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Heimat

Was ist eigentlich deine Heimat?
Diese Frage wird ja gelegentlich gestellt, oder ‘heimatliche Gefühle’ für einen Ort, eine Region bekundet.

Nun, was ist meine Heimat?
Häufig ist ja zunächst ganz banal gemeint “wo kommst du her”.
Eigentlich aber geht es ja um die Frage wo fühle ich mich heimatlich, zuhause.

Nun, den Ort meiner Geburt und Jugendjahre, jene trostlose Kleinstadt-Tristesse, die für sich einst mit ‘Industriestadt im Grünen‘ warb, diesen Ort empfinde ich schon lange nicht mehr als meine ‘Heimat’ (habe ich es je?), eher als fremdes Universum. Heimat, das ist für mich sicherlich nicht mein Geburtsort.

Manchmal frage ich mich, ob ‘Heimat’ überhaupt für mich ein Ort ist? Oder ist Heimat für mich eher ein Gefühl? Ein Gefühl des Wohlbefindens, des sich-zuhause-Fühlens?

Eine erste Näherung an dieses Gefühl würde dann spontan lauten, Heimat ist wo mein Mann und ich zusammen sind. Er ist ein solch tief reichender Faktor des Wohlbefindens für mich, dass dieser Gedanke für mich offensichtlich scheint, dieser Zusammenhang zwischen Heimat und Partner. Vielleicht, nein sicherlich im Idealfall noch ergänzt um die Anwesenheit einiger uns jeweils oder gemeinsam wichtiger Freunde. Ja, das könnte eine Idee von Heimat sein (als Metapher habe ich das ja ansatzweise im ‘Wohnturm‘ angedeutet).

Und doch – ist das alleiniger Faktor für Heimat?
Ganz offensichtlich für mich nicht, lehrt mich meine Erfahrung.

Ich kann mich lebhaft an einige kürzere und längere Auslands-Aufenthalte erinnern, die mir auf verschiedene Weise klar gemacht haben, dass zu Heimat mehr als ‘nur’ Menschen gehören – dass es überhaupt etwas wie Heimat gibt. Selbst mit dem Mann und guten Freunden zusammen würde ich wohl auf längere Sicht in z.B. in China oder Malaysia kein Gefühl von Heimat bekommen.

Eher vielleicht, so meine Erfahrung, ein Vermissen der selbigen. So mancher Auslandsaufenthalt erwies sich als den eigenen Horizont erweiterndes Erlebnis, machte mir in einigen Fällen jedoch auch bald klar, dass schon zu meinem Wohlbefinden auch andere Rahmenbedingungen gehören. Kultureller Kontext, Wertesystem – Stichworte, die mir in den Sinn kommen.

Partner und Freunde sowie kultureller Kontext, zwei mögliche Faktoren des Gefühls ‘Heimat’.
Kultureller Kontext, das ist letztlich assoziiert mit Raum, mit Region. Womit sich indirekt letztlich doch wieder die Frage des Ortes stellt. Vielleicht muss es nur nicht ein einziger Ort sein.

Berlin, Hamburg, Köln, mit allen drei Orten verbinde ich unterschiedlich heimatliche Gefühle.
Ich freue mich bei jeder Abwesenheit wieder sehr auf Berlin, auf die Stadt, darauf einige mir sehr wichtige Menschen im Alltag um mich haben zu können, gemeinsam essen oder in’s Kino zu gehen, spazieren, plaudern, sich spontan treffen und Zeit gemeinsam verbringen. Und doch – der Mann fehlt, denn der lebt in Köln.
So bleibt Berlin derzeit eine Art ‘Heimat ohne Mittelpunkt’. Köln, eine Stadt, zu der per se ich heimatliche Gefühle im Sinne eines Wohlfühlens in der Stadt so gar nicht habe, wohl aber: sie ist der Mittelpunkt der Welt, wenn er und ich dort zusammen sind.
Für diese ‘gespaltene Heimat’ sind in der Beziehung längst lebbare und pragmatische Wege gefunden. Als schwieriger erweist sich der Kontakt zu Freunden abseits von Berlin. Freundschaft will gepflegt, gelebt werden, erst recht wenn sie vielleicht gerade am Entstehen ist – nicht leicht über 300 oder 600 km Distanz. Ob Tobias oder Uwe, oft bleibt eine Sehnsucht, sich mit nicht-Berliner Freunden einfach, unkompliziert sehen zu können, dann wenn einem der Sinn danach ist, mit Zeit – nicht wann und wie es Kalender und Termine zulassen.
Berlin, Köln und Hamburg in einer Stadt – das wäre für mich nicht nur in dieser Hinsicht persönlich eine feine Lösung … und könnte vielleicht ‘Heimat’ sein.

