Aufklärung leben – neokonservative Gegenaufklärung verhindern

Zuletzt aktualisiert am 7. Oktober 2018 um 0:21

Neokonservative Kräfte versuchen zunehmend, gesellschaftliche Debatten zu beeinflussen. Dabei werden im Kern auch die Werte der Aufklärung angegriffen. Aufklärung, dies ist nicht nur ein mächtiges kulturelles Erbe, sondern immer wieder  auch heute aktuelle Aufgabe – auch um eine neokonservative Gegenaufklärung zu verhindern.

Ob Angriffe auf Meinungsfreiheit oder pluralistische Gesellschaft, Proteste gegen Sexualaufklärung oder Homoehe – konservative, fortschrittsfeindliche, illiberale bis reaktionäre Bestrebungen häufen sich, die versuchen das Rad der Zeit zurück zu drehen. Dahinter steht oft das Konzept der ’neokonservativen Revolution‘ oder ‚Gegenaufklärung‘ und letztlich das Ziel einer Abkehr von westlich-liberalen Werten der Aufklärung:

neokonservative Gegenaufklärung

Restauration, Gegenaufklärung (oder Gegen-Aufklärung), konservative Revolution – das reaktionär-antireformerische Vorhaben hat seit der Weimarer Republik (1) verschiedene Namen, in immer wieder neuen Masken zeigen sich in Europa reaktionäre  Weltanschauungen:

  • Zunehmende Begeisterung für populistische Positionen und Politik(er)
  • Erstarken national-protektionistischer Vorstellungen,
  • Propagieren eines gegen „den Westen“ (ersatzweise vermeintliche ‚westliche Dekadenz‘) gerichteten politischen und kuklturellen Ideals
  • Versuch der Diskreditierung der Individualisierung mit Propagieren einer (oft intendiert konservativ-christlich geprägten) ‚Gemeinschaft‘
  • oftmals verbunden mit einem sehr tradionellen, rückwärtsgewandten (i.d.R. heteronormativen) Gesellschafts- und Familien-Bild,
  • oftmals sich selbst gerierend als ‚Bastion‘ gegen Liberalismus, gegen eine säkulare Gesellschaft,
  • und basierend auf einer Grundhaltung, die bewußt in Teilen nicht an der Vernunft orientiert ist (‚ewige Ordnung‘, ‚ordre de cœur‘), gegen Grundgedanken der Aufklärung.

Neokonservative und Rechtsaußen versuchen dabei, eine kulturelle Hegemonie bei Debatten um gesellschaftliche Themen zu gewinnen, ihre Themen zu setzen, ihre Ideologie zu propagieren. Meist vermeiden sie ihren kulturellen und biologischen Rassismus zum Vorschein kommen zu lassen, lassen ihn höchstens in Überlegenheits-Phantasien durchklingen. Als ‚Feinde‘ gelten den Apologeten der neokonservativen Gegenaufklärung Liberalismus, westliche Lebensart, Egalitarismus und alles ‚Linke‘.

Gegenaufklärung – wogegen? Was steht im Kern der Aufklärung?

Werte der Aufklärung

Aufklärung, das bedeutet vereinfacht ’nur die Vernunft ist im Stande, die Wahrheit ans Licht zu bringen‘. Dieses Licht wird schön verdeutlicht im französischen Begriff für Aufklärung, ‚lumières‚.

Freiheit und Individualisierung – dies sind die beiden zentralen Errungenschaften der Aufklärung:

  • Die Vernunft wird zur zentralen Urteils-Instanz, zum Prüfstein für die geistige, gesellschaftliche wie auch politische Situation,
  • in der Folge Wechsel von absolutistisch verfassten zu demokratisch verfassten Staatsformen mit Rechtsstaats-Prinzip und Gewaltenteilung,
  • mit dem Gemeinwohl als Staats-Pflicht, und
  • umfassender Säkularisierung aller Lebensbereiche bei gleichzeitiger Glaubensfreiheit.
  • Auf individueller Ebene: die Idee, den Menschen durch den Erkenntnisprozeß zu vervollkommnen, Individualisierung sowie
  • Emanzipation (gesellschaftliche und politische selbst-Befreiung; i.w.S. auch Empowerment),
  • Autonomes Denken und Handlungsfreiheit
  • Mündigkeit (s.u., Kant)
  • Voraussetzungen dafür: das Konzept der Menschen- und Bürgerrechte,
  • Toleranz sowie die
  • Freiheit der Meinungsäußerung.
Denker der Aufklärung: Voltaire (hier: Elémens de la philosophie de Newton, mis à la portée de tout le monde, 1738, Frontispiz)
Denker der Aufklärung: Voltaire (hier: Elémens de la philosophie de Newton, mis à la portée de tout le monde, 1738, Frontispiz)

