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Säkularismus und Laizismus in Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 29. Dezember 2022 von Ulrich Würdemann

Laizismus ist ein Kernelement des französischen Staats. In welchem Verhältnis stehen Staat und Kirche zu einander?

Laizismus ist eines der Grundprinzipien der französischen Republik. Selbst ein Tag ist ihm seit 2013 gewidmet, jährlich am 9. Dezember wird die „Journée de la laïcité“ begangen.

Säkularisierung in Frankreich - die Eglise Saint Jean in Dijon, in der Französischen Revolution säkularisiert und seit 1974 Sitz des Theaters des Burgund
Säkularisierung in Frankreich – die Eglise Saint Jean in Dijon, in der Französischen Revolution säkularisiert und seit 1974 Sitz des Theaters des Burgund

Neben der Trias aus Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (Liberalité Egalité Fraternité) ist der Laizismus (Laicité) geradezu zum vierten definierenden Begriff der französischen Republik geworden:

Ausdruck des Laizismus in Frankreich: die Werte der Republik (Freiheit Gleichheit brüderlichkeit) im Tympanon einer Kirche (St. Pancrace, Aups, Var; Foto: Greudin)
Ausdruck des Laizismus in Frankreich: die Werte der Republik (Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit) im Tympanon einer Kirche (St. Pancrace, Aups, Var; Foto: Greudin, public domain)

Tympanum of a church (Aups, Var department). The Republican motto „Liberté, Egalité, Fraternité“ was put on in 1905 (following the French law on the separation of the state and the church) to show that this church was owned by the state. Such inscriptions are very rare, and this one was restored in 1989 during the bicentennial of the French Revolution.GreudinPublic Domain

Säkularismus und Laizismus – Begriffe

Säkularisierung = Verweltlichung, ausgelöst durch Aufklärung und Humanismus, Trennung von Staat und Kirche, gilt als Voraussetzung für demokratisch verfasste Gesellschaft.

Laizismus = verfassungsrechtliche Modelle, denen die Trennung von Staat und Kirche zugrunde liegt, die völlige Neutralität des Staates gegenüber jeder Religion.

Beim Laizismus kann je nach Sichtweise sowohl der Schutz des Staates vor kirchlicher (historisch in Frankreich: katholischer) Einflussnahme als auch umgekehrt (wie z.B. in den USA) der Schutz der Kirche vor staatlicher Einflussnahme im Mittelpunkt stehen.

Streng genommen sind Laizismus und Laizität nicht bedeutungsgleich. Laizismus ist ursprünglich ein in Auseinandersetzung mit antireligiöser Ideologie entstandener Begriff, während Laizität neutraler das Verhältnis von Staat und Kirche beschreibt. Meist wird in der deutschen Sprache der Begriff Laizismus in der Bedeutung Laizität verwendet.

Laizismus erfordert von beiden Seiten sowohl Toleranz [vgl. Karl Popper zu Toleranz] als auch das Aushalten von Dissens:

Das Toleranzverständnis von liberal verfassten pluralistischen Gesellschaften mutet nicht nur den Gläubigen im Umgang mit Ungläubigen und Andersgläubigen die Einsicht zu, dass sie vernünftigerweise mit dem Fortbestehen eines Dissenses zu rechnen haben. Auf der anderen Seite wird dieselbe Einsicht im Rahmen einer liberalen politischen Kultur auch Ungläubigen im Umgang mit Gläubigen zugemutet.

Jürgen Habermas 2005

Laizismus in Frankreich – Vorgeschichte

In Frankreich war die katholische Kirche lange wesentlich beteiligt an Traditionalismus und Patronalismus, unterstützte bis zuletzt den Absolutismus und erwies sich als fortschrittsfeindlich. Die Modernisierung der französischen Gesellschaft erfolgte wesentlich gegen den Widerstand der Kirche.