Heimat – was ist das? In einigen Näherungen gehören sicher Mann und Freunde, kultureller Kontext und, ja, Orte dazu. Allerdings, Heimat ist für mich bisher nichts Statisches. Heimat ist für mich ein Gefühl, das sich noch immer in den vergangenen Jahren geändert, weiter entwickelt hat.

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Der eine Mann für alles

“‘Eifersucht’, ‘Fremdgehen’, ich versteh das alles gar nicht. Ich will alles mit meinem Mann teilen, alles zusammen haben. Dann stellt sich diese Frage doch gar nicht”, mailt mir letztens ein Bekannter auf den Text zu Eifersucht. Und ich frage mich – “der eine Mann für alles“, gibt’s das im realen Leben?

Gibt es den ‘Mr. Right‘ für alles, den ‘one and only’? Kann ich ‘alles mit einem’ haben? Gibt es den einen Partner, der alle Facetten an mir abdeckt, mit dem ich alle Aspekte meiner Persönlichkeit leben, neue entdecken kann?

Dieses ‘einer für alles’, es ist eine oft propagierte Idee, eine die uns aus populären Liedern wie auch heterosexuellen Rollen-Klischees entgegen schimmert. Und es ist eine Idee, die ja auch der Eifersucht und ihrem impliziten Besitzanspruch des ‘ich will dich ganz’ und dem Verlangen nach sexueller Monogamie zugrunde liegen kann.

Ein Partner für alles, das ist auch die Vorstellung, die zumindest einem konservativen Verständnis von Ehe oftmals zugrunde zu liegen scheint. Der eine Partner, an den man sich für sein ganzes Leben bindet, und mit dem man alle wichtigen Dinge im Leben teilt.
Ein Verständnis, das -vielleicht zu leichtfertig- auch von Schwulen gerne übernommen wird. Und nicht erst seit Zeiten der Lebenspartnerschaft. So war z.B. gerade auch in manchen schwulen Szenen vor vielen Jahren (nein, eher schon Jahrzehnten) die Idee des ‘alter ego‘ beliebt, selbst eine Homosexuellen-Zeitschrift benannte sich nach ihr.

Alter ego, ein uralter Gedanke, schon auf Cicero zurückzuführen. Er sollte ein bestimmtes Verhältnis zum Freund zum Ausdruck bringen, ‘das andere ich’, Gedanken wie ‘zwei Seiten der selben Medaille sein’. Umgangssprachlich findet sich diese Idee übrigens auch bei Hetens auch heute immer noch wieder – mein Vater nannte meine Mutter oft ‘meine bessere Hälfte’ …

Mein Mann als ‘meine bessere Hälfte’, als mein ‘alter ego’, mein ‘einer Partner für alles’ – eine romantische Idee, die ich als wenig realistisch empfinde. Der die Gefahr des ‘Erdrückens’ innewohnt.
So sehr man sich wünschen mag, mit dem geliebten Partner (oder der Partnerin) völlig eins zu sein, sich ihm hinzugeben, nur mit ihm alles Bedeutende im Leben zu leben – es erweist sich zu oft als eine Utopie. Und eine Utopie, die sich zu einem gefährlichen Trugschluss erweisen kann, wenn ich an ihr als Ziel mein (Beziehungs-)leben ausrichte, erst recht wenn ich sie als Messlatte nehme und an ihr meinen Partner und sein Verhalten ‘messe’.

Der Mensch ist potenziell ein zu komplexes Wesen, zu facettenreich, um alle Nuancen seines Seins zusammen mit einem einzigen Menschen erfüllt entdecken und leben zu können. Es mag vielleicht den einen Mann im Leben geben, mit dem ich viele Qualitäten gemeinsam lebe, der der wichtigste Mensch in meinem Leben ist. Aber ist er ‘der eine für alles‘?

