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Berlin

Transgenialer CSD 2012 Fotos – Berlin 23.6.2012

Transgenialer CSD 2012 Fotos : “Lasst es glitzern! Antifaschistisch – queerfeministisch – antirassistisch – solidarisch” – unter diesem Motto fand am 23. Juni 2012 in Berlin der ‘Transgeniale CSD 2012’ tCSD ’stay queer and rebel‘ statt.

Berlin Transgenialer CSD 2012 Fotos

tCSD 2012 - stay queer and rebel
Transgenialer CSD 2012 Fotos – tCSD 2012 – stay queer and rebel

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tCSD2012 - POZ
tCSD2012 – POZ

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tCSD2012 - Trans an die Macht
tCSD2012 – Trans an die Macht

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tCSD2012 - Analverkehr statt Kapitalverkehr
tCSD2012 – Analverkehr statt Kapitalverkehr

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tCSD2012 - Rat Bohemia
tCSD2012 – Rat Bohemia

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tCSD2012 - Für mehr Blümchensex
tCSD2012 – Für mehr Blümchensex

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Erinnerungen

Oldenburg möchte 2012 ‚Heimat für Homosexuelle‘ sein

Als Mittel- und Bezugspunkt einer großen ländlichen Region hat Oldenburg den Anspruch und die Aufgabe, eine Heimat für Homosexuelle zu sein„,

sagt – der Oberbürgermeister von Oldenburg.

Nun, „Heimat für Homosexuelle„, die Formulierung klingt für mich befremdlich. Möchte ich das?

Allein, hinter der mir befremdlich klingenden Formulierung steckt für die Provinz immer noch Bemerkenswertes.

Prof.Dr. Gerd Schwandner, der Oberbürgermeister Oldenburgs, begründet:

Zu einer aufgeklärten Gesellschaft gehört ein Toleranzbegriff, der Vielfalt als Normalität begreift. Und wir können nicht genug dafür tun, diesen Gedanken weiterzutragen und mit Leben zu füllen.

Und ergänzt

Der hohe Anteil von Lesben und Schwulen an unserer Bevölkerung verdeutlicht das; wir verstehen ihn als Kompliment. Und zwar als eins, das immer wieder neu verdient sein will.

Ob in Oldenburg Homosexuelle nun besser leben?

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Eine Aussage, die man sich von so manchen Bürgermeister auch größerer Städte wünschen würde.

Schon in Deutschland, umso mehr in einigen Nachbar-Staaten (erinnert sie nur daran, dass andere gerade glauben den CSD für 100 Jahre verbieten zu können).

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Alles außer gewöhnlich.“
Ein schönes Motto für einen CSD – wo sich viele doch gerade danach recken, so gewöhnlich und angepasst wie möglich sein zu ‚dürfen‘.

Wir müssen nicht der Norm entsprechen, um ein wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein„,

sagt 2012 das Programmheft für den CSD Nordwest. Sein Motto: „Alles außer gewöhnlich!“

Mögen einige über diesen Satz nachdenken . . . und das Potential, das in ihm steckt …

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Ich erinnere mich.
1980 / 81 begann mein schwules Leben – in Oldenburg, in eben jenen Oldenburg.
Gerade frisch zuhause ausgezogen, entdeckte ich hier erstmals, was so alles möglich war.
Dass manch untergründig schlummernde Sehnsucht durchaus erfüllbar war.
Hatte einen ersten Lover. Raphael.
Ein guter, liebevoller Start in’s schwule Leben, an den ich mich noch heute gern erinnere.

Und Erinnerung an eine Zeit, in der (in meinen Freundes- und Bekanntenkreisen) Maxime nicht war „wir wollen sein wie die“ [Heteros], sondern primäre Idee war, die Chancen und Möglichkeiten des Anderssseins kreativ für den eigenen Lebensweg zu nutzen. Wir wollten nicht der Norm entsprechen …

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NWZ online 13.06.2012: Oldenburg möchte Homosexuellen gute Heimat sein
CSD Nordwest, dort Link zum Programmheft (als pdf) mit dem Grußwort des Oberbürgermeisters

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Berlin

transgenialer CSD 2012 Berlin – glitzernd die Normalität verändern

Transgenialer CSD 2012 Berlin „Lasst es glitzern! Antifaschistisch – queerfeministisch – antirassistisch – solidarisch“ – unter diesem Motto findet am 23. Juni 2012 in Berlin der ‚Transgeniale CSD‘ statt.

