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Nachdenkliches

Einige Gedanken über Freundschaft

Freundschaft ist ein Thema, das mich schon seit Jugendjahren bewegt. Interesse für Jungs, Männer – und Freundschaft, das hing irgendwie schon immer zusammen …

“Soweit ich zurückdenken kann, hieß für mich Lust auf Typen haben immer schon Lust auf Beziehungen mit Typen haben” (Michel Foucault 1981 in einem Interview).

Ich war nie ein großer Party-Mensch, fühlte mich nie besonders wohl auf großen Veranstaltungen. Viel lieber ist mir ein Zusammensein im kleinen Kreis, ein Essen, ein Gespräch, einige Stunden Plaudern auf dem Sofa mit einem guten Freund.

Dem Freund und sich selbst gegenseitig Frei-Raum geben für Entwicklung und Wachstum – das halte ich für eine der schönsten Dimensionen von Freundschaft.

Im Folgenden einige lose Gedanken und Zitate rund um ‘Freundschaft’, die mir in den letzten Tagen über den Weg liefen (bzw. zwischen die Lesefinger gerieten), mehr auch als Gedankenskizzen für mich:

Uns selbst geben, Rollen ablegen
“Die Obertöne verklingen, und üb­rig blei­ben Gespräche, die in ihrer Armut den Mangel an Gemein­schaft nicht verbergen können. Aber warum, warum? Wir greifen nach dem anderen. Umsonst – weil wir nie wagten, uns selbst zu geben.” (Dag Hammarskjöld)
Derselbe: “Das Kostüm für deine Rolle, die Maske, die du mit soviel Sorgfalt angelegt hast, um zu deinem Vorteil aufzutreten, war die Mauer zwischen dir und der Sympathie, die du suchtest. Eine Sympathie, die du an dem Tag gewonnen hast, da du nackt dort standest.”
Die Rolle, die ich spiele, das Bild, dem ich gerecht zu werden versuche, der Eindruck, den ich vermit­teln will von mir – sie verhindern wie eine Mauer, dass wir offen sind, uns selbst geben, uns einander begegnen. Die Rollen ablegen, einander ‘nackt’, offen ehrlich, als ich selbst gegenübertreten – wagen, uns selbst und dem anderen zu begegnen, das ist einer der Schlüssel.

Neue Freiheit
“In mei­nem Ge­spräch mit Jacques verlor ich plötzlich meine Furcht vor dem Leben, alles war mir möglich. … In seiner Gegenwart kroch ich aus meinem Kokon hervor …” (Peter Weiss).
“Was ist denn angenehmer als jemanden zu haben, mit dem du alles wie mit dir selbst zu reden wagst?” (Cicero)
Freundschaft ist meiner Entwicklung, meiner Mensch-Werdung förderlich. Freundschaft gibt mir Kraft und Freiraum, mich zu entwickeln, und die Sicherheit, die es mir erlaubt, in dieser Entwicklung auch mich zu riskieren, auch Irrtümer begehen zu können.
“Jede neue bedeutende Bekanntschaft zer­legt uns und setzt uns neu zusammen. Ist sie von der größten Bedeutung, so machen wir eine Regene­ration durch.” (Hugo von Hofmannsthal)

Wahrheit und liebevolle Kritik
“Das ist keine Freundschaft, wenn der eine die Wahrheit nicht hören will, der andere zur Lüge bereit ist” (Cicero).
“Mut zum offenen Wider­spruch, aber mit Fühlern dafür, wieviel Aufrichtigkeit der andere ge­rade noch verkraften kann, und also Geduld” (Max Frisch). Dazu auch “dass der eine den anderen gelegentlich im Unrecht sehen kann, aber deswegen nicht richter­lich wird” (Max Frisch).

Ende der Freundschaft?
Foucault spricht von Zuneigung, Zärtlichkeit, Treue, Freundschaft, Kameradschaft und Partnerschaft als “Werten, denen eine schon leicht angeschlagene Gesellschaft keinen Platz mehr zugestehen kann, ohne zu fürchten, dass daraus Bindungen entstehen und Kraftlinien sich unerwartet miteinander verknüpfen.”
Noch deutlicher “Die Industrialisierung der Welt, der totalitäre Staat und der egoistische Materialismus haben heute der Freundschaft ein Ende gemacht; die erstere, indem sie das Tempo der mensch­lichen Verbin­dungsmöglichkeiten soweit beschleunigt hat, dass jeder Mann ersetzbar ist, der zweite, indem er solche Ansprüche an das Individuum stellt, dass Kameradschaft zwischen Ar­beitern und Kollegen nur für die Zeit ihrer Zusammenarbeit bestehen kann, und der letzte, in­dem er alles das gewichtig hervorhebt, was in Menschen von Grund auf selbstsüchtig und häss­lich ist, so dass wir unsere Freunde unfreundlich behandeln und ihre Vertrautheit übelnehmen, weil etwas in uns vom Wurm zerfressen wird. Wir haben auf Kosten der Treue Mitleid entwic­kelt.” (Palinurus, i.e. Cyril Connolly)

