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HIV/Aids ondamaris Texte zu HIV & Aids

Aids und die subtile Kontrolle der Lüste

Aids-Prävention, weitgehend auch von schwulen Männern zum eigenen Schutz ‘erfunden’, hat viele positive Folgen, und Aids-Prävention hat sich zugleich zum mächtigen Instrument der ‘ Kontrolle der Lüste ’ entwickelt. Brauchen, wollen wir das eigentlich so noch?

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In direkter Reaktion auf die sich stark ausweitende und unsere Existenz als Schwule bedrohende Aids-Krise haben u.a. schwule Männer einst ‘safer sex’ erfunden. Dieses Konzept erwies sich bald als erfolgreich und wurde auch von staatlichen Stellen aufgegriffen, in Public Health Kampagnen eingebunden und promotet. Mit weitreichenden Folgen – positiven, aber auch hinterfragenswerten.

Schwuler Sex lag einst – vor Aids (und auch als Ergebnis der 1970er Schwulenbewegungen; spätestens seit der Strafrechtsreform; und für Schwule über 18 Jahren) – weitgehend außerhalb staatlicher Regulierung und Kontrolle. ‘Wir’ hatten unseren Freiraum, den viele auch leidlich nutzen, experimentierten, ausprobierten. Begriffe wie ‘Subkultur’ brachten diese dezidierte Ferne von Mainstream wie auch staatlicher Kontrolle und Regulierung auch sprachlich zum Ausdruck.

Dann kam die Aids-Krise. Durch Aids, Konzepte wie safer sex und deren bereitwillige Übernahme durch staatliche wie nichtstaatliche Stellen wurden viele positive Erfolge erzielt (wie eine weitgehend niedrige Rate an HIV-Neuinfektionen, gemessen an ursprünglichen Horror-Prognosen). Doch ein Preis dieser Erfolge war: schwuler Sex befand sich plötzlich weit in Reichweite staatlicher Regelung und Kontrolle. Nein, er ‘befand’ sich nicht etwa überraschend dort, wir selbst hatten ihn – ob aus eigenem Überlebens-Interesse, in ‘Notwehr’ oder als ‘Diktat der Vernunft’ – dorthin manövriert.

Inzwischen ist schwuler Sex ein weitgehend staatlich normiertes Feld. Was ist ‘gut’ (sprich: ‘gesund’, ‘Neuinfektionen vermeidend’ etc.)? Dies wird definiert durch staatliche Agenturen und durch (meist) von staatlichen Stellen bezahlte Nichtregierungsorganisationen. Was ist ‘nicht gut’ (sprich: ‘Infektionen riskierend’, ‘ungesund’)? Auch dies wird von ihnen definiert – und bei Bedarf skandalisiert (siehe Debatten um ‚Porno 90‚ oder  ‘Bareback’ etc., aber auch stillschweigend nicht diskutierte Verbote von bestimmten ‘zu expliziten’ Broschüren). Diese Kontrolle – mal war und ist sie mehr subtil (wie in Form von Botschaften des ‘guten Sex’), mal ganz direkt (wie in Form von Verboten von Broschüren, Verhindern oder Verzögern von Kampagnen oder Skandalisieren von Personen und Verhaltensweisen). Aber immer ist sie da, die Kontrolle schwuler Lüste.

Inzwischen ist weitgehend akzeptiert, dass es ‘externe Stellen’ gibt, die definieren, was an Sex ‘gut für uns’ ist (anstatt dass wir das selbst machen). Nichts mehr mit ungeregeltem Experimentieren. Nichts mehr mit ‘hemmungslos’, mit ‘fallen lassen’, mit ‘Aufhebung von Gesetzen und Verboten’.

Die externen politischen und sozialen Regelsysteme des schwulen Sex – wir haben sie längst akzeptiert, und an sie gewöhnt. Einschließlich ihrer Sanktions-Mechanismen.

Und wir haben lange nicht hinterfragt, ob das, was einst angesichts der Aids-Krise zu unserem Schutz gut für uns war, auch heute noch in unserem Interesse ist.

