Gedanken zu ‚Erkenne dich selbst‘

Zuletzt aktualisiert am 12. Juni 2019 um 17:15

Erkenne dich selbst. Gnôthi seautón (Γνῶθι σεαυτόν). Einer der Kern-Gedanken griechischen Denkens. Zurückgeführt wird ‚gnôthi seautón‚ ( Erkenne dich selbst ) als Urheber auf den griechischen Gott Apollon (Gott der sittlichen Reinheit und Mäßigung). Bekannt geworden durch das Orakel von Delphi (dort stand ‚gnôthi seautón‘ auf einer der Säulen der Vorhalle). Später im Lateinischen übernommen als ‚nosce te ipsum‚.

Erkenne dich selbst – Aufforderung zur Selbsterkenntnis, und doch so viel mehr.

erkenne dich selbst

Gedanke, der mich seit frühester Zeit begleitet, zunächst ganz im persönlichen, im Entwicklungs- Sinn (die philosophische(n) Bedeutung(en), Fragen und Chancen noch gar nicht erfassen könnend). Motiv, an das ich mich erinnern kann, seit ich begann, mich als eigenes Wesen wahrzunehmen, nicht nur als ‚Klon meiner Eltern‘. “ Erkenne dich selbst „. Sei du selbst. Kopiere nicht, eifere nicht nach. Finde heraus, was ‚du selbst sein‘ bedeutet, probiere es, dich, dein Leben aus, deine Möglichkeiten, deine Grenzen. Sei, werde. Werde Mensch.

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„In diesem Spruch ist nicht etwa die Selbsterkenntnis der Partikularität seiner Schwächen und Fehler gemeint, sondern der Mensch überhaupt soll sich selbst erkennen.“
(Hans-Georg Pott, ‚Kurze Geschichte der Europäischen Kultur‘)

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Es gibt (ganz für mich persönlich) Orte, an denen ich Aspekte dieses ‚gnôthi seauthón‘ sehr intensiv erlebe. Wie einst bei der ersten Begegnung mit dem großen steinernen Buddha im Wat Mahathat von Sukhotai. Oder immer wieder am Strand von Lacanau oder Le Porge.  Orte, an denen ich tief zu mir finden kann, zu Momenten großer innerer Ruhe. In denen klar wird, was bedeutend ist in meinem Leben, für mich.

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Delphi liegt am Süd-Fuß des Parnass. Wohnsitz des Apollon wie auch seines ‚Widersachers‘ Dionysos
Apollon – Gott des Lichts, der Heilung, der sittlichen Reinheit, der Mäßigung. Und Gott der Weissagung. Ihm ist das Heiligtum von Delphi gewidmet.
Dionysos – Sohn des Zeus. Gott der einfachen Leute, des Weines, der Fruchtbarkeit, des Rausches, der Exstase. Hingabe. Im Gefolge des Dionysos oft: Dämonen, die Satyrn (nicht unähnlich den römischen Faunen). Dargestellt (als Fruchtbarkeitssymbole) oft mit übergroßem Phallus (siehe Darstellungen in ‚Das ‚Geheime Kabinett‘ von Neapel‚).

In Dionys und Apoll kehren Seth und Horus wieder.
Im alt-ägyptischen Mythos von Seth und Horus steht Seth, symbolisiert durch Hoden, für Gewalt, verbunden mit Sexualität, Zeugungskraft. Ihm gegenüber steht der Lichtgott Horus als Verkörperung des Gesetzes. Seth und Horus sind Gefährten – und geraten in Streit mit einander um den ägyptischen Thron (Osiris-Mythos). Eine versuchte Versöhnung scheitert. Mit allen Mitteln versucht Seth, Horus zu besiegen. Letztlich obsiegt Horus, der Lichtgott.

Bemerkenswert: in der alt-ägyptischen Kultur wird Seth nicht etwa (wie in unserem oft schwarz-weißen, bipolar geprägten Denken zu erwarten) verteufelt und abgelehnt, ausgegrenzt. Vielmehr wird er ambivalent dargestellt, letztlich wird er integriert.

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„Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der Gleiche bleiben: das ist eine Moral des Personenstandes; sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns frei lassen, wenn es sich darum handelt zu schreiben.“
Michel Foucault, Archäologie des Wissens

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Rausch und Wollust. Hinghabe. Mäßigung und Reinheit. Gegensätze? Versöhnen? Eine Utopie?
Rausch, Sexualität, Lust sind Bestandteile des Menschen. Versöhnbar mit Mäßigung, Schönheit, höherer Wahrheit.

Apollon und Dionysos.
Seth und Horus.
‚Gnôthi seautón‘ kann nicht verabsolutiert gelten, immer hat es den Satyr an die Seite gestellt…

6 Antworten auf „Gedanken zu ‚Erkenne dich selbst‘“

  1. . . .und die fähigkeit sich selbst zu verzeihen, das was man sich selbst wie auch anderen angetan hat.

    mit den gegensätzen ist das so ne sache. das eine kann ohne das andere nicht sein, ohne das erfahren, das leben des einen werden wir nicht befähigt zu unterscheiden, befähigt unsere und die grenzen anderer zu erkennen. insofern ist das was man unter „gegensätze“ versteht bzw was es beinhaltet ein wichtiger mosaikstein für uns um uns selbst kennen zu lernen, um zu lernen was uns gut tut – was nicht.

    1. ja, mit Gegensätzen ist das tatsächlich so eine Sache, diese Erafhrung mache ich auch.

      Gegensätze als „zwei Seiten einer Medaille“ zu erkennen, als beides Teile meines Selbst, das hat einige Zeit gebraucht.

      Und – diese widerstreitenden Seiten in Einklang zu bringen, das kann für mich immer wieder Herausforderung sein, manchmal auch anstrengende Herausforderung …

  2. „Es gibt (ganz für mich persönlich) Orte, an denen ich Aspekte dieses ‘gnôthi seauthón’ sehr intensiv erlebe.“

    Ich bin gespannt, ob ich solche Orte auch noch irgendwann finde. Bis jetzt gibt es für mich keinen Ort, an dem ich ein solches Gefühl verspürte. Leider bin ich aber auch noch nicht sooo viel gereist, was sich hoffentlich ändert. 😉

    1. Ich habe diese Orte nie gesucht, sie sind „zu mir gekommen“, so seltsam das klingen mag.

      Und – es gibt diese Orte (für mich) auch ganz im Nahen: am Müggelsee in Berlin erging es mir zB so. Ich dachte lange, für diese besonderen Orte müsse ich reisen, weit reisen. Und lerne, nein, sie können ganz nah sein, ich muss nur „offen“ für sie sein.

      Was natürlich dennoch heisst: ich wünsch dir viel Spaß beim Reisen 🙂

  3. Manchmal, @Marcel, muss man solche Orte gar nicht körperlich aufsuchen. Ich erlebe dieses Selbst-Erkennen oft, wenn ich an Erlebnisse aus meiner Kindheit zurückdenke, wenn ich nochmal an meinen Lieblingsspielplatz oder meine Schule, dort, wo ich mich zum ersten Mal in einen Jungen verguckt habe, zurückdenke. Mit den Erinnerungen wie es war, wie es hätte sein können, wenn …, kommt manchmal die Erkenntnis, warum es heute so ist, wie es ist, warum ich so bin, wie ich bin.

    @ Ulli:

    Das Foto ist übrigens sehr anregend. Druckt man es in Grautönen aus, unterscheidet sich das Orange Deines neckischen Höschens nicht von Deiner Hautfarbe. 😉

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