Freundschaft, Begehren, Beziehung
Ein Thema das mich immer wieder viel beschäftigt … gibt es eine schwule Lebensweise, oder kann ich sie für mich entwickeln?
“Offenbar müssen wir nicht so sehr daran arbeiten, unser Begehren zu befreien, als daran, selbst endlich genussfähiger zu werden. Man muss von den beiden stereotypen Klischees der rein sexuellen Begegnung einerseits und der Identitätsverschmelzung in der Liebe andererseits wegkommen.” (Michel Foucault)
“Vielleicht sollte man eher fragen: ‘Was für Beziehungen können über die Homosexualität aufgebaut, entworfen, erweitert und von Fall zu Fall verschieden gestaltet werden?’” (Michel Foucault)

Beglückend
Zu guter Letzt ein nachdenklich stimmendes Zitat: “Irgendwann einmal habe ich gesagt, ich verstünde mich besser auf Freundschaft als auf Liebe. Liebe beruht auf kurzfristigen Spasmen. Enttäuschen uns diese Spasmen, schwindet die Liebe dahin. Es ge­schieht nur sehr selten, dass sie die Probe über­dauert und zur Freund­schaft wird. … Freundschaft ist ein friedlicher Spasmus. Ohne Besitz­gier. Das Glück eines Freundes beglückt uns. Es verdoppelt uns. Es entzieht uns nichts.” (Jean Cocteau)

Lesetipps:
Cicero: Lealius – Über die Freundschaft. Übersetzt von Robert Feger. Philipp Reclam Jun. Stuttgart 1995
Foucault, Michel: Von der Freundschaft als Lebensweise – Michel Foucault im Gespräch. Übersetzt von Marianne Karbe und Walter Seitter. Merve Verlag Berlin o.J.
Hammarskjöld, Dag: Zeichen am Weg. Übersetzt von Anton Graf Knyphausen. Droemer Knaur München/Zürich 1965

Michel Foucault: 
«De l’amitié comme mode de vie» (entretien au «Gai Pied», 1981)

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Koordinaten der Liebe

Warum schreibst du nicht mal wieder über Beziehung, Liebe, Partnerschaft?
Solcherlei Mails erreichen mich gelegentlich, so auch neulich.
Nun, mir fehlt im Augenblick die Zeit – Texte darüber brauchen Muße, Ruhe, Klarheit im Kopf – und Zeit zum Entstehen.
Zum Ausgleich heute zumindest ein Zitat …

“Wenn wir jemanden lieben, nehmen wir sie oder ihn allzu oft nicht als die Person an, die er oder sie wirklich ist. Wir akzeptieren sie oder ihn insofern, als die Person in die Koordinaten unserer Phantasie passt. Wir miss-identifizieren bzw. identifizieren sie oder ihn falsch. Das ist auch der Grund dafür, dass aus Liebe schnell Gewalt werden kann, wenn wir herausfinden, dass wir uns getäuscht haben. Es gibt nichts Gefährlicheres, nichts Tödlicheres für die geliebte Person, als nicht für das geliebt zu werden, was er oder sie ist, sondern dafür, in das Ideal zu passen. In diesem Fall ist Liebe immer demütigend.”
(Slavoj Zizek; zitiert nach Programmheft “Der Vetter aus Dingsda”, Komische Oper Berlin)

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Die Schuld des Überlebens

Ein seltsames Gefühl. Ein Gefühl, das oftmals auf Unverständnis trifft. Ein Gefühl, das vielleicht nur nachvollziehen kann, wer “die schlechten Jahre” erlebt, überlebt hat.

Das Gefühl der Schuld des Überlebens.

Es ist schwer zu beschreiben, dieses Gefühl. Ich versuche es.

Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre. Aids hieß zu dieser Zeit: man kann nichts machen. Irgendwann, eher schneller als später, wird die Diagnose HIV bedeuten Aids, und kurze Zeit später bedeuten krank, schwer krank, tot.