Transgenialer CSD 2012 Berlin

Er ist „die kleine Schwester“ des ‚großen‘ Berliner CSDs, die beiden haben ein nicht eben geschichts- und spannungsarmes Verhältnis (das sich derzeit gelassen desinteressiert gibt, „wir haben uns bisher gar nicht damit beschäftigt“). Und er hat bereits eine jahrelange Geschichte: der erste ‚Transgeniale CSD‘ fand bereits 1998 statt.

Braucht Berlin zwei CSDs?
Warum braucht es überhaupt einen ‚Transgenialen CSD‘, wo es doch in Berlin schon den ’normalen‘ CSD gibt?

Diese Frage haben die Organisatoren des Transgenialen CSD klar beantwortet:

„Und wir haben ja auch einen ganz anderen Ansatz: Der große CSD will sich anpassen und in der Normalität ankommen dürfen – der Transgeniale CSD will den Normalzustand an sich verändern!“
(„Die Normalität verändern“, in: Siegessäule 06/2012, S. 34)

Der Transgeniale CSD sieht sich bewusst in der Tradition der Stonewall-Aufstände:

„Die Kämpfe um das Stonewall Inn in der Christopher Street in New York im Juni 1969 waren ein Aufstand gegen Repression und homophobe, rassisitische und transphobe Ausgrenzung und der Ursprung der CSD-Bewegung. Der Transgeniale CSD sieht sich in dieser Tradition. Anpassung, Kommerzialisierung, (Homo)nationalismus und Pathologisierung von trans- und intergeschlechtlichen Menschen sind für uns nach wie vor ein Grund für Widerstand und den Versuch, solidarisch Gegenmacht zu entfalten angesichts institutioneller und alltäglicher Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt hier und weltweit.“

Transgenialer CSD 2012 - 'Lasst es glitzern ...' (Quelle: TCSD)
Transgenialer CSD 2012 – ‚Lasst es glitzern …‘ (Quelle: TCSD)

Transgenialer CSD 2012 – sehen wir uns?

Treffpunkt 13 Uhr, Elsenstr./Am Treptower Park (vorm Treptower Park Center)
18 Uhr: Abschlusskundgebung am Heinrichplatz: Bühne mit Redebeiträgen, Performances, Musik und Infoständen

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braucht Berlin zwei CSDs ? – wie der transgeniale CSD entstand

Die Entstehungsgeschichte des transgenialen CSD reicht zurück in das Jahr 1997. In der Grundsatzdebatte über den Berliner Haushalt 2017 hält der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende und populistischer Scharfmacher der Partei Klaus Landowsky eine Rede, die einen Eklat auslöst. Er polemisiert gegen die Grünen sowie die damalige PDS

„Wo Müll ist, sind Ratten, und wo Verwahrlosung herrscht, ist Gesindel.“

Die Rede geht als ‚Rattenrede‘ in die Geschichte ein.

Der Berliner CSD stößt zu dieser Zeit zunmehmend auch auf Kritik aus den Szenen. Entpolitisierung und zunehmende Kommerzialisierung sind die wichtigsten Vorwürfe. Hierauf reagierend und das Thema der ‚Rattenrede‘ aufgreifend, wollen sich Aktive mit einem ‚Rattenwagen‘ am CSD 1997 beteiligen. Doch die Organisationsleitung des CSD lehnt dies ab, verbannt den Wagen.

Als Reaktion findet im Folgejahr 1998 erstmals ein eigener CSD in Berlin Kreuzberg statt, der transgeniale CSD (tCSD). Er hat den Anspruch, politischer zu sein, auch soziale, kulturelle und wirtschaftliche Zusammenhänge zu thematisieren.

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Hamburg Homosexualitäten

Interschwul 1981 Hamburg Lesben- und Schwulentage

Mein erster CSD: Interschwul 1981

Interschwul – das klingt heute nach Kreuzung aus italienischem Fußballclub und früherem ostdeutschen Wessi-Einkaufsparadies, nur homosexueller. War aber: eine Ur-Ahnin der heutigen CSDs.

