Atomstrom Frankreich: “Strom kommt ja aus der Steckdose …”

Frankreich ist Weltmeister in der Nutzung der Atomenergie. Selbst wenn der Anteil des Atomstroms reduziert werden soll, Atomenergie bleibt auch langfristig das Rückgrat der Energieversorgung des Landes.

‚Weltmeister‘ in der Nutzung von Atomenergie ist ein Nachbar Deutschlands – Frankreich, das Land in dem der (Atom-) Strom auch nach Three-Miles-Island und Fukushima noch „sorglos aus der Steckdose kommt“.

Frankreich deckt auch 2017 noch seinen Strom-Bedarf zu 75 Prozent aus Atomstrom – unter den großen Ländern weltweit die höchste Quote. 58 Atomkraftwerke sind derzeit in Frankreich in Betrieb, dazu die  ‚Wiederaufbereitungs- Anlage‘ (Usine de Retraitement de La Hague) in La Hague. Ein Teil des erzeugten Atomstroms wird exportiert, u.a. auch nach Deutschland.

Die Entscheidung, die Energieversorgung des Landes möglichst stark auf Atomkraft zu stützen, wurde nach der Ölkrise 1973 getroffen. Frankreich sicherte sich Uranvorkommen weltweit (besonders im Niger) – und baute zahlreiche Reaktoren. Zudem wurde Frankreich wesentlicher Exporteur von Atom-Technologie.

Seit der Präsidentschaft von Francois Holland wurde eine Reduzierung des Anteils der Atomenergie angestrebt – und  nicht umgesetzt. Unter der Präsidentschaft von Emmanuel Macron strebte Umweltminister Hulot  erneut eine Reduzierung an, sowie die Abschaltung zahlreicher Reaktoren. Beide Vorhaben wurden jedoch im November 2017 auf unbestimmte Zeit verschoben.

Atomstrom Frankreich – Grafik: Anlagen / Atomkraftwerke

Atomstrom Frankreich : Anlagen Stand August 2006, Grafik Eric Gaba / Sting
Atomstrom Frankreich : Anlagen Stand August 2006, Grafik Eric Gaba / Sting

Anders als in Deutschland hat in Frankreich ein Großteil der Bevölkerung bisher recht wenig Befürchtungen in Sachen Atomkraft. Präsident Sarkozy kündigte 2008 an, ein neuer Atomreaktor (Typ EPR) werde gebaut, gehe 2017 in Betrieb – und (nahezu) niemand regte sich auf, demonstrierte, protestierte. Selbst die Katastrophe von Tschernobyl konnte die Atom-Begeisterung in Frankreich nicht in Frage stellen.

Entsprechend sorglos wird in Frankreich bis heute auch vielfach gern mit Energie umgegangen. So finden sich in vielen (auch neu errichteten) Wohnungen (wie hier in Lacanau) sich für kalte Tage (wenn überhaupt) nur Elektro-Heizungen.

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Gründe für die Atomstrom-Begeisterung in Frankreich

Dass Frankreich so stark auf Atomstrom – und damit auch auf Energie-Autarkie – setzt, hat Gründe.

Zweimal, im ersten wie auch im zweiten Weltkrieg, war Frankreich nicht ausreichend gewappnet gegen Aggression von außen, gegen deutsche Truppen. Zu Beginn des ersten Weltkriegs waren die Streitkräfte in Frankreich weit weniger modernisiert als die deutschen Gegner, die zudem sehr auf technologischen Fortschritt gesetzt hatten. Im zweiten Weltkrieg glaubte sich Frankreich (insbesondere durch die ‚Maginot-Linie‘) auf einen deutschen Angriff gut vorbereitet – konnte sich letztlich jedoch einer deutschen Invasion und schmachvollen Besetzung mit Teilung Frankreichs durch eine Demarkationslinie zunächst nicht erwehren.

Ausreichend vorbereitet, genügend gewappnet sein, die eigene Unabhängigkeit sicherstellen und verteidigen können – dies war deshalb spätestens nach 1945 zentraler Gedanken der französischen Politik. Die eigene nukleare Bewaffnung, die ‚Force de frappe‘, war und ist Konsens in nahezu der gesamten französischen Gesellschaft, von de Gaulle bis zu den Kommunisten.
Und während und nach der ersten ‚Öl-Krise‘, einem Höhepunkt der Proteste gegen Atomkraftwerke in Deutschland, setzte Frankreich auf Autarkie auch in der Energie-Politik. Statt Abhängigkeit von importierter Kohle, Öl oder Gas entstanden 58 Atomkraftwerke und ein Engagement im Uran-Bergbau. Die massive Nutzung der Atomkraft zur Energiegewinnung, sie ist Konsens in weiten Teilen der französischen Gesellschaft.