So bestürzend dies heute klingen mag – damals war es eine (unfreiwillige, unerträgliche) Normalität in manchen schwulen Szenen, auch in meinem Leben. Eine Woche ohne schwarz umrandeten Briefumschlag im Postkasten gab es auf dem Höhepunkt der Krise beinahe nie, gelegentlich Wochen mit mehreren. Es starben Bekannte, Fick-Bekanntschaften, Kneipen-Bekanntschaften, politische und sexuelle Weggefährten, Lover, Geliebte, Freunde.

Es starben auch Menschen, die mir so nahe waren wie kaum jemand außer meinem Mann. Die ich liebte, liebe.

Ich werd auch bald dran sein”, war damals naheliegend scheinende Reaktion.

Und bald kamen Zeiten, in denen auch mir klar wurde, nun wird es ernst. Es kamen Zeiten der ersten Lungenentzündungen, der PcP, eines versagendes Immunsystems. Die Worte “ich kann nun nichts mehr tun für Sie”. Worte die eigentlich nicht mehr gesagt werden mussten, die Situation war auch ohne sie eindeutig.

Doch – ich überlebte, auch durch glückliche Umstände.

Aber ich habe mich immer wieder gefragt, warum? Vor allem: warum ich? Warum er nicht? Warum kamen die entscheidenden Pillen für mich gerade noch rechtzeitig genug, und für ihn nicht? Warum musste er sterben? Warum darf ich leben?

Dieses Gefühl meint zunächst ein beinahe kindliches “das ist gemein”.
Ein störrisches Aufstampfen, ein “so will ich das nicht”.
Aber bald auch ein Entsetzen.
Entsetzen ob der Leere, des Verlustes, des Gefühls von Verlassen-Sein.
Ein Gefühl tiefster Ungerechtigkeit – “das ist gemein” weit mehr als nur als Ausdruck kindlich naiver Enttäuschung gemeint, mehr als “niederträchtig”, “boshaft”.
Eine Verzweiflung angesichts des zu Ergebnislosigkeit verdammten Versuches, eine Sinn darin zu erkennen.

Es gibt keinen Sinn.
Tod hat keinen Sinn.
Aber es gibt diese Verzweiflung, diese Verzweiflung, die auch bleibt, wenn die Trauer nachlässt.

Das Wort “Schuld” ist hier nicht angebracht, insofern mag der Titel ein wenig irreführend scheinen. Scheinen. Denn – immer wieder stand da – nur in mir – die Frage im Raum, warm musste er sterben? Warum durfte, darf ich überleben? Gibt es einen Sinn darin, einen innewohnenden Appell?

Zu überleben, ohne all die Männer, die ich kannte, mit denen ich mehr oder minder bekannt, nah war, die ich begehrte, mit denen ich schwulen- oder aidspolitisch unterwegs war, die ich liebte, zu überleben ohne sie – warum? Was hebt mich so hervor, dass ich überleben darf? Nichts. Kann Schicksal, können Zeitläufte so brutal sein? Oder: so banal? Warum sie tot, ich lebend? Es gibt keinen Sinn. Außer dem, den ich meinem Weiterleben, meinem Leben gebe.

(Und – bevor Sie sich jetzt Sorgen machen, es geht mir gut. Gelegentliche Erinnerungen an ‘damals’ und heutige Nachdenklichkeiten schaden m.E. nicht dem Gemüt, fördern heutiges Leben.

Und – der Mann weist mich berechtigt darauf hin- , ich versuche mir bewußt zu halten, dies ist selbstverständlich kein singuläres Ereignis. “Es gibt ähnliche Texte vom ersten Weltkrieg und auch anderen Katastrophen.”)

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märchenhaft glücklich

“Und nun fehlte nichts mehr zu ihrem Glück, solange sie lebten.” (Gebrüder Grimm / Der goldene Vogel)

Lebenskunst oder Märchen – wie finden wir unser Glück, wie schaffen wir es ein Leben zu führen, das wir als glücklich, bereichernd, gelungen empfinden?

Lebenskunst, für diesen Begriff gibt es vermutlich unzählige Definitionen, vielfältigste Ansätze zu erklären, wie denn das eigene Leben gelingen möge. Und doch, es lassen sich vielleicht zwei verschiedene Grundhaltungen im vielschichtigen Koordinatensystem der Lebenskunst definieren:

Zum einen die Idee, zu einer Lebenskunst gehöre ein genussreiches und sorgenfreies Leben. Gutes Essen und Trinken, guter (und häufiger) Sex, tolle Urlaube, ein gesichertes finanzielles Auskommen. ‘Geld, Gold, ein sorgenfreies Leben’, unter diesem Werber-Spruch lässt sich diese Grundhaltung vielleicht subsumieren.

