Gay Pride CSD in Frankreich – seit 1981

Am 4. April 1981 fand in Paris die erste große Demonstration von Schwulen und Lesben statt – der (aus heutiger Sprache gesehen) erste CSD in Frankreich . Allerdings heißt es selten CSD in Frankreich, eher Gay Pride und seit den 2000er Jahren Marche des Fiertés.

Seit 1981 demonstrieren Lesben und Schwule in Frankreich in großer Zahl öffentlich für ihre Rechte. Zuvor hatten Schwule und Lesben bereits ab Mai 1971 (bis 1978) sichtbar an Demonstrationen teilgenommen (Mai-Demonstrationen Paris). Im gleichen Jahr war mit der FHAR Front Homosexuel d’Action Révolutionnaire die bedeutendste Gruppe der schwulen Emanzipationsbewegung der 19790er Jahre in Frankreich gegründet worden.

Am 25. Juni 1977 fand in Paris die erste kleine unabhängige Demonstration Homosexueller statt, danach erneut 1979 (erstmals taucht der Begriff Gay Pride auf) und 1980. Am 4. April 1981 schließlich fand die erste große und weithin bemerkte Demonstration mit annähernd 10.000 Teilnehmer/innen in Paris von der place Maubert bis Beaubourg statt.

erster CSD in Frankreich - Paris 2. Marche des fiertés gay im Juni 1982, organisiert von der CUARH (Foto: Claude TRUONG NGOC)
Paris 2. Marche des fiertés gay im Juni 1982, organisiert von der CUARH (Foto: Claude TRUONG NGOC)

La première Marche nationale pour les droits et les libertés des homosexuels et des lesbiennes organisée le 4 avril 1981 à Paris par le Comité d’urgence anti-répression homosexuelle (CUARH). – Claude TRUONG-NGOC (Ctruongngoc) – CC BY-SA 3.0

Jack Lang (ab 22. Mai 1982 Minister für Kultur) beteiligt sich an der Demonstration. Juliette Gréco nimmt an der abendlichen Gala teil.

Es war die Zeit der französischen Präsidentschafts-Wahlen, der damals noch Kandidat Francois Mitterrand befand sich im Wahlkampf, auch bei Lesben und Schwulen. Auf dem Fest zum zweijährigen Bestehen der Zeitschrift Gai Pied im legendären ‚Le Palace‚ ließ Mitterrand vom Schriftsteller Yves Navarre zur Demonstration gratulieren und ankündigen:

Ich möchte Ihnen hiermit zu dem Engagement und dem notwendigen Erfolg Ihrer Demonstration vom 4.4.1981 ebenso gratulieren wie zu Ihrem heutigen Festtag. Ich bin in Gedanken bei Ihnen. Der Kampf für Ihre Sache und Frohsinn gehören zusammen. Ich bitte Yves Navarre für mich zu bezeugen, dass ich mich Ihrer Suche nach einer neuen Form menschlichen Zusammenlebens mit Sympathie anschließe. Hindernisse, die dem entgegenstehen, müssen gegebenenfalls durch gesetzgeberische Maßnahmen beseitigt werden. Mit freundlichen Grüßen, Ihr François Mitterand.

Mitterrand hielt Wort. Kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten wurde das (Sonder-) Strafrecht gegen Homosexuelle in Frankreich am 4. August 1982 abgeschafft.

Marche des fiertés oder CSD in Frankreich ?

Der Begriff ‚CSD‘ ist in Frankreich eher wenig gebräuchlich, und ‚Stonewall‚ völlig unüblich.

Viele Demonstrationen von Lesben, Schwulen und Trans* nennen sich „Marche des Fiertés“ (vom englischsprachigen Begriff ‚gay pride‘ abgeleitet, etwa: Demonstration des Stolzes), oder ‚lesbian & gay pride‘ oder kurz ‚pride‘. Die (bereits 1978 entstandene) Regenbogenfahne allerdings wird auch in Frankreich viel verwendet 😉 (auf französisch: drapeau arc-en-ciel).