Mit meinem Mann teile ich vieles. Gemeinsame Wertvorstellungen z.B., eine weitgehend ähnliche Sicht auf viele Dinge, politische Grundhaltung, Menschenbild, auch manche Vorlieben von Essen über Sexualität bis Urlaubsgestaltung. Wir teilen bedeutende und weniger bedeutende Dinge, Fundamentales und Banales.
Doch – wir teilen nicht alles. Jeder hat auch sein eigenes Leben, seine eigenen Freundeskreise, seine eigenen Interessen.

Sicher, wir nähern uns im Laufe unserer Beziehung an einander an. Ich beobachte schon, dass Unterschiede zwischen uns im Laufe der Jahre weniger werden, Interessen sich annähern. Und doch – jeder bliebt ein unabhängiges, freies Wesen, eine eigene zu entwickelnde Existenz. Zwei Leben, die auf eine Einheit zielen, aber doch individuelle freie Existenzen bleiben.

Und hierin liegt meines Erachtens einer der Schlüssel einer erfüllten Beziehung: zu erkennen, dass Ziel einer Beziehung nicht ist, völlig mit dem Partner eins zu werden, zu verschmelzen. Sondern dass jeder eine eigenständige individuelle Persönlichkeit ist. Und vielleicht das schönste in einer Beziehung sein kann, den Partner liebend bei der Entdeckung seiner Existenz in Freiheit zu unterstützen.

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Eifersucht

Eifersucht ? „Bist du eigentlich überhaupt nicht eifersüchtig, wenn dein Mann etwas mit ‘nem anderen hat?“, werde ich gelegentlich gefragt. Und muss meist mit einem überlegten ‘manchmal ja, aber’ antworten.

Ja, das Gefühl der Eifersucht ist auch meinem Mann, auch mir selbst nicht unbekannt. Aber wir haben in den vielen Jahren unserer Beziehung einige Dinge gelernt, über uns, unsere Liebe erfahren. Erfahrungen, die die Eifersucht eine immer kleinere Rolle spielen lassen.

Meist steht vor der Frage nach der Eifersucht ja zunächst die Frage nach der Treue in der Beziehung. ‘Seid ihr euch treu?
Und jedes mal antworte ich beherzt ‘ja!’. Denn ja, selbstverständlich bin ich meinem Mann treu.
Nur, Treue, was ist das? Meinen der Fragende und ich die gleiche Treue?

Meine Treue lässt sich vielleicht unter anderem in die Worte fassen ‘ich weiß, dass ich mit diesem Mann zusammen alt werden möchte’.
Der Fragende meint oftmals etwas völlig anderes. ‘Seid ihr euch sexuell treu’.
Dieser hinter der ‘Treue-Frage’ verborgene implizite Anspruch sexueller Monogamie ist kein Konzept, das für mich (oder auch für meinen Mann) realistisch lebbar wäre. Und auch kein erstrebenswertes Ziel. Wohlgemerkt, für uns beide. Jeder möge da seinen eigenen Weg finden.
Meine Treue heißt nicht, dass ich nicht auch andere Männer sexuell attraktiv finde und das auch lebe, dass ich nicht auch zu anderen Menschen emotionale Beziehungen aufbaue, seltener auch liebevolle Gefühle empfinde, vielleicht gar Hingabe.
Treue ist (zumindest für uns) nicht im Schwanz oder Arsch angesiedelt. Treue ist für uns ein Gefühl des Herzens und eine Einstellung zum Leben, zu uns.

Ja, aber trotzdem … ist denn da dann keine Eifersucht?
Eifersucht, was bedeutet denn dieses Wort?
Eifersucht, sagt ein etymologisches Wörterbuch, habe etwas zu tun mit dem ‘Argwohn gegen einen Nebenbuhler’. Womit wir schon bei einer der entscheidenden Fragen wären. Der ‘Nebenbuhler’. Steht hinter Eifersucht nicht gelegentlich auch ein mehr oder minder versteckter Besitzanspruch am anderen? Steht dahinter nicht gelegentlich das unausgesprochene Gefühl ‘ich will dich aber ganz für mich haben, ich ganz allein, mit dir ganz allein’?
Nur – kann dieser implizite Besitzanspruch funktionieren? Kann ich einen Menschen besitzen? Zumindest in meiner Vorstellung von Beziehung (wie auch anderen Formen des Miteinanders wie Freundschaft) nicht – wir sind freiwllig, jeder aus eigenem freien Entschluss mit einander zusammen.