Eine andere Vorstellung von Lebenskunst kapriziert sich eher auf den Gedanken ein bewusstes Leben zu führen. Bewusstes Leben, das heißt in diesem Modell, nicht nur die ’schönen Seiten’ des Lebens zu genießen, sondern sich bewusst zu sein, dass auch Trauer, Schmerz, Misserfolg zum Leben gehören, Teile eines gelungenen Lebens sein können.

Kann die erste Vorstellung von Lebenskunst vielleicht als das hedonistische Konzept bezeichnet werden, erinnert das zweite eher an die klassische Philosophie.

Das hedonistische Konzept, weil das erste Modell sich sehr darauf konzentriert, dem Leben die positiven Seiten abzugewinnen (hêdonê griech.  Lust). Und die negativen, schmerzhaften, unangenehmen zu meiden, zu verdrängen, und sei es mit allerlei Pulvern und Pillen. Eine beliebte, weit verbreitete Vorstellung auch der Moderne, sei es als egoistischer Hedonismus des Einzelnen oder als hedonistischer Utilitarismus als Gruppe. Eine Idee von Lebensführung, die z.B. in den 1990er Jahren recht populär war, Stichworte wie ‘Generation Golf’ mögen hier Assoziationen wecken.

Die eher klassisch-philosophische Vorstellung von Lebenskunst, sein Leben bewusst zu führen, mit all seinen guten und schlechten Seiten, mit Freund und Leid. Ein schon in der Antike entworfenes Modell, das die guten Seiten des Lebens als ebenso zwingend notwendige Bestandteile des gelungenen Lebens empfindet wie die schlechten. Rückschläge letztlich vielleicht auch als Chance sehen können. Ein eher unpopuläres Modell, das dem Betrachter vermutlich weit weniger amüsant erscheint als das erste, hedonistische Modell.

Welches der vielen Konzepte der Lebenskunst, oder nur dieser beiden das richtige ist?
Eine müßige Frage.
Die Frage, welche Lebenskunst die richtige sei, kennt vermutlich keine ‘einzig wahre’, richtige Antwort, zumindest nicht in der Zeit der Moderne, des Individualismus. Fragen, Ideen, Anregungen mögen helfen, Orientierung an Wegmarken des eigenen Lebenswegs zu haben – finden müssen wir ihn jeweils selbst, den Lebensweg, die Idee eines gelungenen Lebens, unser persönliches Konzept der Lebenskunst.

Welchen Weg ich gehe?
Nun, sicher einen in Schlangenlinien, in Sinus-Form, einer Form der Linie, die mir mit ihrem Auf und Ab, der Hoffnung auf einen steigenden Gradienten dem Leben sehr angemessen scheint.
Das hedonistische Konzept der Lebenskunst ist mir persönlich eher fremd und ein wenig suspekt, wie der aufmerksame Leser vielleicht bereits in früheren Posts zum Thema Lebensführung bemerkt haben mag. Hinge ich allein der Vorstellung an, die positiven Seiten des Lebens zu maximieren, zu viele Momente, Erlebnisse, Geschehnisse meines bisherigen Lebens müsste ich tilgen, vergessen, verdrängen. Und vieles an Nützlichem, Wertvollen, ja manchmal geradezu Sinnvollem, das erst aus tiefen schmerzlichen Krisen entstand, hätte ich mit dem hedonistischen Konzept vielleicht nicht wahrgenommen, nicht zugelassen.
Schmerz, Leid, auch Tod gehören ebenso wie die vielen positiven Seiten auch zum Leben. Lust und Leid. Sie sind für mich ein wesentlicher Bestandteil dessen, was ich als ‘Leben’ empfinde. Konfrontation und Auseinandersetzung mit ihnen bereichern mein Leben. Sie sind elementare Bestandteile bei dem Versuch, im eigenen Leben einen Sinn zu sehen, das eigene Leben als gelungen zu empfinden, zu bejahen. Sein Lebensziel abzustecken – und dafür auch gerade zu stehen.

‘Geld, Gold, ein sorgenfreies Leben’ helfen mir da nicht weiter, scheinen mir wie ein Holzweg in’s Moor. Die schönen, lustvollen, spaßigen Seiten in vollen Zügen zu genießen, und die schmerzhaften, leidvollen, traurigen nicht zu verdrängen sondern zuzulassen, wahrzunehmen, auch sie zu leben, vielleicht aus ihnen zu lernen – das ist Teil meines Versuchs, mein Leben als sinnvoll zu empfinden.

