ronald m. schernikau (1960 – 1991)

Zuletzt aktualisiert am 13. Juli 2020 um 9:46

Ich hab da wen kennen gelernt“, erzählte Jürgen so beiläufig, dass es bemerkt werden wollte. Jürgen war damals schon seit einigen Monaten ein „Ex“, einer der nicht wenigen, Anfang der 1980er. Einige Tage später war dieser „Neue“ in Hamburg, stolz präsentierte ihn Jürgen ebenso gewollt unauffällig wie seine Ankündigung. Ein etwas hagerer, zerbrechlich wirkender junger Mann stand neben ihm. Etwas schlaksig-schüchtern und doch strahlend, lange schwarze Haare. Nur wenige Worte mit einander, schon bald das Gefühl in meinem Bauch, nein, nicht dein Typ, mit dem tust du dich schwer. Das war meine einzige Begegnung mit Ronald M. Schernikau (1960 – 1991).

Einige Zeit vorher war dieser Schernikau mir bereits begegnet in Form seines aufwühlenden, mitreißenden Buches. Die „Kleinstadtnovelle“. Endlich ein schwules Buch, das nicht larmoyant war, nicht mitleidheischend. Sondern selbstbewusst, stolz und nicht klagend, mit Blick nach vorn, stolzem Blick nach vorn.

Vor einiger Zeit begegnete mir Schernikau wieder. Am 28. Februar, Matthias drückte ihn mir morgens in die Hand. Nicht in personam, Schernikau ist längst tot, 1991 gestorben wie so viele Hoffnungsvolle an den Folgen von Aids. Sondern in Form eines Buches, eines wundervollen Buches, das ich zum Lesen empfehlen möchte, „Der letzte Kommunist“ von Matthias Frings.

Wie bei der Politik fallen Beziehunsgformen nicht einfach vom Himmel. Sie werden gemacht – also sind sie veränderbar“, lautet einer der wundervollen Sätze in diesem schönen, lesenswerten Buch.

Grab Ronald M. Schernikau auf dem Friedhof der St.-Georgen-Parochialgemeinde Berlin, Friedenstraße (Foto Szymborski - gemeinfrei)
Grab Ronald M. Schernikaus auf dem Friedhof der St.-Georgen-Parochialgemeinde Berlin, Friedenstraße (Foto Szymborski – gemeinfrei)

Gedenktafel für Ronald M. Schernikau in Leipzig

In Leipzig wurd am Sonntag, 11. Juli 2010 eine Gedenktafel für den Dichter und Autor Ronald M. Schernikau enthüllt. Schernikau lebte 1986 bis 1989 in Leipzig.

‘leipzig ist die glücklichste zeit”, schrieb Ronald M. Schernikau in “die tage in l.”

Im September 1986 war Schernikau von West-Berlin nach Leipzig gezogen. Als erster Bürger der BRD hatte er am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ ein Studium aufgenommen. Seine Abschlussarbeit, vorgelegt im Mai 1988, wurde 1989 unter dem Titel “die tage in l.” publiziert.

Zuvor hatte der 1960 geborene Schernikau bereits 1980 in der BRD einen bemerkenswerten Erfolg mit seinem ersten Werk erzielt, der “Kleinstadtnovelle”. Das bei Rotbuch erschienene und nach kurzer Zeit vergriffene Buch berichtet von einem schwulen Coming-Out in einer westdeutschen Kleinstadt.

1989 wurde Schernikau Bürger der DDR und zog um September 1989 nach Berlin-Hellersdorf um. Er starb am 20. Oktober 1991 an den Folgen von Aids. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof der St. Georgen-Gemeinde in Berlin-Friedrichshain.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.