Mehr noch: einige Schwule haben diese Kontroll-Mechanismen als selbstverständlich akzeptiert – und internalisiert. Und so fällt es den Strukturen zunehmend leichter, bei einer sich abschwächenden wahrgenommenen Bedrohung durch HIV als ‘Ersatz’ andere Stressoren zu präsentieren, von Syphilis bis Hepatitis C. Eine Fremd-Kontrolle, die auch bereitwillig akzeptiert wird, statt ein ‘Zurück zum selbst-kontrollierten Zustand’ zu fordern, zu wagen – oder gar selbst zu gehen.

Michel Foucault, offen schwuler und 1984 an den Folgen von Aids gestorbener französischer Philosoph,  hätte diese Situation vielleicht mit seiner Formulierung von der “fehlgeleiteten Philantropie” beschrieben: In anderem Kontext (Umgangs mit Geisteskranken) sprach Foucault von Wissenschaften, deren Anwendung einst aufgeklärt und human schienen, sich aber letztlich als subtile und heimtückische neue Formen sozialer Kontrolle erwiesen hätten …

Dabei wäre heute anderes denkbar.

Hier verbirgt sich die Frage nach Möglichkeiten der ‘Überwindung von Aids’ und seiner Folgen für uns. Wie können schwule Männer etwas von dem, was infolge von Aids die Situation Schwuler negativ beeinflusste, einschränkte, fremd-bestimmte, regulierte, wie können wir das überwinden? Wie können Schwule ein Stück dieser (vielleicht notwendigerweise) aufgegebenen Freiheit (z.B. Freiheit von Regulierung, staatlichen Eingriffen) wieder gewinnen?.

James Miller bezeichnet in seiner Biographie ‚Die Leidenschaft des Michel Foucault‘ den Philosophen als “in seinem radikalen Zugang zum Körper und einen Lüsten eigentlich eine Art Visionär”. Und Miller spricht von der

“Möglichkeit … daß hetero- und homosexuelle Männer und Frauen in der Zukunft … jene Art von körperlicher Experimentation, die ein integraler Bestandteil seines philosophischen Unternehmens war, wieder aufnehmen werden.”

Miller schrieb dies 1993, nur wenige Jahre nach dem Tod Michel Foucaults ( der an den Folgen von Aids gestorben war), geradezu visionär mit dem expliziten Zusatz, diese Möglichkeit ergäbe sich wieder

“nachdem die Bedrohung durch Aids zurückgegangen sein wird”.

Die reale Bedrohung durch HIV und Aids ist – gemessen an Horror-Szenarien der ersten Aids-Jahre – in Deutschland und West-Europa längst deutlich zurück gegangen.

Und doch, es gibt immer noch interessierte Stellen, die Horror-Gemälde an die Wand werfen – aber warum? Auf Basis einer realen Gefahr? Oder vielmehr z.B. um ihre einst durch Aids errungene Macht weiterhin aufrecht zu erhalten?

Hören wir auf Sie? Lassen wir uns weiter Angst-Gemälde vorhalten, internalisieren sie gar? Oder befreien wir uns von der Kontrolle der Lüste, holen uns ein Stück Autonomie über uns, unsere Körper, unsere Leben zurück?

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siehe hierzu auch Ulrich Würdemann: Sorglosigkeit und die Rettung der Lüste

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Frankreich Homosexualitäten Paris

Schwulenmagazin Gai Pied (1979 – 1992)

‘ Gai Pied ’ – so lautete der Titel eines legendären französischen Schwulenmagazins, das ab 1979 bis 1992 erschien.

Der Gai Pied war die Schwulenzeitschrift einer Generation. Er erschien ab 1979, zunächst monatlich, bald als Wochenzeitung.

1978 – wie alles begann

Alles begann 1978, mit dem Aufkommen der Schwulenbewegung. Im Juli 1978 trafen sich die späteren Haupt-Protagonisten des Projekts bei einem per Kleinanzeige in der Tageszeitung Liberation angekündigten Sommer-Camp im Maazel in der Provence. Im Herbst 1978 stellten Gérard Vapereau und Jean Le Bitoux das Projekt beim Frankreich-Treffen der GLH (Groupe de libération homosexuelle) nahe Lyon erstmals öffentlich vor.