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Lars ist tot

Vor gut zwanzig Jahren schneite er in unser Leben. Lars wurde Auszubildender in der Firma, in der mein Mann damals arbeitete. Wobei, “hereinschneien” trifft es nicht ganz – Lars hatte eine direkte Form von Anwesenheit, eine Präsenz, die Schnee wohl nur selten erreicht.

Lars wollte Dekorateur werden. Obwohl, er war es doch eigentlich längst.
Wenn Lars etwas anstreichen sollte, eine Nische, eine Laden-Rückwand oder ähnliches – dann war zwar die Wand hinterher wohl ansatzweise auch weiß (oder schwarz oder gelb …), vor allem aber waren es Lars’ Haare. Und man konnte sicher sein, als Reaktion darauf kam Lars am nächsten Tag mit knallrot gefärbten Haaren zur Arbeit.

Wir freundeten uns an, verbrachten zu viert so einige lustige, bizarre, gruftige, erstaunlich Abende und Nächte mit einander.
Kamen uns irgendwann (sehr zum Erstaunen meines Mannes) auch sehr nahe. Und verloren uns später wieder aus den Augen.

Jahre später begegneten wir uns wieder, zunächst elektronisch, kurz darauf persönlich. Nach einem Schlaganfall kurze Zeit zuvor war Lars ruhiger geworden, wenn auch nicht weniger präsent als früher. Wir sahen uns gelegentlich, chatteten ab und an in blauen Universen, angesichts seiner Arbeitszeiten vorzugsweise in den frühesten Morgenstunden.

Kurz vor Weihnachten feierten wir in Köln seinen 40. Geburtstag mit einander – eine Geburtstagsparty ‘typisch Lars’. Gingen auseinander mit dem festen Vorsatz, uns Anfang des neuen Jahres zu viert wieder zu treffen, ‘mal mehr in Ruhe’.

Dazu kommt es nun nicht mehr. Gestern abend, zurück aus weihnachtlichen Gefilden, erreichte uns per Email die Nachricht, dass Lars am Tag vor Heiligabend frühmorgens auf der Arbeit gestorben ist.

Mach es gut, Lars, wo immer du nun sein magst. Du fehlst.

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bedingungsloses Vertrauen (Wim Wenders 2008)

Bedingungsloses Vertrauen :

Einfach alles zu teilen, das Gute und das Schlechte, jeden Frust, jede Angst, jede Freude, aber auch das Beten, das ist tausendmal besser als jeder Sex. Wo doch viele Leute Ehe und Liebe daran messen, ob ein Paar guten Sex hat. Wichtiger ist, dass man ein bedingungsloses Vertrauen zueinander findet, dass man immer noch offener sein kann. Auch dem Sex tut es übrigens gut, wenn nicht alles davon abhängt!

Wim Wenders, Filmemacher, in ‘chrismon’ 12/2008


Wenders im Jahr 2008 (Thiago Piccoli – originally posted to Flickr as wim wenders )

Auch wenn ich das mit dem Beten nicht teil, alles andere – wohl gesagt, geschätzter Herr Wenders … ‘ bedingungsloses Vertrauen ’, fragte mich jemand, was macht denn deine Beziehung aus, das wäre wohl eine der schönsten Antworten, die ich geben könnte …

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Paradies der Kindheit und von heute

Heute erzähl ich ein wenig über mich. Mein Paradies der Kindheit. Ein klein wenig. Mir ist gerade danach.

Ich hatte eine glückliche Kindheit. Die ersten sechs Jahre meines Lebens – kein anderer Begriff als ‘Paradies der Kindheit’ kommt mir in den Sinn. Meine Eltern wohnte in einer kleinen Dachgeschoss-Wohnung, draußen am Kleinstadtrand.

Onkel Brenner, mein großer Held. Der nachmittags, wenn er von der Arbeit in der Korkfabrik kam, sofort stürmisch begrüßt wurde. Schon lange hatte ich wohl am Gitter in der ersten Etage gewartet, beim ersten Geräusch seines Schlüssels in der Haustür ‘Onkel Bemmer bim bim’ gerufen. Kindlicher Sprachfehler, noch jahrelang wurde ich damit geneckt.

Sein nachmittäglicher Kaffee mit einem Stück frisch gebackenen Königskuchen, in der ‘kleinen Stube’. Danach eine Zigarre aus einer dieser tollen spannenden Holzkistchen mit den bunten Aufklebern. Mein Königreich, wenn ich auf seinem Schoss sitzen, die Welt um ihn, um mich herum lachend bestaunen durfte.