Im Rahmen der französischen Revolution beschloss die Nationalversammlung auf Vorlage von Talleyrand (Bischof von Autun) am 2. November 1789 die Enteignung aller Güter in kirchlichem Besitz. Kurze Zeit später, am 12. Juli 1790 (la constitution civile du clergé), wurde die Kirche dem Staat unterstellt, mit Verordnung vom 27. November 1790 wurde der Klerus zum Eid auf König, Nation und Gesetz verpflichtet. In Folge dieser Verpflichtung spaltete sich die Kirche in zwei Richtungen, die ‚konstitutionelle‘ und die ‚orthodoxe‘ (weiterhin königstreu).

Im Herbst 1793 wird in Paris die culte de la raison eingeführt (ab Mai 1794 auf Betreiben Robespierres bis September 1794 culte de l’être suprème). Im September 1794 beschloss der Konvent de facto die Trennung von Staat und Kirche. Kosten  für Unterhalt oder Personal sollten von nun an für keinen Kult, sei er deistisch oder nicht, übernommen werden.

In der Restauration nach 1815 konnte die Kirche in Frankreich einen Teil ihrer alte Macht zurück erlangen, erwies sich wieder als dienstbar für die Monarchie. Erst in der Dritten Republik (1870 gegründet) sollte sich dies endgültig ändern.

Laizismus – Entstehung aus der Dreyfus-Affäre

Laizität (laicité) ist ein 1871 in Frankreich ‚erfundener‘ Begriff, abgeleitet vom griechischen Begriff für Laie (laikos im Sinn von nicht-geistlich im Gegensatz zum lat. clericus ). Wesentlich geprägt wurde er vom französischen Philosophen und Friedensnobelpreisträger Ferdinand Buisson.

Ferdinand Buisson (1841-1932), 'Vater' des Laizismus in Frankreich
Ferdinand Buisson (1841-1932), ‚Vater‘ des Laizismus in Frankreich

Der französische Laizismus ist direkt das Ergebnis der Dreyfus-Affäre – in ihrer Folge und als Ergebnis einer von Buisson geleiteten Kommission gab es in Frankreich eine Mehrheit für das ‚Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat‚ (Loi de séparation des eglises et de l’Etat, 9. Dezember 1905).

Article 1 : La République assure la liberté de conscience. Elle garantit la liberté des cultes …“.

loi concernant la séparation des Eglises et de l’Etat, 9. Dezember 1905

Dieses Gesetz (als dessen ‚Vater‘ Aristide Briand gilt), am 11. Dezember 1905 im ‚journal officiel‚ veröffentlicht, trat per 1. Januar 1906 in Kraft und garantiert seitdem neben der strikten Trennung von Staat und Kirche und der Neutralität des Staates gegenüber allen Religionsgemeinschaften vor allem den Vorrang der Gesetze der Republik vor jeglichen religiösen Vorschriften, ebenso wie den Respekt vor dem Glauben jedes Bürgers.

Die drei Säulen der Laizität in Frankreich sind

  • Glaubensfreiheit (liberté de conscience)
  • Trennung von Staat und religiösen Organisationen (séparation de l’Etat et des organisations religieuses)
  • Gleichheit aller vor dem Gesetz (égalité de tous devant la loi)
Laizismus in Frankreich: Gesetz über die Trennugn von Staat und Kirche 1905 / Loi de séparation des églises et de l’État. Page 1 - Archives Nationales - AE-II-2991
Laizismus in Frankreich: Gesetz über die Trennugn von Staat und Kirche 1905 / Loi de séparation des églises et de l’État. Page 1 – Archives Nationales – AE-II-2991

La République assure la liberté de conscience. Elle garantit le libre exercice des cultes sous les seules restrictions édictées ci-après dans l’intérêt de l’ordre public.
(Artikel 1 – Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat)

1905 wurde das gesamte Kirchenvermögen in Frankreich ohne Entschädigung verstaatlicht. Der Ausübung der Religion dienende Vermögensteile und Objekte konnten den jeweiligen Glaubensgemeinschaften zur Nutzung überlassen werden.

Bedeutung des Laizismus in Frankreich

Die strikte Trennung von Staat und Kirche ist weit mehr als hehres Prinzip der französischen Politik, er ist nahezu Grundelement des Selbstverständnisses Frankreichs. Im Kern des Laizismus französischer Prägung steht eine strikte Neutralität des Staates Religionen gegenüber, mit dem Ziel der Glaubensfreiheit sowie der Gleichbehandlung aller Religionen. Religion wird als Privatangelegenheit betrachtet, hat also weder staatliche noch öffentliche Funktion.

