Nineeleven – mein 11. September

Nineeleven, 11. September 2001, ein Synonym für die Erschütterung unerschütterlich geglaubter Gewissheiten.
11. September – ein Tag wie jeder andere, ein banaler Geburtstag.

Am 11. September feierte meine Mutter auch 2001 ihren Geburtstag, wie in jedem Jahr zuvor. Und doch – es war und wurde ein besonderer Tag. Auch ohne World Trade Center, Terroristen und …

Monate zuvor. Ich bin gemeinsam mit Frank für einige Frühlingstage in Barcelona. Wir sitzen auf einem kleinen Platz, frühstücken, als das Handy klingelt. Mein Vater ist dran, berichtet in einigen kurzen Minuten, meine Mutter habe eine Untersuchung wegen ihrer Magenprobleme gehabt. Der Arzt wisse nun, woran es liege, es sei nichts wirklich Ernsthaftes, er wollte nur kurz Bescheid gesagt haben.
Er nannte noch kurz die Diagnose, einen lateinischen Fachbegriff, der ihm nichts sagte. Mir schon, sofort dieses flaue Gefühl im Magen. Ein befreundeter Arzt bestätigte mir, nach Bitte um ehrliche Worte, es handele sich um einen Krebs in unheilbarem Stadium. Wenige Monate blieben nur, „geh von drei oder vier aus“, sagte er.

Klare Worte waren mir schon immer lieber als langes Drumherumreden ohne genaues Wissen (auch die Jahre im Rheinland haben dies nicht verändert). Ich wusste nun, was die Situation war. Konnte nach erstem Schock und Gefühlen mich informieren. Nein, es gab tatsächlich keine therapeutischen Möglichkeiten, außer einigen palliativen Maßnahmen. Ja, gegen Ende könne es „sehr unschön“ werden.

Meine Eltern waren in dieser Zeit – wie schon so oft zuvor – keine Freunde klarer Worte. Redeten die Situation schöner als sie war. Klammerten sich, beide je auf ihre Art, an jede erreichbare, aus Freundeskreisen oder obskuren Zeitungen herbei getragenen Hoffnungsschimmer. Jedem Hoffnungsfunken folgte eine kleine Enttäuschung, die doch wieder in einer neuen Hoffnung auf nun diese neue Methode mündete.

Irgendwann Ende des Sommers waren alle Hoffnungsschimmer verflogen, alles Kopf in den Sand Stecken konnte das Sichtbarwerden der unvermeidbaren Wahrheit nicht verhindern.

In diese Zeit fiel der 11. September, ihr Geburtstag. Wir hatten den Tag leise vorbereitet. Meine Mutter wollte unbedingt noch einmal viele ihrer Freundinnen und Freunde, Kegelschwestern und Sport-Kolleginnen, einige Verwandte, Nachbarn und Nachbarinnen sehen. Ihre Kräfte waren bereits sehr begrenzt. Vorsorgende Vorbereitung, eine umsichtige und sich auf angenehme Art zurück haltende Pflegerin, viel Hilfe im Hintergrund, eine gewisse Besuchs-Planung und sanftes Steuern halfen, ihr den Tag so angenehm wie möglich und so wenig kräftezehrend wie machbar zu gestalten.

Mein Handy klingelte, als ich gerade irgend einem Besuch Kaffee servierte. K. war dran, in den ich damals ziemlich verliebt war. „Mach schnell die Glotze an, is was Unglaubliches passiert.“ Eindringlich wiederholte er, trotz meiner Hinwiese, ich sei auf dem Geburtstag meiner Mutter (von deren Situation er, Medizinstudent und damals auch wichtiger Ratgeber zum Umgang mit der Situation, wusste). Frank übernahm den Besuch, ich ging nach oben, um kurz und ohne Mutter und Besuch zu stören den Nachrichtensender einzuschalten. Sah erste Bilder, ein Flugzeug, das scheinbar, warum nur, in einen der Türme des World Trade Center geflogen war. Nineeleven. Hörte den Kommentar eines Sprechers, der selbst kaum wusste was geschah, geschweige denn verstehen konnte.