Die wohl bekannteste Erläuterung des Begriffes Aufklärung stammt vom Philosophen Immanuel Kant:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, 1784

Das Gesellschafts-Verständnis der Aufklärung erläutert der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau:

Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten. … Das Christentum predigt nur Knechtschaft und Unterwerfung. Sein Geist ist der Tyrannei nur zu günstig, als dass sie nicht immer Gewinn daraus geschlagen hätte. … Wer zu sagen wagt, »außerhalb der Kirche gibt es kein Heil«, muss aus dem Staat verjagt werden.“
„Die erste und wichtigste Schlußfolge aus den bis jetzt aufgestellten Grundsätzen ist die, dass der allgemeine Wille allein die Kräfte des Staates dem Zwecke seiner Einrichtung gemäß, der in dem Gemeinwohl besteht, leiten kann; … Einzig und allein nach diesem gemeinsamen Interesse muss die Gesellschaft regiert werden.
Jean-Jacques Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, 1762

Aufklärung leben – Immunisieren gegen Gegenaufklärung

Die Aufklärung wieder zum Leuchten bringen – dies ist mehr als kollektiver Wille, dies ist eine Pflicht.
(Christine Nicolas und Erwann Le Hô, Autoren des ‚manifeste LGBT‘, tetu 20.01.2015)

Wenn die Grundlagen der Demokratie, der pluralistisch verfassten Gesellschaft angegriffen werden, so geht das ganz direkt uns selbst an. Und wir sind gefordert, zu reagieren. Freiheit braucht Engagement.

Zu reagieren nicht ’nur‘, indem wir aktiv gegen neokonservative Bestrebungen aktiv werden, sondern vor allem indem wir bewusst eintreten für Demokratie, Partizipation, ein soziales Europa – und letztlich für die Werte der Aufklärung.

Dies im Bewusstsein, dass die Aufklärung in der Vergangenheit auch als Legitimation herhalten musste, für Kolonialismus, für Unterdrückung, für Zwangs-‚Demokratisierung‘ (Irak). Und zu beachten, dass Aufklärung auch Mäßigung und Respekt erfordert, nicht ‚von oben herab‘ stattfinden kann.

Dies geht auch Schwule, Lesben, Queers, Transgender ganz direkt an:

Aufklärung verteidigen – auch als Basis homosexueller Emanzipation

Frans Timmermans, EU-Kommissar und Vize-Kommissionspräsident, betonte jüngst in Riga, Extremismus und Intoleranz bedrohten die Europäische Union. Es gebe einen nicht akzeptablen Anstieg von Antisemitismus, Islamfeindlichkeit sowie Homophobie. Hätten Homosexuelle in Europa das Gefühl, sich verstecken  zu müssen, dann habe „Europa keine Zukunft mehr„.

Neben offener Homophobie sehen wir uns immer mehr auch mit mehr oder minder verklausulierten Formen homophober Haltungen konfrontiert, ob bei Homoheilern, vermeintlich besorgten Eltern, Sexualaufklärungs-Gegnern, Demonstrationen für angeblich ‚alle‘,  oderGleichstellungs-Gegnern.

Hinzu kommt: Konservative Familien-‚Ideale‘ propagieren, die “individuellen Freiheiten des liberalen Westens” denunzieren, Toleranz und Vielfalf ablehnen, Eintreten gegen eine vermeintliche „staatliche Frühsexualisierung„, “homosexualistischen Ideologie” und „Genderismus“ als Bedrohung für die Gesellschaft darstellen – auch die Homogegner vernetzen sich zunehmend und erhalten international Unterstützung (vgl. hierzu z.B. 2mecs „die Russland-Connection der Homogegner„).