Tante Brenner, gutmütige liebe Frau im Hintergrund. Die tagsüber in der Küche stand, ich sobald ich durfte immer um sie herum, zwischen Herd Spüle und Küchentisch herumflitzend. Zum Entdecken oder Naschen gab’s immer was …

Der Kindergarten um die Ecke, mit dem damals ganz bestimmt größten Spielplatz der Welt. Und mit Tante Irene, die immer die allertollsten Dampfnudeln machte, mit heißen Sauerkirschen.

Onkel Brenner, der wenn es dann zu kalt, zu nass oder zu dunkel für den Garten war, in seine Werkstatt ging. Ein eigentümliches Reich, vollgestopft mir Regalen, Kästen und Kästchen, mit den seltsamsten Geräten und komischen Dingern. Die er mir geduldig und gutmütig alles erklärte, während er Uhren reparierte, Dinge machte die ich nicht verstand – oder mir Spielzeug baute, wie den Tunnel für die Eisenbahn.

Aber wenn und sobald es trocken war, ging es hinaus in den Garten. Durch die Waschküche, vorbei an der Werkstatt, am Außenklo. Direkt neben dem Haus stand ein Haselnussstrauch, so riesig, dass ich mich gerne darin versteckte. Daneben der Hühner-Hock mit riesigem Auslauf – und dem großen Gegacker, wenn Tante Brenner morgens die Eier holte. Der Schuppen an der anderen Seite des Gartentors, dunkelgrün gestrichen wie die Minze, die an der schattigeren Seite wuchs, nach der im Herbst der ganze Hof so süßlich-frisch roch.

Ulli in seinem Paradies der Kindheit - Brenners Garten
Ulli 1963 in Brenners Garten

Der so unendlich groß und lang scheinende Garten. Die Karnickelställe, mit Mümmelchen und Hansi. Die immer irgendwann im Winter verschwanden, um im Frühjahr, mit etwas anderem Fell, leicht anderen Farben, wieder aufzutauchen. Die Obstbäume im Garten, Äpfel, Walnuss und Birnen, mit lustigen grün-weißen klebrigen Binden um den Bauch. Die kleinen Gräben links und rechts zu den Nachbarn. Weiter hinten, hinter Johannis- und Stachelbeer-Büschen, der Gemüsegarten. Mit lustigen bizarren Gestellen aus langen Ästen, an denen die Stangenbohnen wuchsen, daneben die Erbsen, Lauch, Kohl, Salat.

Dahinter die Bäke, letztes Spiel-Terrain vor dem verbotenen Land, großes Abenteuer Wasser-Stauen. Aber ja nicht über den Steg krabbeln! Streng verboten! Gegenüber, das gefährliche Moor. Niemals darfst du dahin, hatten die Eltern mir eingeprägt. ich war brav, hielt mich daran. Zu groß war die Angst vor den Moorleichen.

Ja, ich hatte wahrlich eine glückliche Kindheit. Meine Welt war riesengroß, vielfarbig, lebendig, und voller Zukunft.
Nur – ich hatte mein paradiesisches Riesen-Königreich für mich allein. Mein Paradies der Kindheit. Was ich nicht hatte, war ein Freund.

Heute, viele viele Jahre später.
Meine Welt ist immer noch recht vielfarbig, wenn auch einige Grenzen sichtbar wurden. Lebendig, und immer noch voller Zukunft. Ich habe Erinnerungen an eine glückliche Kindheit, und ein Urvertrauen an das Gute im Menschen – wohl das Geschenk, das Brenners mir für mein Leben machten.

Und ich habe ein glückliches Leben, mit einem Mann, der die Liebe meines Lebens ist – und zugleich mein bester Freund.

Für F.
Und für M., R., St. und T. die mir Freund sind.

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so viel Leben

Warum bloggst du eigentlich?
Warum machst du dir so viel Arbeit damit?

Gute Frage.
Warum?

Warum schreibe ich dies alles? Und warum gerade diese Themen?

In meinen Jugendjahren fühlte ich mich lange einem anderen Jungen sehr nahe. Und doch, es gab eine zunehmend bewusst werdende Grenze zwischen uns. Dass diese Grenze auch auf den Namen ’schwul’ hört, begriff ich erst spät, mit 17, 18. Bis zum ersten Sex mit einem (anderen) Mann dauerte es dann nicht mehr lange. Bis ich mit meinem Schwulsein offen und selbstbewusst umging, brauchte es schon etwas länger, einige schmerzvolle und viele schöne liebevolle Erfahrungen.