Nebenbei, fast könnte man dabei auf den Gedanken kommen, das Konzept der Eifersucht berge eine kräftige Prise Heterosexismus in sich. Immerhin könnte sich hinter der Idee des Besitzanspruchs ja gerade auch derjenige Besitzanspruch verbergen, der (in heterosexuellen Beziehungen) die Ehefrau als ‘Eigentum’ des Mannes betrachtet hat. Dass schwule Männer die Chance haben, jederzeit aus freiem Entschluss zusammen zu sein, ohne Zwänge welcher Art auch immer (ob sie nun aus Besitzanspruch, Kindern oder irgendwelchen Papieren resultieren), diese Freiheit zum Miteinander habe ich immer als eine der großen Chancen schwuler Beziehungen empfunden.

Dennoch, Eifersucht findet statt.
Wenn ich Gefühle der Eifersucht habe, oder mein Partner, wie geht es mir oder ihm dann? Fühlt er sich herabgesetzt? Oder gar gedemütigt? Fürchtet er Konkurrenz? Eine Konkurrenz gar, der er sich vielleicht nicht gewachsen wähnt? Hat er Gefühle eigener Unzulänglichkeit (’was hat er, was ich nicht habe’)?
Gefühle von Eifersucht, das habe ich in unseren gemeinsamen Jahren mühsam gelernt, haben auch damit zu tun, welches Gefühl ich zu mir selbst habe. Wie stabil oder instabil gerade mein Selbstvertrauen, mein Selbstwertgefühl ausgeprägt sind. Fühle ich mich stark, selbstbewusst, habe ich auch keine Angst, mein Partner könne mich verlassen, nur weil ein anderer vielleicht auch etwas Anziehendes für ihn hat.

Nun hat wohl niemand nur Phasen, in denen er vor Selbstvertrauen strotzt. Aber es gibt viele Wege, wie ich mir und meinem Mann helfen kann, mit emotionalen Situationen wie Eifersucht umzugehen.
Ich kann ihm z.B. klar machen, ihn fühlen lassen, dass der andere vielleicht zwar einen schönen Arsch (oder etwas anderes für mich Anziehendes) hat, ich ihn aber deswegen noch längst nicht ‘heiraten’ will. Oder ihm die Angst vor dem ‘großen Unbekannten’ nehmen, indem ich dem ‘anderen’ ein Gesicht gebe, meinem Mann z.B. sein Dating-Profil zeige, oder beide sich kennen lernen lasse. Den ‘anderen’ zu kennen kann viele Ängste nehmen.
Wir beide sind Partner, können uns gegenseitig viel helfen Selbstsicherheit zu gewinnen, Ängste und Unsicherheiten abzubauen. Vertrauen und Selbstsicherheit gehen meiner Erfahrung nach oftmals Hand in Hand.

Und Vertrauen und Selbstvertrauen sind Gefühle, die in einer Beziehung mit der Zeit wachsen, zunehmen. Wenn man sich auch auf ’schwierige’ Situationen einlässt, sie miteinander lebt. Probleme zu umgehen mag eine Strategie sein. Doch vermeidet sie nicht letztlich nur Risiken, und damit Erfahrungen, um eigener Ängste willen? Und macht so die Chance auf die Erfahrung größeren Vertrauens unmöglich?
Dieses erfahrungsbasierte, tief gehende Vertrauen in einander setzt eben auch die gemeinsam gemachten Erfahrungen voraus. Ein tiefer werdendes Vertrauen, das Gefühlen von Eifersucht zunehmend weniger Raum lässt.

Also, um auf die Frage „Ja, aber ist denn da keine Eifersucht bei euch?“ zurück zu kommen:
Oftmals nein, oftmals bin ich wirklich nicht eifersüchtig, wenn mein Mann etwas mit einem anderen Mann hat. Und ja, gelegentlich habe ich da ein Gefühl, das mich zwickt. Aber ich fühle die Gewissheit, dass dieses Interesse an einem anderen Mann nicht unsere Beziehung gefährdet, ich bin mir meines Mannes sicher. Ich vertraue, und ich fühle, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt ist. Wir sind uns in unserer Liebe treu.

