Vorbilder

Zuletzt aktualisiert am 25. März 2014 um 10:16

Vorbilder sind etwas Seltsames. Und etwas Schönes.

Manche denken, Vorbilder seien etwas Gefährliches.
Und verwechseln vielleicht Vorbild und Idol.

Manche denken, Vorbilder seien etwas Infantiles.
Und verwechseln Popstars mit Vorbildern.

Für mich waren und sind Vorbilder etwas Wichtiges.

Ich hatte einige (wenige) ‚gelebte‘ Vorbilder in meinem Leben, und ich bin glücklich sie zu haben. Zwei oder drei möchte ich vorstellen.

Da war ‚Onkel Brenner‚.
Heute Synonym (für mich) für ‚glückliche Kindheit‚. Onkel Brenner, der eine Freude darin empfand, sich Zeit zu nehmen für den kleinen Jungen, das Leuchten in seinen Augen wahrzunehmen, hinzuhören – und ihn machen, ausprobieren zu lassen. Garten, Hühner-Hock, Werkstatt. Sein Reich, und er ließ es mich entdecken. Ließ mich auf die Beine fallen, wieder aufstehen. Ließ mich ’selber machen‘, auch mit ‚aua haben‘, und mit Trösten – und sehen, dass ‚es doch geht‘. Ließ mich Knirps lernen, dass es lohnt (mich) auszuprobieren, meinen Weg zu suchen, zu gehen.

Da war Frau O.
Eine meiner Lehrerinnen. Sie lehrte mich weniger das, was laut Lehrplan ihre Aufgabe war (obwohl sie sich redlich bemühte). Sie lehrte mich eines, das mir viel wichtiger ist als jeder Lehrplan, jede Schulstunde. Sie lehrte mich, den damals wohl etwa 14- oder 15-Jährigen, dass es möglich ist, seinen Idealen treu zu bleiben allen Widrigkeiten zum Trotz. Dass es ihn gibt, den ‚aufrechten Gang‘. Dass persönliche Integrität und Ehrlichkeit vor sich selbst zu den höchsten Werten zählen. Dass sie größer sind als all die Dinge, die uns wichtig scheinen im Leben, und die sich doch bei genauerem Betrachten oft als Oberflächlichkeiten erweisen.

Da war Horst.
Er trat in das Leben des damals Anfang 20-jährigen Studenten durch einen jungen Mann, den ich toll (seien wir ehrlich: geil) fand. Bald wurde Horst (in dem früheren Artikel ‚schwul altern‚ noch hinter ‚Bernd‚ verborgen), der damals schon emeritierter Professor und wesentlich älter war als ich, zu so etwas wie einem ‚väterlichen Freund‘. Ja, ich fand es albern, dass Horst nie das Wort ’schwul‘ in den Mund nehmen konnte. Dass er ins Ballett ging, natürlich rein der Kunst zuliebe (und doch die jungen Tänzer anhimmelte). Dass er sich höchstens als ‚homophil‘ bezeichnet haben wollte (geradezu ein Affront, eine Herausforderung für den jungen Ulli, der begann, sich schwulenpolitisch zu interessieren und engagieren).
Zu Horst hatte ich bald Vertrauen, grenzenloses Vertrauen. Ihn konnte ich alles fragen (bis auf, wie es ihm damals erging, in der Nazizeit, diese Erinnerung schmerzte ihn zu sehr). Horst war offen für all meine Fragen, unbedachten Antworten, dummen und unsicheren Bemerkungen. Und er lehrte mich ganz nebenbei, dass es möglich ist, sich selbst treu zu bleiben, ein Leben lang. Er zeigte mir durch sein Leben, was Integrität bedeutet und dass man sie leben kann.
Und Horst hinterließ mir einen besonderen Schatz. Mit ihm lernte ich zu vertrauen. Anders, als ich es bis dahin kannte. Es war irgendwann da, ich weiß nicht wann, noch warum. Irgendwann begann ich, Horst zuzuhören, auch: auf ihn, seine Erfahrung, seine Meinung zu hören, selbst dann, wenn mein Herz, mein Verstand, anderes, gar das Gegenteil sagten. Ich vertraute, weil ich erfahren hatte, dass er, wenn er wieder einmal etwas sagte, was ich nicht recht verstand (oder verstehen wollte) durchaus recht haben konnte. Verstand, nein fühlte, dass er das was ich gerade nicht hören wollte, nicht sagte um mich zu ärgern, mit den Spaß nicht zu gönnen. Nicht, um ‚den Älteren‘, ‚den Erfahrenen‘ heraus hängen zu lassen. Nicht aus unlauteren, eigensüchtigen Interessen. Sondern aus Interesse, aus Sorge, vielleicht auch aus einem liebevollen Gefühl zu mir.
Horst begegnet zu sein, diese Erfahrung machen zu dürfen, war vielleicht die wichtigste Begegnung in meinen Studienjahren.

Onkel Brenner, Frau O., Horst – sie leben längst nicht mehr. Ich erinnere mich ihrer gerne, frage mich in schwierigen Situationen ab und an, was hätte sie getan, wie hätte er mich schräg angeschaut und gesagt …?
Und – sie haben ihren Teil dazu beigetragen, dass ich geworden bin was und wie ich bin. Und zu vielem mehr.

Vorbilder? Für mich eines der Geschenke, die ich in meinem Leben empfangen habe.

.

Ich solle doch auch berichten, wie mir diese Vorbilder und die Erfahrungen mit ihnen später im Leben konkret nützlich und hilfreich waren, meint Frank, um Feedback gebeten. Gute Anregung – die ich in einem späteren Post vielleicht aufgreife 🙂

6 Antworten auf „Vorbilder“

    1. das Seltsame ist, mir ist gerade bei Horst erst viele Jahre später richtig bewusst geworden, wie wichtig er tatsächlich für mich war. Aber das ist vielleicht auch nicht seltsam, sondern „der Gang der Dinge“.

      Heute habe ich in meinem (lebenden) sehr nahen Umfeld keine älteren (deutlich älter als ich) Menschen mehr die mir Vorbild sind – und vermissse das …

  1. Vorbilder . . . .

    Da war Werner, der im Sterben lag. An einem der Tage an dem ich ihn besuchte ging es mir nicht gut. Als wir uns begrüßten, schaute er mich an und fragte mich. Wie geht es Dir?

    Ich, der ich kam um etwas für ihn tun, fragte mich: Was kann ich für Dich tun. Das machte mich sprachlos.

    Ilona . . .
    . . . Sie vermittelte mir das Gefühl: Der sein zu können der ich bin. Von ihr habe ich erfahren was es bedeutete, wie es sich anfühlt „angenommen zu werden wie man ist“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.