1980 hatte es in Hamburg eine gemeinsame Veranstaltung gegeben, getragen vom HLSV – dem ‚Hamburger Lesben- und Schwulenverband‘: Stonewall 1980. 1981 klappte dies nicht – eine Gruppe (rund um Teile des Tuntenchors [siehe ‚Liebe Schrillgänse‚] und der HAH) spaltete sich ab. So gab es 1981 vom 14. bis 27. Juni die

Lesben- und Schwulentage Interschwul

Ich war damals wohl das was man ‚jungschwul‘ nannte, viel unterwegs, umtriebig, und homopolitisch naiv bis unerfahren. Ich lebte noch in Bremerhaven, hatte gerade begonnen, Hamburg und seine schwulen Szenen für mich zu entdecken. Und landete, angezogen von einem Plakat, bei ‚Interschwul‘.

Ich stolperte mehr in einen Herrn Littmann, durfte im ’schwulen Piratenradio Stintfang‘ unsere noch recht neue „Schwule Aktion Bremerhaven“ vorstellen, und (nicht nur) die wohl größte Schokoladen-Osterhasen-Sammung der damaligen Welt bewundern. Ich lernte viele spannende, Menschen kennen, mir neue Ideen und (schwule) Lebensweisen sowie Projekte wie den neu gegründeten schwulen Buchladen ‚Männerschwarm‘, der bald zu meiner ‚homopolitischen Bildungsstätte Nr. 1‘ wurde. Ich entdeckte mir bis dahin verborgene Welten und Möglichkeiten – und machte viele Bekanntschaften, die mein Leben mit prägten. Interschwul ’81 – für mich ein wichtiger Schritt in eine bewegte schwule Welt, in der ich mich bald wohl fühlte.

1982 und 1983 folgte dann jeweils Stonewall Hamburg

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‚Mein erster CSD‘, diese Eingangsworte treffen also zu, was den Anlass betrifft. Und sind doch so völlig in die Irre leitend – denn mir scheint fast, es sind zwei völlig verschiedene Welten. Wo Schwule und Lesben heute möglichst ‚gleich‘ sein wollen, ‚genau so wie die Heterosexuellen‘, war Common Sense damals (unter der Mehrzahl der Jungs und Männer, mit denen ich zu tun hatte), die Chance des ‚Andersseins‘ zu nutzen, kreativ sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu sehen, wie der ‚Makel‘ zur Chance werden kann, zum Freiraum für Experimente, vor denen andere schon immer gewarnt hatten. Wo heute der Sinn des CSD-Lebens manchmal darin zu bestehen scheint, zwischen Bratwurst und überteuertem Bier gelangweilt zur nächsten Party zu steuern, war damals Experimentieren, andere Wege gehen angesagt.

Mit ist bewusst, dass hier romantische Erinnerungen eines älter werdenden schwulen Mannes mitschwingen, teils vielleicht auch verklärend. Und dass ’sich die Zeiten geändert haben‘.
Wenn ich mir heutige CSDs anschaue, wundere ich mich oft, fühle mich erinnert an eine frühere Rubrik ‚dafür haben wir nicht gekämpft‘.
Ein Blick zurück kann manchmal hilfreich sein. Die Erinnerung an ‚Interschwul ’81‘ (und teils auch die folgenden Hamburger Stonewalls) zeigt, es ging auch anders …

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Stonewall '83: Für die Vielfalt der Liebe - gegen Diskriminierung
Stonewall ’83: Für die Vielfalt der Liebe – gegen Diskriminierung
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Politisches

Stonewall 1969 – “The big news here is Gay Power”

“we’re part of a vast rebellion of all the repressed” – mit diesen Worten beschreibt der US-amerikanische Schriftsteller Edmund White in einem Brief, was sich Ende Juni 1969 am New Yorker Stonewall Inn abspielte – den Beginn dessen, was heute als CSD gefeiert wird.

Die CSD-Saison hat bereits begonnen, viele größere und kleine Städte feiern wieder den “Christopher Street Day”. Feiern – und über das Feiern ist der Ursprung dessen, was heute Selbstverständlichkeit scheint, weitgehend in Vergessenheit geraten: das Aufbegehren von Schwulen gegen Polizei-Willkür am Stonewall Inn. Erst seit kurzem ist ein Brief breit verfügbar, in dem US-Schriftsteller Edmund White 1969 über die Vorgänge berichtet.