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Seelengarten

Einmal noch geb ich nach “unsere Welt” einen Blick frei in mein Innenleben …

Seelengarten

In meinem Seelengarten
gibt es eine sonnige Wiese
dreißig Zentimeter hohes Gras
ich liege darin, rieche das satte Grün, die lächelnden Butterblumen
sehe den Himmel über mir, blau, einzelne Wolken ziehen vorbei

In meinem Seelengarten
gibt es eine Ecke, in der es heftig spukt
düster, neblig, kalt – unangenehm ist’s dort
erschreckende Fratzen aus meiner Vergangenheit grinsen mich an
hagere Gestalten, gebeugt, von Todsünden verzehrt
schreien unvermittelt „Schuld“

In meinem Seelengarten
gibt es einen Strand
mit weiß-gelbem feinem Sand, sanft rauschendem Meer
Ausblick auf Unendlichkeit Freiheit Sorglosigkeit Frieden
mein Mann neben mir, Vögel lachen, die Sonne streichelt uns
Glückseligkeit

In meinem Seelengarten
gibt es widrige Ecken voller Dornen
Sorgen breiten sich wie Unkraut aus
Hinter einem Gestrüpp aus Neonglanz und Glitter
stehen die Schönheiten des Tages, blondiert und muskelbepackt
grinsen feist ‘du siehst alt aus’, ‘du bist nicht schön genug für hier’

In meinem Seelengarten
gibt es eine Ecke, in der ich mich verkriechen kann
und eine Ecke, in der ich innig mit meinem Mann kuschele
eine andere Ecke, die hat ein großes Fenster
ich sitze in der Ecke, sehe hinaus
beobachte das Treiben der Welt

In meinem Seelengarten
gibt es hoch aufschießende Bäume
meiner mutigsten Träume und Ideen
genauso wie niedrig kauernde Kriechgewächse
meiner Ängste und Sorgen

Im Garten meiner Seele
gibt es sonnige Ecken heller Freude
aber auch dunkle Flecken kältesten Trübsinns
nicht in allen bin ich gleich gern
erst alle zusammen machen mein ‘Ich’

[Berlin, 24.8.2006]

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unsere Welt

Wie wundervoll der René schreiben kann …
Na, dann geb ich mal auch einen ganz kleinen Blick in mein Privatleben frei.
Mag sich jemand anschließen, kleiner Blog-Poetry-Slam? ;-)
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unsere Welt

Ich hab dich gern
so kitschig das klingt
ich hab dich gern

seh’ dich vor mir
wie du lachst
mich anschaust
sagst ’sei nicht so ernst,
lach mal’
ich grinse
ich hab dich gern

in meinem Herz
fühl’ ich dich
mir wird warm
wenn ich an dich denke

wenn ich neben dir liege
in deinem Arm
glücklich und ruhig
denke ich manchmal
wie schön ist doch das Leben
wie glücklich bin ich
mit dir zusammen zu sein

wir sind zusammen
das zu fühlen
macht mich stark

wenn wir miteinander sind
ist die Welt
unsere Welt

zusammen
jeder für sich
ein freier Mensch
und zusammen
die ganze Welt

[Berlin, 14.2.2007]

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Der Traum vom Wohnturm

Für viele Jahre war Ausdruck meines Traums vom Zusammenleben der “Wohnturm hinter’m Deich”. Sinnbild ist er heute noch.

Der “Wohntum hinter’m Deich” …
Deich – klar, ich liebe das Meer, und Deich assoziiert Meer, Wellen, Freiheit, Strand, wenige Meter bis zum Wasser …
Wohnturm – das meinte ein Gebäude etwa von der Größe eines kleinstädtischen Gasometers. Mit großen gemeinschaftlichen Lebensbereichen für ca. 8 bis 12, vielleicht 16 Menschen im Erdgeschoss, und in den oberen Etagen rund um einen Lichthof Wohnbereiche für uns, je nach individuellen Wünschen konfigurierbar als Single-, Zweier, Dreier- usw. Wohnräume. Der Wohnturm als Ausdruck eines Weges von zugleich individuellem und gemeinsamen Leben, einer neuen Form von gelebter Gemeinsamkeit.