Ich ging wieder nach unten, zu Frank, Mutter, Familie und Besuch. Ging in der folgenden Zeit einige Male wenn die Situation es erlaubte kurz nach oben, an den Fernseher, sehen was es Neues gab. Erzählte schließlich, in einer Pause zwischen zwei Geburtstags-Besuchern, meiner Mutter von dem Unfassbaren. Nineeleven Ein Terroranschlag, ein Flugzeug, einer der Türme des World Trade Centers, das sie selbst noch vor einigen Jahren gesehen hatte, so beeindruckt war, eingestürzt. Meine Mutter, die wohl wusste, wie sehr ich Nachrichten-Junkie und Politik-interessiert war und bin, entgegnete mit leerem Blick „lass man, Ulrich, das interessiert mich jetzt nicht mehr.“

Ich schämte mich, dass ich nicht sensibler war, mich nicht mehr auf ihre Situation, ihre momentanen Interessen und Bedürfnisse einstellte. Kümmerte mich wieder, zusammen mit Frank, Vater, Bruder und dessen Freundin, um sie und ihren Geburtstag (nicht ohne seltene kurze Ausflüge an den Fernseher, wenn meine Mutter ein Nickerchen brauchte).

Ihren Geburtstag noch zu erleben, einmal noch, einige ihr liebe Menschen noch einmal zu sehen, darauf hatte meine Mutter all die ihr noch verbleibende Kraft konzentriert. In den folgenden Tagen ging es ihr zunehmend schlechter.

Eine Woche später, eine Woche nach ihrem letzten Geburtstag, eine Woche nach Nineeleven, am 18. September 2001, starb meine Mutter.

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Was ist von Bedeutung?
Was ist wirklich wichtig?
Selten (siehe auch, auf andere Art, „„20 Jahre Mauerfall“) habe ich eine Situation so gespalten erlebt wie am 11. September 2001.

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Vorbilder

Vorbilder sind etwas Seltsames. Und etwas Schönes.

Manche denken, Vorbilder seien etwas Gefährliches.
Und verwechseln vielleicht Vorbild und Idol.

Manche denken, Vorbilder seien etwas Infantiles.
Und verwechseln Popstars mit Vorbildern.

Für mich waren und sind Vorbilder etwas Wichtiges.

Ich hatte einige (wenige) ‚gelebte‘ Vorbilder in meinem Leben, und ich bin glücklich sie zu haben. Zwei oder drei möchte ich vorstellen.

Da war ‚Onkel Brenner‚.
Heute Synonym (für mich) für ‚glückliche Kindheit‚. Onkel Brenner, der eine Freude darin empfand, sich Zeit zu nehmen für den kleinen Jungen, das Leuchten in seinen Augen wahrzunehmen, hinzuhören – und ihn machen, ausprobieren zu lassen. Garten, Hühner-Hock, Werkstatt. Sein Reich, und er ließ es mich entdecken. Ließ mich auf die Beine fallen, wieder aufstehen. Ließ mich ’selber machen‘, auch mit ‚aua haben‘, und mit Trösten – und sehen, dass ‚es doch geht‘. Ließ mich Knirps lernen, dass es lohnt (mich) auszuprobieren, meinen Weg zu suchen, zu gehen.

Da war Frau O.
Eine meiner Lehrerinnen. Sie lehrte mich weniger das, was laut Lehrplan ihre Aufgabe war (obwohl sie sich redlich bemühte). Sie lehrte mich eines, das mir viel wichtiger ist als jeder Lehrplan, jede Schulstunde. Sie lehrte mich, den damals wohl etwa 14- oder 15-Jährigen, dass es möglich ist, seinen Idealen treu zu bleiben allen Widrigkeiten zum Trotz. Dass es ihn gibt, den ‚aufrechten Gang‘. Dass persönliche Integrität und Ehrlichkeit vor sich selbst zu den höchsten Werten zählen. Dass sie größer sind als all die Dinge, die uns wichtig scheinen im Leben, und die sich doch bei genauerem Betrachten oft als Oberflächlichkeiten erweisen.