Bald war ich glücklich in der Welt schwulen Großstadtlebens angekommen. Fand meinen Platz, auch in schwulen Bewegungen. Fand meinen, den Mann für’s Leben. Einen Freundeskreis, ein Mann, ein Zuhause – glückliche Jahre. Doch vier Buchstaben standen bald düster am Horizont, drohten alle glücklichen Welten schwulen Großstadt-Lebens in kürzester Zeit zu zerschmettern. Das vierbuchstabige Schreckgespenst wurde bald auch zur dreibuchstabigen eigenen Realität. Freunde, Bekannte starben, Welten brachen zusammen. Mein eigener Körper sagte langsam ‘adieu’. Neue Hoffnung kam. Machte das Leben wieder und anders lebens-, liebenswert.

Das Bemühen um gesellschaftliches und persönliches Leben mit HIV und Aids wurde notgedrungen zum Bestandteil meines Lebens. Das Bemühen um glückliches schwules Leben blieb immer …

All dies hat sich zeit meines Lebens in Buchstaben und Worten, geschriebenen Worten niedergeschlagen, in Briefen, Tagebüchern, Flugblättern, Texten und Informationsschriften. Und seit einiger Zeit im Blog.

Das ist alles. Mehr nicht.

Oder noch viel mehr? Oder doch, eines noch: Seit langem mag ich’s sehr gerne:

… but the fool on the hill sees the sun going down and the eyes in his head see the world spinning round
(the fool on the hill)

There’s so much world to see
(moonriver)

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gemalte Gefühle

Zu Musik und Kunst habe ich ein eigenwilliges Verhältnis. Leider bin ich an beide in meiner Jugend nicht heran geführt worden. Nun gut, es gab an der Schule Musik-Unterricht, wie auch Kunst-Unterricht.
An den Musik-Unterricht kann ich mich kaum erinnern, bis auf eine Vorführung eines Glasharfen-Spielers, die mich begeisterte. Und der Kunst-Unterricht gipfelte irgendwie immer in der Erkenntnis 1: ich kann nicht malen, und der Erkenntnis 2: die Kunst-Note ist für’s Abi nicht wichtig.

So ist mein Zugang zu Kunst wie zu (klassischer) Musik meist ein rein subjektiver, einer des ‘Gefallens’. Wobei ich dieses Kriterium als ein für mich persönlich sehr scharfes, verlässliches schätzen gelernt habe.

Dieses ‘Gefallen’ äußert sich bei Musik und Kunst leicht unterschiedlich.
Bei Kunst meistens darin, ob ein Werk mich berührt, ob mein Herz aufgeht, ich Gefühle spüre, gern auch Irritation. Kunst muss nicht ’schön’ sein – aber wenn sie mich irritiert, mich aus meinen Gewohnheiten reißt, mir einen neuen, unbekannten Blickwinkel öffnet, das begeistert mich. Oder wenn sie, wie beim geschätzten Freund Thomas, Gefühle Erfahrungen Situationen in einem Objekt ausdrückt, für die ich kein einziges, erst recht nicht hundert zutreffende Worte finden könnte (’was bleibt‘).

Bei Musik hingegen bemerke ich dieses ‘Gefallen’ an mir oftmals , wenn ich plötzlich unbewusst meine Augen schließe, die Alltagsrealität entschwindet, die Musik mich auf eine Reise nimmt. Bilder vor mir auftauchen, von Tönen gemalt – bei ‘Kaufhaus-Musik’ genauso wie ‘Stausauger-Musik’ geschieht dies nie, deswegen ist sie vielleicht hübsch, letztlich aber eher zweckmäßig. Keine großen Gefühle, Bilder.
Besonders intensiv kann dieses Moment der Entschwindens sein bei Stücken oder Komponisten, die ich nicht kenne (was bei klassischer Musik nicht so schwer ist …). Die Überraschung. Die plötzliche Reise in unbekanntes Land. Zuletzt ist mir dies intensiv geschehen bei einem Konzert von Prodromos Symeonidis am geschätzten Eisler, “Vingt regards sur l’enfant Jesus’ von Olivier Messiaen (”Ich schlafe aber mein Herz wacht“). Und heute Vormittag, statt des sonntäglich zelebrierten Frühstücks im Bett bei Sternstundern und Zeitungslektüre vergesse ich Lesen und Essen, sitze gebannt vor dem, was da aus der Hörmaschine kommt, Charles-Marie Widor “Symphonie Nr. 5″. Danke.

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Sartre in Stammheim

Am 4. Dezember 1974 besucht Jean-Paul Sartre in Stammheim Andreas Baader im Gefängnis. Eine lesenswerte Analyse von Wolfgang Kraushaar zeichnet Besuch, Wirkung und Hintergründe nach 34 Jahren nach.