Widerstand gegen Atomkraft in Frankreich

Entsprechend war auch der Widerstand gegen die Nutzung der Atomkraft in Frankreich meist anders, weniger groß, geräuschloser als in Deutschland. „Non au nucléaire“, dieser Aufkleber, die lachende Sonne, Ikone des Protests gegen Atomkraft, sie ist in Frankreich wesentlich seltener zu sehen als in Deutschland, sowohl in den 1970er und 1980er Jahren als auch heute. Der Widerstand gegen die Erhöhung des Renten-Eintritts-Alters brachte Millionen Franzosen auf die Straße – nicht aber etwa Widerstand gegen die Nutzung der Atomkraft. Trotz Problemen in der atomaren Wiederaufbereitungsanlange in La Hague, trotz eines Risses im Atomkraftwerk Tricastin.

Selbst nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl – französische Freunde verstanden kaum, warum wir in Deutschland diesen oder jenen Tee mieden, Pilze nicht en vogue waren oder Wildschwein nur selten auf der Speisekarte stand. Warum die Aufregung? Typisch deutsch, dachten sie (auch wenn sie es nur selten äußerten).

Gelegentlich allerdings flammt(e) auch in Frankreich der Protest gegen Atomkraft laut vernehmbar auf. Einmal sogar sehr laut, sehr vernehmbar – und zudem mit Erfolg: in Plogoff (Bretonisch: Plougoñ) im Finistère in der Bretagne (einer Gemeinde nahe der Pointe du Raz mit knapp 1.400 Einwohnern) konnten jahrelange Proteste schließlich erreichen, dass die Pläne zum Bau eines Atomkraftwerks (4 Druckwasserreaktoren à je 1.300 MW Leistung, Planungsbeginn 1978) 1981 völlig ad acta gelegt wurden.

Plogoff, Baie des Trépassés (Foto: wikimedia commons / fafner)
Plogoff, Baie des Trépassés (Foto: wikimedia commons / fafner)

Reduzierung des Anteils des Atomstroms in Frankreich

Trotz weitgehender Ruhe in Sachen ‚Kritik an der Nutzung der Atomkraft‘, nicht erst seit Fukushima ist auch in Frankreich einiges in Bewegung geraten in Sachen Atomkraft. Zwar sind Protestaktionen und Demonstrationen selbst gegen Uralt-Meiler wie Fessenheim immer noch (im Vergleich zu Aktionen in Deutschland) eher kleine Veranstaltungen, zudem – gerade in Fessenheim – mit hoher Beteiligung deutscher Atomkraft-Gegner.

Aber in die Politik kam ab den 2000er Jahren hörbar Bewegung. Zwar betonte Staatspräsident Nikolas Sarkozy, ein Atom-Ausstieg, ja nur ein Moratorium komme für Frankreich überhaupt nicht in Frage. Die französischen Sozialisten allerdings, traditionell ebenfalls eher sehr atomfreundlich, überlegten den Ausstieg, zumindest ein klein wenig. In ihrem über 100 Seiten umfassenden Manifest „Der Wandel“, dem programmatischen Kern-Papier der Sozialistischen Partei (PS) für die 2012 anstehenden Präsidentschafts-Wahlen, sprechen sie sich immerhin für eine Verringerung des bisher sehr hohen Anteils der Atomenergie an der Energieversorgung Frankreichs aus, zugunsten einer stärkeren Förderung ‚alternativer Energien‘.

Ich glaube, man muss aus der Nutzung der Atomenergie aussteigen“, äußerte Martin Aubry, Tochter von Jacques Delors und damals Vorsitzende der französischen Sozialisten (PS), Ende März 2011. Allerdings mit dem Nachsatz „ … in den kommenden 25 bis 30 Jahren.

2015 kam tatsächlich Bewegung in die französsiche Energiepolitik: Das Energieübergangsgesetz (loi de transition énergétique LTCEV; 17. August 2015) sah eine Reduzierung des Anteils des Atomstroms von 75% auf 50% vor.

Während der Präsidentschaft von Emmanuel Macron (2017 bis 2022) stehen zwei wichtige Etappen an: die Verlängerung der Laufzeiten bestehender (und inzwischen längst abgeschriebener und hoch rentabler) Reaktoren (in Diskussion: auf fünfzig oder sechzig Jahre), und die Entscheidung, ob ein Neubau-Programm für Atomkraftwerke ab 2025 aufgelegt werden soll, um bestehende Reaktoren zu ersetzen.

Umweltminister Hulot kündigte schließlich im Juli 2017 erneut an, den Atomstrom-Anteil in Frankreich von 75 auf 50% zu senken. „Um dieses Ziel zu erreichen, werden wir eine gewisse Anzahl an Reaktotren stillegen.“ Auf Nachfrage konkretisiert er, „das können vielleicht bis zu 17 Reaktoren sein.

Anfang November 2017 dann die Kehrtwende. Die französische Regierung beschloß, den teilweisen Aussteig aus der Atomenergie zu verschieben, auf ein unbestimmtes Datum in der Zukunft. Umweltminister Hulot verkündete nun, eine Reduzierung des Anteikls des Atomstrioms von 75% auf 50% sei „unrealistisch„.

