Interschwul 1981 Hamburg Lesben- und Schwulentage

Zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2019 um 23:42

Mein erster CSD: Interschwul 1981

Interschwul – das klingt heute nach Kreuzung aus italienischem Fußballclub und früherem ostdeutschen Wessi-Einkaufsparadies, nur homosexueller. War aber: eine Ur-Ahnin der heutigen CSDs.

1980 hatte es in Hamburg eine gemeinsame Veranstaltung gegeben, getragen vom HLSV – dem ‚Hamburger Lesben- und Schwulenverband‘: Stonewall 1980. 1981 klappte dies nicht – eine Gruppe (rund um Teile des Tuntenchors [siehe ‚Liebe Schrillgänse‚] und der HAH) spaltete sich ab. So gab es 1981 vom 14. bis 27. Juni die

Lesben- und Schwulentage Interschwul

Ich war damals wohl das was man ‚jungschwul‘ nannte, viel unterwegs, umtriebig, und homopolitisch naiv bis unerfahren. Ich lebte noch in Bremerhaven, hatte gerade begonnen, Hamburg und seine schwulen Szenen für mich zu entdecken. Und landete, angezogen von einem Plakat, bei ‚Interschwul‘.

Ich stolperte mehr in einen Herrn Littmann, durfte im ’schwulen Piratenradio Stintfang‘ unsere noch recht neue „Schwule Aktion Bremerhaven“ vorstellen, und (nicht nur) die wohl größte Schokoladen-Osterhasen-Sammung der damaligen Welt bewundern. Ich lernte viele spannende, Menschen kennen, mir neue Ideen und (schwule) Lebensweisen sowie Projekte wie den neu gegründeten schwulen Buchladen ‚Männerschwarm‘, der bald zu meiner ‚homopolitischen Bildungsstätte Nr. 1‘ wurde. Ich entdeckte mir bis dahin verborgene Welten und Möglichkeiten – und machte viele Bekanntschaften, die mein Leben mit prägten. Interschwul ’81 – für mich ein wichtiger Schritt in eine bewegte schwule Welt, in der ich mich bald wohl fühlte.

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‚Mein erster CSD‘, diese Eingangsworte treffen also zu, was den Anlass betrifft. Und sind doch so völlig in die Irre leitend – denn mir scheint fast, es sind zwei völlig verschiedene Welten. Wo Schwule und Lesben heute möglichst ‚gleich‘ sein wollen, ‚genau so wie die Heterosexuellen‘, war Common Sense damals (unter der Mehrzahl der Jungs und Männer, mit denen ich zu tun hatte), die Chance des ‚Andersseins‘ zu nutzen, kreativ sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu sehen, wie der ‚Makel‘ zur Chance werden kann, zum Freiraum für Experimente, vor denen andere schon immer gewarnt hatten. Wo heute der Sinn des CSD-Lebens manchmal darin zu bestehen scheint, zwischen Bratwurst und überteuertem Bier gelangweilt zur nächsten Party zu steuern, war damals Experimentieren, andere Wege gehen angesagt.

Mit ist bewusst, dass hier romantische Erinnerungen eines älter werdenden schwulen Mannes mitschwingen, teils vielleicht auch verklärend. Und dass ’sich die Zeiten geändert haben‘.
Wenn ich mir heutige CSDs anschaue, wundere ich mich oft, fühle mich erinnert an eine frühere Rubrik ‚dafür haben wir nicht gekämpft‘.
Ein Blick zurück kann manchmal hilfreich sein. Die Erinnerung an ‚Interschwul ’81‘ (und teils auch die folgenden Hamburger Stonewalls) zeigt, es ging auch anders …

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9 Antworten auf „Interschwul 1981 Hamburg Lesben- und Schwulentage“

  1. Ich habe die Hoffnung, dass es eine Wellenbewegung ist. Damals, die Zeit die Du beschreibt, Protest, Widerstand und ein bisschen Aufruhr, jetzt Anpassung an den Mainstream und Gleichmacherei, in zehn Jahren vielleicht wieder Protest und Suche nach Freiheit.

    1. die Hoffnung habe ich ja auch, dass da der ‚Sinus der Geschichte‘ am Werkeln sein möge.
      Allein, die Anpassungs- und Mainstream-Phase ist schon bemerkenswert klang – erliegen wir da nicht einen Irrglauben an den Sinus?
      Und: ist dieser Glaube an den Sinus nicht auch die Verlockung, auch selbst nichts ‚anders‘ zu machen?
      Wir sind (auch) Teil des (schwulen) Mainstreams … ändern wir ihn 😉

  2. Der Leidensdruck muss grösser werden! Es gibt zwar schon schwule Arbeitslose und workingpoor, aber schon die HIV-Betroffenen verstecken sich laufend vor lauter Panik…

    Zudem werden Gespräche und Diskussionen peinlichst vermieden, die übers daten hinaus gehen. Ich denke, erst dann wenn Schwule sich nicht mehr problemlos mit Drogen aller Art und mit Pornografie versehen können, dann wird die Unterdrückung wieder bewusst. Ich habe in den letzten zwei Jahren Biografien und Jugendbücher von Schwulen gelesen und es ging immer auch um Drogen. Die Sucht nach persönlichen und gesundheitlichen Abhängigkeiten ist sehr gross.

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