Das Erscheinen des ersten ‘Gai Pied’, eines offen schwulen Magazins, war 1979 eine Sensation in einer damals noch zutiefst konservativen französischen Gesellschaft. Homosexualität war noch strafbar; Homosexuelle wurden als Kranke betrachtet und lebten außerhalb ihrer Nischen versteckt und zurückgezogen. Bis Jean Le Bitoux (damals Journalist bei ‘Liberation’) und Gérard Vappereau den GaiPied gründeten. Plötzlich wurde Homosexualität sichtbar, bekamen Schwule Gesicht und Stimme.

was bedeutet der Name Gai Pied ?

Michel Foucault ‚erfand‘ den Namen 1978 in der Küche seiner Wohnung, erinnerten sich später Daniel Defert ebenso wie Jean Le Bitoux.

Der Name des Magazins geht zurück auf einen Artikel des französischen Philosophen Michel Foucault in der ersten Ausgabe des Magazins, die im April 1979 an 2.000 Kiosken in Frankreich zu kaufen war (Wortspiel: wörtl. ‘fröhlicher’ oder ‘schwuler Fuß’; ‚pied‘ (der Fuß) wurde umgangssprachlich auch verwendet für Lust, Vergnügen; spielt begrifflich auch mit ‘pied noir’, nach dem Algerienkrieg verwendeter Begriff für (meist als Vertriebene) nach Frankreich kommende Algerienfranzosen; guêpier bedeutet allerdings auch ‘Wespennest’). Das erste Logo kreierte Philippe Barnier.

In der Null-Nummer der Zeitung, die mit einer Auflage von 25.000 Exemplaren im Februar 1979 gratis erschien, schrieb Jean Le Bitoux zum Namen

„Pourquoi Gai Pied? Pour être gai et pour le pied, et pour échapper au guêpier des ghettos.“ (Warum Gai Pied? Um schwul zu sein, und die Falle der Ghettos zu vermeiden. Übers. UW)

Die Zeitschrift wollte unbequem sein, nicht ’nur‘ gefällig Leserwünsche bedienen.

„Un journal qui respecte la tranquilité de ses lecteurs, c’est un dortoir ou un hôpital.“ (Eine Zeitung, die die Ruhe ihrer Leser respektiert, ist entweder ein Schlafsaal oder ein Krankenhaus. Übers. UW)
(Guy Hocquenghem, Gai Pied Hebdo, 13.7.1985)

die ersten Schritte

Der GaiPied wurde herausgegeben von der ‚Éditions du Triangle Rose‚ ETR SARL, die Vapéreau und Le Bitoux gemeinsam mit Philippe Barnier und Donald Germain zuvor gegründeten. Die erste Ausgabe (nach der Nullnummer) erschien am 1. April 1979. Schnell etablierte er sich als ‘das’ Blatt der französischen Schwulenbewegung – und blieb es jahrelang. Bald konnte von monatlichem auf wöchentliches Erscheinen gewechselt werden.

Die Nullnummer des Gai Pied vom Februar 1979
Die Nullnummer vom Februar 1979

Um die ersten großen Rechnungen bezahlen zu können, veranstalteten die Gründer am 30. April 1979 eine Gala im Pariser Club Bataclan. Sie wird mit über 2.500 Gästen ein Riesen-Erfolg (auch finanziell) und Auftakt zu einer Reihe späterer Galas. Im März 1980 zog das Magazin in Räume in der rue de la Folie-Méricourt (Nr. 42), im Sommer 1980 wurde der erste Angestellte beschäftigt.

Die ersten Ausgaben erschienen zum Preis von 5 Francs (April bis Juni 1979), ab April 1982 lag der Preis bereits bei 15 Francs. Die ursprüngliche Auflage von 30.000 Exemplaren (April 1979) blieb lange relativ stabil. Mitte 1982, kurz vor dem Wechsel zu Gai Pied Hebdo (erfolgte am 27. November 1982 drei Wochen nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe des vom früheren Gai Pied Mitarbeiter Jacky Fougeray gegründeten Konkurrenz-Blattes Samouraï (1982-1986)) stieg die Auflage auf 70.000 und satbilisierte sich 1983 bei 60.000 Exemplaren.

