Fréquence Gaie – vom Piratenradio zum Sender für die französischen Schwulen-Szenen zur Radio-Kette

Zuletzt aktualisiert am 24. Oktober 2019 um 10:30

Fréquence Gaie : die bemerkenswerte Geschichte eines „schwulen Radios“.

Fréquence Gaie: Radio für Schwule und Lesben, das gab es in Paris schon ab 1978. Bereits in den 1970er Jahren gab es in Paris zwei Initiativen für ein Radio für die Schwulen- und Lesbenszene: ‚Radio Mauve‚ sowie ‚Radio Fil rose‚. Radio mauve entsteht anlässlich des Festival du film homosexuel im Januar 1978 als Untergrund- / Piraten-Radio. Bereits ab 25. Februar nennt sich der Sender Radio Fil Rose (Radio Rosa Faden), sendet im März 1978 eine (ebenfalls Piraten-) Sendung direkt von der Pressekonferenz schwuler Wahlkandidaten.

Die Initiative zu diesem Sender ging aus von Pacal Navarro und (anonym) Patrick Oger, der Schwulen-Aktivist Guy Hocquenghem [3] stellt seine Wohung als Studio zur Verfügung. Bald schon sendet Radio Fil Rose regelmäßig jeden Abends (außer sonntags) um 20:00 Uhr. Weiterhin als Piratenradio ohne Sendegenehmigung, aus einem versteckten ‚Studio‘, das sich in der Küche des argentinischen Schriftstellers Copi [1] in der rue Cauchois auf Montmartre befand. Bereits 1978 endet der Sendebetrieb von Radio Fil Rose wieder.

4. Juli 1981 – der Beginn von Fréquence Gaie

Am 4. Juli 1981 schließlich wurde der Verein ‚ Fréquence Gaie ‚ gegründet. Er sendete seit 10. September 1981 als „radio libre“ auf der Frequenz 90 MHz in Paris (aus einem Studio im Stadtteil Belleville, 146 rue de Belleville). Initiatioren sind u.a. Patrick Oger (der weiterhin anonym als ‚Monsieur O.‚ auftritt) und Guy Hocquenghem [3].

Fréquence Gaie Logo 1981
Fréquence Gaie Logo 1981

Bald stossen weitere Freiwillige hinzu, es entsteht ein Team von einem guten Dutzend Radio-Aktivisten. Am 2. Oktober findet eine erste Benefiz-Gala im Bataclan statt.
Patrick Oger bleibt bis 23. Dezember 1981 erster Präsident des Senders, gibt dann ab an Luc-Olivier Bezu (Oger selbst wird Vize-Präsident).

Fréquence Gaie Plakat für eine Benefiz-Fete 1981 im Bataclan
Fréquence Gaie Plakat für eine Benefiz-Fete 1981 im Bataclan

Inzwischen ist das Radio nach Einsatz eines besseren Verstärkers bis in eine Entfernung von 30 km von Paris zu empfangen. Beliebteste Sendung ist ‚Double Face‚ (eine Sendung mit Kleinanzeigen), jeden Montag und Donnerstag Abend präsentiert von Guy Hocquenghem und Jean-Luc Hennig.

Der Sozialist François Mitterrand hatte am 10. Mai 1981 die Präsidentschaftswahlen in Frankreich gewonnen, in seinem Wahlprogramm hatte er unter anderem Sendelizenzen für Freie Radios in Aussicht gestellt. Eine dieser Sendelizenzen zu ergattern, das war das Ziel des neu gegründeten Vereins.

Frequence gaie ist inzwischen zu einer der beliebtesten Radiostationen im Raum Paris geworden – an fünfter Stelle mit über 100.000 Zuhörern (laut Le Monde 27. Februar 1982).

Am 15. Juli 1982 gibt die ‚commission Holleaux‚ grünes Licht für 17 Freie Radios (Sendelizenzen auf UKW) – ‚Fréquence Gaie‚ ist nicht dabei. 2.000 Demonstranten protestieren am 22. Juli 1982 in Paris, fordern eine Sendelizenz auch für das schwul-lesbische Radio. 15.000 Telegramme werden an den zuständigen Minister gesandt. Geneviève Pastre, Präsidentin des Radios, tritt mehrfach öffentlich auf.

Fréquence Gaie – der Sendebetrieb beginnt

Ende 1982 schließlich erhält ‚Fréquence Gaie‚ (nach internen Konflikten inzwischen geleitet von der Schriftstellerin und Schwulen- und Lesben-Aktivistin Geneviève Pastre) eine Sendelizenz. Die Sendelizenz ist zunächst vorläufig. Am 22. Januar 1983 findet erneut eine große Demonstration statt, die sich dagegen wendet, dass der Sender seine Frequenz auf Verlangen der Haute Autorité unter Michèle Cotta mit Radio Libertaire, Radio Verte und Radio Ark-en-ciel teilen muss. Schließlich erhält der Sender eine Frequenz, die er nur mit Radio Ark-en-ciel sowie Pink radio teilen muss.

Bald wird eine bunte und beliebte Mischung aus Musik, Info-Beiträgen (bereits früh auch „le Magazine de la Santé„) und den bei den Hörern besonders beliebten ‚animierten Klein- und Kontakt-Anzeigen‚ (Rubrik „double face„; [2]) gesendet. Mitte der 1980er Jahre (Studio: rue Lamarck) teilt Fréquence Gaie tagsüber seine genutzte Frequenz teilweise mit dem Sender „Arc en Ciel„.