Da war Horst.
Er trat in das Leben des damals Anfang 20-jährigen Studenten durch einen jungen Mann, den ich toll (seien wir ehrlich: geil) fand. Bald wurde Horst (in dem früheren Artikel ‚schwul altern‚ noch hinter ‚Bernd‚ verborgen), der damals schon emeritierter Professor und wesentlich älter war als ich, zu so etwas wie einem ‚väterlichen Freund‘. Ja, ich fand es albern, dass Horst nie das Wort ’schwul‘ in den Mund nehmen konnte. Dass er ins Ballett ging, natürlich rein der Kunst zuliebe (und doch die jungen Tänzer anhimmelte). Dass er sich höchstens als ‚homophil‘ bezeichnet haben wollte (geradezu ein Affront, eine Herausforderung für den jungen Ulli, der begann, sich schwulenpolitisch zu interessieren und engagieren).
Zu Horst hatte ich bald Vertrauen, grenzenloses Vertrauen. Ihn konnte ich alles fragen (bis auf, wie es ihm damals erging, in der Nazizeit, diese Erinnerung schmerzte ihn zu sehr). Horst war offen für all meine Fragen, unbedachten Antworten, dummen und unsicheren Bemerkungen. Und er lehrte mich ganz nebenbei, dass es möglich ist, sich selbst treu zu bleiben, ein Leben lang. Er zeigte mir durch sein Leben, was Integrität bedeutet und dass man sie leben kann.
Und Horst hinterließ mir einen besonderen Schatz. Mit ihm lernte ich zu vertrauen. Anders, als ich es bis dahin kannte. Es war irgendwann da, ich weiß nicht wann, noch warum. Irgendwann begann ich, Horst zuzuhören, auch: auf ihn, seine Erfahrung, seine Meinung zu hören, selbst dann, wenn mein Herz, mein Verstand, anderes, gar das Gegenteil sagten. Ich vertraute, weil ich erfahren hatte, dass er, wenn er wieder einmal etwas sagte, was ich nicht recht verstand (oder verstehen wollte) durchaus recht haben konnte. Verstand, nein fühlte, dass er das was ich gerade nicht hören wollte, nicht sagte um mich zu ärgern, mit den Spaß nicht zu gönnen. Nicht, um ‚den Älteren‘, ‚den Erfahrenen‘ heraus hängen zu lassen. Nicht aus unlauteren, eigensüchtigen Interessen. Sondern aus Interesse, aus Sorge, vielleicht auch aus einem liebevollen Gefühl zu mir.
Horst begegnet zu sein, diese Erfahrung machen zu dürfen, war vielleicht die wichtigste Begegnung in meinen Studienjahren.

Onkel Brenner, Frau O., Horst – sie leben längst nicht mehr. Ich erinnere mich ihrer gerne, frage mich in schwierigen Situationen ab und an, was hätte sie getan, wie hätte er mich schräg angeschaut und gesagt …?
Und – sie haben ihren Teil dazu beigetragen, dass ich geworden bin was und wie ich bin. Und zu vielem mehr.

Vorbilder? Für mich eines der Geschenke, die ich in meinem Leben empfangen habe.

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Ich solle doch auch berichten, wie mir diese Vorbilder und die Erfahrungen mit ihnen später im Leben konkret nützlich und hilfreich waren, meint Frank, um Feedback gebeten. Gute Anregung – die ich in einem späteren Post vielleicht aufgreife 🙂

Phi Phi

20 Jahre ist Jean-Philippe heute tot.
Der Blick in die Sonne, die Liebe, der Bruder im Herzen, die Wärme.
Die Narben all der Schmerzen, der Trauer, des Unbegreiflichen.
Namu Myōhō Renge Kyō
Phi Phi

Zwei Dinge von Kant

“Zwei Dinge erfüllen das Gemüt
mit immer neuer und zunehmender Bewunderung,
je öfter und anhaltender sich das Nachdenken
damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mit
und das moralische Gesetz in mir.
Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt
oder im Überschwänglichen außer meinem Gesichtskreis suchen und bloß vermuten.
Ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar
mit dem Bewusstsein meiner Existenz.”

Immanuel Kant
Kritik der praktischen Vernunft / Beschluss
Königsberg 1781/87
(der erste Satz gleichzeitig Spruch der Kant-Gedenktafel an der Schlossmauer in Königsberg)

Immanuel Kant - Zwei Dinge erfüllen das Gemüt ...
Immanuel Kant - Zwei Dinge erfüllen das Gemüt ...

Noch kein Herbst

Das Jahr 2007 hat also begonnen, ist inzwischen schon gut drei Tage alt.
Das ‚alte‘ Jahr verabschiedete sich bei mir u.a. mit „Grünkohl afrikanische Art“ [dazu vielleicht später einmal mehr], das ’neue‘ begann mit leckerem polnischem Bier.

