 war es nur noch eine Handvoll der insgesamt 163 anliegenden Unternehmer, die eine Wiederöffnung der Brücke fordert.

Ab 2023 droht eine Sperrung der pont de Pierre wegen Sanierungsarbeiten für den Zeitraum von zwei Jahren bis 2025. Die Stadtverwaltung sicherte zu, dass die 60.000 Bürger:innen, die die Brücke täglich passieren, dies auch während der notwendigen Sanierungsarbbeiten machen können. Ob die Straßenbahn während der Bauarbeiten permanent verkehren kann, wird noch geprüft ein Szenario sieht die völlige Demontage der Gleise während der Fahrbahn-Sanierungen vor). Zudem soll der Beginn der Sanierungsarbeiten eng abgestimmt werden mit der Inbetriebnahe der neu gebauten pont Simone Veil.

pont de pierre – Napoleons Bögen?

Einer der beliebtesten Irrtümer im Zusammenhang mit der pont de Pierre trifft übrigens nicht zu: zwar weist die Brücke 17 Bögen auf, dies ist aber nicht als Ehrung von Napoléon Bonaparte gedacht, dessen Name 17 aus 17 Buchstaben besteht und der ihren Bau ursprünglich anordnete. Dieses erste Projekt wies 19 Bögen auf. Die 17 Bögen sind eher auf das Projekt von Balguerie-Stuttenberg und mathematische Berechnungen zurück zu führen.

Pierre Balguerie-Stuttenberg

Pierre Balguerie wurde am 30. September 1778 in Aiguillon geboren. Er lernt bei einem Gemälde-Händler, 1805 wird er Leiter des Unternehmens. 1809 heiratet er Sophie-Suzanne Stuttenberg (1791-1837), Tochter eines wohlhabenden Weinhändlers.

1814 gründet er die Banque de Bordeaux (die später von der Banque de France übernommen wird). Zeitgleich wird er auch im Sklavenhandel aktiv (Bordeaux war nach Nantes der zweitwichtigste Hafen in Frankreich für den Sklavenhandel). 1816 versammelt er Bordelaiser Reeder und Kaufleute, um sie für den Bau einer Garonne-Brücke zu begeistern. 1818 gründet er die Brückenbau-Gesellschaft.

Am 19. August 1825 stirbt Pierre Balguerie-Stuttenberg in Bagnères-de-Bigorre.

Bordeaux pont de Pierre, Modell eines (nicht realisierten) Denkmals für Piere Balguerie-Stuttenberg
Bordeaux pont de Pierre, Modell eines (nicht realisierten) Denkmals für Piere Balguerie-Stuttenberg

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Die Rettung der Brücke 1944

Am 28. August 1944 früh um 0:01 Uhr rückten Einheiten der FFI (Forces francaises de l’intérieur) in Bordeaux ein und befreiten die Stadt. Eine Vereinbarung mit der lokalen NS-Führung sah vor, dass bis dahin die NS-Truppen abrücken konnten.

Ursprünglich hatten die NS-Besatzer vorgesehen, Bordeaux zu zerstören, auch die Sprenung der pont de Pierre war vorgesehen. Hierzu wurden Minen unterhalb der Brücke angebracht.

Am 27. August 1944 versuchen FFI-Einheiten, die geplante Sprengung zu sabotieren. Der 31jährige Widerstandskämpfer Pablo Sanchez trennt erfolgreich unter der Brücke die für die Zündung erforderlichen Kabel.

Ein deutscher Soldat bemerkt Sanchez anschließend. Sanchez kommt in einer Maschinengewehr-Salve ums Leben.

Sanchez wurde auf dem Friedhof Bordeaux Nord beigesetzt. In seinem Gedenken findet jedes Jahr am 27. August eine Veranstaltung spanischer Organisationen an der Brücke statt.

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Von Ulrich Würdemann

einer der beiden 2mecs.
Schwulenbewegt, Aids- und Therapie-Aktivist. Von 2005 bis 2012 Herausgeber www.ondamaris.de Ulli ist Frankreich-Liebhaber & Bordeaux- / Lacanau-Fan.
Mehr unter 2mecs -> Ulli -> Biographisches

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