1984 kommt es erneut zu massiven internen Streitigkeiten. Geneviève Pastre tritt zurück, ein neues Team übernimmt am 8. Januar 1984. Inzwischen hat der  Sender seinen Sitz im 33. Stockwerk des Tour Reflet. Im Mai 1985 erhält der Sender eine bedeutende finanzielle Unterstützung von Yves Saint-Laurent (übrzeugt von seinem Partner Pierre Bergé).
Ab 1985 kommt es (überwiegend aufgrund finanzieller Problem) zu mehrfachen Eigentümer-Wechseln wie auch Programm-Neuausrichtungen. Zudem bekommt auch Frequence Gaie die Folgen der Aids-Krise deutlich zu spüren, veränderte Gewohnheiten, andere Themen, Verlust von Hörern.

Am 31. August 1986 stellt Frequence Gaie den Sendebetrieb komplett ein. Ab 30. September 1986 übernimmt eine neue Gruppe den Sender, Frequence Gaie sendet wieder – im Notbetrieb, um die Frequenz nicht zu verlieren.Unter dem neuen ‚Präsidenten‘ von Fréqunce Gaie, Didier Varrod, beginnt Jean Le Bitoux eine regelmäßige Nachrichtensendung namens ‚Droit de question‘.

Mitte 1987 kommt es zu einer Neu-Zuteilung der verfügbaren Frequenzen, der Sender muss sich zukünftig seine Frequenz hälftig teilen mit einem anderen Sender. Für die kaufmännmische Geschäftsführung wird ein Partner gewonnen, ab Januar 1987 bis 1990 wird ‚Fréquence Gaie‘ so unter der Ägide des legendären Schwulenmagazins Gai Pied gesendet (über die Gesellschaft SARL 97,2, an der der Gai Pied 45% hält). Der Sender wechselt zugleich ab Mai 1987 seinen Namen, aus Fréquence Gaie wird Future Generation. Neue Direktorin wird Marie-Odile Delacour (zuvor Journalistin bei ‚Liberation‚).

1991 bis 2001 wird Future Generation als Radio FG zu einem reinen Techno-Sender, 2001 bis 2009 dann „FG DJ Radio„. Neue Frequenzen in ganz Frankreich werden erworben. Schwullesbsiche Bezüge sind im Programm schon lange kaum noch zu erkennen. Seit 2009 wird ‚FG‚ (seit 2001 betrieben von SAS FG Concept) zu einer internationalen kommerziellen Marke ausgebaut, mit Radio-, Web-Radio- und seit neuestem auch DAB+- Programmen in zahlreichen Ländern.

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Video: Dalida bei Fréquence Gaie (1982)

1982 war die französische Sängerin Dalida (1933 – 1987) bei Fréquence gaie zu Gast. Im Interview erläutert sie, was sie über ’schwule Kultur‘ denkt, und wie sie mit ihrer Rolle als ‚Ikone der Schwulen‘ umgeht:

<<Video leider nicht mehr online verfügbar>>

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Schwules Piratenradio erlebte ich erstmals in Hamburg 1981 bei „Interschwul 1981„, als vom Stintfang ein schwules Piratenradio sendete und ich dort die ‚Schwule Aktion Bremerhaven‚ vorstellen durfte..

Und ich kann mich gut erinnern, wie wir während einer Paris-Reise der schwul-lesbischen Reisegruppe im SCHULZ ‚homoreizen‘ in den frühen 1980er Jahren das Studio der noch relativ frisch ‚“legalisierten“ ‚Fréquence Gaie‚ besuchten, die Professionalität des Studiobetriebs bestaunten und dachten „ach, sowas hätten wir auch bei uns gerne“.

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Anmerkungen:
[1] Copi, geboren als Raúl Damonte Botana am 20. November 1939 in Buenos Aires / Argentinien, war Autor, Schriftsteller (Romane, Erzählungen, Theaterstücke) und Zeichner. Er war ein wichtiger Aktivist der französischen Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Er engagierte sich in der ‚Front homosexuel d’action révolutionnaire‚ (FHAR) und war einer der wichtigsten Weggefährten der Galionsfigur der französischen Schwulenbewegung, Guy Hocquenghem (s.u.). Copi starb am 14. Dezember 1987 in Paris an den Folgen von Aids.
[2] Diese ‚animierten Kontaktanzeigen‘ waren eine wahre Perle des Radios: Hörer konnten direkt Kontaktanzeigen aufgeben, wurden aufgefordert sich über den Sender zu beschreiben und über ihre sexuellen Vorlieben zu sprechen. Gelegentlich kam dann ein Reporter von Frequence Gaie zu einem Inserenten nach hause, um zu prüfen, ob die Selbstbeschreibung den Fakten entsprach, und berichtete darüber in der Sendung. Die bei den Hörern sehr beliebte Sendung “double face“ wurde moderiert von Guy Hocquenghem, Jean-Luc Hennig und Michel Cocquet.
[3] Der französische Autor und Philosoph Guy Hocquenghem (* 3. Dezember 1946 in Paris; † 28. August 1988 in Paris) war einer der bedeutendsten Schwulen-Aktivisten der 1970er und 1980er Jahre in Frankreich. Er war seit 1971 Mitglied der Front Homosexuel d’Action Révolutionnaire (FHAR). Am 10. Januar 1972 veröffentlichte er in der französischen Zeitung Nouvel Observateur einen langen Artikel, in dem er seine Homosexualität mitteilte – der zweite Schwule in Frankreich mit einem Coming-out via Presse (nach Paul Verlaine 1888). Guy Hocquenghem veröffentlichte 1972 Le Désir homosexuel (neu herausgegeben 2000; auf deutsch erschienen 1974: Das homosexuelle Verlangen), eines der ersten Bücher der Queer-Theory. Er starb 1988 an den Folgen von Aids, er ist im Kolumbarium des Pariser Friedhofs Père Lachaise beigesetzt.

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