New York Ende der 1960er Jahre. Immer wieder führt die Polizei Razzien durch in Bars, die als Homosexuellen-Treffpunkte gelten. Drangsalierungen, Erniedrigungen, Diskriminierungen. So auch in der Nacht des 27. auf den 28. Juni 1969. Wieder einmal Polizei-Razzia im ‘Stonewall Inn’ in der Christopher Street im New Yorker Greenwich Village.

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Berlin Homosexualitäten

Hans-Georg Stümke (1941 – 2002)

Am 29. September 2002 starb in Berlin der Historiker, Publizist und Schwulen-Aktivist Hans-Georg Stümke.

Ein junger Schüler wird wieder einmal von seinen Mitschülern gehänselt. Einer jedoch springt ihm bei, des öfteren.
Der gehänselte Schüler hieß Hans-Georg, der ihm helfende heißt Gerhard. Gerne erzählte Hans-Georg Stümke die Anekdote, wie der Mit-Schüler Gerhard Schröder, der spätere Bundeskanzler, ihn in seiner Jugend unterstützte.

Hans-Georg Stümke wurde am 16. September 1941 in Königsberg geboren. Er wuchs in Celle auf, machte später auf dem zweiten Bildungsweg Abitur und studierte Geschichte in Berlin. Zunächst war Hans-Georg Stümke aktiv im ‘Kommunistischen Bund’ KB, engagierte sich bald in der westdeutschen Schwulenbewegung. Als erster berichtete er, gerade aus einem Urlaub in New York zurück,  in der westdeutschen Homo-Presse über eine Schlägerei – über die Aufstände im Stonewall Inn gegen Polizei-Verfolgung.

Besondere Bedeutung erlangte Stümke mit einem Buch – erstmals überhaupt dokumentierte er umfassend, wie homosexuelle Männer in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgt, unterdrückt und vernichtet wurden, schrieb über Nazi-Terror gegen Homosexuelle:

Hans-Georg Stümke, Rudi Finkler: “Rosa Winkel, rosa Listen: Homosexuelle und ‘gesundes Volksempfinden’ von Auschwitz bis heute” (1981)

Stümke engagierte sich besonders bei der Realisierung des Hamburger Schwulenzentrums ‘Magnus-Hirschfeld-Zentrummhc – und war verbittert, dass die Kölner Schwulen und Lesben ihr bald darauf eröffnetes Zentrum SchuLZ aus wohlüberlegten Gründen nicht ebenfalls nach Magnus Hirschfeld benennen wollten.

Bekanntheit erlangte später eine Kunstfigur Stümkes, sein ‘alter ego’ ‘Elvira Klöppelschuh’ mit ihrem Roman “Elvira auf Gran Canaria” (1994) – Stümke verbrachte seine Urlaube besonders gerne auf der Insel.

Hans-Georg Stümke starb am 29. September 2002, kurz nach seinem 61. Geburtstag, in Berlin an Krebs. “Ein Darling konnte er niemals sein“, begann Jan Feddersen seinen Nachruf auf den verstorbenen Weggefährten, und ergänzt “Hans-Georg Stümke darf als Nervensäge beschrieben werden.” Und prägte schon damals einen “-isten” (wie später den unsäglichen “Menschenrechtist”): “Stümke – das war ein, wenn es das Wort gäbe, Schwulist“.

Hans-Georg Stümkes Grab befindet sich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin (Haupteingang, erstes Feld rechts des Hauptweges).

Hans-Georg Stümke, Grab in Berlin
Hans-Georg Stümke, Grab in Berlin
Hans Georg Stümke Grab 2018
Hans Georg Stümke Grab 2018

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Kennengelernt haben wir uns 1982/83, in der Phase der Gründung des Magnus Hirschfeld Centrum in Hamburg, als es u.a. um die Frage ging, ob die Schwul-Lesbische Schüler- und Jugendgruppe Schwusel (in der ich damals aktiv war) sich am MHC beteilige.

Was haben wir damals in Köln debattiert, bitter gestritten um den Namen des Schwulen- und Lesbenzentrums- und dann mit einem Wettbewerb den Namen ‚SCHULZ‚ gefunden, der sich passenderweise auch noch aus den von der Vorbesitzerin hinterlassenen Buchstaben des 50er-Jahre Neon-Schriftzugs ‚Tanzschule Meyer‘ bilden ließ – viel zu banal, unverständlich für Hans-Georg, zudem von ihm als unpolitisch empfunden.

