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Nachdenkliches

Dämonen am Kiosk – ein nicht veröffentlichter Post

Ein Blick am Kiosk wühlte mich sehr auf. Erschrecken, Erinnerungen, und viele Fragen.

Gedanken sortierten sich, immer wieder neu. Worte fanden zusammen, und passten doch nicht. Textfetzen entstanden in Gedanken, auf Papier, im Rechner. Und fanden doch nicht zu einander.

Unaussprechliches. Unfassbares. Mangelnde persönliche, emotionale Distanz verhindert Schreiben. Gedanken zu inneren Dämonen, und Chancen und Risiken, sich ihnen zu nähern – sie scheitern derzeit.

Unfassbares bleibt ungenügend durchdacht. Gedachtes bleibt ungeschrieben. Geschriebenes bleibt unveröffentlicht.

Deswegen bliebt dies ein Post über einen unveröffentlichten Post.

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Nachdenkliches

Ratzingers bemerkenswerte Rede – Sapere aude!

Professor Ratzinger, derzeit als Papst Leiter der römisch-katholischen Kirche, hat -während Tausende unter dem Motto ‘Keine Macht den Dogmen’ demonstrierten– gestern im Deutschen Bundestag eine Rede gehalten. Eine bemerkenswerte Rede.
Einige Gedanken dazu.

Prof. Ratzinger sprach “über die Grundlagen des Rechts” – “wie erkennt man was recht ist?”

Prof. Ratzinger möchte – kurzgefasst – zurück zum Naturrecht.

Er wendet sich gegen den Positivismus (vereinfacht: als Basis für wissenschaftliche Erkenntnis (und damit für Theorien, Gesetze, Hypothesen) sind nur beweisbare Tatsachen zugelassen), den er mit einem ‘Betonbau ohne Fenster’ vergleicht.

“Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen.”

Etwas später fragt er

“Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?”

Ratzinger macht mit seiner Rede eindrücklich deutlich, dass und wie sehr er auti-aufklärerisch denkt. Wohin führt sein Denken? Er will zurück in die Zeiten vor Aufklärung, vor Kant, in die Zeiten vor der Moderne. Ratzinger argumentiert – zurück gewandt, anti-modern.

Folgt man seiner Argumentation, dem Gedanken des Naturrechts, so führt dies zurück. Zurück in eine Zeit, in der es eine andere Instanz als die Vernunft gab, die entschied. Denn das Naturrecht steht ja nicht für sich allein. Im Gegenteil,  Ratzinger argumentiert implizit pro domo. Naturrecht – was ist das, was ist im Einklang mit dem Naturrecht? Auch dies bedürfte einer Interpretation. Zuständig wäre – selbstverständlich der selbsternannt unfehlbare oberste Strellvertreter der (seiner Meinung nach) Quelle des Naturrechts, des ‘Creator Spiritus’. Zuständig wäre der Papst und die katholische Kirche mit ihrer Glaubens-Kongregation (früher: Inquisition).

Nein, Herr Ratzinger.

Ich finde die Rede bemerkenswert – weil sie einen entscheidenden Grundkonflikt offen aufzeigt und dazu beiträgt, Klarheit zu schaffen.
Denn Konflikt darum, was oberste Instanz einer demokratischen Gesellschaft ist.

Eine Gesellschaft, in der letztendlich eine höhere Instanz (das Naturrecht, mit dem Papst als seinem vermeintlichen Ober-Interpreratoren des ‘Spiritus Rector’) sich anmasst, über mich, über uns, über unsere Lebensbedingungen zu entscheiden, eine solche Gesellschaft möchte ich nicht.

Mir ist es wichtig, dass über die Bedingungen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens in Freiheit, in je persönlicher Freiheit, entschieden wird, und mit dem Ziel der (individuellen und gesellschaftlichen) Freiheit. Der Freiheit des mündigen Individuums.

Glaube, auch institutionalisiert, mag es in dieser Gesellschaft gerne geben, für diejenigen, denen er wichtig ist. Aber er ist Privatsache.

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”
Immanuel Kant 1784

Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung
Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung

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Rede Ratzinger im Wortlaut auf SpON

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Nineeleven – mein 11. September, oder: “lass mal, das interessiert mich nicht mehr”

Nineeleven, 11. September 2001, ein Synonym für die Erschütterung unerschütterlich geglaubter Gewissheiten.
11. September – ein Tag wie jeder andere, ein banaler Geburtstag.