Gia Pied – politisch engagiert, prominente Unterstützer

Die Zeitschrift konnte jahrelang auf zahlreiche und namhafte französische und internationale Unterstützung zählen, wie Yves Navarre, Guy Hocquenghem („Das homosexuelle Verlangen“) oder Hugo Marsan. Aber auch ein Gespräch mit Jean Paul Sartre fand sich hier (geführt am 28. Februar 1980 von Jean Le Bitoux, Sartres einziges Interview zu Homosexualität), ebenso wie künstlerische Arbeiten von David Hockney oder mit der Chanson-Sängerin Barbara (auch über ihr Engagement gegen HIV/Aids).

Seite 1 der ersten Ausgabe des Gai Pied, April 1979, mit Kommentar von Michel Foucault
Seite 1 der ersten Ausgabe des Gai Pied, April 1979, mit Kommentar von Michel Foucault

Die erste Ausgabe hatte den Titel „Un plaisir si simple“ (ein Vergnügen, so einfach), signiert Michel Foucault, dazu ein Bild das Yves Charfe zeigt.  Im Heft unter anderem Berichte über von GLH und CHA organisierte Demonstrationen gegen den Iran, sowie Auszüge aus dem Zeitzeugen-Bericht von Heinz Heger ‚Die Männer mit dem Rosa Winkel‚, sowie Comics von Alex Barbier oder Nachrichten aus der Provinz sowie aus dem Ausland.
Dass Michel Foucault das Blatt so ostentativ unterstützte, sei seiner Überzeugung nach ganz wesentlich dafür gewesen, dass der Gai Pied nicht verboten wurde, betont Jean Le Bitoux in seinen Memoiren die Bedeutung der Solidarität von Prominenten.

Gai Pied engagierte sich sehr stark im Präsidentschaftswahlkampf 1981. Francois Mitterrand galt als Hoffnungsträger – endlich eine Abschaffung des Sonderstrafrechts gegen Homosexuelle. Am 4. April findet eine große Demonstration statt, organsiert vom CUARH. Über 10.000 Homosexuelle ziehen durch Paris, an der Spitze 3 Mitglieder der PS, Jack Lang, Yves Navarre und Jean Paul Aron. Am 13. April wird das zweijähriges Bestehen mit einer Gala im Palace gefeiert. Yves Navarre verliest eine Nachricht, in der Francois Mitterrand, Präsidentschafts-Kandidat der PS, die Gäste grüßt und für den Fall seiner Wahl die Abschaffung des Sonderstrafrchts gegen Homosexuelle verspricht.

1983 – Kurswechsel

Ab 1983, nach einer Auseinandersetzung besonders mit Gründungs-Herausgeber Jean Le Bitoux  über die Frage wie politisch oder ‚Konsum-orientiert‘ das Magazin sein solle, öffnete sich das Magazin verstärkt auch Lifestyle-Themen wie Mode oder Reisen. Gründer Le Bitoux schied am 3. Juli 1983 aus, er gab kurzzeitig ein ‚Piraten-Journal‘ heraus, das am 20. Juli 1983 unter dem Titel Gai Pied au cul (Gai Pied im Arsch) erschien.

1987 – Pasqua versucht sich am Verbot des Gai Pied

Sich um prominente Unterstützer zu bemühen, war neben der Aufmerksamkeit auch von Beginn an Teil der Überebens-Startegie des gai Pied. Ein Magazin mit Unterstützern wie Foucault oder Sartre zu verbieten, diese Schwelle sei einfach höher als bei ‚irgend einem‘ Blatt, so die Überlegung.

Doch im März 1987 war es soweit: Charles Pasqua (1927 – 2015), damals Innenminister im Kabinett Chirac, untersagt unter Berufung auf ein Gesetz aus dem Jahr 1949 über an die Jugend gerichtete Presseerzeugnisse den Kiosk-Vertrieb des Magazins (was de facto fast einem kompletten Vertriebsverbot nahe kam).