Hans-Georg war zutiefst empört über unsere ‚unpolitische‘ Namenswahl – kam aber doch mich in Köln besuchen, und auch Ende 1989 zu einer Veranstaltung ins SCHULZ im Rahmen der ‚Antifa-Veranstaltungsreihe‚ „Gewalt gegen Schwule und Lesben – Nährboden für Faschismus?„.

Mitte der 1990er Jahre wurden unsere Kontakte seltener – zu sehr war ich im Aids-Aktivismus engagiert, mit dem wohl er nur wenige (politische) Berührungspunkte empfand.

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Frankreich

Gourin: mehr Teilnehmer als Einwohner – der Riesen-CSD in der Provinz

Ein CSD mit mehr Teilnehmern, als die gastgebende Stadt Einwohner hat? In Frankreich, im bretonischen Gourin ist dies möglich … heute, am 1. August.

Zehn-, gar  Hunderttausende Teilnehmer auf CSDs? Die Veranstalter der CSDs in Deutschland scheinen manchmal an einem Wettbewerb beteiligt, wer die höchsten Teilnehmer- und Zuschauerzahlen aufzuweisen habe. Dieses Jahr Köln? Oder doch wieder Berlin? Ein Wettbewerb der nackten Zahlen, bei dem die Inhalte manchmal ein wenig in Vergessenheit zu geraten scheinen. Und bei dem die kleinen CSDs in der ‘Provinz’, da wenig spektakulär, niedrigere Teilnehmerzahlen, gern übersehen werden.

CSD in der Provinz, das hat auch das einst so zentralistische und gern nach Paris blickende Frankreich seit einigen Jahren zu bieten. Mit einer Besonderheit ganz eigener Art:
Im bretonischen Örtchen Gourin findet am 1. August ein CSD statt, dessen Teilnehmerzahl bei weitem die Einwohnerzahl des Ortes übersteigt.

Gourin ist ein kleiner Ort im Department Morbihan, auf dem flachen Land, nahe den Küstenorten Quimper und Lorient, etwas südlich der Hafenstadt Brest. 4.000 Einwohner, ein beschauliches Örtchen ohne größere Attraktionen.

Ein Örtchen – mit einem jährlichen CSD. Tausende Schwule und Lesben ziehen jährlich Anfang August (2009 am 1. August) durch die Straßen des Dorfes – mehr als das Dorf Einwohner hat. Bereits 2008 nahmen über 5.000 Personen am Festy Gay teil – für die heutige Parade 2009 werden 10.000 Teilnehmer erwartet.

Veranstalter des Festy Gay  (Fest Ty Gay, Ty bretonisch: Haus) ist Bernard Raynal, ein lokaler Gastronom, der Besitzer der bei Schwulen aus der ganzen Region beliebten Disco “Starman Club“. Und die Homo-Parade von Gourin ist von breiter Unterstützung im Dorf getragen:die Internetseite des Ortes gourin.com kündigt stolz das FestyGay 2009 an, die Vereinigung der örtlichen Händler beteiligt sich, die Stadtverwaltung unterstützt – zum Wohl der Kommune, aber auch weil er die Idee gut finde, wie de Bürgermeister betont.

weitere Informationen:
tetu 31.07.2009: La «folle» Bretagne se retrouve pour un jour à Gourin
e-ilico 02.08.2009: Bretagne : plusieurs milliers de personnes à la gay pride de Gourin (+ vidéo)
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Frankreich

Anti-CSD-Aktivisten: Stop Gay-Pride

Beim Pariser CSD 2009 kam es zu einer Gegen-Demonstration von “Stop Gay Pride” – Aktivisten. Tagelang stand ein homophobes Video über ihre Aktion auf mehreren Videoportalen online.

Paris, 27. Juni 2009. Hunderttausende Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender feierten den CSD in Paris als “Marche des Fiertés” unter dem Motto “Stolz auf unseren Kampf – wann bekommen wir wirkliche Gleichberechtigung?”. Die Demonstration war von Liza Minelli in Begleitung des  Pariser Bürgermeisters Bertrand Delanoë eröffnet worden.

Doch zum Pariser CSD versammeln sich nicht nur stolze und feier-launige Schwule und Lesben – auch zahlreiche Gegen-Demonstranten, Homo-Gegner machen ihrem Hass lautstark Luft. Einige der Gegendemonstranten sollen zu einer nationalistischen und antizionistischen Gruppierung gehören.