Am 11. September feierte meine Mutter auch 2001 ihren Geburtstag, wie in jedem Jahr zuvor. Und doch – es war und wurde ein besonderer Tag. Auch ohne World Trade Center, Terroristen und …

Monate zuvor. Ich bin gemeinsam mit Frank für einige Frühlingstage in Barcelona. Wir sitzen auf einem kleinen Platz, frühstücken, als das Handy klingelt. Mein Vater ist dran, berichtet in einigen kurzen Minuten, meine Mutter habe eine Untersuchung wegen ihrer Magenprobleme gehabt. Der Arzt wisse nun, woran es liege, es sei nichts wirklich Ernsthaftes, er wollte nur kurz Bescheid gesagt haben.
Er nannte noch kurz die Diagnose, einen lateinischen Fachbegriff, der ihm nichts sagte. Mir schon, sofort dieses flaue Gefühl im Magen. Ein befreundeter Arzt bestätigte mir, nach Bitte um ehrliche Worte, es handele sich um einen Krebs in unheilbarem Stadium. Wenige Monate blieben nur, “geh von drei oder vier aus”, sagte er.

Klare Worte waren mir schon immer lieber als langes Drumherumreden ohne genaues Wissen (auch die Jahre im Rheinland haben dies nicht verändert). Ich wusste nun, was die Situation war. Konnte mich nach erstem Schock und Gefühlen informieren. Nein, es gab tatsächlich keine therapeutischen Möglichkeiten, nur einige palliative Maßnahmen. Ja, gegen Ende könne es „sehr unschön“ werden.

Meine Eltern waren in dieser Zeit – wie schon so oft zuvor – keine Freunde klarer Worte. Redeten die Situation schöner als sie war. Klammerten sich, beide je auf ihre Art, an jeden erreichbaren, aus Freundeskreisen oder obskuren Zeitungen herbei getragenen Hoffnungsschimmer. Jedem Hoffnungsfunken folgte eine kleine Enttäuschung. Wieder und wieder wurde eine neue ‘Methode’ gefunden. Gößer wurde nur die Enttäuschung in die jeder Versuch mündete.

Irgendwann Ende des Sommers waren alle Hoffnungsschimmer verflogen. Alles ‘Kopf in den Sand Stecken’ konnte das Sichtbarwerden der unvermeidbaren Wahrheit nicht verhindern.

In diese Zeit fiel der 11. September, der Geburtstag meiner Mutter. Wir hatten den Tag leise vorbereitet. Meine Mutter wollte unbedingt noch einmal viele ihrer Freundinnen und Freunde, Kegelschwestern und Sport-Kolleginnen, einige Verwandte, Nachbarn und Nachbarinnen sehen. Ihre Kräfte waren bereits sehr begrenzt. Vorsorgende Vorbereitung, eine umsichtige und sich auf angenehme Art zurück haltende Pflegerin, viel Hilfe im Hintergrund, eine gewisse Besuchs-Planung und sanftes Steuern halfen, ihr den Tag so angenehm wie möglich und so wenig kräftezehrend wie machbar zu gestalten.

Mein Handy klingelte, als ich gerade irgend einem Besuch Kaffee servierte. K. war dran, in den ich damals ziemlich verliebt war. „Mach schnell die Glotze an, is was Unglaubliches passiert.“ Eindringlich wiederholte er, trotz meiner Hinwiese, ich sei auf dem Geburtstag meiner Mutter (von deren Situation er, Medizinstudent und damals auch wichtiger Ratgeber zum Umgang mit der Situation, wusste). Frank übernahm den Besuch, ich ging nach oben, um kurz und ohne Mutter und Besuch zu stören den Nachrichtensender einzuschalten. Sah erste Bilder, ein Flugzeug, das scheinbar, warum nur, in einen der Türme des World Trade Center geflogen war. Nineeleven. Hörte den Kommentar eines Sprechers, der selbst kaum wusste was geschah, geschweige denn erklären konnte.

Ich ging wieder nach unten, zu Frank, Mutter, Familie und Besuch. Ging in der folgenden Zeit einige Male wenn die Situation es erlaubte kurz nach oben, an den Fernseher, sehen was es Neues gab. Erzählte schließlich, in einer Pause zwischen zwei Geburtstags-Besuchern, meiner Mutter von dem Unfassbaren. Nineeleven. Ein Terroranschlag, ein Flugzeug, einer der Türme des World Trade Centers eingestürzt, das sie selbst noch vor einigen Jahren auf ihrer USA-Reise gesehen hatte, so beeindruckt war. Meine Mutter, die wohl wusste, wie sehr ich Nachrichten-Junkie und Politik-interessiert war und bin, entgegnete mit leerem Blick „lass man, Ulrich, das interessiert mich jetzt nicht mehr.“

Ich schämte mich, dass ich nicht sensibler war, mich nicht mehr auf ihre Situation, ihre Interessen und Bedürfnisse eingestellt hatte. Kümmerte mich wieder, zusammen mit Frank, Vater, Bruder und dessen Freundin, um sie und ihren Geburtstag (nicht ohne seltene kurze Ausflüge an den Fernseher, wenn meine Mutter ein Nickerchen brauchte).