Zugleich versuchen Homogegner zunehmend auch in Deutschland in Organisationen und Parteien Fuß zu fassen und politisch Einfluß zu gewinnen. Besonders im parteipolitischen Blickpunkt dabei: die AfD:

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die AfD zusätzlich … einen dezidiert antifeministischen dritten Schwerpunkt aufbaut: Die radikale Kritik an jeder Form von Gleichstellungspolitik, von der AfD als ‚Gendersdimus‘ diffamiert, könnte zum dritten Markenzeichen der Partei avancieren.“ (Christina Schildmann, Friedrich-Ebert-Stiftung)

Der französische Historiker Pierre Birnbaum, der eine neue Form des Antisemitismus in Frankreich konstatiert, betontDie [Homoehe-Gegner der; d.Verf.] Manif pour tous und der Printemps francais … lehnen jegliche Form kulturellen Liberalismus‘ ab“ [zu printems français siehe auch 2mecs über die französische Homogegnerin Béatrice Bourges]. Er weist zugleich auf eine mögliche Richtung der Debatten: Im angelsächsischen Raum sei die Aufklärung mit Respekt vor Partikularismus entstanden. Die Frage sein heute, wie es gelingen könne, neue Formen des Pluralismus zu finden, ohne gewalttätige Reaktionen, und ohne dass Individuen sich abriegeln.

Grund genug also auch als Schwule, Lesben, Queers, Trans*, den Kontext zu sehen, den großen Rahmen. Nicht „nur im Klein-Klein“ denken. Nicht „nur“ ‚Bildungsplan‘, ‚Homoehe‘ oder ‚Gleichstellung‘ verteidigen. Darum geht es an der Oberfläche.

Betreffende Politiker/innen reihen ihre homophoben Aktionen selbst ein in den Kanon anti-Euro- und anti-Islam-Proteste, im Bündnis mit rechtskonservativ-nationalistischen Politiken.

Letztlich geht es um die Aufklärung, um die Errungenschaften der Aufklärung – um Freiheit, Individualisierung, Emanzipation. Um die Grundlage unserer persönlichen Freiheiten, unserer Lebensentwürfe.

Verteidigen wir „nur“ unsere kleinen Freiheiten und Projekte, lassen den großen Rahmen ausser Acht, dann laufen wir Gefahr, dass es ihnen gelingt, ernsthaft am Projekt der Zertrümmerung der Errungenschaften der Aufklärung zu arbeiten, während wie mit Klein-Klein-Abwehrarbeiten beschäftigt sind.

Verteidigen wir also nicht „nur“ unsere persönlichen Freiheiten und Projekte – seien wir uns bewusst, dass es darum geht, die Errungenschaften der Aufklärung, Freiheit Indivuidualisierung Emanzipation zu achten und für sie einzustehen.

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Voltaire: Traité sur la Tolérance (Ebook gratis bei Liberation)
Andreas Kemper: Keimzelle der Nation? Teil 1: Familien- und geschlechterpolitische Positionen der AfD – eine Expertise (pdf); Teil 2: Wie sich in Europa Parteien und Bewegungen gegen Toleranz, Vielfalt und eine progressive Geschlechter- und Familienpolitik radikalisieren (pdf). Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.), 2014
Manifeste LGBT: Après la colère, place à l’offensive !

(1) Der Gedanke der ‚konservativen Revolution‘ findet sich schon 1900 bei dem französischen rechtsextremen Schriftsteller Charles Maurras (1868 – 1952), heute wieder in diversen französischen rechten Kreisen ‚geschätzter‘ Denker und früher Anführer und Theoretiker der rechtsextremen ‚action française‘.

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8 Antworten auf „Aufklärung leben – neokonservative Gegenaufklärung verhindern“

  1. Herzlichen Dank für einen weiteren lesenswerten und wichtigen Artikel. Ich kann nur alles unterstreichen, was du schreibst.

    „Grund genug also auch als Schwule, Lesben, Queers, Trans*, den Kontext zu sehen, den großen Rahmen.“

    Das sehe ich als eine der zentralen Aufgaben der neueren Bewegungen. Leider bin ich nicht allzu optimistisch, dass das wirklich bei den derzeit einflussreichsten Aktivist*innen geschieht. Aber vielleicht kannst du mir ja Hoffnung machen. Siehst du konkrete Beispiele für diese Haltung?

    1. Nun, ich teile deine Bedenken – oft empfinde ich mehr Reaktion als Aktion, und oft eher ‚kurz gedacht‘ als im großen Rahmen.

      Gerade was das Aushalten von Meinungsfreiheit auch „unter uns“ und LGBT gegenüber nicht so wohlgesonnenen Menschen angeht, seh ich zB auch deutlich „Luft nach oben“ …

      Eine immerwährende Aufgabe halt 😉

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