Frankreich ist entweder katholisch oder säkular. Es gibt nichts dazwischen.

Claude Langois, Realms of Memory, 1996

Frankreich ist aber nicht einfach katholisch oder säkular – es ist (schon lange) auch protestantisch und jüdisch und inzwischen auch muslimisch.“

Tony Judt, Das vergessene 20. Jahrhundert, 2010

Laizismus spielt immer wieder konkret eine Rolle, ob in der Frage des Kopftuchs und derBurka, oder aktuell nach dem Terror-Anschlag auf die Macher von Charlie Hebdo. Strikter Laizismus sei die einzig mögliche Anwort auf das Massaker bei Charlie, schrieb das französische Wochenmagazin Politis. Und die französische Regierung bereitete kurz nach dem Anschlag mehrere Maßnahmen vor, um das Prinzip der Laizität zu stärken.

Laizismus im Alltag – Schule und Unterricht

Insbesonderer im französischen Bildungssystem wird auf strikte Anwendung des Laizismus geachtet.

Die vom damaligen Bildungsminister Vincent Peillon am 9. September 2013 eingeführte und seitdem in allen über 55.000 staatlichen Schulen Frankreichs aushängende Laizismus-Charta (Charte de la laïcité à l’École) setzt in 15 Geboten einen Rahmen für einen von Religion freien Schulunterricht.

Bildungsmister Peillon:

„In der Schule der Republik unterrichten wir keine kleinen Muslime, kleinen Juden, kleinen Protestanten oder auch kleinen Agnostiker, sondern wir unterrichten die Schüler der Republik.“

Die Schüler sind laut Laizismus-Charta frei zu glauben oder nicht zu glauben, und sollen vor jeglicher Bekehrung geschützt werden. Lehrkräfte haben sich hinsichtlich Religionen neutral zu verhalten.

Ab 2015 wurde zudem an öffentlichen Schulen Laizismus-Untericht eingeführt. Manuel Valls, 2013 Innenminister, vom 31. März 2014 bis 6. Dezember 2016 Premierminister:

„Laizismus bedeutet nicht, Religionen zu ignorieren oder ihnen feindlich gesinnt zu sein. Dem Laizismus seine ganze Kraft zu geben, heißt auch, ihn zu unterrichten.“

Nicht betroffen von der Charta sind Privat-Schulen – in Frankreich gibt es ein breites System privater Schulen auf allen Ebenen, darunter auch viele religiös basierte Schulen (insbesonders katholisch, aber z.B. auch jüdisch).

Schon vor der Charta gab es klare Regelungen. So gilt bereits seit 2003 nicht nur ein Verbot von Zeichen politischer Zugehörigkeit, sondern auch ein Verbot des Tragens von Symbolen eines „ostentaiven religiösen Bekennisses“ im Unterricht, egal ob Kippa, Kopftuch, Turban, Odenstracht, Schleier oder Kreuz.

2021: Interministerielles Komitee für Laizismus

Im Juli 2021 nahm das neu eingerichtete ‚Interministerielle Komitee für Laizismus‘ seine Arbeit auf. Es ersetzt die vorherige ‚Beobachtungsstelle für Laizismus‘. Aufgabe ist die Kontrolle der Einhaltung der Trennung von Staat und Kirche.

Im Gegensatz zur früheren unabhängigen Beobachtungsstelle ist das Komitee eine staatliche Einrichtung, besetzt u.a. mit Ministeriumsvertreter*innen. Die mit dem Komitee umgesetzte neue Laizismus- Politik setzt u.a. auf eine Überwachung religiöser Vereine.

Die Einrichtung des neuen Komitees wird auch als Reaktion auf den terroristischen Mordanschlag auf den Lehrer Samuel Paty gesehen. Er hatte in seinem Unterricht die Logik von Pressefreiheit und Laizismus u.a. an Mohammed-Karrikaturen erklärt. Paty wurde am 16. Oktober 2020 von einem islamistsich motivierten Täter ermordet.