Kalle weist mich bloggend darauf hin, dass 2007 (ab dem 18. Februar) nach chinesischem Kalender das Jahr des Schweins sei. Was soll mir das sagen? Ich sehe es als gutes Zeichen – schließlich bin ich auch in einem Jahr des Schweins geboren…

2007 ist aber auch das Jahr, in dem sich der Herbst zum 30. Mal jährt, der ‚Deutsche Herbst‘. Welch seltsamer Zufall, dass eines meiner Weihnachtsgeschenke (ungewünscht, aber sehr begrüßt) „Die Dritte Generation“ (Fassbinder) ist.

Vor 30 Jahren: Deutschland im Herbst
Deutschland im Herbst‘, eigentlich war es der Titel eines Films von 1978 – und wurde auch zum Syn­onym für einen ganzen Abschnitt jüngerer BRD-Geschichte.

Deutschland im Herbst – ich war gerade 18 geworden, begann mich aktiv für Politik zu interessieren. Die Jahre vor diesem Herbst waren eh schon nicht mehr von Visionen und Aufbruch der ersten Brandt-Jahre gekennzeichnet, vielmehr von ökonomischen Problemen, Ölkrisen und Schmidt’schem Krisenmanagement geprägt. Dann dieser Herbst 1977 und die folgenden Monate. Wie viele andere auch bekam ich das Gefühl, jetzt kippt dieses Land, jetzt geht es wieder los mit Repression, mit „auf welcher Seite stehst du“, mit schwarz-weiß-Malerei statt (gerade erst beginnender) bunter Vielfalt.

Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) hatten am 5.9.1977 in Köln den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer entführt, um ihn ge­gen die inhaftierte ‚erste Generation’ der RAF auszutauschen. Die Bun­desregierung unter Helmut Schmidt etablierte eine Politik des Nicht-Nach­gebens (‚Mit Terroristen ist nicht zu verhandeln’). Mit der RAF verbündete Kämpfer der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) entführten darauf­hin, um den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen, die Lufthansa-Maschine ‚Landshut’.
Am 18.10.1977 stürmte eine Spezial­einheit des BGS, die GSG9, die Maschine, befreite alle Geiseln. Drei der vier Terroristen wurden dabei getötet. Als Reaktion erschossen die RAF-Entführer Hanns-Martin Schleyer. Zur gleichen Zeit starben die in Stutt­gart-Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Vielfach wurde behauptet, bei den Todesfällen habe es sich um Exekutionen seitens des Staates gehandelt. Offizielle Untersuchungs- Kommissionen kamen zu einem gegenteiligen Schluss, Zweifel blieben bestehen.

Die Zeit dieser Vorgänge und die Jahre danach waren in der BRD gekenn­zeichnet von einer politischen Hysterie, die besonders von Presseorganen des Springer-Verlags kontinuierlich geschürt wurde. Der Staat reagierte mit bisher unbekannter Aufrüstung, mit Rasterfahndung, unerbittlicher Härte.
Der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß bezeichnete die Schriftsteller Heinrich Böll und Günther Grass als ‚Ratten und Schmeißfliegen’.
Sobald sie auch nur einen beson­nenen Umgang mit der Situation forderten, wurden viele Linke, aber auch Liberale als Sympathisanten oder Unterstützer von Terroristen verun­glimpft, beschimpft, verfolgt.
Kaum zehn Jahre nach Willy Brandts ‚mehr Demokratie wagen’ schon wieder ein neues Klima der Repression, Hysterie – selbst im Kleinen, ein laut gerufener Spruch, der mit „Buback Ponto Schleyer …“ begann, konnte schon ungeahnte Konsequenzen bis zum Rauswurf von der Schule haben.

Dieses Klima der Hysterie, Repression und Verfolgung haben Regisseure wie Alexander Kluge, Volker Schlöndorff und Rainer Werner Fassbinder in ihrem Film ‚Deutschland im Herbst’ beschrieben und damit einer Zeit ihren Namen gegeben. Einer Zeit, die immer noch der Aufarbeitung, der Bewältigung harrt.
Eine Zeit, die nun in diesem Jahr schon dreißig Jahre her ist …
Und, um das nicht zu vergessen, immer noch sitzen einige der RAF-Terroristen in Gefängnissen, nach vielen vielen Jahren Knast …

Zum Neuen Jahr… sapere aude!