Doch Opposition und Kulturbetrieb reagieren schnell und deutlich. Fast die gesamte Presse protestiert. Nach einer lautstarken Demonstration am 19. März 1987 rudert die Regierung zurück und stellt ihr Vorgehen gegen den Gai Pied ein.

Unternehmensgruppe GaiPied

Ende der 1980er Jahre wächst der Gai Pied zu einer Gruppe von Unternehmen.

Bereits 1982 war ‚Gai Pied Voyages‚ gegründet worden1983 folgte der jahrelang überaus erfolgreiche ‚Guide Gai Pied‚. 1987 bis 1990 war die Gruppe Gai Pied Träger einer Radio-Station, der ‘Frequence Gaie’. Gai Pied gab zudem jahrelang auch einen beliebten schwulen Frankreich-Reiseführer heraus, den Guide Gai Pied.

Mit großem auch kommerziellem Erfolg wurde ab Sommer 1985 jahrelang eine frühe (über Minitel, das französische Btx-Pendant realisierte) Dating-Platform namens 3615GPH (zu Beginn bis Januar 1986 zunächst als Kontaktanzeigen-Dienst Rezo) betrieben.

Mit allen Nebenaktivitäten betrug der Umsatz der Gruppe Gai Pied im jahr 1986 über 20 Millionen Francs.

Chefredakteure des Gai Pied 1979 bis 1992

1979 bis Juli 1983 – Jean Le Bitoux (1948 – 2010)
Juli 1983 bis Oktober 1991 – Franck Arnal (1950 – 1993; Mitgründer 1979) und Hugo Marsan (geb. 1934; bis August 1988 gemeinsam mit Arnal)
bis Oktober 1991 – Yves Charfe
Oktober1991 bis Februar 1992 – Jean-Yves Le Talec (geb. 1958; Sœur Rita du Calvaire)
Febnruar 1992 bis zur Einstellung Oktober 1992 – Eric Lamien

ab 1990 – das lange Ende des Gai Pied

Anfang der 1990er Jahre brach die Zahl der Leser des Gai Pied massiv ein. Das Blatt schaffte es nicht, den Veränderungen auch durch das Auftreten von Aids gerecht zu werden; finanzielle Probleme (trotz erfolgreicher Internetaktivitäten) kamen hinzu.

Nach einem letzten Versuch, das Blatt wieder politischer zu gestalten, kündigt Gérard Vappereau in Ausgabe 534 vom 10. September 1992 seine Entscheidung an, das Magazin einzustellen:

„Paris, le jeudi 3 Septembre 1992. Je suis au regret de vous annoncer la suspension de la parution de Gai Pied hebdo à partir du 29 octobre 1992, sorite du numéro 541“

Am 29. Oktober 1992 erscheint mit Ausgabe 541 die letzte Ausgabe. Allerdings bleibt die Dating-Internetseite weiterhin bestehen. Ebenso erscheint der Guide Gai Pied weiterhin.

1995 schließlich scheidet Gérard Vappereau aus dem verbliebenen Rumpf-Unternehmen aus (zuvor war er 1989/90 einer der Mitgründer der SNEG). Die Gruppe, in die zuvor zwei neue Unternehmer eingetreten sind, versucht ein neues Magazin ‚Projet X‚ in drei Sprachen (französisch, englisch, deutsch) ohne Kiosk-Vertrieb.

Im August 2001 liquidiert das Handelsgericht Paris alle mit der Gruppe Gai Pied verbundenen Unternehmen (wie ETR, LFM, NETGATE, DELTA EDITION, PX REVUE).

Und die beiden Gründer? Jean Le Bitoux stirbt nach langer Krankheit am 20. April 2010 in Paris. Gérard Vappereau erliegt am 11. März 2006 einem Lungenkrebs.