Und noch eine Besonderheit in Frankreich: die Saison der CSD in Frankreich beginnt früh – in zahlreichen Städten ist der CSD bereits am oder um den 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homophobie IDAHOT.  Oder auch noch früher, bei einem der größten schwulen Ski-Spektakel Europas, dem European Snow Pride in Tignes (2018 vom 17. bis 24. März).

1988 – Eklat zum CSD

Im Jahr 1988 kommt es zu einem einzigartigen Eklat rund um den CSD in Paris. Nahezu sämtliche Schwulen- und Lesbengruppen von Paris distanzieren sich, nehmen nicht teil. Einzig drei Gruppen beteiligen sich, Rhif, les Gais Pour les Libertés (GPL) und les Juristes Gais (Schwule Juristen).

Grund für den fast völligen Rückzug von Schwulen- und Lesbenbewegung: Der schwule Geschäftsmann und Unternehmer (u.a. King-Saunen, GI, Discos Haute Tension, Megatown) David Girard (‚citizen gay‘, 1959 – 1990) organisierte und finanzierte über verschiedene Unternehmen seiner Gruppe (Zeitungen, Diskotheken, Minitel-Dienste) in diesem Jahr den Gay Pride de Paris. Und 1988 – auf dem Höhepunkt der Aids-Krise – wird Aids mit nahezu keinem Wort erwähnt. Bis auf ‚Merde au sida!‚.

Schon zuvor hatte Girard erklärt, er halte Aids für eine Erfindung der Rechten. Und in seine Betriebe (wie die Saunen) kämen die Leute um sich zu entspannen, nicht um Angst (vor Aids) zu bekommen.

Der marche gay 1988 am 18. Juni 1988 wird kein großer Erfolg, nur etwa 1.500 Personen nehmen teil

Der CSD 1988 und die (Nicht-) Thematisierung von Aids werden in Frankreich als Höhepunkt der Leugnung der Bedeutung von Aids in der französischen Schwulenszene gesehen.

1990er Jahre – Rückkehr des Gay Pride de Paris

In den 1990er Jahren – seit 1987 sind die Konservativen wieder an der Regierung, die Aids-Krise rückt immer mehr ins Bewusstsein – gewinnt der Gay Pride wieder mehr an Interesse und Beteiligung. 1991 wird das ‚collectif Gay Pride‚ gegründet, 1995 das collectif Interpride France zur Koordinierung der CSD in Frankreich .

Statt Unterschiede und Emanzipation zu betonen, treten als Themen Gleichstellung und soziale Rechte sowie die Aids-Krise zunehmend in den Vordergrund. Wichtigste Themen der Demonstrationen dieser Jahre: die Frage der juristischen Ausformung des Zusammenlebens. Noch wird nicht an die Homoehe gedacht (die erst 2013 legalisiert wird), Thema ist der Contrat d’Union Social (CUS) der später zum  PACS (Pacte Civil de Solidarité) und 1999 vom Parlament verabschiedet wird.

Ab Mitte der 1990er Jahre (1994 Rennes, Marseille) finden neben Paris auch in zunehmend mehr Städten in der Region Gay Prides statt. 1997 ist Paris der Austragungsort des EuroPride.

CSD in Frankreich nach 2000

Nach 2000 wird neben Fragen der Gleichstellung Homophobie zunehmend zu einem der Themen der jährlichen Gay Pride. 2001 wird als neuer Träger die Organisation interLGBT gegründet. Die Veranstaltung wird nun (auch aufgrund von Markenrechten) marche des fiertés lesbiennes, gaies, bi et trans genannt.

Die Veranstaltungen werden immer größer (Paris 2008 bis zu 800.000 Teillnemer_innen) und zahlreicher (in über 20 Städten Frankreichs). Nach und nach werden auch Themen von Trans-, Bi- und Intersexuellen aufgegriffen. Die Ehe für alle wird  großes Thema bis zu ihrer Verabschiedung 2013.

2013 ist Marseille Ausrichter des EuroPride. In Paris kommt es 2015 zu heftigen Protesten gegen die CSD-Planung, die schließlich zu einer Änderung des geplanten Mottos führen. Zudem fand vor dem eigentlichen CSD ein ‚Nacht-Marsch‘ statt, um ‚die politische Dimension des CSD zu erneuern‘.

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