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”

Immanuel Kant, “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?”, 1784

Einige Gedanken über Freundschaft

Freundschaft ist ein Thema, das mich schon seit Jugendjahren bewegt. Interesse für Jungs, Männer – und Freundschaft, das hing irgendwie schon immer zusammen …

“Soweit ich zurückdenken kann, hieß für mich Lust auf Typen haben immer schon Lust auf Beziehungen mit Typen haben” (Michel Foucault 1981 in einem Interview).

Ich war nie ein großer Party-Mensch, fühlte mich nie besonders wohl auf großen Veranstaltungen. Viel lieber ist mir ein Zusammensein im kleinen Kreis, ein Essen, ein Gespräch, einige Stunden Plaudern auf dem Sofa mit einem guten Freund.

Dem Freund und sich selbst gegenseitig Frei-Raum geben für Entwicklung und Wachstum – das halte ich für eine der schönsten Dimensionen von Freundschaft.

Im Folgenden einige lose Gedanken und Zitate rund um ‘Freundschaft’, die mir in den letzten Tagen über den Weg liefen (bzw. zwischen die Lesefinger gerieten), mehr auch als Gedankenskizzen für mich:

Uns selbst geben, Rollen ablegen
“Die Obertöne verklingen, und üb­rig blei­ben Gespräche, die in ihrer Armut den Mangel an Gemein­schaft nicht verbergen können. Aber warum, warum? Wir greifen nach dem anderen. Umsonst – weil wir nie wagten, uns selbst zu geben.” (Dag Hammarskjöld)
Derselbe: “Das Kostüm für deine Rolle, die Maske, die du mit soviel Sorgfalt angelegt hast, um zu deinem Vorteil aufzutreten, war die Mauer zwischen dir und der Sympathie, die du suchtest. Eine Sympathie, die du an dem Tag gewonnen hast, da du nackt dort standest.”
Die Rolle, die ich spiele, das Bild, dem ich gerecht zu werden versuche, der Eindruck, den ich vermit­teln will von mir – sie verhindern wie eine Mauer, dass wir offen sind, uns selbst geben, uns einander begegnen. Die Rollen ablegen, einander ‘nackt’, offen ehrlich, als ich selbst gegenübertreten – wagen, uns selbst und dem anderen zu begegnen, das ist einer der Schlüssel.

Neue Freiheit
“In mei­nem Ge­spräch mit Jacques verlor ich plötzlich meine Furcht vor dem Leben, alles war mir möglich. … In seiner Gegenwart kroch ich aus meinem Kokon hervor …” (Peter Weiss).
“Was ist denn angenehmer als jemanden zu haben, mit dem du alles wie mit dir selbst zu reden wagst?” (Cicero)
Freundschaft ist meiner Entwicklung, meiner Mensch-Werdung förderlich. Freundschaft gibt mir Kraft und Freiraum, mich zu entwickeln, und die Sicherheit, die es mir erlaubt, in dieser Entwicklung auch mich zu riskieren, auch Irrtümer begehen zu können.
“Jede neue bedeutende Bekanntschaft zer­legt uns und setzt uns neu zusammen. Ist sie von der größten Bedeutung, so machen wir eine Regene­ration durch.” (Hugo von Hofmannsthal)

Wahrheit und liebevolle Kritik
“Das ist keine Freundschaft, wenn der eine die Wahrheit nicht hören will, der andere zur Lüge bereit ist” (Cicero).
“Mut zum offenen Wider­spruch, aber mit Fühlern dafür, wieviel Aufrichtigkeit der andere ge­rade noch verkraften kann, und also Geduld” (Max Frisch). Dazu auch “dass der eine den anderen gelegentlich im Unrecht sehen kann, aber deswegen nicht richter­lich wird” (Max Frisch).