Die konkrete Idee dieses ‘Wohnturms am Deich’ hat sich irgendwann als romantische Schwärmerei und wenig realisierbar erweisen. Sie ist mir dennoch immer Synonym geblieben für meine Vorstellung, meinen Traum vom Zusammenleben. Für ein Leben zusammen mit Menschen, die einander viel bedeuten, Gemeinsamkeiten haben und fühlen – und doch auch jeder sein/ihr individuelles Leben führen.

Freundschaft, ein (kleiner) Freundeskreis ist etwas Zentrales in meinem Leben. Menschen, die sich in ihrem Menschsein, ihrem Herzen berühren.
Deswegen freut es mich immer wieder, wenn ich (was selten ist) einem Menschen begegne, zu dem ich aus dem ein oder anderen Grund eine besondere Nähe, eine Art Wesensverwandtschaft fühle. Einem Menschen begegne, bei dem ich im Stillen denke ‘es wäre schön wärest du Mitbewohner im gemeinsamen Wohnturm’.

Diese Gedanken sind natürlich zunächst nur unausgesprochen in mir. Gefühle vom Sympathie nicht immer beidseitig. Und wenn, sind sie längst nicht immer Grundlage für Freundschaft.

Sympathie will geäußert, Freundschaft will gelebt sein. Das bedingt jedesmal wieder auf’s Neue den mühsamen Weg auf das Glatteis. Gefühle Illusionen Träume kalte Duschen. Manch schmerzhaftes Erwachen aus eigenen Illusionen, erst jüngst wieder kalt geduscht.

Nun mag man dies (wissentlich auf’s Glatteis gehen) als naiv bezeichnen. Ich sehe es für mich anders. Nähe zu empfinden, sie zu zeigen, die kalte Dusche zu riskieren, kostet mich viel Kraft – erst das ermöglicht jedoch auch die Chance, sich gelegentlich in gegenseitiger Nähe zu begegnen. Sich im Wesentlichen zu berühren. Vielleicht Freunde zu finden.

Dieses Risiko, so schmerzhaft es gelegentlich sein mag, gehe ich wenn es mir wert erscheint ein. Eine Art ‘Naivität’, die ich mag an mir. Eine Art Naivität, Glaube an Freundschaft, an Miteinander, die ich mir erhalten möchte. Und meinen ‘Wohnturm hinter’m Deich’.

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Kunst und Sprache

“Bildende Kunst kommt vor der Sprache, das ist klar.”
(Alfred Hrdlicka, * 27.2.1928)

Die Unmöglichkeit, das Selbst auszudrücken in Worten. Umso mehr bedauere ich, dass die Sprache der Kunst keine ist, in der ich glaube mich ausdrücken zu können. Ich bewundere oftmals Kunst, Künstler; manchmal erreichen Kunstwerke zutiefst mein Innerstes, berühren tiefe Gefühle meines Seelenlebens. Wie gern gern beherrschte ich diese Sprache, allein mir ist wohl nur das Wort Mittel des Ausdrucks, und das auch nur mit minderer Fertigkeit.

 

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Barlach: Der Geistkämpfer (1928)

Ernst Barlachs erste Großplastik ‚ Der Geistkämpfer ‚ aus dem Jahr 1928 steht seit 1954 vor der Nikolaikirche in Kiel.

Ernst Barlach Der Geistkämpfer Kiel

Der Geistkämpfer, Ernst Barlach 1928 (Kiel, Nikolaikirche)

Am 16. August 1927 beauftragte der Kieler Magistrat (Stadtoberbaurat Willy Hahn, 1887-1930) Barlach mit der Plastik. Sie entstand – nach 14 Entwürfen – im Laufe des Jahres 1928 (Guss bei Noack in Berlin-Friedenau). Am 29. November 1928 wurde der Geist-Kämpfer in Kiel vor der (später im Krieg zerstörten) Heiliggeistkirche aufgestellt und wahrscheinlich am 8. Dezember 1928 heimlich enthüllt.

Der Geistkämpfer – Entfernung und Wiederaufstellung

Am 20. April 1937 wurde die Plastik auf Betreiben der ‚Reichskammer der bildenden Künste‘ entfernt. Zuvor hatte sich u.a. der Oberbürgermeister sowie der Kieler Beirat für Kultur für die Entfernung ausgesprochen.

