Frankreich: Homo-Magazin Tetu konkurs

Zuletzt aktualisiert am 17. Februar 2017 um 0:53

Tetu konkurs – kurz vor seinem 20jährigen Jubiläum steht  das 1995 gegründeten Homo-Magazin vor dem Aus. Bis Ende Sptember 2015 bleiben vier Monate Zeit, um das weitere Schicksal des Magazins zu klären. Es sei denn, alles geht viel schneller … dem Ende entgegen?

Frankreichs bedeutendstes Homo-Magazin Tetu ist konkurs. Die Redaktion teilte am Abend des 1. Juni 2015 mit, das Handelsgericht habe am gleichen Tag über die Herausgeberin und Muttergesellschaft CPPD auf Antrag des Direktors das Konkursverfahren eröffnet. Diese hatte am 28. Mai ihre Zahlungen eingestellt.

Der Konkurs sei tragisch, so die Redaktion. Zwar sei die Finanzsituation derzeit noch defizitär. Aber man arbeite bereits an einer Restrukturierung und die Abonnentenzahl steige sich langsam. Für ein Weiterbestehen sei nun ein starker Partner bzw. die Annäherung an eine Mediengruppe erforderlich. Vier Monate Zeit stehen dafür nach der Konkurseröffnung durch das Handelsgericht zur Verfügung – bis Ende September 2015 muss Klarheit über das weitere Schicksal von Tetu bestehen.

Das monatlich erscheinende LGBT Magazin Têtu wurde im Juli 1995 (drei Jahre nach der Einstellung des legendären Schwulenmagazins Gai Pied, dessen Nachlass es de facto übernimmt) von dem Journalisten und ehemaligen ACT UP Paris Aktivisten Didier Lestrade sowie von Pacal Loubet gegründet (Erscheinen der ersten Ausgabe). Finanzielle Unterstützung erhielten beiden von Yves Saint Laurent und dessen Partner Pierre Bergé.

Ursprünglich trug Tetu (bis 2007) den Untertitel ‚le magazine des gays et lesbiennes‘, de facto ist es seitdem ein  Magazin das sich überwiegend an männliche Leser wendet.

Die verkaufte Auflage lag zuletzt Medienberichten zufolge bei durchschnittlich 28.275 Exemplaren (Dezember 2012: 41.691). Seit seiner Gründung war Tetu nie profitabel und wurde lange von Bergé als Mäzen über Wasser gehalten. 2013 hatte Bergé das Magazin nach 18 jahren als alleiniger Aktionär für den symbolischen Betrag von einem Euro übergeben an den offen schwulen Geschäftsmann und Vertrauten von Päsident Hollande (bei dessen Präsidentschafts-Wahl-Kampagne er Schatzmeister war), Jean Jacques Augier. Dieser versuchte seitdem mit Personalabbau die Kosten zu reduzieren, zudem investierte er über eine Mio. € in das Magzin.  Derzeit hat Tetu noch 10 Mitarbeiter, davon 5 Journalisten. 2014 soll das Magazin bei einem Umsatz von 2,8 Mio. € einen Verlust von 1,1 Mio. € gemacht haben. 2012 sollen sich die Verluste noch auf 2,2 Mio. € bei einem Umsatz von 3,5 Mio. € belaufen haben.

Ende 2014 hatte Tetu noch eine Kooperation mit Yagg beendet und seine Internetseite wieder eigenständig übernommen. Erst vor kurzen hatte das Magazin zudem eine (auf Leser in Frankreich orientierte) Dating-App SoTetu gestartet.

Die für Samstag 6. Juni 2015 geplante Tetu-Geburtstagsfeier soll nun in eine Solidaritäts-Party umgewandelt werden.

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Inzwischen erfährt Tetu Unterstützung von LGBT- Aktivisten und prominenten. Son twitterte Emma Cosse, ex ACT UP Präsidentin und heute Generalsekretärin der französischen Grünen EE-LV, die Presse brauche Diversität, LGBT wie auch Heteros bräuchten ein Magazin wie Tetu. Yohann Roszéwitch von SOS Homophobie erklärte, seit 20 Jahren unterstütze Tetu die Aktivitäten der Organisation, nun brauche es selbst Solidarität. Leser bekunden ihre Unterstützung unter dem Hashtag #SaveMyTETU .

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Aktualisierung
17.06.2015: In den ersten zehn Tagen seit Bekanntwerden des Konkurses konnte Tetu über 500 neue Abonnenten gewinnen, teilte die Redaktion mit.
14.07.2015: Ist die 212. Ausgabe etwa die letzte Ausgabe von Tetu?, fragt die französische Tageszeitung Le Monde. Die Vorbereitung der September-Ausgabe sei suspendiert worden. Es gebe nach bedeutenden finanziellen Schwierigkeiten einen Antrag auf Liquidation des Unternehmens, das Handelsgericht werde am 23. Juli 2015 entscheiden, bestätigt die Redaktion. Zwar gebe es zwei Übernahme-Angebote (eines davon ein Crowdfunding-Projekt von Tetu-Lesern), diese würden jedoch als nicht ausreichend bewertet.
Die Belegschaft des LGBT-Internetportals Yagg (das ebenfalls in finanziellen Schwieigkeiten ist) drückte ihre Solidarität aus.
23.07.2015: Tetu habe das internet verschlafen, sein Wesen nicht verstandne und insbesondere sein umfangreiches Archiv nicht verwertet, kommentiert Didier Lestrade, Mit-Gründer von Tetu,  in ‚Liberation‘. Stattdessen nähmen viele es nur als Lifestyle- und Sonnencreme-Journal wahr.
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Tetu 01.06.2015: Communiqué : TÊTU se place en redressement judiciaire

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Dieser Beitrag ist am 2. Juni 2015 leicht überarbeitet / ergänzt auch erschienen bei queer.de: Szenesterben – Frankreich: „Têtu“ und „Act Up“ vor Aus

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