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Auch in Deutschland sind wesentliche Elemente der Verfasstheit explizit gegen den Widerstand der Kirche erkämpft worden. Und dennoch – Laizität ist kein Wesensmerkmal der Bundesrepublik.

Konkordat (Staatskirchenvertrag)? Kirchensteuer, vom Staat eingezogen, nur für katholische und evangelische Kirche? In Frankreich wären sie wohl undenkbar …

Und Laizismus in Deutschland? Scheinbar für viele heirzulande immer noch nur schwer denkbar. Im Gegenteil, die ‚Grünen‘, selbst mehrfach prominent im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) vertreten, erklären sie seien angesichts des Religions-Pluralismus gegen Laizismus: Wir sind uns einig darüber, dass wir kein laizistisches Modell wie in Frankreich fordern“. Religionen müssten am öffentlichen Diskurs beteiligt werden.

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Jürgen Habermas / Josef Ratzinger: Dialektik der Säkulariskierung. Freiburg im Breisgau 2005
Bildungsministerium Frankreich: Charte de la laïcité à l’École

Tipp:
France Culture hat eine Reihe von Podcasts über bedeutende Denker der Laizität – „ils ont pensé la laicité“

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Ergänzung:
Aus historischen Gründen gilt das Gesetz über die Trennung von Staat und Kirche nicht in den drei Departments der Region Alsace-Moselle – dieses Gebiet gehörte 1905 zu Deutschland. Das Konkordat wurde auch aufrecht erhalten, nachdem das Gebiet ab 1918 wieder zu Frankreich gehörte.
Ähnlich gibt es einige Ausnahme für bestimmte französische Überseegebiete.

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Von Ulrich Würdemann

einer der beiden 2mecs.
Schwulenbewegt, Aids- und Therapie-Aktivist. Von 2005 bis 2012 Herausgeber www.ondamaris.de Ulli ist Frankreich-Liebhaber & Bordeaux- / Lacanau-Fan.
Mehr unter 2mecs -> Ulli -> Biographisches

18 Antworten auf „Säkularismus und Laizismus in Frankreich“

Die Begrifflichkeiten sind enorm wichtig, das Problem der „sogenannten Islamkritiker“ ist: „Differenziert wird nicht, stattdessen Begriffe im Wahn zerhackt: der Islam wird zur Ideologie, der Islamismus zur Religion und “der Moslem” zum potentiellen Terroristen erklärt. Das Problem ist aber nicht “der Islam”, sondern die sogenannte Islamkritik, indem ihre Agitatoren die seriöse, für die Demokratie wichtige humanistisch orientierte Religionskritik beschädigen – anhand eines unqualifizierten Schwalls antidemokratischen Gezeters.“ „Nicht allein die Toleranz weist Grenzen auf, sondern auch die Vorstellung von Pluralismus und Säkularismus ist bei den sogenannten Islamkritikern beschränkt. Das Demokratie-Defizit verschleiern sie mit diffusen Angriffen gegen liberale Positionen. Fordern Meinungsfreiheit, wo Hetze beginnt. – See more at: http://reiserobby.de/moslems-im-huehner-kz-die-schwule-islamkritik-am-ende/#sthash.GZO22AcP.dpuf

[…] Die Bartholomäusnacht steht damit auch als ein bedeutender Markstein in einem lange dauernden Grund-Konflikt (nicht nur) der französischen Gesellschaft: vordergründig der Konflikt zwischen zwei Glaubens-Bekenntnissen (Katholiken vs. Protestanten), daraus resultierend später die Frage wie weit der Einfluss der Kirche, wie weit der des Staates reichen soll [seit ‚Gesetz von 1905‘: Laizismus, vgl. Säkularismus und Laizismus in Frankreich]. […]

[…] Revolution ein Politiker, der große Distanz zur Kirche zeigte, wesentlich an der Vorgeschichte der Entwicklung des französischen Laizismus beteiligt war, und für Meinungsfreiheit und Postgeheimnis eintrat – und war später (längst […]

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