Zunächst in der Eingangshalle des Thaulow-Museums aufbewahrt, wurde die Plastik 1939 zersägt in vier Teile nach Berlin zu Noack zurück gebracht. Barlach, 1938 gestorben und in Ratzeburg beigesetzt, erlebte dies nicht mehr. Später gelangte der Geist-Kämpfer nach Schnega (Lüneburger Heide) zu Barlachs Freund Hugo Körtzinger. Dort überstand er, in Teile zersägt und auf einem Bauernhof versteckt, die NS-Zeit.

Bereits ab 1946 machte Kiel erneut Besitzansprüche auf den Geistkämpfer geltend. Von Noack aus den vier Teilen wieder zusammengesetzt, kehrte sie 1953 nach Kiel zurück. Dort wurde die Plastik 1954 wieder aufgestellt (vor der Nikolaikirche statt vor der im Krieg zerstörten Heiliggeistkirche). Am 19. Juni 1954 fand die feierliche Enthüllung statt.

Ein Abguss steht seit 1994 – anlässlich des 5. Jahrestags des Mauerfalls – vor der Berliner Gethsemanekirche. Ein weiterer Abguss befindet seit 1959 vor dem Minneapolis Institute of Arts in Minnesota.

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… man könnte vielleicht das Werk als Gruppe der Überwindung, Selbstüberwindung ansprechen. Dieses darzustellen ist meine exakte Meinung gewesen.”

Ernst Barlach über den ‘Geistkämpfer’

(siehe auch Barlach / Der Schwebende)

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Europa – mehr als nur Nationalstaats-Koop

Eine “Kleine Geschichte Frankreichs” hab ich mir als eine der Urlaubslektüren besorgt. Und dann, neugierig, doch schon vorher zu stöbern angefangen.

Beinahe hätt’ ich sie schon wieder in die Ecke gepfeffert.

Da schreibt der Herausgeber Ernst Hinrichs doch gleich zu Beginn seines Vorworts “Seit der Auflösung der großen, nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Machtsysteme in Europa hat die Idee des Nationalstaats wieder an Bedeutung gewonnen.”

Nun gut, eine Bestandsanalyse, die für einen Teil Europas korrekt sein mag. Auch wenn meine Realität eine andere ist, eine in der die Bedeutung des Nationalstaats (m.E.: gottseidank) abgenommen hat.

Dann setzt er fort “Europa … wird auch zukünftig ein Europa der Nationen bleiben.”

Nun würgt’s mir doch.
Dass Herr Professor eine Einleitung benötigt, die hin führt zu der Auseinandersetzung mit einem Nationalstaat, mit Frankreich, nun gut.
Aber apodiktisch zu proklamieren, Europa bleibe auch zukünftig ein Europa der Nationen, das ist mir (auch parteipolitisch) zu einseitig.

Kein Gedanke dazu, dass der Begriff Nationalstaat ein Konzept erst des 18. und besonders 19. Jahrhunderts ist.
Oder dazu, dass dieses Konzept sich gerade für Europa nicht immer als sehr segensreich erweisen hat.
Oder gar, dass Europa als neues Konzept hier eine Chance sein kann, eine Chance die Fehlentwicklungen, zu denen überzogenes Nationalstaats-Denken geführt hat, zukünftig zu vermeiden. Den Regionen neue Chancen zu geben, unabhängig von teilweise willkürlichen Grenzziehungen.

Schade eigentlich.
Und – besonders ärgerlich, dass so eine (aktuelle) Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung beginnt.

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Ich lehne Gewissheiten ab?!

Erkennen, dass man sowieso nicht so relevant ist” – “Es gibt dieses Gefälle zwischen dem Sich-übertrieben- wichtig-Nehmen und der Gelassenheit, sich zu relativieren.

Ernst Tugendhat im Interview in der taz. Über sein wirklich letztes Buch.

Ein Abschied. Bewegende, mir sehr nahe Gedanken.

Der Wunsch, auf gesichertem Boden zu stehen, ist das Überbleibsel eines autoritären Bewusstseins.

Den Text des Vortrags und Buchs von Ernst Tugendhat “Moralbegründung und Gerechtigkeit” gibt’s als pdf hier (101 S.)

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