Ihren Geburtstag noch zu erleben, ein allerletztes mal noch, einige ihr liebe Menschen noch einmal zu sehen – darauf hatte meine Mutter all die ihr noch verbleibende Kraft konzentriert. In den folgenden Tagen ging es ihr zunehmend schlechter.

Eine Woche später, eine Woche nach ihrem letzten Geburtstag, eine Woche nach Nineeleven, am 18. September 2001, starb meine Mutter.

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Den 11. September 2001 erinnere ich als Tag des letzten Geburtstags meiner Mutter. Nach vielen Jahren großer Distanz Momente voller Offenheit, Ehrlichkeit und zugleich warmer Nähe. Und ein Abschied.
Zugleich erinnere ich den 21.9.2001 als Tag des Terroranschlags auf das World Trade Center.

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Was ist von Bedeutung?
Was ist wirklich wichtig?
Selten (siehe auch, auf andere Art, “„20 Jahre Mauerfall“) habe ich eine Situation so gespalten erlebt wie am 11. September 2001.

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Nachdenkliches

Vorbilder

Vorbilder sind etwas Seltsames. Und etwas Schönes.

Manche denken, Vorbilder seien etwas Gefährliches.
Und verwechseln vielleicht Vorbild und Idol.

Manche denken, Vorbilder seien etwas Infantiles.
Und verwechseln Popstars mit Vorbildern.

Für mich waren und sind Vorbilder etwas Wichtiges.

Ich hatte einige (wenige) ‘gelebte’ Vorbilder in meinem Leben, und ich bin glücklich sie zu haben. Zwei oder drei möchte ich vorstellen.

Da war ‘Onkel Brenner‘.
Heute Synonym (für mich) für ‘glückliche Kindheit‘. Onkel Brenner, der eine Freude darin empfand, sich Zeit zu nehmen für den kleinen Jungen, das Leuchten in seinen Augen wahrzunehmen, hinzuhören – und ihn machen, ausprobieren zu lassen. Garten, Hühner-Hock, Werkstatt. Sein Reich, und er ließ es mich entdecken. Ließ mich auf die Beine fallen, wieder aufstehen. Ließ mich ‘selber machen’, auch mit ‘aua haben’, und mit Trösten – und sehen, dass ‘es doch geht’. Ließ mich Knirps lernen, dass es lohnt (mich) auszuprobieren, meinen Weg zu suchen, zu gehen.

Da war Frau O.
Eine meiner Lehrerinnen. Sie lehrte mich weniger das, was laut Lehrplan ihre Aufgabe war (obwohl sie sich redlich bemühte). Sie lehrte mich eines, das mir viel wichtiger ist als jeder Lehrplan, jede Schulstunde. Sie lehrte mich, den damals wohl etwa 14- oder 15-Jährigen, dass es möglich ist, seinen Idealen treu zu bleiben allen Widrigkeiten zum Trotz. Dass es ihn gibt, den ‘aufrechten Gang’. Dass persönliche Integrität und Ehrlichkeit vor sich selbst zu den höchsten Werten zählen. Dass sie größer sind als all die Dinge, die uns wichtig scheinen im Leben, und die sich doch bei genauerem Betrachten oft als Oberflächlichkeiten erweisen.