Die Gegendemonstranten berufen sich auf “moralische Werte” und fordern ein Verbot der CSD-Demonstration. Sie würden von nun an ausdauernd gegen “homosexuelle Propaganda” und “öffentliche schwule Affronts” kämpfen – und ihre Aktionen gegen die schwule Welt vervielfachen.

Während der Aktion wird Homosexualität in einem undifferenzierten Zusammenhang mit Nekrophilie, Zoophilie und Pädophilie genannt. Forderungen wie ‘Tod den Schwulen’ (“mort aux pédés”) sind zu hören.

Die Hass-Aktion der militanten Homo-Gegner wurde im Video festgehalten. Dieses Video, in dem zu Gewalt gegen Schwule und Lesben aufgefordert wird, stand tagelang auf mehreren Video-Portalen im Internet online. Erst nach einem Bericht sowie Recherchen und Nachfragen der französischen Schwulenzeitschrift Tetu nahmen zwei Portale das Video vom Netz.

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weitere Informationen:
GayPride.fr: Marche des Fiertés Paris 2009
Tetu 27.06.2009: Marche des fiertés: des centaines de milliers de LGBT revendiquent l’égalité
Tetu 13.07.2009: Cette vidéo homophobe qui reste en ligne
LePost 15.07.2009: Une vidéo homophobe reste une semaine en ligne… Pourquoi?
Tetu 17.07.2009: Vidéo homophobe: les réponses de YouTube et Dailymotion

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Politisches

Frankfurt: Kommerz statt NS-Gedenken – “ Frankfurter Engel ” im Partyzelt (akt.)

Strandkörbe, ein Partyzelt, Longe-Möbel – der Frankfurter Engel einen Gedenkort für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen erfuhr in Frankfurt am Main eine beschämende “Um-Nutzung”.

Frankfurt hat sein Jahren ein beeindruckendes Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Seit 1994 erinnert auf dem unbenannten Platz Schäfergasse / Alte Gasse in der Frankfurter Innenstadt ein bronzener Engel an die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus. Der von der Künstlerin Rosemarie Trockel gestaltete Engel war in Deutschland das erste vollplastische Mahnmal des Gedenkens an das Schicksal von Schwulen und Lesben in der Nazizeit.

CSD Frankfurt, am vergangenen Wochenende. Tausende Schwule und Lesben sind auf den Straßen, feiern. Zahlreiche Gastronomen beteiligen sich, auch mit Ständen. Eine besondere Idee hatte die Schwulen-Bar ‘Lucky’s’.

Das ‘Lucky’s’ liegt direkt an dem Platz, auf dem das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen steht, der ‘Frankfurter Engel’. Der Wirt des ‘Lucky’s’ hat selbst mit Spenden zum Denkmal beigetragen, pflegt bisher den Platz. Jetzt ist CSD, man möchte feiern und Geld verdienen, Umsatz machen. Was tun?

Nichts einfacher als das – ein großes blau-gelb-rotes Party-Zelt wird auf den Platz gebaut, gesponsert von einem großen Brause-Hersteller. Strandkörbe dazu, Lounge-Möbel, gesponsert von einer Zigaretten-Marke.

In dem Zelt, mitten in der Party-Atmosphäre, verschämt mit einem Strauß Rosen “geschmückt”, der ‘Frankfurter Engel’, das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen.

Vielen Gästen schien die Party zu gefallen – anderen weniger. “Geschmacklos”, so lautete eines der leiseren Urteile, andere “dafür haben wir nicht gekämpft”.
Deutlicher wird einer der Initiatoren des Denkmals, der Buchhändler und Soziologe Dieter Schiefelbein, in der FR: “Es ist dreist und schamlos, diesen Platz für ein Reklame-Event zu nutzen.”

Der Wirt des ‘Lucky’s’ betont, er habe für das Party-Zelt eine erweiterte Genehmigung des CSD-Organisators gehabt, mit Einwilligung der Stadt.

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Kann mann achtloser, respektloser mit dem Gedenken an diejenigen Homosexuellen umgehen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden?
Und mit unserer eigenen Geschichte?

Dieser Wirt hat ein beschämendes Kapitel in der Geschichte der CSDs geschrieben – und auf bestürzende Weise deutlich gemacht, wie weit CSDs inzwischen vom Inhalt zum reinen Kommerz-Anlass verkommen sind.