Ende der Freundschaft?
Foucault spricht von Zuneigung, Zärtlichkeit, Treue, Freundschaft, Kameradschaft und Partnerschaft als “Werten, denen eine schon leicht angeschlagene Gesellschaft keinen Platz mehr zugestehen kann, ohne zu fürchten, dass daraus Bindungen entstehen und Kraftlinien sich unerwartet miteinander verknüpfen.”
Noch deutlicher “Die Industrialisierung der Welt, der totalitäre Staat und der egoistische Materialismus haben heute der Freundschaft ein Ende gemacht; die erstere, indem sie das Tempo der mensch­lichen Verbin­dungsmöglichkeiten soweit beschleunigt hat, dass jeder Mann ersetzbar ist, der zweite, indem er solche Ansprüche an das Individuum stellt, dass Kameradschaft zwischen Ar­beitern und Kollegen nur für die Zeit ihrer Zusammenarbeit bestehen kann, und der letzte, in­dem er alles das gewichtig hervorhebt, was in Menschen von Grund auf selbstsüchtig und häss­lich ist, so dass wir unsere Freunde unfreundlich behandeln und ihre Vertrautheit übelnehmen, weil etwas in uns vom Wurm zerfressen wird. Wir haben auf Kosten der Treue Mitleid entwic­kelt.” (Palinurus, i.e. Cyril Connolly)

Freundschaft, Begehren, Beziehung
Ein Thema das mich immer wieder viel beschäftigt … gibt es eine schwule Lebensweise, oder kann ich sie für mich entwickeln?
“Offenbar müssen wir nicht so sehr daran arbeiten, unser Begehren zu befreien, als daran, selbst endlich genussfähiger zu werden. Man muss von den beiden stereotypen Klischees der rein sexuellen Begegnung einerseits und der Identitätsverschmelzung in der Liebe andererseits wegkommen.” (Michel Foucault)
“Vielleicht sollte man eher fragen: ‘Was für Beziehungen können über die Homosexualität aufgebaut, entworfen, erweitert und von Fall zu Fall verschieden gestaltet werden?’” (Michel Foucault)

Beglückend
Zu guter Letzt ein nachdenklich stimmendes Zitat: “Irgendwann einmal habe ich gesagt, ich verstünde mich besser auf Freundschaft als auf Liebe. Liebe beruht auf kurzfristigen Spasmen. Enttäuschen uns diese Spasmen, schwindet die Liebe dahin. Es ge­schieht nur sehr selten, dass sie die Probe über­dauert und zur Freund­schaft wird. … Freundschaft ist ein friedlicher Spasmus. Ohne Besitz­gier. Das Glück eines Freundes beglückt uns. Es verdoppelt uns. Es entzieht uns nichts.” (Jean Cocteau)

Lesetipps:
Cicero: Lealius – Über die Freundschaft. Übersetzt von Robert Feger. Philipp Reclam Jun. Stuttgart 1995
Foucault, Michel: Von der Freundschaft als Lebensweise – Michel Foucault im Gespräch. Übersetzt von Marianne Karbe und Walter Seitter. Merve Verlag Berlin o.J.
Hammarskjöld, Dag: Zeichen am Weg. Übersetzt von Anton Graf Knyphausen. Droemer Knaur München/Zürich 1965

Michel Foucault: 
«De l’amitié comme mode de vie» (entretien au «Gai Pied», 1981)

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Koordinaten der Liebe

Warum schreibst du nicht mal wieder über Beziehung, Liebe, Partnerschaft?
Solcherlei Mails erreichen mich gelegentlich, so auch neulich.
Nun, mir fehlt im Augenblick die Zeit – Texte darüber brauchen Muße, Ruhe, Klarheit im Kopf – und Zeit zum Entstehen.
Zum Ausgleich heute zumindest ein Zitat …

“Wenn wir jemanden lieben, nehmen wir sie oder ihn allzu oft nicht als die Person an, die er oder sie wirklich ist. Wir akzeptieren sie oder ihn insofern, als die Person in die Koordinaten unserer Phantasie passt. Wir miss-identifizieren bzw. identifizieren sie oder ihn falsch. Das ist auch der Grund dafür, dass aus Liebe schnell Gewalt werden kann, wenn wir herausfinden, dass wir uns getäuscht haben. Es gibt nichts Gefährlicheres, nichts Tödlicheres für die geliebte Person, als nicht für das geliebt zu werden, was er oder sie ist, sondern dafür, in das Ideal zu passen. In diesem Fall ist Liebe immer demütigend.”
(Slavoj Zizek; zitiert nach Programmheft “Der Vetter aus Dingsda”, Komische Oper Berlin)