Jean-Paul Sartre (21.6.1905 Paris – 15.4.1980 Paris), der französische Philosoph des Existenzialismus – was bringt ihn dazu, sich mit Andreas Baader zu treffen, dem seit Juni 1972 inhaftierten führenden Mann der RAF (’Rote Armee Fraktion’)? Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung spürt dem Hintergründen des Treffens nach, zeichnet ein Bild einer damals völlig polarisierten, erblindenden Gesellschaft.

1972. Die Gründer der ‘Roten Armee Fraktion’ (RAF), unter ihnen die bekanntesten Protagonisten Andreas Baader (in Jugendjahren von Herbert Tobias photographiert) und Ulrike Meinhof, sind verhaftet. Im Herbst 1974 führen die Gefangenen ihren inzwischen dritten Hungerstreik durch. Sie wollen auf ihre Lage aufmerksam machen, eine Verbesserung der Haftbedingungen erreichen, sehen die Hungerstreiks auch als Teil des politischen Kampfes.

Eines politischen Kampfes, der die westdeutsche Gesellschaft zunehmend in den Herbst führt. Die gesamte Gesellschaft, so schien es mir, kam nicht heraus aus einer einzigen gigantischen schwarz-weiß-Malerei. Entweder man war für die BRD, oder dagegen, entweder für strikteste Terrorbekämpfung bis zur Aufgabe demokratischer Grundprinzipien oder eben Terrorist.
Selbst im kleinstädtische Gymnasium, das ich damals besuchte, war die zunehmende Polarisierung, Hysterie spürbar, konkret erlebbar. Nicht nur in Nachrichten und Provinzblatt-’Journalismus’, sondern auch z.B. in Hetze und Ausgrenzung gegen vermeintlich ‘linke’ Lehrer oder Schüler. Wer sich gegen Bestehendes auflehnte, versuchte kritisch zu denken, war beinahe automatisch zumindest ‘Sympathisant’.

Deutschland im Herbst“, so ist nicht nur der Titel eines Films von 1978 über diese Jahre, sondern diese Formulierung beschreibt auch das Lebensgefühl in zunehmend antifreiheitlicher werdenden Rahmenbedingungen.
Hysterie, bewusst geschürte Ängste, Hetze gegen alles Andersdenken. Eine Zeit, in der differenziertes Denken, Abwägen, Hören nach Zwischentönen, Ausbrechen aus schwarz-weiß-Dogmen nicht gefragt waren, ja bekämpft wurden. Beide Seiten beharrten auf Konfrontation, Polarisierung. Menschlichkeit, Freiheit, Vielfalt – sie schienen damals oft wie kalte Fremdworte einer anderen Welt.

In einer solch polarisierten Zeit besucht Jean-Paul Sartre Andreas Baader im Gefängnis. Sartre in Stammheim – ein Besuch, der ein Fiasko wird, für Baader und die RAF erfolglos, für Sartre persönliche Blamage.

Wolfgang Kraushaar zeichnet die Geschichte und Ergebnisse dieses Besuches Sartres nach. Er verweist detailliert auf Hintergründe und Bezüge, Rahmenbedingungen und gesellschaftliches Klima.

Er fragt, was Sartre zu diesem Besuch bewogen haben mag. Kraushaar weist deutlich darauf hin, wie sehr Vorbehalte gegen die BRD auch ihre Berechtigung haben konnten, insbesondere angesichts anfänglich umfassender personeller Kontinuitäten zwischen NS-Regime und westdeutschen Regierungsorganen. Sartre andererseits wird wohl mehr als nur von RAF-Gefangenen und ihren Anwälten in “einen Hinterhalt” gelockt worden sein (wie Hans Mayer es formulierte), sah auch die Chance, eine kritische Position zu unterstützen. Differenzierte Kritik jedoch war damals, im deutschen Herbst, kaum möglich, Zwischentöne wurden nicht gehört – eine taube Gesellschaft, die in eine schwarz-weiße Polarisierung stolpern, manchmal stürmen wollte.

Deutschland im Herbst – Jahre, die bei mir noch jetzt, in der Erinnerung, beklemmende Gefühle wach werden lassen.
Hans Joachim Klein, damals Chauffeur Sartres und Croissants bei jenem Besuch in Stammheim, später am Überfall auf das OPEC-Treffen in Wien beteiligt, dann RAF-Aussteiger, nannte seine 1979 publizierten Erinnerungen bezeichnenderweise “Rückkehr in die Menschlichkeit”…

Wolfgang Kraushaar: Sartre in Stammheim
in: Lettre International (deutschsprachige Ausgabe) Nr. 80, Frühjahr 2008