Gai Pied – Nachfolge-Versuche

1995 wurde (u.a. von ehemaligen Mitarbeitern wie Didier Lestrade) mit finanzieller Unterstützung durch Pierre Bergé, dem Lebenspartner von Yves Saint Laurent, das Monatsmagazin Tetu gegründet – das bald zum erfolgreichsten schwulen Magazin Europas aufstieg, nach 20 Jahren Bestehen am 1. Juni 2015 aber Konkurs anmelden musste.

2010 gab es Planungen, den Gai Pied selbst wieder neu erstehen zu lassen. Nach einer Markt-Analyse sowie Machbarkeits- und Wirtschaftlichkeits-Untersuchungen sei man zu dem Schluss gekommen, die Zeitschrift als Monatsmagazin neu auf den Markt zu bringen, eine neue Träger-Struktur sollte geschaffen werden. Die Pläne wurden nicht weiter verfolgt.

Die Aktiva des einstigen Unternehmens wurden 2002 von der Gruppe ‘Matchmedia Corp.’ / gaxvox.fr unter Patrick Elzière übernommen.

In den langjährigen Geschäftsräumen des Gai Pied hatte später bis 2015 die Aids-Aktionsgruppe ACT UP Paris ihren Sitz.

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Nachdenkliches

Einige Gedanken über Freundschaft

Freundschaft ist ein Thema, das mich schon seit Jugendjahren bewegt. Interesse für Jungs, Männer – und Freundschaft, das hing irgendwie schon immer zusammen …

“Soweit ich zurückdenken kann, hieß für mich Lust auf Typen haben immer schon Lust auf Beziehungen mit Typen haben” (Michel Foucault 1981 in einem Interview).

Ich war nie ein großer Party-Mensch, fühlte mich nie besonders wohl auf großen Veranstaltungen. Viel lieber ist mir ein Zusammensein im kleinen Kreis, ein Essen, ein Gespräch, einige Stunden Plaudern auf dem Sofa mit einem guten Freund.

Dem Freund und sich selbst gegenseitig Frei-Raum geben für Entwicklung und Wachstum – das halte ich für eine der schönsten Dimensionen von Freundschaft.

Im Folgenden einige lose Gedanken und Zitate rund um ‘Freundschaft’, die mir in den letzten Tagen über den Weg liefen (bzw. zwischen die Lesefinger gerieten), mehr auch als Gedankenskizzen für mich:

Uns selbst geben, Rollen ablegen
“Die Obertöne verklingen, und üb­rig blei­ben Gespräche, die in ihrer Armut den Mangel an Gemein­schaft nicht verbergen können. Aber warum, warum? Wir greifen nach dem anderen. Umsonst – weil wir nie wagten, uns selbst zu geben.” (Dag Hammarskjöld)
Derselbe: “Das Kostüm für deine Rolle, die Maske, die du mit soviel Sorgfalt angelegt hast, um zu deinem Vorteil aufzutreten, war die Mauer zwischen dir und der Sympathie, die du suchtest. Eine Sympathie, die du an dem Tag gewonnen hast, da du nackt dort standest.”
Die Rolle, die ich spiele, das Bild, dem ich gerecht zu werden versuche, der Eindruck, den ich vermit­teln will von mir – sie verhindern wie eine Mauer, dass wir offen sind, uns selbst geben, uns einander begegnen. Die Rollen ablegen, einander ‘nackt’, offen ehrlich, als ich selbst gegenübertreten – wagen, uns selbst und dem anderen zu begegnen, das ist einer der Schlüssel.

Neue Freiheit
“In mei­nem Ge­spräch mit Jacques verlor ich plötzlich meine Furcht vor dem Leben, alles war mir möglich. … In seiner Gegenwart kroch ich aus meinem Kokon hervor …” (Peter Weiss).
“Was ist denn angenehmer als jemanden zu haben, mit dem du alles wie mit dir selbst zu reden wagst?” (Cicero)
Freundschaft ist meiner Entwicklung, meiner Mensch-Werdung förderlich. Freundschaft gibt mir Kraft und Freiraum, mich zu entwickeln, und die Sicherheit, die es mir erlaubt, in dieser Entwicklung auch mich zu riskieren, auch Irrtümer begehen zu können.
“Jede neue bedeutende Bekanntschaft zer­legt uns und setzt uns neu zusammen. Ist sie von der größten Bedeutung, so machen wir eine Regene­ration durch.” (Hugo von Hofmannsthal)