Da war Horst.
Er trat in das Leben des damals Anfang 20-jährigen Studenten durch einen jungen Mann, den ich toll (seien wir ehrlich: geil) fand. Bald wurde Horst (in dem früheren Artikel ‘schwul altern‘ noch hinter ‘Bernd‘ verborgen), der damals schon emeritierter Professor und wesentlich älter war als ich, zu so etwas wie einem ‘väterlichen Freund’. Ja, ich fand es albern, dass Horst nie das Wort ‘schwul’ in den Mund nehmen konnte. Dass er ins Ballett ging, natürlich rein der Kunst zuliebe (und doch die jungen Tänzer anhimmelte). Dass er sich höchstens als ‘homophil’ bezeichnet haben wollte (geradezu ein Affront, eine Herausforderung für den jungen Ulli, der begann, sich schwulenpolitisch zu interessieren und engagieren).
Zu Horst hatte ich bald Vertrauen, grenzenloses Vertrauen. Ihn konnte ich alles fragen (bis auf, wie es ihm damals erging, in der Nazizeit, diese Erinnerung schmerzte ihn zu sehr). Horst war offen für all meine Fragen, unbedachten Antworten, dummen und unsicheren Bemerkungen. Und er lehrte mich ganz nebenbei, dass es möglich ist, sich selbst treu zu bleiben, ein Leben lang. Er zeigte mir durch sein Leben, was Integrität bedeutet und dass man sie leben kann.
Und Horst hinterließ mir einen besonderen Schatz. Mit ihm lernte ich zu vertrauen. Anders, als ich es bis dahin kannte. Es war irgendwann da, ich weiß nicht wann, noch warum. Irgendwann begann ich, Horst zuzuhören, auch: auf ihn, seine Erfahrung, seine Meinung zu hören, selbst dann, wenn mein Herz, mein Verstand, anderes, gar das Gegenteil sagten. Ich vertraute, weil ich erfahren hatte, dass er, wenn er wieder einmal etwas sagte, was ich nicht recht verstand (oder verstehen wollte) durchaus recht haben konnte. Verstand, nein fühlte, dass er das was ich gerade nicht hören wollte, nicht sagte um mich zu ärgern, mit den Spaß nicht zu gönnen. Nicht, um ‘den Älteren’, ‘den Erfahrenen’ heraus hängen zu lassen. Nicht aus unlauteren, eigensüchtigen Interessen. Sondern aus Interesse, aus Sorge, vielleicht auch aus einem liebevollen Gefühl zu mir.
Horst begegnet zu sein, diese Erfahrung machen zu dürfen, war vielleicht die wichtigste Begegnung in meinen Studienjahren.

Onkel Brenner, Frau O., Horst – sie leben längst nicht mehr. Ich erinnere mich ihrer gerne, frage mich in schwierigen Situationen ab und an, was hätte sie getan, wie hätte er mich schräg angeschaut und gesagt …?
Und – sie haben ihren Teil dazu beigetragen, dass ich geworden bin was und wie ich bin. Und zu vielem mehr.

Vorbilder? Für mich eines der Geschenke, die ich in meinem Leben empfangen habe.

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Ich solle doch auch berichten, wie mir diese Vorbilder und die Erfahrungen mit ihnen später im Leben konkret nützlich und hilfreich waren, meint Frank, um Feedback gebeten. Gute Anregung – die ich in einem späteren Post vielleicht aufgreife 🙂

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Nachdenkliches

Phi Phi

20 Jahre ist Jean-Philippe heute tot.
Der Blick in die Sonne, die Liebe, der Bruder im Herzen, die Wärme.
Die Narben all der Schmerzen, der Trauer, des Unbegreiflichen.
Namu Myōhō Renge Kyō
Phi Phi

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Nachdenkliches

Zwei Dinge von Kant

“Zwei Dinge erfüllen das Gemüt
mit immer neuer und zunehmender Bewunderung,
je öfter und anhaltender sich das Nachdenken
damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mit
und das moralische Gesetz in mir.
Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt
oder im Überschwänglichen außer meinem Gesichtskreis suchen und bloß vermuten.
Ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar
mit dem Bewusstsein meiner Existenz.”

Immanuel Kant
Kritik der praktischen Vernunft / Beschluss
Königsberg 1781/87
(der erste Satz gleichzeitig Spruch der Kant-Gedenktafel an der Schlossmauer in Königsberg)

Immanuel Kant - Zwei Dinge erfüllen das Gemüt ...
Immanuel Kant - Zwei Dinge erfüllen das Gemüt ...

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Nachdenkliches

Noch kein Herbst

Das Jahr 2007 hat also begonnen, ist inzwischen schon gut drei Tage alt.
Das ‘alte’ Jahr verabschiedete sich bei mir u.a. mit „Grünkohl afrikanische Art“ [dazu vielleicht später einmal mehr], das ‘neue’ begann mit leckerem polnischem Bier.

Kalle weist mich bloggend darauf hin, dass 2007 (ab dem 18. Februar) nach chinesischem Kalender das Jahr des Schweins sei. Was soll mir das sagen? Ich sehe es als gutes Zeichen – schließlich bin ich auch in einem Jahr des Schweins geboren…

2007 ist aber auch das Jahr, in dem sich der Herbst zum 30. Mal jährt, der ‘Deutsche Herbst’. Welch seltsamer Zufall, dass eines meiner Weihnachtsgeschenke (ungewünscht, aber sehr begrüßt) „Die Dritte Generation“ (Fassbinder) ist.

