Gar nicht obszön: der schwule Gesundheits-Check

Zuletzt aktualisiert am 26. November 2018 um 15:39

Gar nicht obszön: der schwule Gesundheits-Check

Gesundheit!
Wenn es dabei nicht um das gerade häufige Erkältungswetter geht, um Schnupfen Husten Heiserkeit, dann bedeutet das Thema Gesundheit für die meisten schwule Männer heute: HIV-Test. In Vergessenheit geraten dabei oft andere mögliche Begleiterscheinungen (nicht nur) schwulen Sexes: sexuell übertragbare Krankheiten. Abhilfe schafft: der schwule Gesundheits-Check – der so neu nicht ist, wie es manchen scheint.

Mindestens  genauso wie heute (vielleicht mehr, so scheint mir in der Erinnerung, die aber altersbedingt verklärend sein mag) war schwuler Sex Ende der 1970er Anfang der 1980er Jahre, als ich mein schwules Leben entdeckte, mein Coming Out hatte, leicht und mit Lust auch: die schnelle anonyme Nummer, auf der Klappe, im Park, in der Sauna. Und das „Herumstromern im schwulen Sumpf“ hieß in der Folge manchmal auch (und sicher nicht seltener als heute), dass es gelegentlich hinterher juckte, kratzte, biss. Tripper, Filzläuse, Krätze, Syphilis – sie waren auch damals keine ‚Unbekannten‘ bei sexuell aktiven schwulen Männern.

Auch damals, in Zeiten vor Aids, achteten schwule Männer auf ihre Gesundheit – manchmal scheint mir: mehr als heute. Bei vielen von uns war der gelegentliche oder regelmäßige ’schwule Gesundheits-Check‘ selbstverständlicher Standard. Ein Standard, der nicht von ungefähr kam.

Bereits 1978 erschien „Sumpffieber – Medizin für schwule Männer„, ein Ratgeber zu schwuler Gesundheit, der schnell sehr beliebt wurde und in den folgenden Jahren mehrere Auflagen erlebte. Herausgeber: die „Autorengruppe schwule Medizinstudenten“,später „Die schwulen Medizinmänner„.

Sumpffieber, mehrere Generationen
Sumpffieber, mehrere Generationen

Bereits ab der zweiten Auflage 1979 empfahlen die „schwulen Medizinmänner“ ein regelmäßiges Checkup der schwulen Gesundheit:

„jedem schwulen Mann, sofern er nicht sexuell enthaltsam lebt, einmal im Quartal, also alle 3 Monate, die ‚Leberwerte‘ und einem Syphilis-Test  machen zu lassen. „

Doch nicht nur das – auch der Arsch, die anale Gesundheit, stand schon damals mit im Fokus unserer schwulen Gesundheit:

„Wer sich öfter bumsen lässt und nun beim Hautarzt zur ‚Vorsorgeuntersuchung‘ ist, sollte auch gleich den Arzt bitten, einen Analabstrich auf Tripper zu untersuchen.“

Wie diese anale Untersuchung im besten Fall erfolgen solle (Proktoskop), wurde gleich in Wort und Bild erläutert – damit der schwule Mann „einen gewissenhaften und sorgfältigen Arzt … erkennen“ konnte.

Schwule Männer achteten auch in Zeiten vor Aids auf ihre Gesundheit – vielleicht mehr noch als heute. Ein „schwuler Gesundheits-Check gehörte damals für viele von uns zur Normalität.

Ein schwuler Gesundheits-Check ist so neu also nicht – warum ist er seit Jahren seltener geworden? Warum ist diese Normalität einer regelmäßigen „schwulen Gesundheits-Vorsorge“ weitgehend in Vergessenheit geriet? Lag es an Aids, an der Aids-Krise, die Schwule bald dermaßen beschäftigte, beschäftigen musste, dass kaum noch Luft und Raum für andere Themen blieb?  (Die „Schwulen Medizinmänner“ jedenfalls griffen auch dieses Thema früh und für den Laien verständlich auf: bereits im Januar 1984 erschien der „AIDS – Nachtrag zu Sumpffieber“)

Haben wir uns zu sehr auf HIV und Aids konzentriert, andere sexuell übertragbare Krankheiten dabei (vielleicht nicht ganz ungern) aus dem Blick verloren?

HIV-Positive haben i.d.R. ihren regelmäßigen Check – im Rahmen der vierteljährlichen Routine-Laboruntersuchungen wird ein guter Arzt regelmäßig auch auf Syphilis oder Hepatitis C untersuchen lassen, wenn er sehr gut ist auch an Untersuchungen wie einen analen Abstrich denken.

Schwule Männer aber, die HIV-negativ  sind, oder ungestestet – wie häufig gehen die zum Arzt, um sich um ihre Gesundheit, auch ihre ’schwule Gesundheit‘ zu kümmern? Ist es Desinteresse? Desinteresse an der eigenen Gesundheit wäre bemerkenswert, so wichtig wie Körper und Schönheit für vielen Schwule sind. Ist es Scheu, Angst, sich möglicherweise unangenehmen Gesprächen, Fragen, Untersuchungen aussetzen zu müssen? Oder ist es die Befürchtung, beim Besuch in einer Arzt-Praxis von anderen Patienten möglicherweise für HIV-positiv gehalten zu werden? Denkt der ein oder andere Tom Normalschwul vielleicht, wer nicht HIV hat, wird schon auch nichts ‚anderes‘ haben? Ist es womöglich gar die Scheu, dem Arzt vom eigenen Schwulsein, womöglich von sexuellen Praktiken berichten zu müssen?

In Zeiten vor Aids übrigens ging es Schwulen auch darum, um einen emanzipatorischen Anspruch:

„Die sexuelle Tabuisierung des Arsches ist aber sicher für viele eine Hemmung [sich in Behandlung zu geben]. … Jeder, der es schafft, bei einem beliebigen Arzt zu sagen „ich glaube, ich habe einen Analtripper!“ zeigt, daß er sich und seine Sexualpraktiken nicht als schmutzig und obszön ansieht, und er sich ihrer auch nicht schämt.“ („Sumpffieber“)

Es wäre an der Zeit, den ‚Schwulen Gesundheits-Check‘ wieder zu entdecken, ihn wieder zum Standard werden zu lassen – sich wieder aktiv um seine Gesundheit als schwuler Mann zu kümmern.

.

[Artikel verfasst für und zuerst (ohne Foto) erschienen in Siegessäule 12/2012]

2 Antworten auf „Gar nicht obszön: der schwule Gesundheits-Check“

  1. „Wenn ich an die (Hippie) Kreise denke in denen ich mich in den 70ger Jahren bewegte, „Sex,Drugs and Rock n Roll“ . . . Wir haben damals alles gevögelt was bei 1 nicht auf m Baum war (es war gegenseitig/wechselseitig m wie w) doch zum arzt ging man erst wenn die pfeife brannte.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.