Hervé Guibert (1955 – 1991)

Der Schriftsteller und Photograph Hervé Guibert wurde am 14. Dezember 1955 in Saint-Cloud bei Paris geboren. Am  27. Dezember 1991 starb er in Clamart.

Nach einer Kindheit in Paris besucht Guibert in La Rochelle das Gymnasium. Hier beginnt er in einer Theater-Gruppe aktiv zu werden, der ‚Comédie de La Rochelle et du Centre Ouest‘. Im Alter von 18 Jahren kehrt er nach Paris zurück, um am ‚Institut des hautes études cinématographiques‘ IDHEC zu studieren.

Im Januar 1988 erfährt Hervé Guibert von seiner HIV-Infektion. Im Frühjahr 1989, bereits auf 52 kg abgemagert, den Roman ‚Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat‚ gerade fertig gestellt, erhält er mit Hilfe eines Freundes das noch nicht zugelassene Medikament ddI (Didanosin, später vermarktet unter dem Handelsnamen Videx®).  Wieder zu Kräften gekommen, schreibt er innerhalb weniger Wochen die ‚Mitleidsprotokolle‚.

Nahezu erblindet, unternimmt er in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1991 (einen Tag vor seinem 36. Geburtstag) einen Suizidversuch. An den Folgen dieses Suizidversuchs stirbt er am 27. Dezember 1991 im Hôpital Antoine-Béclèrt in Clamart.

Hervé Guibert wurde seinem eigenen Wunsch folgend auf seiner Lieblings-Insel Elba (Rio nell’Elba, Ermitage Santa Catarina) beigesetzt.

Am 11. Juni 2013 beschloss der Stadtrat von Paris, im 14. Arrondissment nahe dem Hopital Broussais eine Strasse nach Hervé Guibert zu benennen.

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Hervé Guibert – Namen und Steine Bonn

Hervé Guibert Namen und Steine Bonn
Herve Guibert Namen und Steine Bonn

Stein für Hervé Guibert, Namen und Steine – Kaltes Quadrat, Tom Fecht 1993 / Bonn Bundeskunsthalle

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Hervé Guibert und Michel Foucault

Hervé Guibert lernt Michel Foucault 1977 kennen. Beide sind Wohnungsnachbarn im selben Haus in der Rue de Vaugirard. Sie werden enge Freunde.

Wir müssen verstehen, dass in und durch unsere Begehren hindurch neue Formen von Beziehungen verlaufen, neue Formen der Gestaltung. Sex ist kein Schicksal; es ist eine Möglichkeit das Leben zu gestalten.
(Michel Foucault, 1982 in einem Interview)

1990, mit Veröffentlichung seines Romans ‚Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat‚ macht Guibert Foucaults HIV-Infektion und Aids-Tod öffentlich. Vorwürfen, er habe Foucaults Privatsphäre verletzt, entgegnet er

Ich glaube, man muss die Sachen sagen. … Ich glaube, daß das Privatleben Foucaults  nach seinem Tod Geschichte der Menschen und Geschichte der Literatur ist.
(Hervé Guibert in seinem letzten Interview vor seinem Tod, mit Didier Eribon; in taz 17.1.1992)

Ina Hartwig kommentierte 1992 in der taz

Hervé Guibert gehört zu einer Generation von Schwulen, die, weil sie ihre Sexualität nicht verschweigt, auch Aids nicht verschweigt. Das unterscheidet ihn von der Generation Foucaults und Raymond Arons, welche von der Gay-Liberation erst in ihrer Lebensmitte überrascht wurde.

Guibert über Foucault 1992:

Ich hatte nichts von ihm gelesen. Aber jetzt habe ich immer ein Buch von ihm dabei, wenn ich verreise. Es ist eine Art, bei ihm zu bleiben.
(Hervé Guibert in seinem letzten Interview vor seinem Tod, taz 17.1.1992)

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Hervé Guibert schreibt (nicht) über Aids

Ich hatte drei Monate lang Aids.
(Hervé Guibert, ‚Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat‘)

Einige der Werke Guiberts thematisieren das Leben mit HIV und das Sterben an Aids. Im Mittelpunkt: seine ‚Aids-Trilogie‘ – ein Begriff, der nicht von Guibert stammt. Die folgenden drei Romane stehen zwar in Bezügen zu einander, wurden aber von Guibert selbst nicht als Trilogie konzipiert:

  • Der Roman, mit dem er berühmt wurde, ‚Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat‚, erregt in Paris und international großes Aufsehen – auch und vor allem, weil er die Aids-Erkrankung von Michel Foucault (Muzil) thematisiert. Der Roman trägt dazu bei, die Debatte über Aids neu zu entfachen.
    Foucault, den der Spiegel noch 1993 als ‚Sexual-Desperado‘ denunziert, der offiziell (je nach zitiertem Medium) 1984 an den Folgen von Krebs oder einer ‚Erkrankung des Nervensystems‘ gestorben war. Guibert bricht – in Zeiten vor den großen Aids-Aufklärungskampagnen in Frankreich – nicht nur mit den Heimlichtuereien über Foucaults Aids-Erkrankung und Tod. Guibert spricht auch über Foucaults Sexleben, Besuche im ‚Le Keller‘, über SM-Spielzeug und Sauna-Orgien. Und immer wieder über Foucaults schwieriges Verhältnis zu Aids.
  • In ‚Mitleidsprotokolle‚ thematisiert Guibert sein eigenes Erkranken und Sterben. Der französiche Original-Titel Protocole compassionel verweist meines Erachtens korrekter auf sein Ansinnen, denn um Mitleid geht es ihm genau nicht.
  • Im dritten Band dieser ‚Aids-Trilogie‘, dem 1992 popsthum veröffentlichten Roman ‚L’homme au chapeau rouge‚ (bisher nicht auf deutsch erschienen) ist Aids ausformuliert kein Thema – aber im Hintergrund ständig präsent.

Guiberts Freund, der Film- und Opern-Regisseur Patrice Chéreau, bemerkte

„A un moment donné, il y a une chose effrayante, c’est qu‘ Hervé a d’une certaine façon trouvé, je dis là une chose horrible, il a trouvé dans la maladie un peu de la transcendance qu’il cherchait.“
(‚An einem gewissen Punkt gibt es etwas Beängstigendes. Auf eine gewisse Weise hat Hervé, ich sage da etwas Furchtbares, er hat in der Krankheit ein wenig von dem gefunden was er suchte, Transzendenz.‘ (Übers. UW))

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Im folgenden knapp 15-minütigen Video berichtet Hervé Guibert über ‚Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat‚, über Michel Foucault, über HIV und Aids:

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Und wenn ich vor Dir gehe
Denk daran, ich bin immer da
Ich werde mich dem Regen und dem Wind vermählen
Der Sonne und den Elementen.
(Hervé Guibert, ‚Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat‘)

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Aids wurde zum gesellschaftlichen Lebenszweck etlicher Leute, zu ihrer Hoffnung auf Ansehen und öffentliche Anerkennung.
(Hervé Guibert, ‚Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat‘)

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Text zuletzt aktialisiert 11. Februar 2018

4 Antworten auf „Hervé Guibert (1955 – 1991)“

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