Vor 30 Jahren: Deutschland im Herbst
Deutschland im Herbst’, eigentlich war es der Titel eines Films von 1978 – und wurde auch zum Syn­onym für einen ganzen Abschnitt jüngerer BRD-Geschichte.

Deutschland im Herbst – ich war gerade 18 geworden, begann mich aktiv für Politik zu interessieren. Die Jahre vor diesem Herbst waren eh schon nicht mehr von Visionen und Aufbruch der ersten Brandt-Jahre gekennzeichnet, vielmehr von ökonomischen Problemen, Ölkrisen und Schmidt’schem Krisenmanagement geprägt. Dann dieser Herbst 1977 und die folgenden Monate. Wie viele andere auch bekam ich das Gefühl, jetzt kippt dieses Land, jetzt geht es wieder los mit Repression, mit “auf welcher Seite stehst du”, mit schwarz-weiß-Malerei statt (gerade erst beginnender) bunter Vielfalt.

Terroristen der (u.a. von Andreas Baader und Ulrike Meinhof gegründeten) Rote Armee Fraktion (RAF) hatten am 5.9.1977 in Köln den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer entführt, um ihn ge­gen die inhaftierte ‚erste Generation’ der RAF auszutauschen. Die Bun­desregierung unter Helmut Schmidt etablierte eine Politik des Nicht-Nach­gebens (‚Mit Terroristen ist nicht zu verhandeln’). Mit der RAF verbündete Kämpfer der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) entführten darauf­hin, um den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen, die Lufthansa-Maschine ‚Landshut’.
Am 18.10.1977 stürmte eine Spezial­einheit des BGS, die GSG9, die Maschine, befreite alle Geiseln. Drei der vier Terroristen wurden dabei getötet. Als Reaktion erschossen die RAF-Entführer Hanns-Martin Schleyer. Zur gleichen Zeit starben die in Stutt­gart-Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Vielfach wurde behauptet, bei den Todesfällen habe es sich um Exekutionen seitens des Staates gehandelt. Offizielle Untersuchungs- Kommissionen kamen zu einem gegenteiligen Schluss, Zweifel blieben bestehen.

Die Zeit dieser Vorgänge und die Jahre danach waren in der BRD gekenn­zeichnet von einer politischen Hysterie, die besonders von Presseorganen des Springer-Verlags kontinuierlich geschürt wurde. Der Staat reagierte mit bisher unbekannter Aufrüstung, mit Rasterfahndung, unerbittlicher Härte.
Der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß bezeichnete die Schriftsteller Heinrich Böll und Günther Grass als ‚Ratten und Schmeißfliegen’.
Sobald sie auch nur einen beson­nenen Umgang mit der Situation forderten, wurden viele Linke, aber auch Liberale als Sympathisanten oder Unterstützer von Terroristen verun­glimpft, beschimpft, verfolgt.
Kaum zehn Jahre nach Willy Brandts ‚mehr Demokratie wagen’ schon wieder ein neues Klima der Repression, Hysterie – selbst im Kleinen, ein laut gerufener Spruch, der mit „Buback Ponto Schleyer …“ begann, konnte schon ungeahnte Konsequenzen bis zum Rauswurf von der Schule haben.

Dieses Klima der Hysterie, Repression und Verfolgung haben Regisseure wie Alexander Kluge, Volker Schlöndorff und Rainer Werner Fassbinder in ihrem Film ‚Deutschland im Herbst’ beschrieben und damit einer Zeit ihren Namen gegeben. Einer Zeit, die immer noch der Aufarbeitung, der Bewältigung harrt.
Eine Zeit, die nun in diesem Jahr schon dreißig Jahre her ist …
Und, um das nicht zu vergessen, immer noch sitzen einige der RAF-Terroristen in Gefängnissen, nach vielen vielen Jahren Knast …

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Nachdenkliches

Zum Neuen Jahr… sapere aude!

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”

Immanuel Kant, “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?”, 1784

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Kant – was soll ich tun?

Was ist der Mensch?

Was soll ich tun?

Was kann ich wissen?

Was darf ich hoffen?

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft

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Nachdenkliches Paris

tu me manques

Vor einigen Tagen war sein Todestag. Der 19.

Zwanzig Jahre ist Jean-Philippe nächstes Jahr nun schon tot.
Zwanzig Jahre.
Und doch – gelegentlich stehen immer noch gemeinsame Momente vor meinem inneren Auge, schöne wie auch schwierige. Paris Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre.

Zwanzig Jahre.