Über 700 Jahre deutsche Heimat ?

‚Über 700 Jahre deutsche Heimat‘ – wer in Delmenhorst aus dem Bahnhof kommend in Richtung Innenstadt geht, kann diesen seltsamen Wegweiser kaum übersehen. Ist er aus der Zeit gefallen? Oder auch heute ein Dokument revisionistischen Denkens?

‚Über 700 Jahre deutsche Heimat‘ titelt der Wegweiser, zeigt mit Kilometerangaben und jeweiligem Wappen zu sechs Städten: Königsberg, Marienburg, Breslau, Stettin, Danzig und Eger. Daneben eine Girlande aus Eichenlaub – seit 1871 Teil der Symbolsprache Deutschlands, für Treue stehend, und quer durch die deutsche Geschichte Teil diverser Orden und Auszeichnungen.

Wegweiser wie diese wurden in den 1950er und frühen 1960er Jahren zahlreiche aufgestellt. Der ‚Wegweiser über 700 Jahre deutsche Heimat‘ in Delmenhorst wurde 1963 errichtet. Er war gedacht als Denkmal der Vertreibung und an die Vertriebenen.

700 Jahre deutsche Heimat ? Wegweiser in Delmenhorst
Über 700 Jahre deutsche Heimat ? Wegweiser in Delmenhorst im Jahr 2017

Der Wegweiser war damals vermutlich auch mit deutlich revisionistischen Hintergedanken gemeint – in einer Zeit, als in Delmenhorst und Umland an zahlreichen Gebäuden und Scheunen Schilder hingen mit Parolen wie ‚dreigeteilt niemals!‘. Munter wurden auf dem Wegweiser (worauf der Oldenburger Historiker Stephan Scholz hinweist) zudem Städte, die vor 1938 zum Deutschen Reich gehörten (wie Breslau, Königsberg) in einem Atremzug genannt mit Städten, die erst durch die agressive Expansionspolitik Nazideutschlands, durch Gewalt und Krieg Teil des Deutschen Reichs wurden (wie Danzig, Eger).

Dückte dieser so ‚harmlos‘ daherkommenden ‚Wegweiser‘ implizit auch den Wunsch aus, dass diese Gebiete auch nach 1945 weiterhin zu Deutschland gehören sollten?

Auch über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs steht dieser Wegweiser immer noch. Und immer noch (an seinem Aufstellort) unkommentiert. Keine Tafel mit Erläuterungen, keine zeitgeschichtliche Einordnung oder Neu-Bewertung aus heutiger Sicht.

Der ‚Wegweiser 700 Jahre deutsche Heimat‘ und das Denkmal KZ-Wegweiser – eine schwierige Geschichte

Urspränglich stand der ‚Wegweiser über 700 Jahre deutsche Heimat‘ in Delmenhorst am Eingang zu den Graftanlagen (nahe Hans-Böckler-Platz). Irgendwann (ich finde zur Versetzung keine Datierung) wurde er auf den Bahnhofsvorplatz versetzt. Dort erregte er in den 1990er Jahren Aufmerksamkeit: Jugendliche stellten am 1. Mai 1993 ein ‚Gegen-Denkmal‘ auf, einen Wegweiser zu 17 Konzentrationslagern.

Doch dieses Denkmal hatte keinen langen Bestand – bereits im August 1993 wurde es zerstört. Im März 1994 befestigten daraufhin Unbekannte sechs Schilder mit den Namen von Konzentrationslagern auf dem Wegweiser. Doch die Stadt Delmenhorst konnte sich weiterhin nicht dazu durchringen, das zerstörte ‚KZ-Wegweiser‘ – Denkmal wieder zu errichten.

Irgend wann sägten Unbekannte den ‚Wegweiser über 700 Jahre deutsche Heimat‘ schlichtweg ab. Er kam wohin er gehörte, ins Museum (genauer. in das Delmenhorster Stadtmuseum).

Erst 1996 kam es zu einer Neu-Errichtung des KZ-Wegweisers. In diesem Zug schlug Ratsherr Bernd Haasler (Grüne; inzwischen Professor für Technische Bildung an der PH Heidelberg) vor, auch den ‚Wegweiser über 700 Jahre deutsche Heimat‘ wieder aufzustellen, in räumlicher Nähe zum und als Bezugspunkt des KZ-Wegweisers.

Delmenhorst Mahntafel Entfernungen KZ
Delmenhorst Mahntafel Entfernungen KZ

Wer von der Innenstadt kommend auf den Bahnhof zugeht, findet – so er aufmerksam hinschaut – rechter Hand eine spiegelnde Tafel mit Namen und Entfernungsangaben zu 17 Konzentrationslagern.
Wer aus dem Bahnhof auf die Innenstadt zu geht, kann auf der anderen Seite kaum den Wegweiser über 700 Jahre deutsche Heimat‘ übersehen, der auf der Ecke des Parkplatzes steht. Das KZ-Denkmal hingegen gerät hier kaum in den Blickpunkt.

So wird in Delmenhorst auf dem Bahnhofsvorplatz inzwischen sowohl der Vertriebene als auch der Ermordeten in den Konzentrationslagern gedacht. In eigenwilliger und nur schwer (erst recht: als didaktisch) wahrnehmbarer Kombination.

Ob der Betrachter – so er denn überhaupt beide Denkmäler bemerkt – feststellt, dass sie in einem Zusammenhang stehen? Dass das eine das andere kommentiert, kritisch einordnet?

Oder steht vor dem Bahnhof Delmenhorst weiterhin, und weiterhin ohne direkte Kommentierung und Einordnung, mit dem Vertriebenen-Denkmal ein zutiefst revisionistische Wegweiser?

Schon in meiner Jugend – es war die Zeit der Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt – habe ich mich über diesen ‚Wegweiser‘ geärgert, empfand ihn gerade in einer Zeit der Entspannungspolitik als zutiefst revanchistisch. Und freute mich als ich von der Aktion der Jugendlichen in den 1990ern hörte, die ein Gegendenkmal aufstellten.

Ist der richtige Platz für diesen ‚Wegweiser‘ wirklich heute noch im öffentlichen Raum? Oder gehört er nicht längst defintiv dort hin, wo er kurze Zeit schon war, ins Museum?

Und wenn er schon unbedingt an prominenter Stelle am Eingang zur Innenstadt stehen muss, wäre es dann nicht zumindest dringend geboten, diesen ‚Wegweiser‘ an Ort und Stelle um eine Hinweistafel o.ä. zu ergänzen, die ihn historisch einordnet und kommentiert?

So wie es sich jetzt darstellt, steht vor dem Bahnhof Delmenhorst m.E. ein zutiefst revisionistischer Wegweiser, der – so anachronistsich er sein mag – ernst genommen werden möchte, auch in seinem revisionistischen Gehalt.

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