Wahrheit und liebevolle Kritik
“Das ist keine Freundschaft, wenn der eine die Wahrheit nicht hören will, der andere zur Lüge bereit ist” (Cicero).
“Mut zum offenen Wider­spruch, aber mit Fühlern dafür, wieviel Aufrichtigkeit der andere ge­rade noch verkraften kann, und also Geduld” (Max Frisch). Dazu auch “dass der eine den anderen gelegentlich im Unrecht sehen kann, aber deswegen nicht richter­lich wird” (Max Frisch).

Ende der Freundschaft?
Foucault spricht von Zuneigung, Zärtlichkeit, Treue, Freundschaft, Kameradschaft und Partnerschaft als “Werten, denen eine schon leicht angeschlagene Gesellschaft keinen Platz mehr zugestehen kann, ohne zu fürchten, dass daraus Bindungen entstehen und Kraftlinien sich unerwartet miteinander verknüpfen.”
Noch deutlicher “Die Industrialisierung der Welt, der totalitäre Staat und der egoistische Materialismus haben heute der Freundschaft ein Ende gemacht; die erstere, indem sie das Tempo der mensch­lichen Verbin­dungsmöglichkeiten soweit beschleunigt hat, dass jeder Mann ersetzbar ist, der zweite, indem er solche Ansprüche an das Individuum stellt, dass Kameradschaft zwischen Ar­beitern und Kollegen nur für die Zeit ihrer Zusammenarbeit bestehen kann, und der letzte, in­dem er alles das gewichtig hervorhebt, was in Menschen von Grund auf selbstsüchtig und häss­lich ist, so dass wir unsere Freunde unfreundlich behandeln und ihre Vertrautheit übelnehmen, weil etwas in uns vom Wurm zerfressen wird. Wir haben auf Kosten der Treue Mitleid entwic­kelt.” (Palinurus, i.e. Cyril Connolly)

Freundschaft, Begehren, Beziehung
Ein Thema das mich immer wieder viel beschäftigt … gibt es eine schwule Lebensweise, oder kann ich sie für mich entwickeln?
“Offenbar müssen wir nicht so sehr daran arbeiten, unser Begehren zu befreien, als daran, selbst endlich genussfähiger zu werden. Man muss von den beiden stereotypen Klischees der rein sexuellen Begegnung einerseits und der Identitätsverschmelzung in der Liebe andererseits wegkommen.” (Michel Foucault)
“Vielleicht sollte man eher fragen: ‘Was für Beziehungen können über die Homosexualität aufgebaut, entworfen, erweitert und von Fall zu Fall verschieden gestaltet werden?’” (Michel Foucault)

Beglückend
Zu guter Letzt ein nachdenklich stimmendes Zitat: “Irgendwann einmal habe ich gesagt, ich verstünde mich besser auf Freundschaft als auf Liebe. Liebe beruht auf kurzfristigen Spasmen. Enttäuschen uns diese Spasmen, schwindet die Liebe dahin. Es ge­schieht nur sehr selten, dass sie die Probe über­dauert und zur Freund­schaft wird. … Freundschaft ist ein friedlicher Spasmus. Ohne Besitz­gier. Das Glück eines Freundes beglückt uns. Es verdoppelt uns. Es entzieht uns nichts.” (Jean Cocteau)

Lesetipps:
Cicero: Lealius – Über die Freundschaft. Übersetzt von Robert Feger. Philipp Reclam Jun. Stuttgart 1995
Foucault, Michel: Von der Freundschaft als Lebensweise – Michel Foucault im Gespräch. Übersetzt von Marianne Karbe und Walter Seitter. Merve Verlag Berlin o.J.
Hammarskjöld, Dag: Zeichen am Weg. Übersetzt von Anton Graf Knyphausen. Droemer Knaur München/Zürich 1965

Michel Foucault: 
«De l’amitié comme mode de vie» (entretien au «Gai Pied», 1981)

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