Das Motto des Frankfurter CSDs lautete bezeichnenderweise “Schon angekommen?“ …

Anmerkung: Zwar trägt der Platzt, auf dem der ‘Frankfurter Engel’ steht, heute den Namen “Klaus Mann Platz”. Diese Benennung erfolgte allerdings nach Aufstellung des Denkmals, und eine Hausnummer Klaus Mann Platz gibt es nicht.

weitere Informationen:
Frankfurter Engel
FR 20.07.2009: Radikaler Kommerz
samstagisteingutertag 20.07.2009: “Kommerzieller Anschlag” – Partyzelt für Frankfurts Homo-Mahnmal
FR 20.07.2009: Streit ums Homo-Denkmal – Wirt bedauert Zelt-Aufbau
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Berlin Köln

CSD : Respekt mit einander, oder Charta und Pranger-Drohungen? – “wie Gäste verhalten”

CSD : Feiernde Schwule, Lesben, Fetisch-Freuden – und Nachbarn, Anwohner. Eine nicht immer unkomplizierte, problemfreie Mischung. Drohungen mit dem Pranger oder Appell an gegenseitigen Respekt – welcher Weg führt zu einem harmonischeren Miteinander?

Wie stolz und mit Spaß schwul-lesbisch feiern, ohne dass es den lieben Nachbarn missfällt? Diese Frage beschäftigt Organisatoren und Teilnehmer schwul-lesbischer Open-Air-Veranstaltungen gelegentlich. Berlin und Köln versuchen sich dieses Jahr mit etwas unterschiedlichen Lösungs-Ansätzen:

Köln:
Für Irritationen hatte jüngst ein Versuch des Kölner CSD-Veranstalters KLuST gesorgt, mittels einer Charta für “Ordnung” und “Anstand” beim Kölner CSD zu sorgen. Die Kölner CSD-Charta brillierte mit “verbindlichen Erwartungen”, der Ankündigung einer “engen Zusammenarbeit mit der Polizei”, dem Titulieren von CSD-Teilnehmern als “Störenfriede” sowie Aufforderungen, ‘Provokateure an den Pranger’ zu stellen. Dies brachte dem KLuST ironische Forderungen nach “Freiheit für Schottenröcke” und dem Kölner CSD den Verdacht “CSD prüde” oder “CSD als Fronleichnamsprozession” ein.

Berlin:
Mit Reaktionen von Anwohnern hatte im vergangenen Jahr der “Folsom Europe” Probleme. Anwohner fühlten sich gestört, organisierten eine Protest-Versammlung, um das weitere Vorgehen zu diskutieren. Es musste, auch um den Fortbestand des Folsom Europe zu sichern, ein Weg eines harmonischeren Miteinanders gefunden werden.

Und die Veranstalter des Folsom Europe haben einen etwas anderen Weg als der Kölner CSD gesucht und eventuell gefunden, mit der Frage des Umgangs und des Miteinanders umzugehen.
Im Programmheft zum Folsom Europe 2009 heißt es u.a.

“Wer Respekt fordert muss aber selbst auch respektvoll mit anderen umgehen, um Akzeptanz zu erfahren.”

Respektvoll umgehen – was heißt das?

“Ein verantwortungsvoller Umgang in Bezug auf Safe (sic!) Sex und Drogen muss genauso selbstverständlich sein wie auch ein respektvoller Umgang mit allen Besuchern und Anwohnern im Schöneberger Kiez.
Wir erwarten, dass uns die Anwohner willkommen heißen an diesem, unserem Tag. Aber auch die Anwohner können erwarten, dass wir uns wie Gäste verhalten.”

Wie das praktisch aussehen könnte, dazu vermittelt das Programmheft drei “Grundregeln”:

“* Schön verpackt erhöht die Vorfreude – Die Geschlechtsteile sind zu bedecken!
* Sex macht Spaß – Vor allem in den Darkrooms und bei unseren Partys. Die Straßen sind hierfür tabu!
* Und unsere Toiletten auf den Straßen sind kostenlos. Gärten und Hinterhöfe brauchen keinen Extra-Dünger!”

Grundregeln und Appell an gegenseitige Akzeptanz und respektvollen Umgang mit einander, oder Charta, als verbindlich titulierte regeln und Pranger-Drohung – der schwul-lesbische Sommer wird zeigen, welcher Weg eher zu einem friedvollen und Party-tauglichen Miteinander führt …