Hintergrund der Entscheidung für Atomstrom: Haupt-Ziel der französischen Umweltpolitik ist die Reduzierung klimaschädlicher Gase. In Deutschland ist der Ausstoss von Kohlendioxid 15mal so hoch wie in Frankreich, und Frankreich strebt eine weitere Reduzierung an – auch mit einer Beibehaltung des hohen Atomstrom-Anteils.

Streitfall Fessenheim

Aus deutscher Sicht dabei besonders interessant: das AKW Fessenheim mit seinen zwei Reaktoren. Es befindet sich auf der französischen Seite des Rheins, nur 20 km von Freiburg entfernt. Fessenheim befindet sich im seismisch aktiven Oberrhein-Graben. Fessenheim ist das zweitälteste noch in Betrieb befindliche AKW Frankreichs (1977/78 in Betrieb, Anfang der 1970er geplant).

Am 20. Juli 2013 erklärte der französische Umweltminister Philippe Martin in einem Interview, er werde Fessenheim bis Ende 2016 schließen: „Je fermerai Fessenheim d’ici au 31 décembre 2016.“ Doch auch Mitte 2017 ist Fessenheim noch in Betrieb …

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Text zuletzt aktualisiert 10. November 2017

10 Antworten auf „Atomstrom Frankreich: “Strom kommt ja aus der Steckdose …”“

  1. @ Manfred:

    comment comprendre ce qui se passe au japon ces jours?
    des incidents qui etaient „inconcevable“, „impossible“ il y a seulement quelques jours, aujourd’hui se passent matina apres matin …

    salut de berlin, email suivant …

  2. Bonjour, mon ami,
    Es ist nicht Japan und die erschreckenden Ereignisse dort, die mich in Deinem blog hier beschäftigen, DU bist es:

    wenn man „Ondamaris“ wie ich seit Jahren nun verfolgt, mehr oder weniger begleited, ist dort die Gründlichkeit, die Sorge das Richtige klar weiterzugeben, wohltuend, denn dies ist leider bei längst nicht allem an der Tagesordnung. (Jemand hat gestern sogar gewagt einen Zusammenhang zwischen „Erdbeben und Schwulsein“ zu sehen = 08/15 Philosophie!) Ich kenne kaum etwas Unannehgenehmeres, Abstossenderes als das Tagesgeschehen und hier das damit parrallel laufende Elend anderer Menschen – und das in Japan muss in diesen Tagen endlos gross sein – für ihre eigenen, uninteresssanten ‚Geistesblitze‘ zu nutzen. Verachtenswert!

    Zurück zu Dir:
    in „2mecs“ vergiss doch bitte nicht, was Du in Ondamaris so glücklich praktizierst: Gründlichkeit, die auch den Mut hat, auf Ursprünge, Entwicklungen zurück zu greifen, wenn nötig, mit Erklärungen zu unterstreichen. Du könntest jetzt, und mit Recht, vorbringen, dass für gewisse Themen in der blog-Welt der Platz dazu fehlt. Ich gebe Dir Recht und würde in einem solchen Fall vorziehen, sie nicht aufzugreifen. Andere Medien mit dem notwendigen Raum dazu, tuen es ausgiebig.
    Das „à peu près“ passt nicht auf Deine Weste!

    Je t’embrasse, nonobstant.
    Manfred

  3. cher manfred,
    es geht mir in diesem persönlichen post in meinem privaten blog ja nicht darum, die situation in frankreich genauer zu analysieren. sondern meinen (überwiegend in deutschland lebenden) bekannten kurz zu zeigen, dass frankreich noch weit mehr als deutschland auf atomkraft setzt, und vor allem meinem erstaunen ausdruck zu verleihen, dass die debatten in diesem punkt in beiden staaten so völlig anders verlaufen.
    wenn ich den umgang mit energie-fragen in frankreich sehe (nur elektro-heizungen selbst in regionen, in denen es im winter wirklich kalt wird), dann staune ich …

  4. Mein Lieber,
    Zu den folgenden Punkten werde ich nichts erläutern, weil es sonst Seiten füllen könnte:
    a) der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland in Bezug auf Atomkraft: ein kardinaler Punkt, der in den ersten Nachkriegsjahren wurzelt;
    b) Frankreich ist nicht Deutschland (wie Italien nicht Spanien ist, usw usw …..), was die Debatten und die Haltung zur Atomernergie betrifft. Ich kenne dies Thema recht gut, denn eine Reportage darüber war vor Jahren mein Einstieg im Bayerischen Fernsehen.
    c) was die Elektroheizungen in Lacanau betrifft: könnte es nicht damit zu begründen sein, dass diese Wohnungen wohl kaum in den Wintermonaten benutzt werden? Und wenn, dann nur wenige Tage? Denn ich kenne keinen Neubau in Frankreich, der nicht automatisch Zentralheizung hat.
    Porte toi bien!!

  5. @ Manfred:
    bien, dann nur kurz ein Punkt: die Wohnung von Freunden in Bordeaux hat – ausschließlich Elektroheizung. Die von bekannten in der Bretagne … ebenso. Gleiches bei Bekannten selbst in Lille. Das mag nicht repräsentativ sein, erstaunt mich aber doch …

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